Autor: Thorben Sonnestrant

  • Mensch sein ist noch lange kein Grund!!!

    Mensch sein ist noch lange kein Grund!!!

    „Da war nichts.“

    Ich lernte Meggie 2023 in einer psychosomatischen Klinik kennen. Mit ihr werde ich lebenslang einen Satz verbinden: „Da war nichts.“ Wir unterhielten uns am ersten oder zweiten Tag nachdem sie auf die Station gekommen war über den Grund, warum sie da ist. Für mich stand durch das Zuhören vieler Geschichten fest: Psychische Erkrankungen haben immer etwas mit einem Einschlag in der Kindheit zu tun: Vernachlässigung, fehlende Zuneigung, Gewalt. Und immer führte die Spur zu den Eltern.

    „Da war nichts“, sagte mir Meggie mit einem triumphierenden Schmunzeln. Die knapp 30-jährige freute sich über meine Ratlosigkeit. „Meine Eltern sind selbst von ihren Eltern geschlagen worden und das wollten sie den eigenen Kindern nicht antun.“

    In den folgenden ca. zwei Wochen verlor Meggie ihr Lächeln von Tag zu Tag mehr. Ihr Gehirn grub ein altes Bild wieder aus, jeden Tag wurde es ein bisschen deutlicher. Was genau mit diesem Bild verbunden war, darüber konnte sie nicht sprechen.

    Es brauchte viel Zeit, bis sie aussprechen konnte, was ihr mit 10 und 15 Jahre passiert war: Missbrauch durch Menschen außerhalb der Familie. Damit war klar, warum sie unter anderem die Diagnose Borderline hat. Aber es lief nicht nach dem Motto: „Okay, der Grund ist jetzt klar, also beginnen wir mit der Heilung und bald ist alles gut.“ Es setzte eine langsame Talfahrt ein, die bis heute immer neue Begleiterscheinungen hervorbrachte und -bringt.

    Alter Film, neue Handlung

    Anfang 2026 erzählte mir Meggie von einer neuen Stufe. Wenn sie sich abends ins Bett legte und daran dachte, dass sie am nächsten Tag zur Physiotherapie muss, startete ein Film vor ihren geschlossenen Augen. Im Park, durch den sie auf dem Weg zur Therapie geht, wird sie überfallen. Das, was ihr in der Kindheit zweimal passierte, wiederholt sich ein drittes Mal. Im Gegensatz zu damals landet sie in diesem Film im Krankenhaus, alle kümmern sich um sie, die Polizei befragt sie, startet die Suche nach dem Täter, findet ihn und er wird bestraft.

    Mit 10 und 15 Jahren machte Meggie alles mit sich aus, sie vertraute sich niemandem an, es gab keine Konsequenzen für den Täter. Dass ihr Hirn heute die Vorstellung zulässt, dass man ihr hilft, ist für Meggie ein positives Zeichen. Aber der erste Teil des Films sorgte dafür, dass sie die Wohnung nicht verlassen wollte. Ihr Stresspegel war eh am absoluten Anschlag, das innere Alarmsystem lief auf Hochtouren. Ihre Psychologin erklärte, dass dieser Film ihr wohl sagen möchte, dass Meggie Ruhe braucht und kein „Ich stelle mich der Angst.“

    An der Handlung des Films konnte sie nicht ändern. Sie konnte den Täter nicht bei dessen Auftauchen in der Luft zerreißen – und sie konnte den Film nicht austricksen. Wenn sie die Augen öffnete, eine Weile wartete und sie wieder schloss, setzte sich der Film an genau der Stelle fort, an der Meggie die Augen geöffnet hatte. Es funktionierte nur die Pause-Taste, kein schnelles Vorspulen.

    Meggie, Du Abrissbirne

    Angesichts ihres Stresspegels stand fest, dass nur ein weiterer Klinikaufenthalt etwas ausrichten konnte. Selbstverletzungen waren wieder häufiger Begleiter. Die Wut auf jene beiden Männer, die ihr das alles eingebrockt hatten, war – völlig nachvollziehbar – extrem groß.

    Ich bin kein Mensch, der mit „Ohje, das ist aber blöd“ reagiert und dann verstummt, wenn es jemandem dreckig geht. Mir ist aber auch klar, dass ich als Laie kein Haus löschen kann, das lichterloh brennt. Bei Meggie brannte es an allen Enden. In solchen Situationen erzähle ich, was mir zum Feuer unterm Dach durch den Kopf geht mit der leisen Hoffnung, dass davon irgendetwas meinem Gegenüber etwas gibt.

    In Meggies aktuellem Ausnahmezustand innerhalb des Dauer-Ausnahmezustandes stand für mich fest und so schrieb ich es ihr auch, dass sie nicht noch einmal Opfer werden würde. Diese enorme, geballte Wut, die sie nur sehr selten rauslassen kann mit anschließenden Schuldgefühlen, würde sie bei einer nicht gewünschten Annäherung maximalst ausrasten lassen. Selbst wenn sie mit dem Tod bedroht werden würde, wäre sie nicht zu halten. Sie wüsste, dass sie so oder so sterben würde, denn eine dritte Vergewaltigung würde den hauchdünnen Faden zerschneiden, der sie bisher noch immer wieder vom Suizid abgehalten hat.

    Ich gab ihr auch zu bedenken, dass sie heute eine ganz andere Gewichtsklasse ist als mit 10 und 15 Jahren. Ja, klingt charmant, ich weiß. Noch charmanter klang sicher mein Vergleich mit einer Abrissbirne, zu welcher sie werden würde im Mix aus Übergewicht und rasender Wut. Immerhin war ich nicht der Erste mit diesem Hinweis: Meggies Blick auf diesen Punkt wurde schon von ihrer Psychologin gelenkt.

    In Bezug auf Missbrauch von Kindern hatte ich gelesen, dass es über 50% der Tätern nicht um sexuelle Befriedigung geht, sondern um das Ausüben von Macht. Ob das 1:1 auf Vergewaltigungen Erwachsener übertragbar ist, weiß ich nicht, aber es würde Sinn machen, wenn ein großer Teil der Täter, ob männlich oder weiblich, ebenfalls Macht ausüben wollen. Warum will jemand Macht ausüben? Weil solche Menschen oft selbst Opfer von Machtmissbrauch in der Kindheit waren. Wenn ein solcher Mensch wie schon als Kind merkt, unterlegen zu sein, könnte er sich schnell der Situation entziehen. Käme einer Meggie nun zu nahe, würde der Abrissbirnen-Modus sofort aktiviert und das Unterlegenheitsgefühl beim Angreifer würde getriggert.

    „Das ist noch lange kein Grund“

    „Dass solche Täter oft selbst missbraucht worden sind, hat mir auch meine Psychologin gesagt. Aber das ist lange noch kein Grund, jemand anderem das Gleiche anzutun“, sagte Meggie in einer Nachricht mit Wut und Tränen in der Stimme.

    Mit diesem „Eine miese Kindheit ist noch lange kein Grund“ hatte ich mich in den Tagen vor dem Chat mit Meggie in einem Artikel befasst. Für mich ist der Satz ein Schlüsselsatz, der uns im Weg steht beim Wunsch, neue Opfer zu verhindern. Vor ein paar Jahren schrieb ich den Artikel „Von Opfern und Tätern“, stellte dort Opfer und Täter gegenüber: die einen bedauernswert, den anderen will man den Kopf abreißen. Das Problem: Die dort beschriebenen Täter waren einst die beschriebenen Opfer. Aus Opfern werden Täter. Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine Opfer gibt.

    Hast du etwa Mitleid mit den Tätern?!

    Meggies Wut auf die Täter ist für mich völlig nachvollziehbar, genauso ihr „Dafür gibts keine Entschuldigung, Kindheit hin oder her.“ Ihr Leben wird noch heute von den Tätern bestimmt und sie werden Meggie wohl lebenslänglich begleiten.

    Wenn ich sage: „Täter waren selbst Opfer“ ist damit nie der Wunsch nach „Hab doch Mitleid mit den Ärmsten“ verbunden. Mir geht es dabei um den Wunsch, den heute aufwachsenden Meggies einen Lebenslauf nach Meggies Muster zu ersparen. Und das heißt für mich: Wie verhindere ich neue Täter? Klare Antwort für mich: Indem ich Kindern ermögliche, verletzungsfrei und mit gesundem Selbstwert ihr Elternhaus verlassen zu können.

    Doch dabei gibt es eben dieses Hindernis: „Das ist noch lange kein Grund!“ Menschen halten sich sehr fest an den Glauben, dass wir von Vernunft geleitet sind, auch wenn die Beweise dafür extrem dürftig sind. Wenn du einen Gerichtsprozess führen sollen würdest, um zu beweisen, dass Menschen von Vernunft geleitet werden, würde der Richter aus Mangel an Beweisen gegen dich urteilen müssen.

    Doch der Glaube an die Vernunft hält sich sehr hartnäckig. Und wenn alles eine Frage der Vernunft ist, dann muss man doch auch merken, wenn man anderen Schmerzen verursacht, auf die Nerven geht, Unvernünftiges macht. Und selbst eine Erkrankung ist noch lange kein Grund …

    „Hör doch mal zu!!!“

    Der körperliche Abbau bei meiner Mum hat über die letzten Jahre deutlich zugenommen. Was früher reibungslos funktionierte, neigt nun mit knapp 80 zu Wackelkontakten, z.B. die Ohren. „Was?!“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich etwas sage. Und das nervt. Ich verdrehe die Augen und sage in meinem Kopf: „Hör doch zuuuu!“ Teils scheint sie, während ich spreche, mit den Gedanken woanders zu sein, zumindest wirkt ihre Reaktion manchmal so auf mich, als würde sie sich gedanklich erst zuschalten, wenn ich meinen Satz beendet habe.

    „Wie teuer ist das?“, fragt sie mich, wenn ich mit ihr einkaufe.

    „Na steht doch auf dem Preisschild?!“

    „Das kann ich nicht lesen.“

    „Obwohl die Schrift so groß ist?!“

    Alt sein ist noch lange kein Grund, schlecht zu hören oder zu sehen. Klingt irgendwie unschön, oder? Mums Ohren funktionieren laut Hörtest nicht mehr optimal, es liegt also eine altersbedingte Erkrankung vor. Wenn ich erwarte, dass sie mich genauso deutlich wie früher versteht, ohne dass ich lauter spreche, dann werde ich immer enttäuscht werden und genervt sein. Sie macht das nicht aus Böswilligkeit, sie kann sich auch nicht bemühen, besser zu hören. Es geht einfach nicht, weil eine Erkrankung vorliegt.

    Auch ihre Augen fallen beim TÜV durch. Mit über 30 Spritzen in die Augäpfel konnte eine feuchte Makula-Degeneration in eine trockene zurückgestuft werden, aber die Spritzen hinterlassen halt auch Spuren, andere Diagnosen gibt es ebenso. Von ihr einen Adlerblick zu erwarten, wird immer mit Enttäuschung und Frust enden.

    Wenn ihr die Gabel runterfällt, ist sie selbst genervt, weil das Fallenlassen über die letzten Jahre häufiger wurde. Wenn der halbe Inhalt der Kaffeetasse eine Spur von der Küche ins Wohnzimmer zieht durch eine wackelnde Hand (Tremor), ist sie auch nicht begeistert. Sie vergisst Dinge, die sie immer wusste oder die erst letzten Monat passiert sind, an Arzttermine erinnere ich sie sicherheitshalber.

    Wann immer ich daran verzweifle, dass bei ihr etwas nicht mehr so funktioniert wie früher, muss ich mir eigentlich sofort an den Kopf greifen: Warum erwarte ich Dinge, die sie aus Krankheitsgründen einfach nicht leisten kann?!

    Dr. Jekyll und Mr. Hyde

    In meinem Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ erzähle ich von meiner Ex-Mitschülerin Kathi und deren Ex-Mann. Dieser verhielt sich immer seltsamer: Mal verletzte er Kathi und die gemeinsamen Kinder mit seinem Verhalten und Monate später waren die drei sein einziger Halt im Leben. Mal wollte er den Keller zur Wohnung umbauen und Gemüse einlagern, weil die Chinesen kommen, Monate später war kein Wort mehr davon die Rede. Mal kaufte er ein teures Quad ohne Rücksprache und fuhr vergnügt damit nachts durch den Wald, Monate später konnte er sich das Teil nicht angucken.

    Es dauerte lange, bis wir verstanden, was mit ihm los ist. Diagnose: bipolare Störung. Erkrankte pendeln innerhalb eines Tages, von Wochen, Monaten oder Jahren zwischen Manie – „Himmelhoch jauchzend“ – und Depression – „zu Tode betrübt“. In den Manien war er der Größte, brauchte keinen Schlaf, kaufte als gäbe es kein Limit, war sexuell übergriffig, schenkte seinen Kindern Schreckschusspistolen, glaubte, dass bestimmte Lieder im Radio für ihn geschrieben wurden.

    In den Depressionen war er ein Häufchen Elend, das den ganzen zuvor gebauten Scheiß bereute, handzahm, zu bedauern. Und wenn die nächste Manie in Fahrt kam, wollte man ihm den Hals umdrehen, in anschreien, dass die Chinesen heute noch nicht kommen, er seine Kinder verdammt noch mal vernünftig zu behandeln hat.

    In dieser Zeit, in welcher ich aus der Ferne das Auf und Ab des Mannes an Kathis Seite verfolgte, begann ich zu verstehen: „Das ist noch lange kein Grund“ funktioniert nicht. So sehr ich ihr gewünscht hätte, dass ihre Versuche wirken, ihrem Mann die Augen öffnen zu wollen, so klar wurde mir mit jeder neuen Episode: keine Chance.

    Die einfachste Lösung wäre gewesen: Kathis Mann geht zum Arzt. Dorthin ging er auch, aber nicht in den manischen Phasen. Ein mögliches Symptom der Manie: kein Krankheitsempfinden. Kathis Mann funktionierte in den Manien nach Medizin-Lehrbuch: Er war nicht krank. Krank waren nur die, die ihn für krank hielten. Von ihm zu erwarten, dass er zum Arzt geht, war völlig nachvollziehbar, aber angesichts seiner Erkrankung konnte er das nicht leisten. Es lag nicht an fehlendem Willen, jeglicher Faktencheck war sinnlos.

    Find Dich damit ab

    In dieser Zeit begann ich zu lernen, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht einfach mal so von den Auswirkungen der Erkrankung wegkommen. Es bringt nichts, sich darüber aufzuregen. Mein Glück war aber auch, dass ich weit weg von Kathi lebte. Sie und ihre Kids waren rund um die Uhr mittendrin. Sie konnten nicht einfach sagen: „Mein Mann/Papa ist halt krank, wir hören für die nächsten Monate nicht zu und dann ist alles wieder in Ordnung für weitere Monate.“

    Genauso wenig würde ich heute zu Meggie sagen können: „Die Täter an dir waren vielleicht auch Missbrauchsopfer, haben irgendeine Erkrankung entwickelt und sie konnten nichts gegen die Symptome machen. Das dürfte dir jetzt helfen, den Stresspegel zu senken. Genieße dein Leben!“

    Meggie hat die Diagnose Borderline. Ein mögliches Symptom sind Selbstverletzungen. Darüber spricht sie nicht mit jedem, weil sie zu oft völliges Unverständnis geerntet hat. Sie selbst empfindet es als völlig nutzlos. Doch in dem Moment, wo sie sich verletzt, treten diese Gedanken absolut nach hinten und spielen vorübergehend keine Rolle, bremsen Meggie nicht.

    Wenn sie danach ärztliche Hilfe braucht, ihre Hausärztin aber nicht da ist, wird es schwierig: Wie wird der Vertretungsarzt reagieren? Die Erleichterung ist groß, wenn die Ersatzpraxis empathisch mit ihr umgeht.

    Aber was ist, wenn es heißt: „Warum machen Sie denn so einen Scheiß?!“ Auch wenn Meggie über die letzten 3 Jahre offener über den Missbrauch sprechen kann – am Anfang konnte sie selbst das Wort nicht aussprechen, kann sie gerade bei Menschen mit unsichtbarem Einfühlungsvermögen nicht einfach mal sagen: „Ich wurde vor 15 bzw. 20 Jahren missbraucht, hab dadurch Borderline.“

    Und selbst wenn sie das sofort ganz offen sagen würde: Was wäre die nächste Reaktion? „Ist zwar nicht schön für Sie, aber das ist jetzt so lange her, da müssen sie doch mal drüber weg sein, jetzt belasten Sie das Gesundheitssystem! Das ist noch lange kein Grund!“

    Und was würde danach passieren? So wie ich Meggie kenne, würden bei ihr schon Schuldgefühle aufkommen, wenn sie „… jetzt belasten Sie das Gesundheitssystem! Das ist noch lange kein Grund!“ hier lesen würde.

    Oder würde sie zu sich selbst sagen können: „Da haben die recht, ab heute ist Schluss damit“? Wenn das so funktionieren würde, wäre Meggie wohl eine der glücklichsten Frauen der Welt. Wenn das so funktionieren würde, hätte ich ihr schon längst diese Sätze gesagt. Nur es funktioniert nicht so. Nicht bei Meggie. Nicht bei anderen Opfern. Nicht bei Tätern, die Opfer waren.

    Falsche und richtige Krankheiten

    Wenn sich unser Nachbar ein Bein gebrochen hat, schrauben wir unsere Erwartungshaltung an ihn herunter, dass er doch bitte den 100-m-Weltrekord brechen möge.

    Wenn dein Nachbar gerade einen Bandscheibenvorfall hatte, wirst du ihn eher nicht fragen, ob er dein Klavier mal in den dritten Stock tragen würde.

    Wenn du mit 40° Fieber im Bett liegst, wirst du die Erwartungshaltungen deiner Familie bezüglich Schneeschippens als dezent unangebracht empfinden.

    Bei Erkrankungen, die mehr oder weniger sichtbar sind, sind wir schnell bereit, die Symptome zu akzeptieren. Bei psychischen Erkrankungen scheint es dagegen immer wieder um „Du willst nur nicht …“ zu gehen, um „Du versteckst dich doch hinter deiner Krankheit“. In „Verrückt – ein Aufschrei“ habe ich den zweiten Teil „Du musst nur!“ genannt und erzähle dort vom Umgang mit den Auswirkungen psychischer Erkrankungen. Dabei zeigt sich: Auch wenn jemand durch eine Zwangsstörung fünf Stunden unter der Dusche steht, kann er sich nicht automatisch in andere psychisch Erkrankte hineinversetzen.

    Im Buch zitiere ich auch eine Frau: „Mit der Depression war ich allein. Keiner verstand mich, keiner kümmerte sich, keiner fragte, ob ich Hilfe brauche oder wie es mir überhaupt geht. Letztes Frühjahr bekam ich Krebs – und jetzt wird mir von allen Seiten der Arsch gepudert. Also wenn du krank wirst, darfst du Krebs haben, aber bitte keine Depri. Krebs kann man sehen, Depri nicht, also kannst du nicht wirklich so krank sein wie einer mit Krebs.“ (Hier gibt es einen gesonderten Beitrag.)

    Mir ist aber klar, dass auch Krebserkrankte gegen so einige Windmühlen zu kämpfen haben und Sätze hören, die gut gemeint sein mögen, aber eher belasten als beflügeln.

    Das ist noch lange kein Grund

    Meggie wird immer wütend auf die Täter sein dürfen, wenn wir uns unterhalten. Ich werde mich dafür einsetzen, dass es keine Täter mehr gibt. Ja, klingt utopisch, ich weiß. Aber nur weil etwas utopisch klingt, ist das noch lange kein Grund, schon vor Beginn der Reise die Segel zu streichen. Der Zustand der Menschheit erscheint mir dringendst reparaturbedürftig. Mit „einfach weiter wie bisher“ ist keinem geholfen, genauso wenig mit Appellen an die Vernunft. Menschen haben nichts mit Vernunft zu tun, ansonsten hätten wir uns das Paradies auf Erden erschaffen und nicht dieses verrückte Geraffel. Mensch sein ist noch lange kein Grund, immer wieder den gleichen Scheiß zu machen.


    Den Blick hinter die Gardinen mit 80 weiteren Biografiesplittern gibt es in meinem Buch:

    In 18 Stunden verstehst Du diese irre Welt.

    Wer Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten, hinter die Fassade schauen: Warum heiraten wir? Sind Frauen von Natur aus gute Mütter? Was erlebt man bei der Partnersuche? Wem verdanken Elon Musk und Kanye West ihre Erfolge? Was treibt andere Prominente an – und was ist dein eigener Antrieb? Fallen psychische Erkrankungen vom Himmel? Warum steht jemand 5 Stunden unter der Dusche? Wieso glaubt Käpt´n Crazy, die Chinesen würden kommen? Sind Krankenhäuser tatsächlich Hurenhäuser? Warum verheimlicht eine 50-Jährige, dass ihr Vater soff?

    Mit den Antworten auf diese Fragen wird unerklärliches Verhalten entzaubert. Kein Hashtag, kein Gendern und keine Kampagne wird diese Welt retten können. Erst wenn wir einsehen, wie wir ticken, kann sich etwas verändern. Komm mit auf eine Reise, die Dich verändern wird!

    Das Buch gibt es bei bod.de, bei Amazon, genauso bei allen anderen Onlinehändlern. Du kannst aber auch beim Buchhändler um die Ecke danach fragen. Die ISBN: 9783 7557 0721 9. (Da sich bisher kein Verlag interessiert hat, werden keine Exemplare zum Mitnehmen rumliegen, deshalb bitte vorerst direkt im Laden bestellen.)

    Noch viel mehr Lesestoff zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ findest Du hier:

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – Laute Version (2026)

    Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – Laute Version (2026)

    (2020 geschrieben nach der Präsentation der Kampagne #DeineStimmeGegenHass!, Anfang 2026 aktualisiert.)

    Endlich!

    Das Rezept gegen Hass war 2020 wieder einmal gefunden: eine Kampagne namens #DeineStimmeGegenHass! Seit den 90er Jahren, als durch „Keine Macht den Drogen“ Alkohol, Zigaretten und illegale Rauschmittel aus unserem Leben verschwunden sind, wissen wir um den Erfolg von Appellen an die Vernunft. Nur noch ein paar Millionen Deutsche haben offiziell ein Suchtproblem.Und im Gegensatz zu den 90er Jahren haben wir heute ein neues, viel mächtigeres Instrument hinzugewonnen: ein Hashtag! In PR-Agenturen sitzen schließlich schlaue Leute, die genau wissen, dass man Menschen mit Appellen an die Vernunft erreicht. Die machen so was nicht nur wegen des Geldes! Und die Auftraggeber wollen auch nicht einfach nur öffentlich gut dastehen!

    Plan B

    Klar, wir könnten auch einfach mal den Kopf aus dem Arsch nehmen und schauen, wie Menschen wirklich ticken: Wie entsteht Sucht? Und wie entsteht Hass?

    „Nicht alle Abhängigkeiten haben ihren Ursprung in Missbrauch oder Traumata, aber ich bin überzeugt, dass sie alle auf schmerzhafte Erfahrungen zurückgeführt werden können.“ Das sagt der kanadische Arzt Gabor Maté, der sich seit Jahrzehnten mit Sucht befasst und bezieht sich dabei auf die Kindheit.(Quelle) Wer also den Drogen ihre Macht entziehen will, muss damit im Kinderzimmer anfangen und die dort Aufwachsenden vor Schmerz beschützen.

    Und wie entsteht Hass? Auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der #DeineStimmeGegenHass-Kampagne 2020 hieß es dazu sehr ausführlich: „…“

    Sprachlos

    Das Entsetzliche: Nicht einmal die Frage wird ernsthaft gestellt! Klar, die sozialen Netzwerke sind schuld mit ihren Filterblasen und der einfachen Möglichkeit, sich radikalisieren zu können. Und Ende, Fall gelöst, darauf einen Hashtag. Wie Hitler ohne Facebook, Telegram und Darknet die halbe Welt in Schutt und Asche legen konnte, wird immer ein Rätsel bleiben. Wir können ja einfach sagen: „Nie wieder!“ und dann funktioniert das auch so.

    Wie will man aber ein Problem lösen, wenn man nicht einmal weiß, wo die Ursache liegt? Wie will man die Gesellschaft reparieren, wenn man gar nicht weiß, was genau kaputt ist?

    Stattdessen werden wie bei Schlagertexten bereits tausendfach während Weihnachts-, Neujahrs-, Bundestags- oder Wahlkampfansprachen in Mikrofone verlesene Aneinanderreihungen von Worten in unterschiedlicher Reihenfolge wiederholt, die in einen 30-Sekunden-Beitrag bei Tiktok passen. Sätze wie die Folgenden, vorgetragen bei der Vorstellung der Kampagne gegen Hass 2020: Es geht darum, an die Wurzel des Rassismus zu kommen. Wir brauchen gleiche Bildungschancen. Die Vielfalt muss anerkannt werden. Einheit durch Vielfalt. Wir dürfen dem rechten Terror nicht mehr schweigend gegenüberstehen. Der Anstand muss lauter sein als der Hass. Die Aufklärung über unsere Geschichte ist wichtig. Unsere Gesellschaft muss wie die Tür der Synagoge von Halle sein.

    Unsere Gesellschaft ist nicht wie die geschlossene Tür von Halle, welche 2019 ein noch größeres Blutbad verhinderte – zwei Menschen starben dennoch. Aber unsere Köpfe sind es offenbar: aus massivem Holz. Ja, Aufklärung über unsere Geschichte wäre wichtig. Doch schon Gandhi soll gesagt haben: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

    Lernbehinderung

    Warum ist das so? Weil wir der Geschichte nicht zuhören. Nicht der großen Weltgeschichte, nicht den Geschichten derer, die einen fassungslos machen. Denn sonst würden wir verstehen, was einen Menschen wie Hitler verbindet mit Serienmördern. Wir würden verstehen, was sie mit Kinderschändern verbindet. Ja, mit Sätzen wie „Nazis darf man hassen“, „Hängt die Mörder!“ oder „Schneidet ihm den Schwanz ab!“ kann man ordentlich Dampf ablassen. Doch mit Wut wird man zukünftigen Opfern ihr Leiden nicht ersparen, genauso wenig wie mit härteren Strafen oder Appellen an Menschlichkeit, Mitgefühl oder gar die Vernunft. Was nützt der abgeschnittene Schwanz, wenn der Mensch daran schon längst Schaden angerichtet hat? Ist es echt so tröstlich zu wissen, dass es keine WEITEREN Opfer mehr geben kann?! Wie kümmern wir uns um die schon existierenden Opfer?

    Also was tun!?

    Kein Psychologe der Welt fragt seine Patienten, ob in der Kindheit Tore beim Fußball gezählt wurden. Kein Psychologe der Welt sagt: „Aber jetzt, wo sich Gendersprache verbreitet, müssten Sie doch als Frau die Aufmerksamkeit fühlen, die Sie seit Kindertagen vermissen?! Was wollen Sie denn hier?!“

    Statt an der Planung von weiteren hilflosen Versuchen und Kampagnen zu sitzen, die wieder nichts zum Positiven verändern werden, könnten wir aus den Geschichten der Täter lernen: Warum konnten diese Menschen so kalt sein? Warum empfanden sie kein Mitgefühl? Warum mussten sie andere erniedrigen, sich über sie stellen? Warum mussten sie hassen?

    Hitler kam nicht mit ausgestrecktem Arm und Bärtchen über der Oberlippe zur Welt, genauso wie heute kein Baby als Neonazi, Populist, Rassist oder Internettroll geboren wird. Und wer nun reflexartig aufschreit, dass man Hitler um Himmels Willen nicht mit einem Internettroll auf eine Stufe stellen darf, dem sei der Hashtag #MeineStimmeGegenIgnoranz gewidmet.

    Auf taub gestellt

    Doch wir hören den Geschichten nicht zu. Und wenn doch, dann gefällt uns deren Moral nicht und deshalb wollen wir sie nicht wahrhaben. Kinderschänder sind doch alles Phädophile!!! Falsch. Über 50% der sexuellen Übergriffe gegenüber Kindern werden von nicht-pädophilen Menschen begangen. Das Hauptmotiv dieser Täter ist das Ausüben von Macht und das Spüren von Überlegenheit.(Quelle) Warum müssen erwachsene Menschen an Babys, Kleinkindern und Teenagern Macht demonstrieren? Würde man den Geschichten der Täter zuhören, wäre klar: Weil sie sich unter ihrem Vater und/oder ihrer Mutter winzig gefühlt haben, selbst erniedrigt wurden.

    Will ich echt nicht hören

    Aber bloß nicht darüber nachdenken! Denn sonst müssten wir uns eingestehen, dass auch die grausamsten Täter einst Opfer waren und wir wollen sie doch bitteschön in schwarz-weiß sehen! Genauso wie den Mörder jeden Sonntagabend im Tatort. Würden wir dem Täter eine ähnliche Kindheitsgeschichte verpassen wie all den echten Serienmördern, dann müssten wir am Ende noch einräumen, dass auch der blutrünstige Killer einst Opfer war und wir wüssten nicht mehr, was wir empfinden sollen: Hass oder Mitgefühl?!

    Halt die Klappe!

    Nein, diese Moral der Geschichte passt uns nicht. Genauso wenig wie die des Massenmörders von Hanau 2020. Er war eben ein Rechtsextremist und nur nebenbei psychisch krank. Wir dürfen seine Erkrankung nicht für das Blutbad als Begründung nehmen. Denn hätte sich der Täter auf den Islam berufen wie jener von Wien und man hätte die Psychosen als Ursache benannt, dann hätte es am Stammtisch geheißen: „Ja ja, jetzt machen die gleichgeschalteten Staatsmedien auf unzurechnungsfähig, damit diese Moslems fein raus sind …“

    So schiebt man es sich immer schön zurecht, wie es einem gerade nützt, ob links oder rechts, ob gläubig oder ungläubig. Und schon kann man wieder über die angebliche Spaltung der Gesellschaft jammern und an Vernunft und Mitgefühl appellieren und über die linksgrün Versifften und die braunblauen Schlümpfe wüten.

    Warum fragt keiner, woher die Wahnvorstellungen des Mannes kamen? Woher kommen überhaupt psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen?

    Zuhören bildet nicht!

    Zum Entstehen dieser Erkrankungen und Störungen gäbe es eine gigantische Bibliothek voller Geschichten von Millionen Menschen, die endlich zugekniffene Augen öffnen könnten. Doch wir hören ihnen einfach nicht zu.

    Noch schlimmer: Wir ignorieren sie. 2016 hatten nach offizieller Statistik 1,9 Millionen junge Leute psychisch kaputt ihr Elternhaus verlassen (Quelle) – doch kein einziges Wort darüber fiel in Wahlkämpfen. EINE MILLION NEUNHUNDERTTAUSEND unserer Kinder und sie sind uns so was von egal. Durchsuche die Reden bei der letzten Generaldebatte im Bundestag nach dem Thema und du wirst nichts finden zwischen Wirtschaftswachstum, Bewahrung des Wohlstandes, Klimawandel, Migration und 5G. Nichts.

    Und wenn doch, dann geht es heute, 2026, um die Folgen des Lockdowns in der Pandemie, die fehlenden sozialen Kontakte. Es lebe der Lockdown! Jetzt haben wir Gottseidank einen Grund gefunden, warum die Kids kaputt ihr Elternhaus verlassen, Fall abgeschlossen, darauf einen Hashtag. Warum schon so viele weit vor der Pandemie zur Zahl in der Statistik wurden, das ist doch jetzt egal!

    Und so werden weiterhin 20-Jährige aus der geschlossenen Psychiatrie zurück ins Leben entlassen, wo sie mit ihren Suizidgedanken wieder allein sein können. 1,9 Millionen unserer Kinder gehen uns am Arsch vorbei. 26% aller 18- bis 25-Jährigen. Um es mit Greta Thunberg zu sagen:

    „Wie könnt ihr nur?!“

    Aber die Thunberg ist ja inzwischen auch gaga. Teenager als Feindbild, als Hassfigur – an der Stelle hat #DeineStimmegegenHass dann ausnahmsweise doch mal versagt. Naja, man kann nicht alle retten.

    Wenn 26% der Deutschen eine populistische Partei wählen, gab es zumindest um 2020 wochenlang kein anderes Thema mehr, von Maischberger über Hart aber Fair bis Anne Will. 26% scheinen also eine Menge zu sein, die man zumindest für eine gewisse Zeit nicht ignorieren kann. Doch wenn 26% unserer gerade erwachsen gewordenen Kinder mit Depressionen, Angststörungen, Panikattacken usw. das Elternhaus verlassen, dann herrscht Schweigen. Warum fragt keiner, weshalb sie kaputt sind? Warum will keiner wissen, was sie kaputt gemacht hat? #MeineStimmeGegenIgnoranz

    Wir präsentieren: Die Schuldigen!

    Aber klar: Facebook und Instagram und Tiktok sind daran schuld! Und fertig, darauf einen Hashtag.

    Wieder glauben wir, die Geschichten ungehört zu kennen, betrachten die Menschen aus riesiger Entfernung, sehen sie als einheitliche, graue Masse, anstatt jedem Einzelnen mit einem hoch sensiblen Mikrofon zuzuhören. Dazu fehlt uns einfach die Zeit und die Geduld. Die Geschichten passen dummerweise auch nicht in 280 Zeichen. „Erzähl fix, was los ist mit dir, aber mach es bitte kurz. Und schieb nicht alles auf deine Eltern, werd´ mal erwachsen!“

    Dabei könnten wir verdammt viel lernen, wenn wir den Geschichten unserer Kinder zuhören würden, ohne sie zu unterbrechen oder ihre Erzählungen in Zweifel zu ziehen. Gleiches gilt für die Geschichten der Millionen offiziell psychisch erkrankten Erwachsenen, deren Zahl 2017 mit 17,8 Mio. angegeben wurde. Doch auch sie sind kein Thema, obwohl es für Parteien eigentlich eine verlockend große Zielgruppe wäre. Und wer glaubt, der „Rest“ der Bevölkerung sei durch die Bank psychisch gesund, der sollte hinter die Gardinen schauen.

    Was wäre die Moral all dieser Geschichten?

    Die Moral lautet: Es gibt keine Spaltung der Gesellschaft, sondern etwas sehr Verbindendes: Kinder wachsen mit Vernachlässigung, Demütigung, Gewalt, Missbrauch auf. Oder sie werden im goldenen Käfig groß. Oder die Eltern leben vor, dass man nur jemand ist, wenn man bis zum Umfallen arbeitet, Einfluss hat, Geld. Der Selbstwert ist durch all das entweder nie gewachsen oder wurde narzisstisch grandios. Psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen sind die Folge und sowohl in Plattenbau, Reihenhaus und Villa zu finden.

    Mit einem ungesunden Ego zerstichst du entweder die Reifen des Krankenwagens, der dir im Weg steht und pfeifst darauf, ob da jemand stirbt, greifst Schiedsrichter, Polizisten, Lehrer, Zugpersonal und Feuerwehrleute an. Oder mit dir kann man einfach nicht diskutieren, weil dein Ego jeden Kompromiss als Niederlage sehen würde, also schreist du „Halt die Klappe!“ Oder du wirst Präsident der USA.

    Umwege zum Glück

    Oder du suchst nach anderen Umwegen, um deinen Wert zu steigern, welchen du dir selbst zuteilst: Du ziehst regelmäßig blank bei Instagram, saugst die Likes auf, wirst Influencer. Du kannst keinen Monat Single sein, weil du die „Ich liebe dich“-Sprüche brauchst, so durchschaubar sie auch sein mögen. Du veröffentlichst Gaffer-Videos und bist stolz auf die Zahl derer, die sich die Bilder anschauen. Du verschickst Morddrohungen, demütigst andere, wendest Gewalt an, missbrauchst Kinder, willst die Welt beherrschen, läufst Amok durch Schulen oder ganze Städte. Oder du musst jedem helfen, gibst dein letztes Hemd. Oder du gehst in die Politik oder in den Journalismus, angeblich weil du etwas bewegen willst, aber auch dir geht es letztlich um Einfluss, Macht, Aufmerksamkeit, Anerkennung, die deinen Selbstwert steigern sollen. Du saugst Verschwörungsmythen auf, weil DU die Wahrheit kennst im Gegensatz zu all den blinden Schafen, die der Herde folgen – DU bist besser als alle sogenannten Experten.

    Und/oder du hasst:

    Ausländer, Deutsche, Juden, Muslime, Christen, Politiker, Journalisten, Karrikaturisten, Schwule, Frauen, Blondinen, Schwarze, Weiße, Gutmenschen, Schlechtmenschen, Millionäre, Hartz-IV-Empfänger, Radfahrer, Autofahrer, Klimakleber, Wissenschaftler, Aluhutträger, Schlafschafe, Linksgrüne, Braunblaue, Schalke-, Dortmund- oder Bayernfans, Gen Z, alte weiße Männer … Du wertest dein nie gewachsenes Selbstbewusstsein auf, indem du andere abwertest.

    Aus Opfern werden Täter. Wer keine Täter will, muss neue Opfer verhindern. Wer dafür sorgt, dass Kinder mit Zuneigung durch die Eltern aufwachsen, braucht später weder ein Hashtag #DeineStimmeGegenHass noch Kampagnen wie „Keine Macht den Drogen“. Die Wiegen von Hass und von Abhängigkeit stehen im gleichen Raum: dem Kinderzimmer. Keiner unserer Special Effects kommt aus heiterem Himmel, jeder ist der Donner nach dem Einschlag. DAS ist die Moral der Geschichten.

    Wer auch immer sich zum Psychologen setzt, wird beim gleichen Thema landen: Kindheit. Sie wird den größten Raum einnehmen, egal ob man inzwischen 30 oder 50 oder 80 ist, ob man in der Pflege arbeitet, als Journalist, als Schauspieler, als Koch oder ob man die USA regiert oder Russland oder China oder Deutschland.

    Doch was machen wir?

    Statt zu überlegen, wie man Kindern ein Aufwachsen in einem das Selbstbewusstsein fördernden Elternhaus ermöglichen kann, macht man mit den Selbstbewusstseinslosen Geschäfte. Sie fressen im Dschungelcamp Würmer im Glauben, dies würde ihnen durch viel Aufmerksamkeit das Ego streicheln oder die Welt habe nur auf ihren Auftritt gewartet. Sie werden von Heidi Klum und anderen vorgeführt, damit diese „Geschäftsleute“ selbst ihr Ego füttern können über Aufmerksamkeit und Geld. Die Kaputten gehen in Container oder Sommerhäuser, zerfleischen ihre Beziehungen in aller Öffentlichkeit, lassen sich Rosen überreichen, bezeichnen sich gegenseitig als krank. Sie werden zu Prominenten aufgebaut, um sie dann als Promis bezeichnen zu können und mit ihnen einen ganz eigenen Industriezweig gründen zu können von Sendern und anderen Medien, die sich in den Werbepausen gegen Hass und für Menschlichkeit aussprechen, um das eigene Image aufzupolieren.

    Alles haltlose Behauptungen?

    Haltloses Zeug? Hören wir mal zu. Der Schweizer Psychologe Thomas Spielmann war an der Auswahl der Kandidaten für die ersten Staffeln „Big Brother“ in seiner Heimat beteiligt. Unter den Bewerbern bemerkte er eine große Gruppe von Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein. Sie glaubten, mit Ruhm würden sich all ihre Probleme lösen und sie könnten ihren Selbstwert steigern. Die zweite große Gruppe bestand laut Spielmann aus Personen mit narzisstischen Zügen. Diese glaubten, dass die Welt nur auf sie gewartet habe, also Trumps in kleineren Größen. Am kleinsten war die Gruppe derer, die stabil erschienen. Die Produzenten von „Big Brother“ machten massiv Druck, manipulierbare Menschen zu nehmen, damit es Sex, Streit, Intrigen und Zusammenbrüche gibt (Quelle) – all das, was den Zuschauer in den Bann zieht wie ein Zeppelin-Absturz.

    Dafür sind aber Menschen mit stabiler Psyche die falschen, denn bei ihnen gehen Kompromisse im Streit nicht ans Ego, so dass sie nicht ausrasten oder heulen müssen bei Konflikten. Sie brauchen auch nicht Aufmerksamkeit auf Teufel komm raus. Sie machen nicht alles für Anerkennung wildfremder Menschen. Der Unterhaltungswert der psychisch Labilen ist einfach viel größer und damit auch die Quote und Werbeeinnahmen. Psychische Erkrankungen und Störungen sind praktisch immer Folge einer miesen Kindheit. Macher solcher Sendungen nutzen also aus, dass Menschen in ihrer Kindheit und Jugend Schlimmes durchgemacht haben und dabei kaputt gingen. Und warum können die Macher so über Leichen gehen? Weil auch sie ihr Elternhaus mit einem ungesunden Ego verlassen haben.

    Also, liebe Privatsender

    Wenn euch tatsächlich etwas an Menschen liegt, dann spart euch weitere Kampagnen, mit denen ihr euch empathisch anmalen wollt und lasst all eure Z-Promis ihre Geschichten erzählen, warum sie so sehr ins Rampenlicht wollen und alles dafür tun. Schmeißt jene Sendungen aus dem Programm, die schwache und narzisstische Egos ausnutzen und interviewt in dieser Zeit ganz nüchtern all jene, die ihr bisher ausgenutzt habt.

    Und liebe Öffentlich-Rechtlichen

    Solange fast 20% der Deutschen glauben, man bekomme Depressionen mit Schokolade und Zusammenreißen in den Griff,(Quelle) haben Florian Silbereisen, Helene Fischer und Rosamunde Pilcher nichts an den Samstagabenden bei euch zu suchen. Nicht bei Millionen von Menschen, die einerseits an ihrer Erkrankung, aber andererseits auch an ihrem ahnungslosen Umfeld verzweifeln.

    Lasst die Schlagerstars und Schauspieler und Moderatoren über ihre Kindheit sprechen, ungeschminkt und lasst sie erzählen, ob der Ruhm und das Geld die alten Wunden wirklich heilen. Lasst in diesen Zeiten Täter ihre Geschichte erzählen, ohne Anklage, ohne Verhör. Gebt den Kitsch-Produzenten die 30 Minuten, die ihr jetzt für Wissenschaftsformate nach dem Schlafengehen übrig habt. Wenn euch wirklich etwas am Kampf gegen Hass liegt, dann zückt auch jene Waffen, über die ihr verfügt.

    Ob Medienmacher, Journalisten oder Politiker

    Wacht um Himmelswillen endlich auf, bevor der nächste Diktator uns alle aufweckt. In der ersten Amtszeit von Donald Trump habt ihr „Trumpismus“ erfunden, um ein Wort für das zu finden, was er anstellt. Es brauchte aber kein neues Wort! Wenn ihr nicht einmal in solchen Zeiten über Narzissmus und andere Persönlichkeitsstörungen sprechen und aufklären könnt, wann denn bitte dann?! Wozu schreiben Dutzende Psychologen in einem Buch über Trumps Psyche, wenn daraus wieder Null gelernt wird? Wie nah wollt ihr noch Demokratien mit verbundenen Augen an den Abgrund laufen lassen? Reicht euch immer noch nicht, was sich in den USA am 6.1.21 abgespielt hat und was sich nun täglich dort abspielt? Wollt ihr weiterhin jeden Tag die Hände über den Kopf zusammenschlagen über das, was in dieser Welt an Irrsinn passiert? Wollen wir es China und Russland echt so einfach machen?! Oder sind zu viele Narzissten in euren eigenen Reihen? Laut Studien gibt es verschiedene Berufsgruppen, in denen der Anteil von Narzissten höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung – Journalisten gehören dazu.

    An alle, denen zugehört wird

    Startet die Aktion #MeineStimmeGegenIgnoranz nicht als Hashtag, sondern bewegt euren Hintern. Nutzt eure Möglichkeiten endlich sinnvoll, die ihr durch eure Bekanntheit und Reichweite in den Händen haltet. Hört verdammt nochmal auf, psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen als „Das ist ein heikles Thema“ in den Schubladen liegen zu lassen und sie zu ignorieren. Denn damit ignoriert ihr, was hinter den Gardinen schiefläuft und zu all den Dingen führt, die heftiges Kopfschütteln auslösen und die ihr mit Appellen an die Vernunft oder härteren Gesetzen oder Faktenchecks oder zugemauerten Bahnsteigen in den Griff zu bekommen glaubt. Das wird genauso wenig funktionieren wie „Keine Macht den Drogen“. Der Faktencheck lautet: Mit Faktenchecks wird diese Welt nicht gesünder.

    Wut!!!!

    100% der psychisch Erkrankten tragen Wut in sich laut Psychologen. Und nein, die Erkrankten sollen nicht zu Sündenböcken erklärt werden. Aus den Geschichten müssen wir lernen, wie und wo all unsere Meisen geboren werden – und damit auch die Entstehung von Hass. Wo darf diese Wut raus in einer Welt, wo du aufgesetzt politisch korrekt sein sollst?

    Es geht (fast) IMMER um unser Ego

    Was immer wir machen, soll unseren Selbstwert wachsen lassen. Wir helfen anderen nicht aus Nächstenliebe, sondern weil wir uns dabei selbst besser fühlen, wir unser Ego aufwerten. Auch ich hätte dies alles hier nicht geschrieben, wenn mein Unterbewusstsein nicht viel Beifall von Tausenden Schattenkindern erwarten würde. Wir bringen niemanden zum Lachen aus Selbstlosigkeit, weder den Partner an unserer Seite noch als Dieter Nuhr oder von mir aus Mario Barth. Wir empfinden das Lachen als Schulterklopfer für unser Ego. Genauso wenig singen Künstler von Roland Kaiser bis zu den Toten Hosen und den Ärzten, damit sich andere unterhalten fühlen, sondern weil der Beifall den Wert anheben soll, den sie für sich selbst empfinden, der Schrei nach Liebe.

    Und wir hassen nicht einfach so, sondern weil wir mit dem Abwerten anderer unser Ego aufwerten wollen. Solange gesundes Selbstbewusstsein so rar ist wie es Klopapier und Trockenhefe waren in den Hoch-Zeiten von Corona, wird sich nichts zum Besseren wenden können, auch nicht mit dem ausgeklügeltsten Hashtag der Welt. Lasst uns verdammt nochmal anfangen, aus den Geschichten zu lernen.

    Aber wir können doch jetzt nicht noch ein Thema aufmachen!

    Wer diese Welt noch irgendwie retten will, der MUSS psychische Gesundheit und gesunden Selbstwert zum Hauptthema machen, denn sie sind der Schlüssel zu all dem, was schiefläuft.

    Das Kümmern um psychische Gesundheit ist Umwelt- und Naturschutz: Wen ich mit einem gesunden Ego groß werde, muss ich nicht auf Teufel komm raus die Wälder in Schweden plätten für meine Produkte, denn dann baue ich keinen riesigen Konzern auf ohne Rücksicht auf Verluste. Dann muss ich auch nicht plötzlich in Werbespots erklären, dass wir nur diesen einen Planeten haben, nachdem ich diesem jahrelang die Bäume aus dem Boden gerissen habe für meine Möbel. Mit einem gesunden Ego lasse ich auch nicht den Regenwald Hektar um Hektar abbrennen und zeige der Welt den Stinkefinger. Ich fördere auch nicht Öl um jeden Preis und bezahle Kampagnen, die alternative Energien madig machen sollen.

    Und damit ist das Kümmern um die psychische Gesundheit und gesunde Egos eben auch Klimaschutz. Wenn das in der Kindheit nicht gesund entwickelte Ego Geld und Macht braucht, um sich gut zu fühlen, dann sind mir die kommenden Generationen scheißegal. Wenn es sein muss, streiche ich meinen Konzern halt grün an, damit ich mein Zeug weiterhin verkaufen kann. Warum soll ich plötzlich Mitleid haben mit dem Planeten, wenn mir Geld und Macht bisher alles bedeutet haben?! Weil Menschen aus Fehlern lernen?!

    Das Kümmern um psychische Gesundheit ist Gesundheitsvorsorge insgesamt. Es ist die beste Waffe gegen Drogen und es beugt Erkrankungen bei jenen vor, die z.B. unter einem Narzissten zugrunde gehen, sowohl Partner als auch Kinder.

    Das Kümmern um psychische Gesundheit ist Gewaltprävention. Wenn Menschen ein gesundes Ego aus der Kindheit mitnehmen können, brauchen sie keine Macht demonstrieren an Kindern oder Partnern, weder durch Schläge, Macht“spiele“ und auch nicht durch Missbrauch.

    Das Kümmern um psychische Gesundheit ist die beste Waffe im Kampf gegen soziale Ungleichheit. Wenn mein Ego nie genug bekommt an Geld und Macht, dann wehre ich mich eben mit meinem Weltkonzern gegen den Einfluss von Gewerkschaften und mir geht es am Arsch vorbei, wenn mein Black Friday sabotiert werden soll. Nachgeben ist keine Option, irgendwer wird schon für den Lohn arbeiten, den ich für richtig halte. Dass die Ungleichheit zwischen Arm und Reich die Leute mit der Zeit auf die Barrikaden treiben kann, ist mir genauso Wurscht, solange sie die Fackeln und Mistgabeln bei mir kaufen. Warum sollte mir Demokratie am Herzen liegen, wenn ich schon selbst so unglaublich systemrelevant geworden bin?!

    Und das Kümmern um gesunde Egos ist der beste Weg zur Sicherung von Demokratie und Frieden. Warum ticken die (Möchtegern-)Diktatoren dieser Welt so, wie sie ticken? Sie dulden keinen Gegenwind, ob von Opposition, Presse, Gerichten … Ihre Egos brauchen das Gefühl, unantastbar mächtig zu sein. Und wenn ihnen etwas nicht passt, lassen sie Truppen aufmarschieren oder töten heimlich. Ein Mensch mit stabilem Ego wird keinen Krieg vom Zaun brechen. Dieser Mensch wird über Empathie verfügen, die ihm ein Abschlachten eigener Landsleute und Fremder unmöglich machen wird.

    Ungesunde Egos richten einen gigantischen wirtschaftlichen Schaden an, ob durch Umweltzerstörung oder Zerstörung anderer Menschen – oder durch Selbstzerstörung mittels Drogen oder auf anderen Wegen. Soziale Berufe können einen Beitrag leisten, Fehlentwicklungen bei Kindern aufzufangen. Wer diese Jobs als notwendiges Übel betrachtet, Erzieher, Lehrer, Logopäden, Ergotherapeuten, Psychologen usw. als Zitronen bis zum letzten Tropfen ausquetscht durch Überlastung und Papierkram, der übergibt die Folgekosten an die nächsten Generationen. Doch den Löwenanteil bei der Entwicklung von gesunden Egos tragen die Eltern. Sie selbst brauchen gesundes Selbstbewusstsein, um es an den Nachwuchs weitergeben zu können.

    Der verrückte Professor

    In jedem Katastrophenfilm gibt es ihn: den Wissenschaftler, der aus seinem einsamen Labor am Arsch der Welt zu den Stadtbewohnern gerannt kommt und sie warnt: entweder vor der 40 Meter hohen Flutwelle, dem Erdbeben der Stärke 12,3 oder dem Angriff des Kindes von Godzilla und King Kong. Für seine Warnung erntet er Gelächter, Ignoranz oder „Wir können jetzt nicht die ganze Stadt evakuieren, das würde uns viel Geld kosten!“ Jeder Kinobesucher weiß, was danach kommt.

    Jahrzehntelang haben die verrückten Wissenschaftler vor der großen Katastrophe namens Klimawandel mit stichhaltigen Fakten gewarnt. Nicht im Film, sondern im Leben vor der Leinwand. Sie ernteten Ignoranz und „Können wir uns nicht leisten, wir müssen den Wohlstand wahren!“-Sprüche. Wie die Handlung weitergeht – wer weiß das schon … In den Katastrophenfilmen vereint sich am Ende immer ein zerrüttetes Paar – Happy End – auch wenn ansonsten alles drumherum in Trümmern liegt dank King Kong Godzilla.

    Wer diesen Text hier belächeln oder ignorieren möchte oder mit einem „Ach, sicher alles halb so wild“ kommentieren will: kein Problem. Wer sagt: „Eine schlimme Kindheit ist noch lange kein Grund für irgendwas“ soll sich dafür einsetzen, dass sofort alle Psychologen ihren Job verlieren und die Ausbildung eingestellt wird.

    Dieser Planet kommt viel besser ohne Menschen aus und je eher wir uns endgültig die Köpfe einschlagen, umso schneller kann Mutter Erde mit der Regeneration anfangen. Eigentlich hat sie uns ein verdammt schönes Geschenk gemacht. Das Leben auf und mit ihr könnten wir genießen. Wir müssten Millionen Jahre reisen in völlig unbekannte Richtung, um vielleicht einen ähnlichen Planeten zu finden. Doch wir machen es uns einfach nur schwer, schreien uns gegenseitig an, wie wenig wir voneinander halten, ziehen aus Lautstärke Gewinn durch Reichweite und ergehen uns in Ignoranz. Die Alternative für diese Welt lautet deshalb: Entweder wir kommen JETZT aus dem Arsch oder wir sind demnächst in selbigem.

    PS

    Mir ist klar, dass der Ton in dieser Version meines Aufschreis rau ist. Aber mit ruhig vorgetragenen Argumenten bekommt man weniger Aufmerksamkeit als mit verbalen Rundumschlägen. Die diplomatische Version gibt es hier. Der Text mag lang gewesen sein, dennoch kratzt er nur mit einer Nadelspitze auf dem Lack. Die dicke Schleifmaschine namens „Verrückt – ein Aufschrei“ bietet den Einblick, den es dringend braucht.

    Quellen

    • https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/154e18a8cebe41667ae22665162be21ad726e8b8/Factsheet_Psychiatrie.pdf
    • https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/drogensucht-die-wahre-ursache-von-sucht-geht-auf-diese-6-erlebnisse-aus-der-kindheit-zurueck_id_9162061.html
    • https://www.instagram.com/p/B8dnPC-I5ss/
    • https://www.barmer.de/blob/144354/4b9c44d83dc8e307aef527d981a4beeb/data/dl-pressemappe-barmer-arztreport2018.pdf Seite 14
    • https://web.de/magazine/panorama/psychische-probleme-reality-tv-suizid-bringt-quote-34459074
    • https://www.deutsche-depressionshilfe.de/forschungszentrum/deutschland-barometer-depression

    Den Blick hinter die Gardinen mit 80 weiteren Biografiesplittern gibt es in meinem Buch:

    In 18 Stunden verstehst Du diese irre Welt.

    Wer Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten, hinter die Fassade schauen: Warum heiraten wir? Sind Frauen von Natur aus gute Mütter? Was erlebt man bei der Partnersuche? Wem verdanken Elon Musk und Kanye West ihre Erfolge? Was treibt andere Prominente an – und was ist dein eigener Antrieb? Fallen psychische Erkrankungen vom Himmel? Warum steht jemand 5 Stunden unter der Dusche? Wieso glaubt Käpt´n Crazy, die Chinesen würden kommen? Sind Krankenhäuser tatsächlich Hurenhäuser? Warum verheimlicht eine 50-Jährige, dass ihr Vater soff?

    Mit den Antworten auf diese Fragen wird unerklärliches Verhalten entzaubert. Kein Hashtag, kein Gendern und keine Kampagne wird diese Welt retten können. Erst wenn wir einsehen, wie wir ticken, kann sich etwas verändern. Komm mit auf eine Reise, die Dich verändern wird!

    Das Buch gibt es bei bod.de, bei Amazon, genauso bei allen anderen Onlinehändlern. Du kannst aber auch beim Buchhändler um die Ecke danach fragen. Die ISBN: 9783 7557 0721 9. (Da sich bisher kein Verlag interessiert hat, werden keine Exemplare zum Mitnehmen rumliegen, deshalb bitte vorerst direkt im Laden bestellen.)

    Noch viel mehr Lesestoff zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ findest Du hier:

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – Leise Version (2026)

    Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – Leise Version (2026)

    (2020 geschrieben nach der Präsentation der Kampagne #DeineStimmeGegenHass!, Anfang 2026 aktualisiert.)

    Appell an die Vernunft – Vernünftig?

    In den 90er Jahren startete die Kampagne „Keine Macht den Drogen“ – heute gehen die Zahlen der Suchterkrankten und der Menschen mit problematischem Konsum weiterhin in die Millionen. Zwar dürften viele den Slogan kennen, doch ansonsten wird dieser Versuch, ein großes Problem in den Griff zu bekommen, als gescheitert betrachtet.

    Und dennoch starten wir weitere Kampagnen. Damals wie heute wird an die Vernunft erwachsener Menschen appelliert, wird Aufklärung betrieben. 2020 rief man die Kampagne #DeineStimmeGegenHass ins Leben – und sie war zum Scheitern verurteilt. Warum?

    Wir können nicht lernen

    „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Diesen Satz traut man Gandhi nicht zu, denn er klingt wenig optimistisch. Doch er hat recht, wenn er ihn tatsächlich gesagt hat. Welche Lehre hätte man aus der gescheiterten Anti-Drogen-Kampagne ziehen können? Dass man die Ursache eines Problems angehen muss und nicht die Folgeerscheinungen.

    Was ist die Ursache von Sucht? „Nicht alle Abhängigkeiten haben ihren Ursprung in Missbrauch oder Traumata, aber ich bin überzeugt, dass sie alle auf schmerzhafte Erfahrungen zurückgeführt werden können.“ Das sagt der kanadische Arzt Gabor Maté, der sich seit Jahrzehnten mit Sucht befasst und bezieht sich dabei auf die Kindheit.(Quelle) Wer also den Drogen ihre Macht entziehen will, muss damit im Kinderzimmer anfangen und die dort Aufwachsenden vor schmerzhaften Erfahrungen beschützen.

    Und wie entsteht Hass?

    Seine Wiege steht an der exakt gleichen Stelle, an welcher Sucht geboren wird: im Kinderzimmer. Nein, damit ist nicht gemeint, dass Eltern ihre radikale, hasserfüllte Gesinnung an ihren Nachwuchs weitergeben. In einem gemeinsamen Kinderzimmer können ein späterer Antifa und eine AfD-Anhängerin aufwachsen. Dieser Raum ist der Ort, wo all unsere Meisen und Macken das Licht der Welt erblicken. Keiner unserer Special Effects kommt aus heiterem Himmel, jeder ist der Donner nach dem Einschlag. Und dieser findet praktisch immer im Elternhaus statt. Wer den Geschichten von Menschen zuhört, wird sich schwertun, dies als bloße Theorie abzutun. Wer die Arbeit von Psychologen verfolgt, wird schwer Gegenargumente finden.

    Ohren zu

    Nur hören wir den Geschichten nicht zu. Nicht der großen Weltgeschichte, nicht den Geschichten derer, die einen fassungslos machten und machen. Hitler kam nicht mit ausgestrecktem Arm und Bärtchen über der Oberlippe zur Welt, genauso wie heute kein Baby als Neonazi, Linksextremer, Populist, Rassist oder Internettroll geboren wird. Würden wir uns mit den Geschichten befassen, dann könnten wir daraus lernen, was hasserfüllte Diktatoren verbindet mit Serienmördern. Wir würden verstehen, was sie mit Kinderschändern verbindet, genauso wie mit Extremisten, Rassisten und Trollen. Mit Sätzen wie „Nazis darf man hassen“, „Hängt die Mörder!“ oder „Schneidet ihm den Schwanz ab!“ kann man ordentlich Dampf ablassen. Doch mit Wut wird man zukünftigen Opfern ihr Leiden nicht ersparen, genauso wenig wie mit härteren Strafen oder Appellen an Menschlichkeit, Mitgefühl oder gar die Vernunft. Und was bringt es Opfern, wenn die Täter an ihnen gehängt oder kastriert werden? Der Schaden lässt sich damit nicht ausradieren.

    Das gefällt mir nicht

    Doch wir hören nicht zu. Und wenn doch, dann heißt es: Die Moral der Geschichte gefällt mir nicht, ich will das nicht hören.

    Über 50% der sexuellen Übergriffe gegenüber Kindern werden von nicht-pädophilen Menschen begangen. Das Hauptmotiv dieser Täter ist das Ausüben von Macht und das Spüren von Überlegenheit.(Quelle) Warum müssen erwachsene Menschen an Babys, Kleinkindern und Teenagern Macht demonstrieren? Würde man den Geschichten der Täter zuhören, wäre klar: Weil sie sich unter ihrem Vater und/oder ihrer Mutter winzig gefühlt haben, selbst erniedrigt wurden.
    Schaut man sich die Biografien von Serienmördern an, wird man ebenfalls keine finden ohne Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, … Schaut man in die Biografien von Diktatoren und jener, die gern Diktator sein möchten, findet man immer mindestens einen Elternteil, von dem es keine Zuneigung, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Liebe im gesunden Maße gab.

    Aber mein Weltbild!

    Der Massenmörder von Hanau war psychisch krank. Doch das können wir nicht als Ursache gelten lassen, diese Moral passt nicht ins Weltbild. Er war rechtsextrem und hatte nur nebenbei Psychosen. Seine Tat war rechtsextremistisch und hatte nichts mit der psychischen Schräglage zu tun!

    Und so kämpfen wir gegen den Extremismus und nicht gegen die Entstehung von psychischen Erkrankungen und können wieder über die angebliche Spaltung der Gesellschaft jammern, an Vernunft und Mitgefühl appellieren. Dass die grausamsten Täter einst Opfer waren, passt uns nicht als Moral der Geschichten, denn was soll man dann empfinden: Hass oder Mitgefühl?!
    Warum fragt keiner, woher die Wahnvorstellungen des Täters von Hanau kamen?

    Wir ignorieren unsere Kinder

    Woher kommen überhaupt psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen? Dies muss unbeantwortet bleiben, denn: Wir ignorieren selbst die Geschichten unserer Kinder.

    Zum Entstehen dieser Erkrankungen und Störungen gibt es eine gigantische Bibliothek voller Geschichten. Doch wir hören ihnen nicht zu. Noch schlimmer: Wir ignorieren sie. Laut Statistik von 2016 hatten zum damaligen Zeitpunkt 1,9 Millionen junger Leute zwischen 18 und 25 Jahren psychisch kaputt ihr Elternhaus verlassen (Quelle) – doch kein einziges Wort darüber fiel in Wahlkämpfen. EINE MILLION NEUNHUNDERTTAUSEND unserer Kinder und sie sind uns so was von egal. Kein Wort in Wahlkämpfen, kein Wort in Weihnachts- oder Neujahrsansprachen, kein Wort in den Generaldebatten im Bundestag. Zwischen Migranten, Wirtschaftswachstum, Krieg, Bewahrung des Wohlstandes und Klimawandel findet sich für sie kein Platz.

    Und wenn doch, dann machen wir heute, 2026, die Folgen des Lockdowns in der Pandemie verantwortlich, die fehlenden sozialen Kontakte. Warum so viele Kids schon weit vor der Pandemie kaputt ihr Elternhaus verlassen haben, damit brauchen wir uns jetzt nicht mehr befassen. Stattdessen werden 20-Jährige aus der geschlossenen Psychiatrie zurück ins Leben entlassen, wo sie mit ihren Suizidgedanken wieder allein sein können. Vielleicht überleben sie ja bis zum nächsten Aufenthalt.

    Vernachlässigbare Zahl?

    1,9 Millionen Kinder, 26% aller 18- bis 25-Jährigen im Jahr 2016. Als ich diesen Artikel 2020 in seiner Urfassung schrieb, gab es ein Dauerthema in den Polit-Talkshows: der Erfolg von Populisten. Wenn 26% der Deutschen eine populistische Partei wählen, schien das zumindest damals eine Zahl zu sein, die man überhaupt nicht ignorieren kann. Aber wenn 26% unserer gerade erwachsen gewordenen Kinder mit Depressionen, Angststörungen, Panikattacken, bipolarer Störung usw. das Elternhaus verlassen, dann herrscht Schweigen. Warum fragt keiner, weshalb sie kaputt sind? Warum will keiner wissen, was sie kaputtgemacht hat? Aus Angst vor der Antwort? Oder ist es pure Ignoranz, genau wie gegenüber den 28% der Erwachsenen insgesamt, die in der Statistik über psychische Erkrankungen aufgeführt sind? Und wer Menschen abseits von Psychiatrien kennenlernt, wird merken, dass die anderen 72% nicht automatisch als psychisch stabil eingestuft werden können.

    Kopfschütteln

    Statt uns die Geschichten anzuhören, reagieren wir auf unvernünftiges Verhalten mit: Kopfschütteln, Schnappatmung, „Wie kann man nur …“

    Und kurz darauf startet der Versuch, sie mit Appellen an die Vernunft von ihrem Weg abzubringen oder mit anderen Mitteln. Aber warum fragt kein Psychologe seine Patienten, ob in dessen Kindheit Tore beim Fußball gezählt wurden? Warum sagt kein Psychologe: „Jetzt, wo Gendersprache sich verbreitet, müssten Sie doch die Aufmerksamkeit fühlen, die Sie seit Kindertagen vermissen?! Warum sind Sie dann hier?!“

    Was würde passieren, wenn wir sie alle an einen Tisch setzen und ihnen zuhören würden? Jene, die Klopapier horten. Jene, die plündernd durch Stuttgart rennen. Jene, die mit Reichskriegsflaggen vor dem Parlamentsgebäude wedeln. Jene, die keinen Monat Single sein können. Jene, die für Likes blankziehen, ihr Gesicht per App oder OP komplett verändern. Jene, die als Z-Prominente aufgebaut werden und für Aufmerksamkeit alles mit sich machen lassen. Jene, die im Netz trollen, mobben, Morddrohungen verschicken. Jene, die Gaffer-Videos veröffentlichen. Jene, die absolut jedem helfen wollen, Jene, die Reifen an Krankenwagen zerstechen und Sanitäter, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, Zugbegleiter, Schiedsrichter usw. angreifen. Jene, die Verschwörungsmythen verbreiten. Jene, deren Leben nur aus Arbeit besteht. Jene, die als Influencer dafür werben, man solle zu seinem Ich stehen und die mit 19 die dritte Schönheits-OP hinter sich haben.
    Wir schütteln über sie alle die Köpfe, sprechen von der Spaltung der Gesellschaft – und sehen nicht: Das Verbindende.

    Ich bin doch nicht so wie die!

    Und wir merken nicht, dass wir selbst zu ihnen gehören. Was würde passieren, wenn man an diesem Tisch keine Gespräche über politische Ansichten oder schräges Verhalten zulassen würde, sondern nur Erzählungen aus der Kindheit?

    Plötzlich würde unbegreifliches Verhalten zu verstehen sein und hinter der vermeintlichen Spaltung käme etwas sehr Verbindendes ans Licht: Kinder wachsen mit Vernachlässigung, Demütigung, Gewalt, Missbrauch auf. Oder sie werden im goldenen Käfig groß, ohne Leitplanken. Oder die Eltern leben vor, dass man nur jemand ist, wenn man bis zum Umfallen arbeitet, Einfluss hat.

    Das Ego, der Selbstwert ist durch all das entweder nie gewachsen oder wurde narzisstisch grandios. Sucht, andere psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen sind die Folge und sowohl in Plattenbau, Reihenhaus und Villa zu finden. Auf Umwegen versuchen wir, unser Ego nachträglich aufzubauen: durch Aufmerksamkeit als Prominenter, Influencer, über Likes, egal ob mit der eigenen nackten Haut oder Bildern von blutübertrömten Unfallopfern, über ständig neue Beziehungen, über Lautstärke, über Macht, über Einfluss, über Geld, … Auf irgendeine Weise müssen wir unseren Wert, den wir uns selbst zugestehen, erhöhen.

    Oder wir werten unser Ego auf, indem wir andere abwerten: Ausländer, Deutsche, Juden, Muslime, Christen, Politiker, Journalisten, Schwule, Frauen, Blondinen, Schwarze, Weiße, Gutmenschen, Schlechtmenschen, Millionäre, Bürgergeld-Empfänger, Wissenschaftler, Aluhutträger, Radfahrer, Autofahrer, Schalke-, Dortmund- oder Bayernfans, Gen Z, alte, weiße Männer … Dieses pauschale Abwerten bekommt den Namen: Hass.

    Die Moral der Geschichten

    Wen wir an dem Tisch mit all den scheinbar sehr unterschiedlichen Menschen zuhören würden, wäre klar: Aus Opfern werden Täter. Täter an anderen und/oder an sich selbst. Wer keine Täter will, muss neue Opfer verhindern. Wer dafür sorgt, dass Kinder mit ehrlicher Zuneigung durch die Eltern aufwachsen, braucht später weder ein Hashtag #DeineStimmeGegenHass noch Kampagnen wie „Keine Macht den Drogen“.

    Kein Hexenwerk

    Es geht (fast) IMMER um unser Ego, um unseren Selbstwert. Was immer wir machen, soll unseren Selbstwert wachsen lassen. Wir helfen anderen nicht aus Nächstenliebe, sondern weil wir uns dabei selbst besser fühlen, unser Ego aufwerten. Auch ich hätte dies alles hier nicht geschrieben, wenn mein Unterbewusstsein nicht viel Beifall erwarten würde. (Wobei es auch sagt: „Sei nicht enttäuscht, wenn du auf die Nase fällst.“)

    Wir bringen niemanden zum Lachen aus Selbstlosigkeit, weder den Menschen an unserer Seite noch Tausende Leute in einem Stadion, sondern weil wir das Lachen als Schulterklopfer empfinden für unser Ego. Das verbindet Dieter Nuhr mit Mario Barth und Oliver Pocher und Lisa Eckhart und und und. Genauso wenig singen Künstler, damit sich andere unterhalten fühlen, sondern weil der Beifall das Ego streichelt. Finde einen Künstler, der nicht mit seiner Kindheit hadert.
    Und wir hassen nicht einfach so, sondern weil wir unser Ego aufwerten wollen.

    Willkommen im Narzisstischen Zeitalter

    Das Erniedrigen anderer gehört zu den Merkmalen der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

    Narzissten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

    Und nun eine kleine Veränderung: Populisten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

    Aber wir schweigen

    Nicht einmal in der ersten Amtszeit von Donald Trump haben wir angefangen, über diese Persönlichkeitsstörung und deren Folgen im großen Umfang zu reden. Stattdessen erfanden Medien Worte wie „Trumpismus“, als wäre sein Verhalten einzigartig. Aber Narzissten regieren in viel mehr Ländern und in vielen Wohnzimmern.

    Narzissmus als Störung ist nur eine mögliche Folge von falscher Zuneigung der Eltern. Eine andere ist Infantilität: „Erwachsene“ verhalten sich im Zwischenmenschlichen wie Kinder. Sie können es nicht ertragen, im Unrecht zu sein, mit ihnen kann man einfach nicht diskutieren, genauso wenig wie mit Histrionikern. Was das ist? In meinem Buch gibt es ein Beispiel.

    Aber genauso wirken sich Angststörungen und Manien auf das Miteinander aus. Auch sie spielen sich nicht nur in den vier Wänden der Erkrankten ab. Wer Klopapier hortende Menschen in der Pandemie pauschal als durchgeknallte Egoisten abgetan hat, sollte im Hinterkopf haben: Knapp 10 Mio. Deutsche werden in der Statistik über psychische Erkrankungen unter „Angststörungen“ aufgeführt .(Quelle) Die Gelegenheiten, über psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen zu reden, wären also immer da, ob durch unsere Kinder, durch Präsidenten, durch Elon Musk, Kanye West oder leere Supermarktregale – oder uns selbst.

    Blick hinter die Gardinen

    Wer hinter die Gardinen der Familien schaut, wird feststellen: Gesundes Selbstbewusstsein ist so rar wie Klopapier und Trockenhefe in den Hoch-Zeiten von Corona. Solange dies so bleibt, wird sich nichts zum Besseren wenden können, auch nicht mit dem ausgeklügeltsten Hashtag der Welt. Wer die scheinbare Spaltung zwischen Rechts & Links und Arm & Reich überwinden will, muss für stabile Egos sorgen und Brücken hin zu geistiger Gesundheit bauen. Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen betreffen nicht zwei, drei Menschen aus bildungsfernen Randgruppen exklusiv, sondern Millionen in Plattenbau, Reihenhaus und Villa. Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, wird sie sich wiederholen, im Großen wie im Kleinen.

    Hass lässt sich nicht mit Appellen an die Vernunft Erwachsener in den Griff bekommen, sondern indem Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein durch ihre Eltern mit auf den Weg gegeben wird. Dies wird sich nicht in wenigen Jahren umsetzen lassen, denn dafür müssen die Eltern selbst ein stabiles Ego haben. Es wird sich über Generationen ziehen. Ja, wir sind nicht gerade Experten darin, auf lange Sicht zu denken. Und ja, wir können auch weitermachen wie bisher: uns anschreien, dann verzieht sich jeder in sein Zimmer und knallt die Tür zu. Wenn das der Sinn des Lebens sein soll, dann Gute Nacht.

    Wir könnten aber auch mit etwas völlig Neuem beginnen: zuhören.

    PS

    Mit ruhig vorgetragenen Argumenten bekommt man weniger Aufmerksamkeit als mit verbalen Rundumschlägen. Deshalb gibt es eine „Kommt endlich aus dem Arsch“-Version dieses Artikels. Der Text mag lang gewesen sein, dennoch kratzt er nur mit einer Nadelspitze auf dem Lack. Die dicke Schleifmaschine namens „Verrückt – ein Aufschrei“ bietet den Einblick, den es dringend braucht.

    Quellen

    • https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/154e18a8cebe41667ae22665162be21ad726e8b8/Factsheet_Psychiatrie.pdf
    • https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/drogensucht-die-wahre-ursache-von-sucht-geht-auf-diese-6-erlebnisse-aus-der-kindheit-zurueck_id_9162061.html
    • https://www.instagram.com/p/B8dnPC-I5ss/
    • https://www.barmer.de/blob/144354/4b9c44d83dc8e307aef527d981a4beeb/data/dl-pressemappe-barmer-arztreport2018.pdf Seite 14
    • https://web.de/magazine/panorama/psychische-probleme-reality-tv-suizid-bringt-quote-34459074
    • https://www.deutsche-depressionshilfe.de/forschungszentrum/deutschland-barometer-depression

    Den Blick hinter die Gardinen mit 80 weiteren Biografiesplittern gibt es in meinem Buch:

    In 18 Stunden verstehst Du diese irre Welt.

    Wer Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten, hinter die Fassade schauen: Warum heiraten wir? Sind Frauen von Natur aus gute Mütter? Was erlebt man bei der Partnersuche? Wem verdanken Elon Musk und Kanye West ihre Erfolge? Was treibt andere Prominente an – und was ist dein eigener Antrieb? Fallen psychische Erkrankungen vom Himmel? Warum steht jemand 5 Stunden unter der Dusche? Wieso glaubt Käpt´n Crazy, die Chinesen würden kommen? Sind Krankenhäuser tatsächlich Hurenhäuser? Warum verheimlicht eine 50-Jährige, dass ihr Vater soff?

    Mit den Antworten auf diese Fragen wird unerklärliches Verhalten entzaubert. Kein Hashtag, kein Gendern und keine Kampagne wird diese Welt retten können. Erst wenn wir einsehen, wie wir ticken, kann sich etwas verändern. Komm mit auf eine Reise, die Dich verändern wird!

    Das Buch gibt es bei bod.de, bei Amazon, genauso bei allen anderen Onlinehändlern. Du kannst aber auch beim Buchhändler um die Ecke danach fragen. Die ISBN: 9783 7557 0721 9. (Da sich bisher kein Verlag interessiert hat, werden keine Exemplare zum Mitnehmen rumliegen, deshalb bitte vorerst direkt im Laden bestellen.)

    Noch viel mehr Lesestoff zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ findest Du hier:

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Du & ich

    Du & ich

    Mal angenommen, es gibt tatsächlich unendlich viele Paralleluniversen, in denen du und ich, so wie wir heute sind, existieren. Unendlich bedeutet, dass alles, was wir uns vorstellen können, möglich ist, so unwahrscheinlich es uns erscheint. In einem Universum regieren wir gemeinsam die Welt, in einem anderen leben wir auf einer einsamen Insel. In einem sind wir gerade am Südpol angekommen, in einem anderen stehen wir auf dem Mount Everest. In einem schwimmen wir gerade in einem See, in einem anderen bauen wir uns ein Haus an diesem See. In einem liegen wir gerade lachend im Schnee, in einem anderen lehnt dein Kopf an meinem. In einem bist du Papst und ich dein Leibwächter, in einem anderen sind die Rollen vertauscht. In einem schlägst du gerade genervt die Tür zu, in einem anderen begegnen wir uns in dieser Sekunde zum ersten Mal. In einem rauben wir erfolglos eine Bank aus, in einem anderen sitzen wir Hand in Hand auf einer Bank. In einem höre ich dich gerade nebenan weinen, in einem anderen trockne ich deine Tränen. In einem schubst du mich von der Klippe, in einem anderen fängst du mich beim Stolpern auf.

    Und ich bin ausgerechnet in dem Universum gelandet, wo wir nichts gemeinsam machen.

    Weitere Tagebuchseiten, in die Du gern reinschauen darfst:

    • Brief an Dich

      Du trägst mich auf deinen Schultern durch gute und schlechte Zeiten. Wir haben keine Liebesbeziehung, sind eine Zweckgemeinschaft mit gewissen Vorzügen.

    • Ein Witz

      In mitten des Ozeans sinkt nach heftigen Stürmen ein Boot ganz langsam. Der Mann darin ist erschöpft, er bekommt den Kahn einfach nicht mehr leer, so sehr er sich bemüht. Ein zweites Boot nähert sich, der Mann schöpft Hoffnung – Rettung in Sicht nach langer Zeit. Der andere Mann kommt immer näher, grüßt kurz, schaut: […]

    • Der Stein vor mir.

      Vor mir liegt ein Stein. Kein kleiner Kiesel. Er lässt mich nicht vorwärts kommen – oder schützt er mich?

    • Mein liebes Leben

      Wir hatten es selten leicht miteinander, du und ich. Von Liebesbeziehung konnte kaum die Rede sein, mein liebes Leben.

    • Hör auf mit dem Scheiß

      Wenn dein Ego nie wachsen konnte, ist es dir eben egal, wie ehrlich ein „Ich liebe dich“ ist. Hauptsache, du bekommst es zu hören.

    • Von Worten und Narben

      „Die langen Ärmel ihrer Bluse rutschten nach unten, als sie in ihrer Freude die Hände noch oben riss.
      Er sah ihre Narben am Handgelenk …“ – Wie geht es wohl weiter?

    • Mein Beileid (für die Angehörigen)

      „Wie konnte sie nur? Ja, ihr ging es dreckig, aber was sollten wir denn machen? Mein tiefempfundenes Beileid. Sag´ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Jetzt muss ich erstmal los.“

    • Lady in Red

      Im dunklen Wasser des kleinen Sees versinken Nachtgedanken, heißt es. Doch aus ihm können auch zauberhafte Wesen steigen.

    • Ich bin tot.

      Ich hab´s geschafft: Ich bin tot. Endlich kann ich machen, was mir Freude am Leben gibt.

    Du brauchst ein offenes Ohr?

    Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies wohl meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Zu Deinem 5. Todestag

    Zu Deinem 5. Todestag

    Ich bin mit Ulli hier.

    Ich laufe mit Ulli durch ein großes Gebäude. An nichts ist zu erkennen, was das für ein Bau ist, für mich fühlt es sich nach einer Klinik an. Wir gehen zu einem Fahrstuhl, locker-leicht, fahren eine Etage nach oben, steigen aus. Unser Ziel scheint eine Gruppentherapie zu sein, aber auch das fühlt sich recht ungewiss an. Ulli sieht in einem Nebengang Kinderspielzeug. Ausgelassen springt und läuft er in diese Richtung, so wie er zu Schulzeiten hin und wieder aus seinem Ernst ausgebrochen war. Ich gehe schmunzelnd weiter, freue mich, wie kindlich-unbeschwert er ist. Mir geht durch den Kopf: „Ich bin mit Ulli hier.“

    Doch so, wie ich mich von ihm Schritt für Schritt entferne, schlägt der Gedanke um: „Ulli ist tot! Er ist nicht hier. Aber ich bin mit ihm hier, mit seiner Geschichte.“ Tränen setzen sich in Bewegung.

    Ich werde leicht wach, die Tränen laufen auch in der Realität über meine Wangen. Obwohl ich eher schlafe als wach bin, nimmt mich dieser Traum mit.

    Als ich am Morgen auf dem Klo sitze und an den Traum denke, kommen sofort wieder die Tränen, beim Gedanken: „Ich bin mit seiner Geschichte hier.“ Der Satz klingt kitschig und furchtbar treffend zugleich.

    Warum bin ich hier?

    Dieses Hier ist tatsächlich eine psychosomatische Klinik. Hier soll herausgefunden werden, warum mein Körper seit 6 Jahren zu immer weniger zu gebrauchen ist. An Wanderungen 6-8 km täglich wie noch 6 Jahre zuvor ist jetzt überhaupt nicht mehr zu denken, selbst ein halber Kilometer aller zwei Tage lässt meine Muskeln erschöpfen wie nach einem langen Marsch. Genauso schnell erschöpfen die Arme, fühlen sich nach dem Pinseln einer kleinen Fläche an, als hätte ich reichlich Gewichte gestemmt.

    „Was der Kopf nicht verarbeiten kann, muss der Körper ausbaden.“ So sagt es mir meine Psychologin. Messbares werde man wohl nicht finden. Zu viel erlebt, zu viel gehört, zu viel an negativen Gefühlen, Emotionen. Zu viel Trauer, zu viel Enttäuschung, zu viel Hilflosigkeit, zu viel Ungerechtigkeitsempfinden. Und von all diesen Gefühlen zu viele weggedrückt, was viel Energie verbraucht.

    In den 10 Jahren zuvor hatte ich viel zugehört und fühlte mich robust, das alles wegstecken zu können. Dutzende Geschichten von kaputten Kindheiten, die in psychische Erkrankungen führten. Es schien keinen Menschen zu geben ohne Depressionen, bipolare Störung, Selbstverletzungen, Suizidgedanken, narzisstischer Persönlichkeitsstörung, Angststörungen, Zwangsstörungen …

    Dir scheint die Sonne aus dem Hintern

    Nur bei Dir, Ulli, war alles anders. Dachte ich. 2018 sah ich Dich im Freibad. Mit muskelbepacktem Körper stiegst Du aus dem Wasser, mit gewinnendem Lächeln wie David Hasselhoff in „Baywatch“. Ich hab Dich beneidet: Als Chirurg hattest Du einen guten Job, dank dem Du Dir sicher keine finanziellen Sorgen machen brauchtest, Du hattest Familie und diesen Body. Dir stand die Welt offen. Wenn es einer aus unserer Klasse auf die Sonnenseite des Lebens geschafft hatte, dann ganz sicher Du. Aber klar, Du kamst aus einem Elternhaus mit Chirurg und Lehrerin, also gute Startbedingungen. Dachte ich.

    Zwei Jahre später hieß es im Dorfklatsch, Du seist tot, Suizid auf dem Gelände vom Freibad. Du, der doch auf der Sonnenseite warst. Auch wenn der Buschfunk teils wild danebenliegt – irgendwann war Dein Tod Tatsache. Ich habs nicht verstanden. Suizide haben eine lange Vorgeschichte, das war mir durch das Zuhören bei vielen Geschichten klar. Aber was soll bei Dir schon schiefgelaufen sein?!

    Ich fragte mich, warum Du mit Mitte 40 immer noch Wert gelegt hast auf diesen durchtrainierten Körper. Brauchtest Du ihn für Dein Ego? Es kostet gerade mit zunehmendem Alter viel Energie und Zeit, um so auszusehen, also muss es einen Grund gegeben haben. Wenn wir unseren Körper aufpeppen, ob durch Muskeln, Tattoos, OPs, Klamotten oder anderweitig, liegt so gut wie immer der Selbstwert im Argen. Aber Du warst doch auf der Sonnenseite?!

    Glauben heißt nicht Wissen

    Deine Schwester erzählte mir von eurer Kindheit – und da fand sich kein Fünkchen Sonnenseite. Gewalt, Manipulation, Leben unter zwei narzisstischen Elternteilen. Dein Suizid war Deine erste freie Entscheidung, so schrieb sie mir. Mit Bodybuilding hast Du als Teenager angefangen, um eine Chance gegen die Gewalt Deines Vaters zu haben. In der Zeit drückten wir die Schulbank, ich hielt Dein Fitnessprogramm damals einfach nur für „Das ist halt ein echter Kerl“.

    Auf Deinen Tod hab ich fassungslos reagiert, aber ohne Tränen. Das Jahr zuvor hatte mich in einen gefühlsmäßigen Sarkophag gesteckt, eine Serie von fünf dicken Einschlägen war zu viel für meinen Kopf. Trauer, Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit – alles wurde immer wieder getriggert. Fünf Monate nach Dir starb mein Onkel. Bei der Beisetzung fühlte ich mich völlig deplatziert. Während alle um mich herum tief bewegt waren, lief ich herum mit dem Gedanken: „Tja, so ist das Leben.“

    Mein Sarkophag bricht auf

    „Ulli ist tot! Er ist nicht hier!“ – Dieser Traum riss den Sarkophag für eine kurze Zeit auf, drei Jahre nach Deinem Tod. Am Tag nach dem Traum brauchte ich nur an diese beiden Sätze denken und sofort regten sich die Gefühle. „Ich bin mit seiner Geschichte hier.“ Als ich in der realen Gruppentherapie von dem Traum erzählte, waren die Tränen schnell wieder da.

    Deine Schwester hatte zu der Zeit schon so einige Gruppen- und Einzelsitzungen hinter sich. Sie konnte Deine Geschichte nicht von sich aus in ihrer Gruppe erzählen. Das, was sie mir über euch geschrieben hatte, hatte ich in ein Kapitel meines Buches über die Entstehung von psychischen Erkrankungen gepackt. Durch das Vorlesen dieses Kapitel konnte sie doch noch das erzählen, was in euren Kinderzimmern passiert war.

    Nichts gelernt

    Seit Deinem Tod sind nun fünf Jahr vergangen. In fünf Jahren Schule haben wir eine Menge gelernt, Schreiben, Rechnen. Wenn ich an Deinem Grab stehe, wenige Meter entfernt von der Friedhofskapelle, sage ich Dir: „Wir haben nichts aus Deinem Tod gelernt.“ Rein gar nichts. Keiner fragt, wie Dein Tod hätte verhindert werden können. Du hattest halt irgendwelche Probleme mit Dir selbst.

    In einer Gruppentherapiesitzung hatte ich gesagt, dass werdende Eltern ab dem Zeitpunkt der Feststellung einer Schwangerschaft psychologisch betreut werden sollten bis das Kind 16 oder 18 ist. Die Mitpatienten waren alle in der Klinik, weil sie als Kind auf irgendeine Weise von ihren Eltern verletzt wurden; Gewalt, Vernachlässigung, „Er war nicht da“. Um die Kindheit und um die Eltern drehte sich praktisch alles. Sie alle wussten also, an welchem Ort Depressionen, Selbstzweifel usw. geboren werden, all die Dinge, die ihnen das Leben schwer bis nicht lebenswert machen. Die Reaktionen auf meinen Lösungsvorschlag: Entsetzen. Offenbar hat jede Generation aufs Neue das Recht, die eigenen Verletzungen aus der Kindheit eigenen Kindern zu vererben.

    Unsere Väter regieren die Welt

    Klar, Narzissmus gilt als schwer bis nicht „heilbar“. Auch wenn eure Eltern von Psychologen über viele Jahre unter die Lupe genommen worden wären und es Therapieversuche gegeben hätte, hättet ihr wohl Narben abbekommen. Narzissten machen keine Fehler, da wären sich unsere Väter wohl sehr nah gewesen. Auch beim abwertenden Umgang mit Frauen und den eigenen Kindern hätten sie sich bestens verstanden. Empathie war für beide ein völliges Fremdwort. Sie haben beide ihre Vorgeschichte. Die Verletzungen in der Kindheit meines Vaters kenne ich in Umrissen, bei euren Eltern wird es ebenfalls eine Vorgeschichte geben. Ziel sollte es sein, von Generation zu Generation weniger Narben zu vererben. Aber wir machen nichts. Rein gar nichts.

    Stattdessen bekommen Kopien unserer Väter viel Beifall. Männer, die von jeglicher Empathie befreit sind, niemals eigene Fehlern sehen und despotisch herrschen, übernehmen immer mehr die Macht in dieser Welt. Und Frauen, bei denen es ebenfalls enorm nach starkem Narzissmus riecht, machen tatkräftig mit. Ich beneide Dich, dass Du Dir das nicht mehr antun brauchst. Ich weiß nicht, ob es Dich bewusst oder unterbewusst so triggern würde wie mich. Stell Dir vor, 50% der US-Bevölkerung hätten einen unserer Väter zum Präsidenten gewählt, freiwillig. Wir hätten ihnen sagen können, dass diese Männer Gift sind, was sie alles angerichtet haben – die 50% hätten in ihnen trotzdem kein Problem gesehen, sie als Macher gefeiert, in ihnen Problemlöser gesehen und nicht Menschen, denen es einzig und allein um sich selbst geht.

    Babys sind die Lösung meiner Probleme

    Dieses Augen öffnen funktioniert auch nicht innerhalb meiner Familie. Wieder werden Kinder in toxischen Beziehungen gezeugt. „Jetzt bin ich dran, glücklich zu werden! Ich hab aus meiner Kindheit gelernt und mache bestimmt nicht die gleichen Fehler.“ Ich sehe in meiner Familie keinerlei Willen, sich überhaupt mit dem Thema zu befassen. Schließlich sind da die kleinen Püppchen, mit denen man spielen kann. „Endlich ist da die Tochter, die ich nie hatte.“ Verdrängung, Unwissenheit, Lernunfähigkeit.

    In unserer Kindheit gab es die Bezeichnung „toxische Beziehung“ noch lange nicht, aber wir sind das Ergebnis eben solcher. Wir wissen, was das mit Kindern macht, wie kalt es sich anfühlt, wie es sich auf das ganze Leben auswirkt, wie es einen kaputtmachen kann.

    Aber Du weißt ja selbst, auf welche Weise Frauen sich ihren Kinderwunsch erfüllen. Du wolltest nie Kinder, weil Du davon ausgegangen bist, angesichts Deiner Kindheit kein guter Vater werden zu können. Hinterlassen hast Du drei Halbwaisen. Sie tragen nun die neuen Narben durch Deine Abwesenheit. Und sie tragen Narben durch ihre Mütter, die heimlich die Pille abgesetzt haben oder die Dich auf andere Weise zum Vater machten. Klar, Du hättest einfach nur die Finger oder andere Körperteile von ihnen lassen brauchen, Du hättest einfach nur vernünftig sein müssen. Das würden Dir eine Menge Menschen sagen, die selbst die unvernünftigsten Dinge machen und nichts aus ihrer eigenen Geschichte gelernt haben. Dass Du vielleicht einfach nur die Leichtigkeit des Seins gesucht hast nach dieser tonnenschweren Kindheit – egal.

    Der Schutz des Lebens

    Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention rät zum vorsichtigen Umgang mit dem Thema Suizid: „So wichtig der Investigativ-Journalismus ist, der Schutz von Leben hat stets Vorrang vor einer umfassenden, alle Fakten und Facetten beschreibenden Berichterstattung.“

    Das erinnert mich an Sätze am Anfang der Corona-Pandemie. Da hieß es immer wieder von Politikern: „Nichts ist so wichtig wie die Gesundheit der Menschen.“ So wie mit psychisch Erkrankten umgegangen wird, empfinde ich den Satz immer wieder als Höchstmaß des Zynismus.

    In der Klinik lernte ich Meggie kennen. Seit wenigen Wochen ist sie wieder stationär, wegen akuter Suizidgedanken. Der Umgang mit ihr in der Klinik ist recht unterschiedlich. „Der Schutz von Leben hat stets Vorrang“ scheint nicht von allen so geteilt zu werden. Ich sehe kein übermäßiges Interesse, dass sie noch lange unter den Lebenden bleibt. Würde sie es Dir gleichtun, dann wäre es halt so. Man kann ja nicht alle retten.

    Nein, wir haben nichts gelernt und ich sehe auch keinen Willen, die Kurve zu kriegen. Dadurch ist es für mich sehr schwer, meinem Buch mit eurer und meiner Geschichte und denen vieler anderer doch noch Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auch wenn ich mir meiner Sache extrem sicher bin – sonst hätte ich es nicht veröffentlicht: Ich habe Angst vor dem Abwinken, vor „So schlimm ist das ja nicht“, vor dem Verdrängen, vor „Erziehung ist Privatsache, da hat sich der Staat rauszuhalten.“

    Es ist aber keine Privatsache. Die Rettungskräfte, die Dich gefunden haben, werden die Bilder wohl noch immer vor Augen haben, wenn auch inzwischen verschwommener. Deine Kinder werden auf irgendeine Weise zu Tätern an sich selbst und/oder an anderen werden und ihre Narben weiterreichen. Nur wenn sie auf einer einsamen Insel, jedes für sich, aufwachsen würden, wäre es Privatsache. Deine Schwester wird weiter mit den Narben ihrer Kindheit zu kämpfen haben, genauso mit den Narben, die mit Deinem Tod entstanden sind.

    Ich möchte nur die Welt retten

    Also bleibt mein Plan trotz aller Befürchtungen: Ich werde per Crowdfunding Geld für Werbung sammeln, um dem Buch Aufmerksamkeit zu verschaffen und vielleicht doch etwas in Bewegung zu setzen, die Lernbehinderung zu beenden. Wenn ich an Deinem Grab stehe, ist der Kampfgeist deutlich größer als wenn ich am Computer sitze und die Aktion starten könnte. Vielleicht finde ich Menschen, die mir Arme und Beine stärken. Die müssen nicht so muskulös sein wie Deine. Irgendwo sitzt gerade sicher wieder ein Teenager im Kraftraum, pumpt sich auf. Wieder werden andere glauben, er mache das nur, um zu posen. Wieder kann die wahre Geschichte dahinter eine ganz andere sein. Wieder kann die Geschichte eines Tages vorzeitig enden. Wieder würden Narben vererbt. Wieder würde ein Grabstein stehen. Wieder würde an dem Grab jemand stehen, voller Wut, Trauer, Ungerechtigkeitsempfinden, Hilflosigkeit. Wieder würde jemand all diese Gefühle unterdrücken müssen, um nicht die ganze Welt zusammenzuschreien, so dass die Ohren bluten.

    Falls Du jetzt in einem Paralleluniversum unbeschwert durch die Gegend läufst und springst und irgendwelche Fäden zu diesem Universum hier hast: Zieh bitte paar davon, um mich zu unterstützen. Falls das egozentrisch klingt: Meine Therapeutin sagte, ich soll mehr an mich selbst denken.

    Falls Du einfach nur Asche bist: Es hätte nicht sein müssen.

    Weitere Tagebuchseiten, in die Du gern reinschauen darfst:

    • Brief an Dich

      Du trägst mich auf deinen Schultern durch gute und schlechte Zeiten. Wir haben keine Liebesbeziehung, sind eine Zweckgemeinschaft mit gewissen Vorzügen.

    • Ein Witz

      In mitten des Ozeans sinkt nach heftigen Stürmen ein Boot ganz langsam. Der Mann darin ist erschöpft, er bekommt den Kahn einfach nicht mehr leer, so sehr er sich bemüht. Ein zweites Boot nähert sich, der Mann schöpft Hoffnung – Rettung in Sicht nach langer Zeit. Der andere Mann kommt immer näher, grüßt kurz, schaut: […]

    • Der Stein vor mir.

      Vor mir liegt ein Stein. Kein kleiner Kiesel. Er lässt mich nicht vorwärts kommen – oder schützt er mich?

    • Mein liebes Leben

      Wir hatten es selten leicht miteinander, du und ich. Von Liebesbeziehung konnte kaum die Rede sein, mein liebes Leben.

    • Hör auf mit dem Scheiß

      Wenn dein Ego nie wachsen konnte, ist es dir eben egal, wie ehrlich ein „Ich liebe dich“ ist. Hauptsache, du bekommst es zu hören.

    • Von Worten und Narben

      „Die langen Ärmel ihrer Bluse rutschten nach unten, als sie in ihrer Freude die Hände noch oben riss.
      Er sah ihre Narben am Handgelenk …“ – Wie geht es wohl weiter?

    • Mein Beileid (für die Angehörigen)

      „Wie konnte sie nur? Ja, ihr ging es dreckig, aber was sollten wir denn machen? Mein tiefempfundenes Beileid. Sag´ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Jetzt muss ich erstmal los.“

    • Lady in Red

      Im dunklen Wasser des kleinen Sees versinken Nachtgedanken, heißt es. Doch aus ihm können auch zauberhafte Wesen steigen.

    • Ich bin tot.

      Ich hab´s geschafft: Ich bin tot. Endlich kann ich machen, was mir Freude am Leben gibt.

    Du brauchst ein offenes Ohr?

    Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies wohl meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • „Was macht Dich denn bitte zum Experten?!“

    „Was macht Dich denn bitte zum Experten?!“

    Du bist Journalist, Blogger, Influencer oder hast auf anderen Wegen Reichweite, dank der Du mein Buch ins Blickfeld möglichst vieler Menschen rücken kannst? Oder überlegst Du, mich per Crowdfunding zu unterstützen? Aber Du bist Dir unsicher, was mich zu einer glaubhaften, seriösen Quelle macht? Fragst Du Dich, was mich zum Experten macht?

    Nichts. Ich habe keine Sekunde Psychologie oder ähnliches studiert, kein einziges Buch über psychische Erkrankungen oder Kindesentwicklung gelesen. Alles, was ich schreibe, sind Beobachtungen und Ergebnis von Zuhören. Aber hör bitte an der Stelle nicht gleich auf mit dem Lesen, ich fahre ein paar schwere Geschütze auf 🙂

    In der Schulzeit konnte ich nicht verstehen, wieso viele Mitschüler an Textaufgaben scheiterten. Man braucht doch einfach nur aus den entscheidenden Zahlen und Fakten eine Formel aufstellen und sie lösen?! Dafür war ich im Sport ein echter Grobmotoriker und wusste nicht, was ich beim Springen, Werfen und Rennen falsch mache.

    Mit dem IQ durch den Bürokratiedschungel

    Mit ca. 20 kaufte ich mir für 5 DM ein Buch bei Karstadt mit Intelligenztests, verfasst von einem Professor für Psychologie. Bei Test 1 landete ich bei einem IQ von 133, bei Test 2 war das Ergebnis 147. Wo genau mein IQ lag und was davon heute, 30 Jahre später, noch übrig ist, weiß ich nicht. Genutzt hat er mir nicht wirklich viel. Vielleicht konnte ich mich schneller durch all die Formalitäten schlagen, mit denen ich nach dem Schlaganfall meines Vaters 2019 zu kämpfen hatte. Für eine große Karriere hatte es auf jeden Fall nicht im Ansatz gereicht. IQ-Tests sind darauf ausgelegt, Muster schnell zu erkennen. Was in der Mathematik funktioniert, kann bei Menschen genauso klappen.

    Bin nicht sexy, aber emotional intelligent

    In einem Partnersuch-Portal sollte ich die Frage beantworten, was ich unter „emotionaler Intelligenz“ verstehe. Meine erste Reaktion war: „Wow, da hat sich ja mal wieder jemand ein supertolles Wort einfallen lassen, was ganz schlau klingt.“ Für mich gehörte das in die Kategorie „Superfood“ für einen einfachen Apfel. Auch wenn ich „Mindset“ lese oder höre, muss ich meinen Augenbrauen zurufen, dass sie bitte unten bleiben sollen. Man kann sich mit der Verwendung solcher Wörter fix einen klugen Anstrich geben, aber oft erscheinen mir die auf solche Wörter folgenden Sätze als heiße Luft, die keinem Praxistest bestehen.

    Heute sehe ich „emotionale Intelligenz“ gelassener. Ja, vielleicht würde das einfache Wort Empathie schon völlig ausreichen. In meinem 5-DM-Intelligenztest-Buch gibt es neben den allgemeinen Tests auch je einen für Sprache, für Zahlenlogik und für räumlich-visuelle Vorstellung. Das heißt, es gibt auch sprachliche Intelligenz, zahlenlogische und räumlich-visuelle.

    Der Mensch, die lebendige Textaufgabe

    Und damit kann es ja auch emotionale Intelligenz geben: Wie gut und schnell (die Intelligenztests waren alle auf 20 Minuten beschränkt) kann ich das Gefühlsleben eines anderen Menschen verstehen? Gibt es ein Muster zu früheren Begegnungen? Das, was dir ein Mensch erzählt, kannst du auch als Textaufgabe sehen. Wenn du anfängst mit Mathe, stehen dir nur ein paar Zahlen zur Verfügung, dazu ein + und dann ein -. Damit kommst du nicht weit, du musst weiter Erfahrungen sammeln.

    Erzählt dir ein Mensch zum ersten Mal von Selbstverletzungen und du hattest vorher keine Erfahrungen damit, auch keine ganz eigenen, dann bleibt dir eigentlich nur, ihm zuzuhören, Erfahrung zu sammeln, Fragen zu stellen: Was macht das mit dir?

    Mir ging es so mit Sophie. Sie war knapp 18, als sie mich das erste Mal anschrieb. Uns trennten 35 Jahre. Anfangs dachte ich, jemand will mich in eine Falle locken. Für Sophie wurde ich zu einem Menschen, dem sie als so ziemlich einzigen vertrauen konnte. Ihre Eltern und ihr Bruder hatten dafür gesorgt, dass Sophie schon mit 12 sprungbereit war, um das Leben hinter sich zu lassen. Depressionen waren die Folge, wohl auch Borderline und die Selbstverletzungen. Mit 23 bekam sie einen Schlaganfall. Ob sie noch lebt, weiß ich nicht.

    Wenige Jahre später begegnete ich Meggie. Es dauerte nicht lange, bis sie mir von ihren Selbstverletzungen erzählte, obwohl sie diese ansonsten nur selten zum Thema macht aus Angst vor den Reaktionen. Ich erzählte Meggie von Sophie und auch von einer anderen Frau, die über ihre Selbstverletzungen gesagt hatten: „Sie zeigen mir, dass ich lebe“. Ich fragte Meggie, ob das bei ihr auch so ist. Sie bejahte. Ich konnte also durch meine Erfahrungen die Textaufgabe von Meggie besser lösen, dadurch konnte sie sich wieder besser von mir verstanden fühlen, weiteres Vertrauen gewinnen, was sehr erleichternd sein kann.

    Das Gegenteil von intelligent

    Emotional unintelligent wäre es gewesen, den Frauen zu sagen: „Was für ein Blödsinn, lass doch den Scheiß einfach sein!“ Dann hätte ich auch Menschen, die sich in ihren depressiven Phasen zurückziehen, sagen können: „Geh doch einfach unter Leute, dann bist du nicht mehr traurig!“ Oder ich hätte Menschen in manischen Phasen sagen können: „Du Idiot, dieses Lied im Radio ist doch nicht für dich geschrieben worden! Und die Chinesen kommen nicht morgen!“

    Meine Erfahrungen sagen aber: Das funktioniert so nicht. Ein Mensch mit Realitätsverlust kann nicht durch Faktenchecks in die Realität zurückgeholt werden. Die Hormonstörung in der Depression kann nicht mit „Geh doch mal unter Leute“ glattgebügelt werden. Und für jede Selbstverletzung gibt es eine Ursache, genauso wie für jede Sucht und auch gegen die kommt kein „Zigaretten gefährden aber deine Gesundheit!“ an.

    Ich Frauenversteher

    Eine Frau, Mitte 40, schrieb mir: „Danke, vor allem fürs Verstehen … Als mein Freund mich vorhin fragte, was los sei, hab ich es ihm nicht sagen können… Weil er mich nicht versteht. Nicht verstehen kann… Ich erreiche ihn mit meinen Worten und Gedanken gar nicht. Und du bringst es nach einmal Lesen auf den Punkt… So offen reden kann ich grad nur mit dir.“

    Wir waren zweimal zu Wanderungen unterwegs, ansonsten chatteten wir, ohne dass da irgendwelche Herzchen hin- und herflogen. Zum Zeitpunkt des Zitats kannten wir uns vielleicht zwei Jahre, mit ihrem Freund war sie deutlich länger zusammen. Warum fühlte sie sich von mir wesentlich besser verstanden als von ihm, obwohl er ihre Emotionen tagtäglich live studieren konnte inklusive Körpersprache? An dem Punkt macht „emotionale Intelligenz“ für mich Sinn – aber vielleicht ist es eben doch „einfach nur“ Empathie.

    Immer wieder fühlten sich Menschen von mir recht schnell verstanden, ob 18-jährig oder Ü70. Immer wieder vertrauten sie mir Dinge an, über die sie sonst schwer bis gar nicht mit anderen Menschen reden konnten. Offenbar mache ich beim Zuhören etwas richtig. Das, was ich an Fragen stelle und aus Erfahrung erkläre, scheint oft ins Schwarze zu treffen, was mein Gegenüber immer wieder so überrascht wie mich selbst.

    Theorie + Praxis = Logisch

    Ich stelle keine neuen Theorien auf, habe keine Studien durchgeführt, forsche nicht. Ich gebe einfach nur das wieder, was Menschen erzählen, was Psychologen, Neurologen, andere Ärzte und Forscher sagen. Wenn die Theorie mit der Praxis zusammenpasst, dann gebe ich es so wieder.

    Wenn der kanadische Arzt Gabor Maté die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschung zusammenfasst und dabei sagt, dass wohl jede Suchterkrankung durch Verletzungen und Traumata in der Kindheit entsteht und ich immer Suchterkrankte mit mehr oder weniger heftiger Kindheit begegne, dann ist die Lösung der Textaufgabe: Wenn du Sucht bekämpfen willst, musst du Kinder vor Verletzungen schützen. Die emotionale Intelligenz sagt mir: Wenn ich jemandem vorwerfen würde, an der Flasche oder der Nadel oder an exzessivem Sport oder Arbeit zu hängen, dann würde ich ihm vorwerfen, dass seine Eltern ihn nicht die Zuneigung geschenkt hatten, die ein Kind braucht.

    Wenn Psychologen bei jedem hilfesuchenden Erwachsenen in der Kindheit graben, um die Ursache des psychischen Ausnahmezustandes ausfindig zu machen, dann sagt mir die Logik: Jede psychische Erkrankung ist das Ergebnis von Verletzungen in der Kindheit. Wer die Erkrankungen bekämpfen will, muss Kindern das verletzungsfreie Aufwachsen ermöglichen.

    Wenn Psychologen sagen, dass 100% der psychisch Erkrankten Wut in sich tragen und ich etwas gegen Wut in der Gesellschaft unternehmen will, muss ich psychische Erkrankungen eindämmen, womit wir wieder beim verletzungsfreien Aufwachsen sind.

    Viele Probleme, eine Ursache?

    Wenn ich das Abwerten von Ausländern, von Gläubigen, von Blondinen, von Wissenschaftlern, Aluhutträgern, SUV-Fahrern, Fahrrad-Fahrern, Eliten, Bürgergeldempfängern, alten, weißen Männern, der Gen Z usw. immer bei Menschen sehe, die in ihrer Kindheit einiges mitmachen mussten und die als Erwachsene nicht wirklich mit sich klarkommen, dann kann ich versuchsweise Begriffe wie Ausländerfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus usw. weglassen und das Abwerten als einfachen Versuch ansehen, den nie gesund gewachsenen Selbstwert aufzuwerten. Warum ist der Selbstwert nie gesund gewachsen? In 99,9% der Fälle landet man wieder bei den Eltern. Warum konnten die Eltern den Selbstwert ihres Kindes nicht gesund entwickeln lassen? Erfahrung sagt: Weil sie selbst ohne diesen aufgewachsen waren. Lösung der Textaufgabe: Wer Hass bekämpfen will, muss Kindern ermöglichen, von ihren Eltern einen gesunden Selbstwert auf die Reise mitzubekommen.

    Warum sollten mir Journalisten & Co. zuhören?

    Um mein Buch in aller Munde zu bringen, soll über den Inhalt berichtet werden. Aber was gelten meine Worte, wenn unter den Artikel nicht geschrieben werden kann: „Sonnestrant hat Psychologie studiert, arbeitete lange als Psychotherapeut, später mit eigener Praxis, engagiert sich in der Suchtforschung und betreibt den Podcast „Lass Sonne in Dein Herz“?

    Meine Gegenfrage wäre: Was qualifiziert eine Frau als Expertin für Putins Krieg, die vier Tage vor dem offiziellen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine mit ihrer üblichen Art der Unfehlbarkeit erklärt hatte, dass Russland nie in die Ukraine einmarschieren werde? Warum darf diese Frau trotz ihrer völligen Fehleinschätzung regelmäßig bei Markus Lanz und in anderen Formaten Putin als rationalen Menschen einstufen, mit dem man ja nur auf Augenhöhe verhandeln bräuchte? Was macht sie zu einer Expertin, deren Worte mehr Gewicht haben als die vom Malermeister um die Ecke?

    Kam in ihrer Einschätzung Putins jemals das Wort „Narzisst“ vor? Hat sie jemals laut darüber nachgedacht, dass Narzissten nichts mit rationalem Denken zu tun haben, sondern es ihnen immer um Macht, Einfluss, Besitz, Aufmerksamkeit geht? Schickt ein rational denkender Mensch aus angeblicher Angst vor der NATO-Erweiterung vorsorglich hunderttausende seiner Landsleute in Tod und Verstümmelung? Kann man deshalb dessen Argument, er wolle ja nur die weitere Erweiterung verhindern, immer wieder als Kriegsgrund wiederholen? Oder sind einem solchen Menschen aus dem für Narzissten typischen Fehlen von Empathie Menschenleben egal, Hauptsache er schreibt für immer seinen Namen in die Geschichtsbücher neben andere große Eroberer? Eroberer, die am Ende alles wieder verloren hatten, was die von ihnen in den Tod geschickten Menschen eingenommen hatten?

    Und wieder grüßt das Murmeltier

    Es ist erschreckend, wie sich die Geschichte wiederholt: Hitler wollte sein Heimatland Österreich befreien und der notleidenden Bevölkerung zu Hilfe kommen – damit begründete er den Einmarsch ins Alpenland im März 1938. Mit einer Volksabstimmung ließ er rückwirkend die Annexion rechtfertigen. Hitler wollte auch die Verfolgung deutscher Landsleute in der Tschechoslowakei und Polen stoppen – das gab er als offizielle Gründe an für den Einmarsch in diese Nachbarländer.

    Putins anderer offizieller Kriegsgrund neben der angeblichen Angst vor der NATO-Erweiterung: den angeblichen Genozid an den in der Ukraine lebenden Russen stoppen. Mit Abstimmungen ließ er die Annexionen als „richtig gemacht“ besiegeln.

    Hitler ging es aber nicht um das Wohlergehen von Menschen. Wenn mir Menschenleben am Herzen liegen, dann schicke ich keine Soldaten in den möglichen Tod, sofern ich nicht selbst angegriffen werde. Hitler wollte erobern, die Pläne dafür lagen bereit und er wollte endlich loslegen. Warum sieht die Frau, die überall auftreten darf, Putin nicht in Hitlers Tradition: dem Eroberer? Warum glaubt sie an seine Verhandlungsbereitschaft? Was in seinem Wesen gibt ihr Anlass zu diesem Glauben?

    Vor allem der britische Regierungschef Chamberlain hatte mehrmals mit Hitler direkt gesprochen, in der Hoffnung, ein Krieg könne vermieden werden. Er wollte ihm entgegenkommen, Rüstungsabkommen schließen, deutsche Interessen in Mittel- und Südosteuropa anerkennen. Er unterzeichnete im September 1938 das Münchener Abkommen, was Deutschland berechtigte, das Sudentenland zu annektieren. Er tat dies im Glauben, einen weiteren Weltkrieg verhindern zu können. Und er schien sich sehr sicher, den Frieden in Europa gesichert zu haben.

    Ein halbes Jahr später, im März 1939, marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Prag hatte nichts mit dem Sudentenland zu tun. Chamberlain wurde nun klar, dass er Hitler auf den Leim gegangen war und er startete die Aufrüstung Großbritanniens. Mit Polen und anderen Staaten schloss er Verträge, die diesen Staaten Sicherheiten geben sollten, so wie die Ukraine 1994 im Budapester Memorandum Sicherheitsgarantien von Russland, den USA und wieder von Großbritannien bekam. Im Gegenzug gab die Ukraine die auf ihrem Gebiet stationierten Atomwaffen ab. Hätten die Ukrainer auch die Abschusscodes in den Händen gehabt, wären sie die drittstärkste Atommacht dieser Zeit gewesen.

    Hitler überfiel die Staaten trotz der Sicherheitsgarantien der Briten, Putin kackte auf das Abkommen von Budapest. Am Ende half gegen den Eroberer Hitler keine Beschwichtigung, sondern nur geballte militärische Stärke: Panzer, Schiffe, Flugzeuge, Bomben, Granaten, Gewehrkugeln, Millionen Soldaten. Briten und Amerikaner warfen in ihrer Wirtschaft alles in die Waagschale, was an Rüstung möglich war. 1943 bauten die USA u.a. 2654 Kriegsschiffe und 54100 Kampfflugzeuge. Hätten sie viel eher erkannt, was Hitler vorhat, wären die Opferzahlen wohl geringer ausgefallen und der hinterlassene Schutthaufen wäre kleiner gewesen.

    Und selbst als die Lage für Hitler längst aussichtslos war, alle gewonnenen Gebiete wieder verloren waren, das einstige Kernland zum Großteil von Briten, Franzosen, Russen und Amerikanern besetzt war, sagte der Eroberer nicht: „War ´ne dumme Idee, tut mir leid um die vielen Opfer.“ Nein, der Eroberer schickte Jugendliche und Alte an die Front. Erst mit seinem Suizid war der Weg frei für Frieden. Ergebnis: Millionen Tote für rein gar nichts. Die in diesen Jahren erlittenen Traumata haben sich vererbt auf die nächsten Generationen und wirken auch heute noch in unterschiedlichsten Varianten nach.

    Nazi oder Narzi?

    Die Lehre aus dieser Geschichte sollte sein: Ein Narzisst ist nicht mit Verhandlungen, Zugeständnissen, Respekt o.ä. zu stoppen, wenn er erobern will. Narzissten erkennen zielsicher die Schwächen ihres Gegenübers und können diese perfekt für ihre Zwecke nutzen. Hat das Gegenüber Angst vor einem militärischen Konflikt? Perfekt! Dann kann ich mir ein Land nach dem anderen holen und mich darauf verlassen, dass die andere Seite mir immer wieder nur sagen wird: „Damit ist es jetzt aber genug, sonst … Lass uns jetzt verhandeln.“

    Diktatoren sind praktisch immer Narzissten, so las ich es von einem Psychologen. Putin wurde von einem ehemaligen CIA-Psychologen als Narzisst eingestuft. Warum soll Putin anders ticken als Hitler? Weil wir nicht mehr 1939 haben, sondern 2025?

    Die Auswirkungen von Narzissmus werden immer die gleichen bleiben – genauso wie die Ursache: Verletzungen in der Kindheit, durch die sich kein gesunder Selbstwert aufbauen kann. Das ist bei Putin so, bei Trump ebenso, der von Dutzenden Psychologen als Narzisst eingestuft wurde. Hitlers Vater war ein Despot. Genauso sehe ich meinen eigenen Vater, der seinen Erzeuger nie kennengelernt hatte – auch hier spielte Hitler eine Rolle. Zuneigung war von meinem Vater nicht zu erwarten, genauso wenig wie Anerkennung. Entsprechend gering war mein Selbstwert jahrzehntelang. Ich hätte mich im Leben nicht mit einem Buch an die Öffentlichkeit gewagt, in der ich Dinge erkläre, die ich nicht studiert habe. Außer dem IQ hatte ich doch keine Stärken, so meine Wahrnehmung.

    Mein Glück war wohl, dass meine Mum gegensätzlich zu meinem Vater tickte, was Empathie und Mitgefühl angeht. Das half mir zwar nicht zu einem besseren Selbstbewusstsein, aber ich hatte nie das Bestreben, mich über andere stellen zu müssen, um mich aufzuwerten. Ich brauche keine anderen Länder erobern, um meinen Selbstwert zu steigern. Ich könnte nicht zehntausende Leben opfern, nur damit mein Name irgendwann auf einem Straßenschild in einer eroberten Hauptstadt steht.

    Wenn wir sagen :„Nie wieder Krieg!“, dann heißt das für mich: „Nie wieder Narzissten“ und das heißt: Nie wieder Kinder ohne gesunden Selbstwert aus den Kinderzimmern gehen lassen. DAS wäre für mich die richtige Lehre aus der Geschichte jedes Krieges und jedes Möchtegern-Diktators.

    Warum dieser Geschichtsausflug?

    Er soll Dir helfen, ein Gespür zu entwickeln. Vergleiche die Frau, die in jeder Polit-Talkshow gern gesehen ist und mich. Wir sind beide keine Experten für Kriege oder Menschen. Wessen Einschätzung ist für Dich nachvollziehbarer? Von wem würdest Du Dir in Zukunft eher den Wahnsinn in dieser Welt erklären lassen (ohne dass Du diese Erklärung dann für die einzig richtige halten brauchst)? Wenn diese Frau so viel Sendezeit bekommt, ohne Expertin zu sein, wäre es dann so verkehrt, wenn auch ich zu Wort kommen würde? Was ist mit all den anderen Politikern, die ebenfalls über die Dinge sprechen dürfen, bei denen ihnen eine fachliche Eignung fehlt?

    Was ist mit Dir los?

    Der Vorteil an dem, was ich schreibe: Du kannst Deinen ganz eigenen Faktencheck machen. Blättere Deine eigene Geschichte durch bis zum Anfang: Waren Deine Eltern für Dich da? Hast Du Zuneigung von beiden Elternteilen bekommen? Anerkennung, Liebe, Aufmerksamkeit?

    Wenn nicht: Auf welche Weise versuchst Du seit dem Verlassen Deines Kinderzimmers Anerkennung, Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit zu bekommen? Machen diese Versuche Dich glücklich oder stressen sie Dich? Versuchst Du weiterhin, ein nettes Wort Deiner Mutter oder Deines Vaters für Dein Dasein zu hören? Wie viel Aufwand betreibst Du dafür und tut Dir das gut?

    Wie sieht Dein Selbstwert aus? Von was ist er abhängig? Von Deinem Aussehen? Von Deinem Fleiß auf Arbeit? Deinem Besitz? Von der Aufmerksamkeit Deines Partners oder von der, die Du in sozialen Netzwerken bekommst? Hängt Dein Selbstwert davon ab, dass Du andere abwertest? Was würdest Du in Deinen eigenen Augen morgen wert sein, wenn Du aus irgendwelchen Gründen nur noch zu Hause sitzen könntest, ohne Aufmerksamkeit, Arbeit, Besitz, Aussehen, Einfluss, Macht? Wärst Du dennoch mit Dir zufrieden oder würden die alten Wunden beginnen zu bluten? Wie ehrlich kannst Du in all diesen Fragen zu Dir selbst sein? Was lässt Dich der blinde Fleck nicht sehen, den jeder Mensch hat?

    Wenn Du jetzt sehr nachdenklich auf den Bildschirm schaust, durch ihn hindurch, Du sehr still wirst, dann habe ich etwas in Dir bewegt, ohne Experte zu sein. Und darum geht es mir mit dem Buch: Etwas in Gang bringen. Ich stelle mich nicht hin und sage: „Alles ist richtig, was ich behaupte!“ Aber ich fühle mich mit dem Gesagten sehr dicht an der Realität, auch durch das positive Feedback jener Menschen, mit denen ich mich ganz privat unterhalten habe und nicht aus Recherche-Zwecken.

    Konnte ich Dich überzeugen? Dann nutze Deine Macht, Deinen Einfluss, Deine Aufmerksamkeit, Deinen Besitz gern dazu, mein Buch auf Bestseller-Listen zu bringen und es zum Thema auf allen Kanälen zu machen. Die Weltuntergangsuhr wurde Anfang 2025 von 90 auf 89 Sekunden vor 12 Uhr gestellt. Die eine Sekunde ist nicht zuletzt dem nächsten Narzissten in einer Machtposition zu verdanken, der mit Eroberungen droht. Eigentlich wäre es höchste Zeit, über die Folgen kaputter Kindheiten zu sprechen und etwas dagegenzusetzen. Eigentlich wäre es höchste Zeit, endlich aus der Geschichte zu lernen. Also packen wir es gemeinsam an!

    Noch viel mehr Lesestoff zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ findest Du hier:

    Du brauchst ein offenes Ohr?

    Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies wohl meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Die größte irgendwas aller irgendwas

    Die größte irgendwas aller irgendwas

    Es war einmal vor irgendeiner Zeit, als irgendeiner in irgendeinem Land irgendetwas suchte. Mit irgendwem machte er sich irgendwann auf die Reise. Zum Abschied küsste er irgendwen und sagte mit irgendwelchen Gefühlen irgendetwas.

    Irgendwie kamen sie zu irgendeinem Wald und hörten irgendwoher irgendetwas. Irgendeiner sagte zum anderen irgendetwas und sie machten irgendetwas. Irgendwann gelangten sie irgendwohin und in ihren Gesichtern zeigte sich irgendetwas.

    Irgendwann setzten sie ihre Reise fort, vorbei an irgendetwas. Irgendwer wedelte irgendwann irgendwo mit irgendetwas, doch irgendetwas sagte den beiden: „Irgendetwas stimmt dort nicht“ und so machten sie irgendetwas. Als irgendetwas unterging, suchten sie nach irgendetwas, wo sie schlafen konnten. In irgendeinem Schloss wehte irgendetwas durch irgendetwas, irgendwer schien irgendwo zu sein. Wegen irgendwelcher Gefühle konnten sie kaum schlafen und irgendwann, kurz nachdem irgendetwas aufgegangen war, liefen sie auf irgendetwas irgendwohin. Von irgendwo hoch oben konnten sie irgendwohin sehen, soweit irgendetwas reichte. Irgendetwas klopfte bei diesem Anblick irgendwie anders in ihnen, doch irgendwann nahmen sie Abschied.

    Irgendeine Zeit später passierte irgendetwas mit dem Begleiter von dem einem und so musste dieser allein weiterreisen. Irgendwie irgendwo irgendwann erblickte er eine irgendetwas, sie stellte sich ihm nicht vor. Doch irgendwie stand irgendetwas in ihm in irgendetwas: „Ich sah irgendwie noch nie ein solch irgendetwas irgendetwas.“

    Irgendwer errötete: „Ihr müsst irgendwie aus irgendetwas gereist sein, ich habe Euch bislang nirgendwo gesehen.“

    „Irgendetwas führte mich hierher und irgendwie glaube ich, dass es irgendetwas zu bedeuten hat.“

    „Irgendwie fühle ich irgendetwas irgendwo.“

    „Es geht mir irgendwie.“

    Beide schauten sich tief irgendwohin, traten näher zueinander und machten irgendetwas.

    „Nirgendwo nirgendwann habe ich so etwas je getan“, sagte irgendwer.

    „Auch für mich bedeutet dieser Moment irgendetwas. Irgendwann werden wir irgendwem irgendwo irgendetwas davon erzählen.“

    Und wenn mit ihnen nicht irgendetwas passiert ist, dann sind sie noch heute irgendwo.

    In 18 Stunden verstehst Du diese irre Welt.

    Wer Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten, hinter die Fassade schauen: Warum heiraten wir? Sind Frauen von Natur aus gute Mütter? Was erlebt man bei der Partnersuche? Wem verdanken Elon Musk und Kanye West ihre Erfolge? Was treibt andere Prominente an – und was ist dein eigener Antrieb? Fallen psychische Erkrankungen vom Himmel? Warum steht jemand 5 Stunden unter der Dusche? Wieso glaubt Käpt´n Crazy, die Chinesen würden kommen? Sind Krankenhäuser tatsächlich Hurenhäuser? Warum verheimlicht eine 50-Jährige, dass ihr Vater soff?

    Mit den Antworten auf diese Fragen wird unerklärliches Verhalten entzaubert. Kein Hashtag, kein Gendern und keine Kampagne wird diese Welt retten können. Erst wenn wir einsehen, wie wir ticken, kann sich etwas verändern. Komm mit auf eine Reise, die Dich verändern wird!

    Das Buch gibt es bei bod.de, bei Amazon, genauso bei allen anderen Onlinehändlern. Du kannst aber auch beim Buchhändler um die Ecke danach fragen. Die ISBN: 9783 7557 0721 9. (Da sich bisher kein Verlag interessiert hat, werden keine Exemplare zum Mitnehmen rumliegen, deshalb bitte vorerst direkt im Laden bestellen.)

    Weitere Tagebuchseiten, in die Du gern reinschauen darfst:

    • Brief an Dich

      Du trägst mich auf deinen Schultern durch gute und schlechte Zeiten. Wir haben keine Liebesbeziehung, sind eine Zweckgemeinschaft mit gewissen Vorzügen.

    • Ein Witz

      In mitten des Ozeans sinkt nach heftigen Stürmen ein Boot ganz langsam. Der Mann darin ist erschöpft, er bekommt den Kahn einfach nicht mehr leer, so sehr er sich bemüht. Ein zweites Boot nähert sich, der Mann schöpft Hoffnung – Rettung in Sicht nach langer Zeit. Der andere Mann kommt immer näher, grüßt kurz, schaut: […]

    • Der Stein vor mir.

      Vor mir liegt ein Stein. Kein kleiner Kiesel. Er lässt mich nicht vorwärts kommen – oder schützt er mich?

    • Mein liebes Leben

      Wir hatten es selten leicht miteinander, du und ich. Von Liebesbeziehung konnte kaum die Rede sein, mein liebes Leben.

    • Hör auf mit dem Scheiß

      Wenn dein Ego nie wachsen konnte, ist es dir eben egal, wie ehrlich ein „Ich liebe dich“ ist. Hauptsache, du bekommst es zu hören.

    • Von Worten und Narben

      „Die langen Ärmel ihrer Bluse rutschten nach unten, als sie in ihrer Freude die Hände noch oben riss.
      Er sah ihre Narben am Handgelenk …“ – Wie geht es wohl weiter?

    • Mein Beileid (für die Angehörigen)

      „Wie konnte sie nur? Ja, ihr ging es dreckig, aber was sollten wir denn machen? Mein tiefempfundenes Beileid. Sag´ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Jetzt muss ich erstmal los.“

    • Lady in Red

      Im dunklen Wasser des kleinen Sees versinken Nachtgedanken, heißt es. Doch aus ihm können auch zauberhafte Wesen steigen.

    • Ich bin tot.

      Ich hab´s geschafft: Ich bin tot. Endlich kann ich machen, was mir Freude am Leben gibt.

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Ich bin mit Ulli hier. Er ist tot.

    Ich bin mit Ulli hier. Er ist tot.

    Ich bin mit Ulli hier.

    Mit meinem ehemaligen Mitschüler Ulli laufe ich durch ein großes Gebäude. An nichts ist zu sehen, was das für ein Bau ist, für mich fühlt es sich nach einer Klinik an. Wir gehen zu einem Fahrstuhl, locker-leicht, fahren eine Etage nach oben. Unser Ziel scheint eine Gruppentherapie zu sein, aber auch das fühlt sich recht ungewiss an. Ulli sieht in einem Nebengang wohl Kinderspielzeug, ausgelassen springt und läuft er in diese Richtung, so wie er zu Schulzeiten hin und wieder aus seinem Ernst ausgebrochen war. Ich gehe schmunzelnd weiter, freue mich, wie unbeschwert er ist. Mir geht durch den Kopf: „Ich bin mit Ulli hier.“ Doch so, wie ich mich von ihm entferne, schlägt der Gedanke plötzlich um: „Ulli ist tot! Er ist nicht hier. Aber ich bin mit ihm hier, mit seiner Geschichte.“ Tränen setzen sich in Bewegung.

    Ich wachte leicht auf, die Tränen liefen auch in der Realität über meine Wangen. Obwohl ich eher schlief als wach war, nahm mich dieser Traum heftig mit.

    Als ich am Morgen auf dem Klo saß und an den Traum dachte, kamen wieder die Tränen, der Gedanke: „Ich bin mit seiner Geschichte hier.“ Der Satz klang kitschig und furchtbar treffend zugleich.

    Warum bin ich hier?

    Dieses Hier war eine psychosomatische Klinik. Hier sollte herausgefunden werden, warum mein Körper seit 6 Jahren zu immer weniger zu gebrauchen ist. An Wanderungen 6-8 km täglich wie noch 6 Jahre zuvor war jetzt überhaupt nicht mehr zu denken, selbst ein halber Kilometer aller zwei Tage ließ meine Muskeln erschöpfen wie nach einem langen Marsch. Für mich war klar, dass es eine greifbare Diagnose geben muss, an Blutwerten oder anderen Messwerten ablesbar.

    „Was der Kopf nicht verarbeiten kann, muss der Körper ausbaden.“ So sagte es mir meine Psychologin irgendwann. Messbares werde man wohl nicht finden. Zu viel erlebt, zu viel gehört, zu viel an negativen Gefühlen, Emotionen. Zu viel Trauer, zu viel Enttäuschung, zu viel Hilflosigkeit, zu viel Ungerechtigkeitsempfinden.

    In den 10 Jahren zuvor hatte ich viel zugehört und fühlte mich robust, das alles wegstecken zu können. Dutzende Geschichten von kaputten Kindheiten, die in psychische Erkrankungen führten. Es schien keinen Menschen zu geben ohne Depressionen, bipolare Störung, Selbstverletzungen, Suizidgedanken, narzisstischer Persönlichkeitsstörung, Angststörungen, Zwangsstörungen …

    Ulli scheint die Sonne aus dem Hintern

    Nur Ulli war anders. Dachte ich. 2018 sah ich ihn im Freibad. Mit muskelbepacktem Körper stieg er aus dem Wasser, mit gewinnendem Lächeln. Er war Chirurg, hatte Familie, war sicher finanziell gut abgesichert. Wenn es einer aus meiner Klasse auf die Sonnenseite des Lebens geschafft hatte, dann ganz sicher Ulli. Aber gut, er kam auch aus einem Elternhaus mit Chirurg und Lehrerin, als gute Startbedingungen.

    Zwei Jahre später nahm sich Ulli aus dem Leben. Seine Schwester erzählte mir von der Kindheit der beiden – weitab der Sonnenseite. Gewalt, Manipulation, Leben unter zwei narzisstischen Elternteilen. Ullis Suizid sei seine erste freie Entscheidung gewesen, so seine Schwester.

    Auf seinen Tod reagierte ich fassungslos, doch ohne Tränen. Das Jahr zuvor hatte mich in einen gefühlsmäßigen Sarkophag gesteckt, eine Serie von fünf dicken Einschlägen war zu viel für meinen Kopf. Trauer, Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit – alles wurde immer wieder getriggert. Fünf Monate nach Ulli starb mein Onkel. Bei der Beisetzung fühlte ich mich völlig deplatziert. Während alle um mich herum tief bewegt waren, lief ich herum mit dem Gedanken: „Tja, so ist das Leben.“

    Mein Sarkophag bricht auf

    Du kannst nicht dauerhaft trauern, hilflos sein, enttäuscht vom Leben, wütend auf den, der deine Biografie so verfasst hat und auf jene, die den gleichen Scheiß der vorherigen Generationen einfach wiederholen. Also schaltet der Kopf auf „Annahmeschluss“ um. Die Gefühle und Emotionen werden weggedrückt – der Körper muss es ausbaden, weil es viel Energie frisst, den Sarkophag zu tragen.

    „Ulli ist tot! Er ist nicht hier!“ – Dieser Traum ließ den Sarkophag brechen. An diesem Morgen brauchte ich nur an diese beiden Sätze denken und sofort regten sich die Gefühle.

    Im Traum war ich mit Ulli gefühlt auf dem Weg in die Gruppentherapie. In der Realität stand diese an diesem Morgen tatsächlich auf dem Plan. Am Anfang fragte die Psychotherapeutin jedes Mal: „Wie geht es Ihnen heute?“ Meist setzte danach lange Stille ein, trotz um die zehn Menschen im Raum. Ich zögerte sehr lange, ob ich von dem Traum erzählen sollte. Mir war klar, dass das Erzählen vor zehn Leuten nicht ohne Tränen ablaufen würde. Vor den Tränen hatte ich weniger Angst als vor einem möglichen starken Dammbruch. Als Vierter rang ich mich nach langer Stille im Raum durch.

    Ab dem Satz „Ich bin mit Ulli hier“ ging es nur noch unter Tränen weiter. Ja, ich war mit ihm hier und mit den Geschichten all der anderen. Was der Kopf nicht verarbeiten kann, muss der Körper ausbaden. Als ich am Abend aufschrieb, was der Tag so gebracht hatte, wurden die Augen bei diesem Satz wieder ordentlich feucht.

    Guckt hin! Hört zu!

    Beim Schreiben versuchte ich mir selbst zu erklären, warum mich dieser Satz so mitnahm. Ich hatte viele Geschichten über die Jahre gehört, die ähnlich zum Kopfschütteln waren wie die von Ulli. Doch ihn kannte ich und wir hätten uns als Kinder darüber unterhalten können, dass uns ein wenig angenehmes Elternhaus verbindet. Damals glaubte ich, uns trennen Welten. Bei Ulli war auch der Kontrast zwischen dem, was man bei ihm sah – „Der MUSS auf der Sonnenseite des Lebens sein“ – und dem, was man nicht sah, am Größten.

    All diese Geschichten hatten mich dazu gebracht, das Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ zu schreiben. In dieses Buch packte ich jene Gefühle, die ich abseits davon unter dem Sarkophag aus Beton eingepackt hatte: „Guckt doch hin! Hört zu! Dann wisst ihr, was in dieser Welt kaputt ist und repariert werden muss!“ Doch für das Buch fand sich kein Verlag. Und Ullis Tod veränderte nicht das Geringste. Kurz etwas Betroffenheit bei einigen Menschen und dann zurück zum Alltag. Keine Strafe für seine Eltern. Kein Lerneffekt für die nächsten Generationen. Selbst in meiner eigenen Familie werden neue Kinder in toxischen Beziehungen auf die Reise in Selbsthass, Depression, Selbstverletzung, Suizidgedanken geschickt. Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt, soll Gandhi gesagt haben.

    Recht aufs Kaputtmachen

    2014 hatte ich ein Foto von mir entdeckt, das mir ebenfalls Tränen in die Augen getrieben hatte. Auf dem Bild war ich vielleicht 4 Jahre alt, wirkte unbeschwert. Beim Betrachten dachte ich: „Wenn du wüsstest, was in den nächsten Jahren auf dich zukommt …“ Ich wollte dieses Kind beschützen, doch natürlich war es dafür zu spät. Genauso wenig kann ich heutige Kinder beschützen. In der ersten Gruppentherapie hatte ich gesagt, dass werdende Eltern ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwangerschaft feststeht, psychologisch betreut werden sollten: Gibt es Auffälligkeiten, die einem Kind schaden werden? Die Mitpatienten stöhnten entsetzt auf. Mitpatienten, die alle in der Klinik waren, weil mindestens ein Elternteil in der Kindheit es aufgrund der eigenen psychischen Schieflage an Anerkennung, Zuneigung, Liebe vermissen ließ. Mitpatienten, denen regelmäßig die Tränen kamen, wenn sie über die eigenen Eltern sprachen – wenn überhaupt. Offenbar hat jede Generation aufs Neue ein Recht, die nächste Generation kaputtzumachen. Klar, weil ICH es ja bei MEINEN Kindern viel besser mache! Da brauche ich keinen Psychologen, der mich überwacht! Aus Opfern werden Täter.

    Ulli ist tot. Er hat drei Kinder hinterlassen. Wer wird dafür sorgen, dass sie diesen Einschlag verkraften? Das regelt sich schon irgendwie, oder? Und wenn nicht, dann bleibt der Gang in die Klinik, wo sie sagen können: „Ich bin mit meinem Vater hier. Mein Vater ist tot.“

    Mehr zu Ullis Geschichte.

    Weitere Tagebuchseiten, in die Du gern reinschauen darfst:

    • Brief an Dich

      Du trägst mich auf deinen Schultern durch gute und schlechte Zeiten. Wir haben keine Liebesbeziehung, sind eine Zweckgemeinschaft mit gewissen Vorzügen.

    • Ein Witz

      In mitten des Ozeans sinkt nach heftigen Stürmen ein Boot ganz langsam. Der Mann darin ist erschöpft, er bekommt den Kahn einfach nicht mehr leer, so sehr er sich bemüht. Ein zweites Boot nähert sich, der Mann schöpft Hoffnung – Rettung in Sicht nach langer Zeit. Der andere Mann kommt immer näher, grüßt kurz, schaut: […]

    • Der Stein vor mir.

      Vor mir liegt ein Stein. Kein kleiner Kiesel. Er lässt mich nicht vorwärts kommen – oder schützt er mich?

    • Mein liebes Leben

      Wir hatten es selten leicht miteinander, du und ich. Von Liebesbeziehung konnte kaum die Rede sein, mein liebes Leben.

    • Hör auf mit dem Scheiß

      Wenn dein Ego nie wachsen konnte, ist es dir eben egal, wie ehrlich ein „Ich liebe dich“ ist. Hauptsache, du bekommst es zu hören.

    • Von Worten und Narben

      „Die langen Ärmel ihrer Bluse rutschten nach unten, als sie in ihrer Freude die Hände noch oben riss.
      Er sah ihre Narben am Handgelenk …“ – Wie geht es wohl weiter?

    • Mein Beileid (für die Angehörigen)

      „Wie konnte sie nur? Ja, ihr ging es dreckig, aber was sollten wir denn machen? Mein tiefempfundenes Beileid. Sag´ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Jetzt muss ich erstmal los.“

    • Lady in Red

      Im dunklen Wasser des kleinen Sees versinken Nachtgedanken, heißt es. Doch aus ihm können auch zauberhafte Wesen steigen.

    • Ich bin tot.

      Ich hab´s geschafft: Ich bin tot. Endlich kann ich machen, was mir Freude am Leben gibt.

    Du brauchst ein offenes Ohr?

    Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies wohl meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

    #metoo (1) 2020 (2) 2022 (2) 2024 (2) 2025 (1) abschied (1) Aluthutträger (2) Aurelie Joie (10) Ballast (2) beziehung (1) bipolare störung (5) corona (3) Covidioten (2) Depression (4) freiheit (2) gefühle (10) gendern (4) Hass (3) hilflosigkeit (3) Journalismus (5) kampagnen (1) Kindheit (5) Krankenhäuser sind Hurenhäuser (1) liebe (2) manie (3) meinestimmegegenignoranz (21) missbrauch (3) Mutterliebe (1) narzisst (5) opfer und täter (2) Politiker (3) psychische Erkrankungen (14) selbstverletzung (2) selbstzweifel (2) Spaltung der Gesellschaft (1) Sucht (1) tot (3) trauer (2) Vater & Sohn (2) verrückt (25) verschwörungsmythen (3) verständnis (4) Was macht dich zum Experten? (1) wehmut (1) wird nicht besser (3)

  • Erklär mir Gefühle: Empathie

    Erklär mir Gefühle: Empathie

    Wie erklärst du Empathie? Kannst du es in einem Satz beschreiben? Oder bräuchtest du eher eine A4-Seite? Würde dir überhaupt etwas einfallen? Setzt du es mit Mitgefühl gleich? Hast du Empathie?

    Männer!

    Ich lernte Anja in einer psychosomatischen Klinik kennen. In dieser Zeit entschied sie sich, ihrem Mann den Laufpass zu geben. Entscheidend war, zu spüren, dass Mann sich auch anders um sie bemühen kann als es jener tat, mit dem sie 14 Jahre zusammenlebte. Im Nachhinein erkennt sie in ihm einen Menschen mit narzisstischen Zügen. Narzissten verstehen es sehr gut, deine Schwächen zu finden und sie zu nutzen, meist ist es der nie gesund gewachsene Selbstwert.

    In Anjas Kopf sitzt der innere Kritiker, der ihr immer wieder klarmacht: „Das machst du falsch. Du bist falsch.“ Er lässt sie nach der Entscheidung auch daran zweifeln, ob die Trennung richtig ist. Ihre Schwester hatte Anja vor der Hochzeit gewarnt: „Nicht diesen Mann! Du hast was Besseres verdient.“

    In der Klinik hat sie die freie Wahl. Die erste fällt auf einen Mann, der harmlos, freundlich, zurückhaltend wirkt – allerdings die Diagnose narzisstische Persönlichkeit hat. Ist es Zufall, dass Anja wieder bei solch einem Typ landet? Der Abschied von ihm fällt Anja schwer, doch der nächste Kandidat ist längst da. Ein anderer Mitpatient, recht konservativ eingestellt, sieht dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit Kopfschütteln: Noch nicht mal richtig getrennt und schon von einem zum anderen …

    Anja genießt die Aufmerksamkeit von Anton, für sie ein spürbarer Unterschied zu dem, was ihr Mann für sie übrig hat. Mit Anton kann sie über alles reden, nachdem sie sich entschieden hat, sich ihm gegenüber zu öffnen. Mit Vertrauen tut sie sich schwer. Sie fühlt sich verstanden, genießt die Zeit mit ihm. Er schenkt ihr so viel Aufmerksamkeit wie keiner anderen Mitpatientin. Das macht Mann nicht einfach so, oder?

    Nach dem Ende der Klinikzeit treffen sie sich, es läuft – bis Anja etwas Falsches sagt: „Die Treffen mit dir sind der Höhepunkt meiner Woche.“ Wenn du dich um einen anderen Menschen bemühst, würdest du doch nichts lieber hören als einen solchen Satz, oder? Doch Anton reagiert nicht begeistert, überhaupt nicht – ernüchternd für Anja. Die Treffen laufen aus, der Kontakt per Chat und Telefon bleibt.

    „Weißt du, was er in dir sieht?“, frage ich Anja. „Platonische Freundin? Potentielle Frau fürs Leben? Mögliche Bettgeschichte?“ Anja weiß es nicht – und hängt mächtig in den Seilen. Die rosarote Brille ist auf ihre Nase geschweißt, auch als wir uns zu dritt treffen. Anja und Anton sitzen mir gegenüber. Ich weiß, wie sehr sie innerlich an ihm hängt – und er preist ihr locker-flockig mehrere Männer an. Anja lächelt äußerlich. Ich greife mir innerlich an den Kopf: Wie Scheiße muss es sich anfühlen, wenn dir der Mensch, der Farbe in dein oft graues Leben bringt, andere Typen schmackhaft macht … Empathie?

    Die Verabschiedung zwischen Anton und mir ist deutlich emotionaler als jene zwischen ihm und Anja. Wenn sie immer noch einen Beweis brauchte, dass er nicht der Farbenbringer sein will, dann ist es dieses Treffen. Anton steigt in sein Auto, ich laufe mit Anja zum Bahnhof.

    Rosarot gegen das Grau

    „Kann er nicht einfach mal doof sein?!“, fragt sie mit reichlich Seufzen und Verzweiflung in der Stimme, die Schultern auf Halbmast.

    Die Reaktion, die mir auf der Zunge liegt: „Kannst DU nicht einfach mal doof sein?!“ Anja weiß, dass ich mir Hoffnungen bei ihr mache, doch wenn ein Mensch so neben mir in den Seilen hängt, gewinnt in mir das Mitgefühl gegen Egoismus. Empathie?

    Mit dem Treffen verschwindet die rosarote Brille nicht – nicht bei Anja, auch nicht bei mir. Irgendwann schreibt sie: Sie merke schon, dass sie sich in meinen Augen entzaubern würde. Ist das die sanfte Version, mir einen Korb zu geben? Oder ist es für Anja immer nur eine Frage der Zeit, wann Mann all die Fehler an ihr entdeckt, welche ihr innerer Kritiker ihr täglich seitenweise vorbetet? Kann Mann sie überhaupt lieben, ohne narzisstisch-manipulativ zu sein? Wenn sie so wenig von sich hält, kannst du doch nicht kommen mit „Passt schon“?! Dann bist DU doch der verlogene Typ, oder? Wenig später sorgt sie für klare Verhältnisse zu meinen Ungunsten. trotzdem bleiben wir in Kontakt.

    Zwei Monate nach dem Treffen zu dritt rauscht Anja in ein enormes Tief, das ihr Angst vor sich selbst macht, sie geht freiwillig in die Klinik. Der Liebeskummer scheint die Hauptrolle dabei zu spielen. Anton lässt sie nicht los – er hat schon längst losgelassen. Noch immer hat sie ein Bild von ihm in positiven Farben, auch wenn sie dazwischenschiebt: „Ich weiß, dass er kein Heiliger ist.“

    Die dunkle Seite

    Ich selbst lernte Anton in der Klinik nur wenig kennen. Auffällig war, wie enorm schlecht er verlieren konnte. Daneben gab es allerdings einen Farbtupfer, den Anja – ebenfalls recht erfolgsorientiert bei Spielen – nicht kannte. Dieser Tupfer hatte das Potential, Anjas Bild von Anton stark zu verwaschen. Doch wollte ich das? Sie hatte erst in ihrem Mann den Falschen erkannt, dann die Enttäuschung mit dem ersten Klinik-Kandidaten – sollte ich ihr jetzt klarmachen, dass sie sich schon wieder mächtig in einem Menschen getäuscht hatte? Ihr ging es absolut nicht gut und ich konnte Null abschätzen, was ein Geraderücken von Antons Bild bei Anja anrichten würde. Irgendwie schien es ihr immer noch gutzutun, ihn kennengelernt und greifbar zu haben als scheinbar ganz anderen Typ Mann. Außerdem: Wie sieht das aus, wenn ich mir Hoffnungen bei ihr machte und dann den anderen madig mache? Empathie?

    In der Klinik stabilisiert sie sich langsam, bei ihrer Therapeutin ist natürlich auch Anton Thema. So, wie sie mir schreibt, denke ich wieder: „Arghh, wenn du wüsstest, was ich weiß …“ Langsam wechselt dieser fehlende Farbtupfer von „Wenn ich ihr davon erzähle, wäre das ihr K.o.“ zu „Das ist die vielleicht einzige Chance, wie sie sich von ihm befreien kann.“

    Ich will, dass Anja es noch in der Zeit erfährt, während der sie rund um die Uhr Personal um sich hat, das sie auffängt. Als sie wieder von einem Therapeutengespräch über Anton schreibt, lasse ich durchblicken, dass ich ihr Bild von ihm verändern könnte. Sie möchte Bedenkzeit, gibt am nächsten Tag ihr Okay.

    Anton, Anja und ich spielten in der Klinik abends oft Brettspiele, wir hatten viel Spaß. Als Anja an einem Abend kurz aus dem Raum ging, erzählte mir Anton von einer Bettgeschichte, recht stolz. Als die Frau anfing, mehr in dieser Bett-Beziehung zu sehen, hatte er ihr die Augen öffnen müssen. So wie er diese Geschichte erzählt hatte, klang das nicht nach einem einfühlsamen Mann, der Frauen auf Händen trägt – und wenn, dann nur bis zur Bettkante. Anton schien kontrollieren zu wollen, welche Frau was in ihm sieht – und bloß nicht zu viel. Wenn sie diese Regel verletzt, gibt es Klartext. Als Anja die Treffen mit ihm zum Höhepunkt der Woche erklärt hatte, verstieß auch sie wohl gegen diese Regel. Was Anja am gleichen Abend aus Antons Mund direkt erfuhr: Er hatte in seinen 40 Lebensjahren rund 25 Frauen leidenschaftlich geküsst. Zusammen mit der Bettgeschichte entstand für mich dieses Bild von ihm: Lange, innige Bindungen sind ausgeschlossen, das Jagen ist ihm wichtig, nicht gemeinsam verbrachte Zeit.

    Anjas Reaktion auf meine Nachricht: „Scheiße.“ Tränen. Wut. Ernüchterung. Es ist gut, dass Schwestern und Therapeuten greifbar sind, sie werden in der Folge gebraucht. Auch wenn es ihr weh tut, ist sie mir dankbar.

    Der Entzug

    Die rosarote Brille wird blasser, langsam, sehr langsam. Anja bleibt mit Anton in Kontakt, auch per Telefon. Mittlerweile ist ein Dreivierteljahr vergangen. Die Sucht namens Liebe hält im Schnitt ca. 6 Monate, danach wird der Blick meist klarer. Doch bei Anja dauert es. Sie glaubt, dass sie mit Anton befreundet bleiben kann, schließlich gibt es auch abseits von Liebe Verbindendes mit ihm. Ich will ihr diese Illusion ungern nehmen, doch wenn jemand so an einem Menschen hängt, der andere dagegen eher weniger, dann wird da immer ein Stein im Schuh sein, der schmerzt. Aus eigener Erfahrung und der Erfahrung anderer rate ich jedem unglücklich Verliebten: absolute Abstinenz. Kein Kontakt, kein „Nur mal Hallo sagen“, kein „Einfach nur mal so treffen“ und dabei den Geruch der Droge wieder wahrnehmen. Liebe ist eine Sucht wie jede andere – nur stärker.

    Anja hatte ich dies über die 9 Monate bis dahin ein, zwei Mal so geschrieben, aber nicht direkt auf sie gemünzt, eher als allgemeine Erkenntnis – natürlich mit dem Hintergedanken, dass sie nur mit dem Kontaktabbruch zur Ruhe kommen würde. Aber sag einem Menschen, der in einem anderen Menschen das große Glück sieht: „Lauf!!!“ Nicht zu ihm, sondern von ihm weg, für immer.

    Anjas rosarote Brille landet mit der Zeit unter dem Bett, ist mal weiter entfernt, mal näher, sobald sie mit Anton telefoniert. Zum Geburtstag muss sie ihm natürlich übers Telefon gratulieren, ist ja harmlos. In der Nacht zuvor träumt sie davon: Sie gratuliert Anton – zum 60. Geburtstag. Und er? Reagiert uninteressiert. Genau das ist Anjas Angst, bevor sie mit Anton tatsächlich am Telefon spricht.

    Ich schreibe ihr zu ihrem Traum: „Also ein Mann, von dem du dir Aufmerksamkeit/Anerkennung/Zuneigung erhoffst, aber er lässt dich links liegen. Der rote Faden aus der Kindheit?“

    Ich wusste so gut wie nichts über Anjas Start ins Leben, obwohl sie in den Gruppentherapien viel gesprochen hatte. Laut meiner vagen Erinnerung war ihr Vater gestorben, doch das war falsch, „er war nicht da“, so Anja. Ich wurde das Gefühl nie los, dass sie mir nicht vertrauen kann und fragte deshalb auch kaum nach, was das Verstehen des anderen schwer macht.

    Entsprechend antwortet Anja auf meine Frage, ob die ausbleibende Aufmerksamkeit eines Mannes der rote Faden aus Kindertagen bis heute ist: „Naja, so einfach ist es nicht. Verbundenheit ist das neue Wort.“

    Die Antwort überrascht mich nicht. Ein schnelles „Da liegst du richtig“ kenne ich von ihr nicht. Das mag auch an ihrem Trotz liegen, der sich gerne zeigt. Überrascht werde ich am Tag darauf: „Ich habe mit meiner Freundin gestern Abend geredet und überlege, ob es nicht doch so ist. Roter Faden und so. Du liegst recht oft richtig, denke ich.“

    Zuhören!

    Für mich fühlt sich das „Du liegst recht oft richtig“ wie ein Ritterschlag an. Aber warum sollte auch bei ihr mein sonst so sicheres Gespür versagen? In den rund 14 Jahren zuvor hatte sich dieses Gespür entwickelt, vor allem durch das Zuhören bei den Geschichten anderer und meiner eigenen. Aus erster Hand kenne ich, was unerwiderte Liebe und das ewige Hinterherlaufen mit einem macht. Genauso kenne ich das Loch, welches durch Trauer ausgelöst wird. Ich kenne auch den Leck-mich-am-Arsch-Zustand, bei dem Gefühle gedämpft zu sein scheinen. Du bist in dieser Phase nicht traurig, aber du findest auch Dinge nicht schreiend komisch. Als die Oma einer Kumpeline starb und sie sich einer gefühlsmäßigen Schwebe befand, versuchte ich nicht, sie krampfhaft zum Lachen zu bringen, sondern einfach nur da zu sein, unverkrampft, mit der Gewissheit, dass es sich irgendwann wieder verändert. Empathie?

    In diesen 14 Jahren kam ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die sich bei mir verstanden fühlten, die sich mir öffnen konnten, so wie sie es bei anderen nicht bzw. kaum konnten. Bei diesen Gesprächen trieb mich immer Neugier an, auch wenn die Geschichten, die mir erzählt wurden, meist deprimierend waren. Mich interessierte immer der rote Faden, das Warum. Detektivarbeit. Wenn sich der rote Faden fand, war es immer ein Aha-Moment, als würde im Krimi der Täter gefunden. Mit jeder Unterhaltung wurde mir bewusster: Keiner unserer Special Effects kommt aus heiterem Himmel, jeder ist der Donner nach dem Einschlag – und der findet im Kinderzimmer statt. Die Beziehung mit einem Narzissten hat nichts mit Dummheit oder ähnlichem zu tun. Ein Narzisst weiß, was dir fehlt und nutzt es für sich aus – meist ist es Aufmerksamkeit. Selbst Stalken kann als Beweis von Liebe gesehen werden, wenn du als Kind keine Liebe bekommen hast.

    Anton hatte Anja in der Klinikzeit und danach viel Aufmerksamkeit geschenkt. Aber was war sein Ziel? Wofür der ganze Aufwand, wenn sie ihn nicht zum Highlight der Woche erklären durfte? Was hatte er mit ihr vor? Einfach die nächste Kurzzeit-Bettgeschichte? Anders war es nicht zu erklären.

    Eines hatte er erreicht: Stammgast in Anjas Kopf zu bleiben. Doch der Gast wird mit zunehmender Zeit zur Belastung, Anja kann und will ihn nicht mehr beherbergen. Und so entschließt sie sich nach einem Jahr zum harten Entzug: absolute Abstinenz, Kontaktabbruch, Chat löschen. Weg von der Droge. Weg von „Vielleicht ja doch noch …“

    Die Wege, die wir gehen (könnten)

    Als Anja während unserer Klinikzeit schweren Herzens Abschied genommen hatte von Kandidat 1, hing sie durch. Ich war erst meinen dritten Tag dort, sah die beiden nebeneinander am Tisch im ansonsten leeren Raum sitzen, die Hände berührten sich. Mit ihm war sie immer wieder zu einer Allee mit Kirschbäumen gegangen. Als sie wütend auf ihn war, holte sie ihm Kirschen – später wurde ihr klar, dass sie immer wieder Männern gefällig ist, sich selbst aber dabei völlig vergisst.

    Ich ging davon aus, dass ich 2 bis 3 Wochen in der Klinik bleiben würde. Bis heute ist mir ein Rätsel, warum ich damals auf die Idee kam, Anja würde nun mit mir statt Kandidat 1 rausgehen – war der Wunsch Vater des Gedanken?! Auf jeden Fall sagte ich ihr, dass ich nicht mit ihr zur Allee laufen werde. Meine Superkraft namens Zuhören war mir inzwischen bewusst und ich wollte nicht, dass Anja sich von mir auch wieder gut verstanden fühlt, ich aber nach 2, 3 Wochen weg bin und sie wieder in den Seilen hängt. Abhängigkeit von Männern war ein großes Thema bei ihr. Empathie?

    Was wäre passiert, wenn ich doch die Rolle übernommen hätte, mit ihr den Weg zu den Kirschbäumen gegangen wäre? Wenn ich mich nicht in sie hineingefühlt hätte, sondern egoistisch gewesen wäre? Hätte sie sich in mich verliebt statt in Anton? Oder wäre ihr „einfach nur“ der monatelange Liebeskummer inklusive dem zweiten Klinikaufenthalt erspart geblieben? Ist Empathie in dieser Welt der falsche Weichensteller für unsere Wege? Wenn so viele Menschen ohne gesundem Selbstbewusstsein das Kinderzimmer verlassen, sich kaum selbst lieben können und damit auch kaum „echte“ Liebe annehmen können, wie weit kommst du dann mit dem, was du als Empathie empfindest?

    Ich verstehe

    Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. So kannst du es bei Wikipedia lesen. Empathie wird gleichgesetzt mit Einfühlungsvermögen. Laut neuerer Hirnforschung gibt es wohl einen deutlichen Unterschied zum Mitgefühl. Empathie ist kein Gefühl, aber mit vielen Gefühlen verbunden.

    Empathie funktioniert nur, wenn du deine eigenen Emotionen wahrnimmst, verstehst, deuten kannst. Wenn du dich selbst nicht verstehst, kannst du schwer andere verstehen. Zum Abschluss der Klinikzeit hatte ich Anja einen Brief geschrieben mit Wünschen für ihre Zukunft. Rund ein Jahr später las sich dieser Brief für sie anders, jetzt machte er mehr Sinn, weil sie sich inzwischen durch weitere Therapien und Selbstreflexionen besser kennengelernt hatte.

    Ist es überheblich, wenn man glaubt, den Kern von fremden Menschen teils besser erkennen zu können als dieser Mensch selbst? Ich versuche, demütig zu bleiben, immer wieder Fragen zu stellen anstatt mich festzulegen: „Hey, wach auf, du willst die Aufmerksamkeit, die dein Vater dir nie geschenkt hat! Wenn du so weitermachst, landest du wieder bei einem Narzissten!“ Solche verbalen Einläufe würden voraussetzen, dass Menschen von Vernunft geleitet sind, man ihnen nur sagen braucht, was das Richtige für sie ist, sie sagen „Danke!“ und schweben durchs weitere Leben.

    Die Liebe Vernunft

    Hätte der Mensch etwas mit Vernunft zu tun, dann hätte Anja nach dem Treffen mit Anton und mir gesagt: „Okay, hab geschnallt, dass der mich nicht will, also probieren wir zwei es.“ Sie hätte sich monatelangen, schmerzhaften Liebeskummer erspart, wäre – hoffentlich – nicht noch einmal in der Klinik gelandet. Ich hätte es ausgehalten, das Highlight ihrer Woche zu sein. Aber in Sachen Liebe ist Vernunft noch machtloser als abseits davon. Optisches Beuteschema, Geruch, Hüfte-Taille-Verhältnis – wenn etwas davon nicht stimmt, kann Amor einpacken.

    Aber es spielen, wie mir inzwischen klar ist, eben auch die roten Fäden aus der Kindheit eine Rolle. Du kannst nur so viel Liebe empfangen, wie du dich selbst liebst. Wenn dein innerer Kritiker dir ständig Listen deines Scheiterns überreicht, wie sollst du dann an ein ehrlich gemeintes „Ich hab nichts an dir auszusetzen“ glauben? Die „Liebe“ eines Narzissten ist da zielgruppenorientiert perfekt zugeschnitten: Nicht ehrlich, aber gerade so viel, wie du dich selbst lieben kannst.

    Empathie oder Liebe?

    Narzissten scheinen nicht lange Single zu sein, sie haben die Anziehungskraft von Misthaufen auf Fliegen. Mein Vater, absolut lieblos gegenüber Frau und Kindern, war 20 Jahre verheiratet, ich war bisher zwei Monate in einer Beziehung. In meinem Umfeld gab und gibt es reichlich Beziehungen, die ich nicht geschenkt haben möchte. Toxische Beziehungen scheinen Standard zu sein. Die Liebe der meisten Menschen zu sich selbst ist äußerst übersichtlich und damit können sie auch andere nicht wirklich lieben und Liebe annehmen.

    Gespieltes Mitgefühl ist in Mode: So tun, als würde man sich für andere einsetzen. Reden, aber nichts wirklich tun. Frag die Leute im Ahrtal, frag Hinterbliebene von Terroranschlägen. Populistische Parteien, die nicht einmal den Anschein machen wollen, empathisch zu wirken, sind obenauf. Immanuel Kant gehörte zu den Ersten, die sich mit dem Missbrauch von Empathie durch Politiker befassten. Um Macht zu bekommen, braucht es nicht unbedingt eine Armee, es reicht schon der meisterhafte Umgang mit Worten. Das gilt genauso für toxische Beziehungen. Du brauchst deinen Partner nicht unbedingt an die Kette legen, die richtig platzierten Sätze können reichen.

    Forscher befassen sich heute auch mit dem Missbrauch der Empathie durch Medien. Vom „Geschäft mit Gefühlen“ ist die Rede. Wer sich über Werbung finanzieren muss, muss so viele Menschen wie möglich anziehen und das erreichst du, wenn du negative Emotionen kitzelst: Wut, Neid, Angst, Frust. Schau dir Überschriften an: Wie sind sie formuliert? Empatisch?

    Empathie kann krank machen, zur Empathischen Erschöpfungsstörung führen. Bin ich deshalb so im Arsch? Zu viel mitgefühlt?

    Hilfst du mir?

    Empathie für Menschen, deren Land zerbombt wird? „Ist doch egal, ob die von dem oder dem Oligarchen geplündert werden! Keine Waffen!“ Ich stand mit 11 Jahren nachts auf der Straße, meine Mutter war mit mir aus der Wohnung geflohen, weil mein Vater mal wieder zeigen musste, wer der Herr im Hause ist. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn keiner zu Hilfe kommt, keiner dem Tyrannen in den Arm fällt. Ich weiß, wie es ist, wenn der Übermächtige machen darf, was er für richtig und sich für unfehlbar hält. Ich weiß, dass ein solcher Mensch nicht mit Diplomatie zu stoppen ist. Ein schief gewachsenes Ego ist nicht mit Worten geradezurücken. Und auch wenn du vorher Fehler gemacht hast, sollte das kein Grund sein, Hilfe zu versagen. Ja, mein Bruder hatte mal wieder Scheiße gebaut, aber das ist für einen Vater kein Grund, gewalttätig zu werden.

    Einfach doof sein

    Der Mangel an Empathie wird der Sargnagel dieser Welt sein. Die Aktien der Empathie scheinen weltweit in den Keller zu rauschen und vererben sich an kommende Generationen. Eine Trendwende kann es nur geben, wenn Kinder mit gesundem Selbstbewusstsein aufwachsen, sie sich als Erwachsene selbst lieben können, nicht auf das Abwerten anderer angewiesen sind. Dann können wir auch nicht abhängig werden von manipulativen Narzissten. Wir brauchen keine Casanovas, bei denen wir stolz sind, als Nummer 26 in sein Blickfeld gelangt zu sein. Wir brauchen niemandem Kirschen holen, wenn wir wütend auf ihn sind. Wir brauchen unser Selbst nicht vergessen. Wir können mit anderen mitfühlen, weil wir unsere eigenen Gefühle wahrnehmen, verstehen. Wir können daran glauben, einfach nur so geliebt zu werden, ohne brav Pfötchen geben zu müssen oder anders gefällig zu sein. Wir können einfach mal doof sein.

    „Erklär mir Gefühle“ – die Serie zum Fühlen

    Die Geschichten bauen immer auf der vorherigen auf, Du kannst Dir aber auch eine mittendrin rausgreifen.

    Mit Dir ist alles anders.

    Wieder versinkt sie im Meer der Tränen. Warum verändert sich ihr Bad Boy nicht zum Guten wie in all den Büchern? Als der Duft eines anderen sie fesselt, fühlt sie sich das erste Mal frei. Nur hat sie überhaupt Glück verdient?

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    Ohne erkennbare Regung im Gesicht schloss sie das Buch über den gezähmten Bad Boy und sein glückselig lächelndes Mauerblümchen und ließ es über den Rand der Wanne auf den Boden fallen. Seit vier Stunden saß sie hier. Kerzenlicht flackerte im ansonsten dunklen Raum. Noch mehr Geschichten über Bad Boys in allen Varianten fanden sich in ihrem Bücherregal. Immer endeten sie glücklich. Nur ihre eigene nicht.
    Das Smartphone meldete sich. Doch ihre Hände blieben im Wasser, ihre Augen starrten auf die Fliesen, sahen hindurch. Gedanken ließen sich nicht greifen. Einmal mehr.

    Inzwischen eingewickelt in eine Decke auf dem Sofa zusammengekauert sitzend, klingelte es erneut.

    „Hallo. Wo brennt´s? … Ja, hab gerade geheult. … Ja, wegen ihm. … Das war´s endgültig, ich mach das nicht mehr mit. … Weil ich dumm bin, ganz einfach. Dumm geboren und ich werde dumm sterben. … Doch doch. Du darfst mich erschießen, wenn ich wieder einknicke. Gebe ich dir schriftlich. … Ach, ich weiß doch, dass sich alle an den Kopf gegriffen haben, warum ich mir das immer wieder habe bieten lassen. … Ja klar, jeder trägt sein Päckchen. Trotzdem nervt es einfach nur. … Wieso? … Nicht dein Ernst?! … Sag mal, spinnen die alle?! … Das hat sie dir am Frühstückstisch gesagt?! … Hör auf. Wer zieht bitte zu jemandem, den man zwei Wochen kennt? Hält die dich für doof?! Das läuft doch schon länger. Und deine Kids? … Also musst du jetzt den Schock wegstecken und gleichzeitig für die Mädchen da sein. Die müssen auch am Verstand ihrer Mutter zweifeln. Fröhliche Weihnachten. … Das ist einfach krank. … Ach Scheidung ist schon Thema?! Wenigstens das bleibt mir erspart. … Er hat mich am Telefon angeschrien, dass ich eine verlogene Schlampe bin. Hab aufgelegt, da hagelte es Nachrichten. Ich hatte gestern Abend keine Lust auf ihn und sagte, dass es mir nicht geht und dass ich mich aufs Sofa legen will. Sofa ist in seiner Welt eh nur dazu da, entweder am TV oder Läppi zu hängen oder für Sex. Dazwischen gibt’s nichts. Hab dann aber Mädelsabend bei Svenja gemacht. Hätte ich ihm gesagt, ich treffe mich mit ihr, hätte er wieder gedacht, ich hab was mit einem anderen. Erst rief er mich fünfmal in der Nacht an. Heute schrieb er, dass er gestern Abend bei mir vorbeigefahren ist, alles war dunkel, dann hat er geklingelt und keiner hat aufgemacht. Ans Handy bin ich auch nicht gegangen, also MUSS ich einen anderen haben, ich Schlampe. Der liegt sicher neben mir im Bett. Er könne auch ohne App bis drei zählen, er ist im Bild, was da läuft und ich hätte schon immer einen Schaden gehabt und mir könne keiner über den Weg trauen … (Die Tränen sind zurück) … genauso wenig wie seiner Ex, alle Frauen schieben ihn ab. Aber ich werde schon mein blaues Wunder erleben, wenn der Neue meinen fetten Arsch nicht mehr erträgt. Hinter jedem Satz stand ein Ausrufezeichen. Und die letzte Nachricht endete dann mit Ich liebe dich! … Ja, Svenja hatte mich gewarnt vor seiner Eifersucht. Ich dachte, bei mir fühlt er sich sicher, weil ich nicht auf die Idee käme, was mit zwei Typen gleichzeitig laufen zu haben. Ich hatte mich ja schon eingeschränkt wegen ihm, bin nicht mehr mit meinen Kumpels weggegangen, auf dich war er auch eifersüchtig. … Ist dem doch egal, dass du Frau und Kinder hast – bzw. eine Frau hattest. Wir hätten ja trotzdem jederzeit übereinander herfallen können. Nach 15 Jahren würde es ja auch langsam Zeit … Das hat er ja nie begriffen, dass da nichts mehr passieren wird, das hat mich ja so genervt. Wenn mehr zwischen uns beiden sein könnte, hätten wir es doch schon längst probiert und uns den ganzen Mist mit dem Suchen sparen können, aber das kam ja alles nicht an bei ihm! Ich kann froh sein, dass du noch mit mir sprichst, so wie ich mich rar gemacht habe. Genauso bei meinen Mädels. Ich habe dauernd Fotos von ihm und mir gepostet mit Hashtag Love, Forever, NurDuUndIch, IchliebeDich, SeinMädel, damit er beruhigt ist und die Klappe hält. … Andauernd diese endlosen Diskussionen. Wenn er aller halben Stunde fragt, was ich mache, ist das ja nur, weil er sich Sorgen um mich macht. Und wenn ich mich eine Stunde nicht melde, dann hat er Angst, mir ist was passiert. Ja klar. Er hält mich echt für blöde. Aber hat er ja recht. … Mit wem hast du dich bei Whatsapp geschrieben, als du 8:14 Uhr online warst?! Immer wieder dieses Gefrage. (Sie wischt sich Tränen von der Wange und putzt sich die Nase.) … Ich stand schon paar Mal kurz davor bzw. gab es ja kleine Pausen. Aber ehrlich gesagt hab ich Angst, wie er reagiert. Ob er dann ständig vor meiner Wohnung steht oder ob er mich pausenlos mit Beleidigungen zutextet. … Ich weiß. Dem Typen, mit dem man eine angeblich glückliche Beziehung hat, sollte man nicht solche Psychodinger zutrauen dürfen. Das sagt doch schon alles, wie krank das ist. … Erzähl´s mir lieber nicht. … Ja, es nervt tierisch. Ich bin hundemüde, kann wieder nicht schlafen, Magen zwickt, Puls rast, ich zittere, Hals ist zu. Irgendwie ahnte ich, dass da wieder was kommt. Aber gut, muss ich durch. Hab ja Übung drin im Hinfallen, Aufstehen und Krone richten. Ich will nur ein einziges Mal glücklich sein. Oder einfach meine Ruhe haben. Glück macht eh den großen Bogen um mich, also Ruhe. Nichts hören, nichts sehen. Da kann man nicht enttäuscht werden … Wäre es nicht so weit weg, würde ich jetzt am Meer sitzen und die Welt könnte mich mal. … Ehrlich gesagt nein, ohne Rückfahrtticket. Was hab ich denn hier? Jeden Morgen aufstehen, damit man sich bis zum Abend durchkämpfen kann. Und wenn jemand fragt, wie es dir geht: Immer schön lächeln. Das soll Leben sein?! … Nein, keine Sorge. … Ich denke schon. Das kann ich einfach nicht mehr länger mit mir machen lassen. … Ich werde meinem Herzen folgen und das tun, was das Richtige für mich ist. … Ja, können wir gerne machen, am besten am Wochenende, hab frei. Dann kann er denken, ich hab was mit einem anderen. Deine Kids können sicher auch Abwechslung vertragen. … Das könnt ihr ja unter euch ausmachen, ich komme überall hin mit. Hauptsache, wir können quatschen und ich komme raus. Hier erinnert mich gerade alles an ihn und das geht mir auf den Magen. Ich werde nochmal meine Runde durch den Wald drehen. … Egal, hab meine LED. Vielleicht fressen mich die Wölfe. … Gut, dann vielleicht bis Samstag. Lass dich nicht unterkriegen. … Ja, mach ich. Danke für dein offenes Ohr, auch wenn du gerade selbst zehn brauchst. … Kein Problem. Geteiltes Leid … Genau. Also: Ciao.“

    Stille kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sie trocknete sich Augen und Nase, verschwand im Bad und anschließend in dicken Klamotten aus der Tür.Ruhig blieb es auch in der oberen Schublade der Schrankwand. Darin standen sich zwei Plastikfiguren gegenüber. Schwaches Licht fiel durch einen schmalen Spalt auf die vier Zentimeter großen, völlig nackten Spielzeuge. In ihren Gesichtern mischte sich der Charme unschuldiger Kinder mit einer ordentlichen Portion Schlitzohrigkeit.
    Die zwei begleiteten ihre Besitzerin seit frühesten Tagen. Sie gingen mit in den Kindergarten, bewohnten vorübergehend eine Puppenstube, mussten ihren Platz jedoch zugunsten einer langen, blonden, äußerst dünnen Prominenten aus zweiter Hand räumen. Später landeten die nackten Zwei gemeinsam mit anderen Kindheitserinnerungen in einer dünnwandigen Dose. Diese deutlich schlichtere Unterkunft war freigeworden, als die bisherigen Bewohner – um die 20 Pralinen – während eines Frust-Essens innerhalb kürzester Zeit zwangsgeräumt worden waren.

    …”

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  • Schrödingers Sophie

    Schrödingers Sophie


    Lebendig und tot

    Nicht zuletzt durch die Serie „The Big Bang Theory“ ist sie zur berühmtesten Katze der Welt geworden, die nie ein Mensch gesehen hat: Schrödingers Katze. Das Tier sitzt in einem Karton, zusammen mit tödlichem Gift. Das Gift kann jederzeit freigesetzt werden. Solange du nicht in den Karton schaust, weißt du nicht, ob die Katze noch lebt. Du stehst daneben und auch wenn du weißt, dass das Tier entweder lebt ODER tot sein muss, ist die Katze für dich eigentlich beides: tot UND lebendig.

    Im Gegensatz zur Katze in diesem Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger lebt Sophie tatsächlich – oder sie lebte. 2015 lernte ich sie kennen, sie schrieb mich auf einer Plattform an, bei der es ums Unterhalten geht, aber die vor allem zur Suche nach dem passenden Deckel genutzt wird. Ihr Name war mit einer Warnung versehen: Ich sollte darauf achten, dass Sophie noch nicht 18 ist. Als sie mich – zu dem Zeitpunkt war ich 43 – anschrieb, glaubte ich an eine Falle: Wollte mich jemand in irgendetwas locken und mich zu erpressen?! Warum würde eine 25 Jahre jüngere Frau Kontakt zu mir suchen?! Doch es war keine Falle, Sophie war echt, knapp 18.

    Sophies Gift

    Sie lebte rund 300 km entfernt von mir – oder sie lebt noch immer dort. Warum die Frage offen ist bei einer so jungen Frau? Weil sich viel Gift im Karton mit Sophie befand. Mit 12 stand sie auf dem Balkon, sprungbereit. Vier Briefe hatte sie zuvor geschrieben. Ihr Karton war die Familie, die eigentlich ein sicherer Raum sein sollte. Ihr Gift waren ihre Eltern, ihr Bruder. Ein halbes Jahr hatte dieser Sophie immer wieder geschlagen. Die Eltern wussten davon, doch es war ihnen egal. Und so stand Sophie auf dem Balkon, zum Abschied bereit. Liebe, Zuneigung, Anerkennung fand sie bis dahin weder bei ihrer Mutter noch bei ihrem Vater. Entsprechend winzig war ihr Selbstwert. Wenn dich deine eigenen Eltern mobben, kannst du nichts wert sein.

    Sophie sprang nicht. Doch sie glaubte, sie würde nicht älter als 27. In dem Alter starben Musiklegenden wie Janis Joplin, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Sophie war nicht krank – nicht körperlich. Ihre Psyche war jedoch schon früh ein Trümmerfeld, sturmreif geschossen von jenen, die sie in diese Welt gesetzt hatten.

    Ihr Kampf

    Entsprechend viel Kraft verlangte ihr die Ausbildung zur Altenpflegerin ab, aber auch das Leben an sich. Immer wieder tauchte sie länger ab, um sich dann mit einem neuen Account zurückzumelden. Zeitweise zog sie bei ihren Eltern aus und bei ihrer Oma ein. Diese schien der einzige Halt in der Familie für Sophie, wurde aber irgendwann „wunderlich“, teils giftig, vielleicht eine Alterserscheinung.

    Immer wieder gab es psychische Einbrüche, Selbstverletzungen. Wirklich gut ging es ihr nie. Einem Kumpel zuliebe ging Sophie für kurze Zeit zu einer Psychologin. Doch diese kam ihr irgendwann „zu nah“. Mit ihren Fragen drohte die Therapeutin offenbar eine Tür bei Sophie zu öffnen, die diese aber geschlossen lassen wollte. Was genau sich hinter der Tür verbarg, konnte sie nicht sagen, es war ein absolut ungutes Gefühl und so brach Sophie die Besuche ab.

    Für mich war Sophie wie eine Begegnung mit meinem 18-jährigen Ich. Ich stellte mir immer wieder vor, was ich hätte in diesem Alter gebraucht, um mein Schneckenhaus verlassen zu können. Erst mit 38 hatte ich erstmals das Gefühl, von einer Frau als Mann wahrgenommen zu werden, nicht nur als der gute Kumpel, der so gut zuhören kann. Diese kopfinterne Veränderung von einem Neutrum hin zu einem Mann bewirkte viel, löste eine Kettenreaktion aus, die ich mir rückblickend viel eher gewünscht hätte. So versuchte ich Sophie, nicht als Teenager, sondern als Frau wahrzunehmen und ihr das auch so zu vermitteln.

    Sie ist wieder da

    Anfang 2020 tauchte sie nach langer Stille wieder auf. Ohne Worte schickte sie mir das Foto eines Briefs, in welchem ihr zur bestandenen Prüfung zur Altenpflegerin gratuliert wurde. Ich fühlte mich versetzt in die Rolle ihres Ersatzvaters und gab mein Bestes, um ihren durchschimmernden Stolz auf den Abschluss und das Durchhalten der Ausbildung zu bestärken und ihr mageres Selbstbewusstsein ein wenig zu füttern. Wenn sie über ihre Arbeit schrieb, war immer wieder ein „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“ zu spüren. Mein Vater war zu dieser Zeit selbst in einem Pflegeheim, wodurch ich ein klein wenig Einblick in die Arbeit des Personals hatte und Sophies Schaffen besser nachvollziehen konnte.

    In den Tagen darauf präsentierte sie mir ihre neuen Schuhe, ganz in weiß. Auffällige Farben trug Sophie schon in den Jahren zuvor nicht. Auffallen wollte sie nie, lieber unsichtbar sein.

    „Hab 5 Kilo abgenommen“ – mit ihrem Gewicht war sie nie glücklich, mit ihrer Figur kam sie nicht klar. Trotzdem hatte sie mir 2015 Fotos geschickt, von einem Kumpel gemacht. Einerseits fühlte ich mich damals geschmeichelt, denn solche Bilder hatte mir zuvor keine Frau geschickt. Andererseits hoffte ich, dass sie mit diesen Fotos nicht leichtfertig umgehen würde, auch wenn ihr Wunsch nach positivem Feedback verständlich war, so wie die Anerkennung im Elternhaus gegen Null ging.

    Umwege zum Glück

    Wer sein Kinderzimmer ohne gesundes Selbstbewusstsein verlässt, betritt Umwege zum Glück, die immer Wege ins Unglück sind. Du willst endlich Aufmerksamkeit, einen Hauch von Zuneigung, Liebe – all das, was du bisher nie bekommen hast.

    Dafür nimmst du Sachen in Kauf, die dir am Ende nicht gut tun, ob toxische Beziehung, Sucht oder andere Umwege zum Glück. Wann immer es um Sophies Figur ging, versuchte ich vorsichtig, ihre großen Selbstzweifel ein wenig geradezurücken, brachte dabei die Bilder von 2015 in Erinnerung. Doch das Selbstbild hing dank ihres Elternhauses verdammt schief, mit langen Nägeln festgeklopft. Sie wolle bloß nicht so dick werden wie viele Pflegerinnen, denen sie begegnet war. Ihre Essgewohnheiten schwankten zwischen Magerkost und Pizza nebst Energy-Drink. Als Fan von geregelten Mahlzeiten wünschte ich ihr jemanden an die Seite, mit dem sie eine Balance finden konnte – beim Essen wie im ganzen Leben.

    Endlich glücklich?

    Und einen potentiellen Kandidaten hatte Sophie inzwischen gefunden. Er wohnte nicht weit weg von ihr, sehr ländlich. Ihrem Hang zu mehr oder weniger älteren Männern war sie treugeblieben, 10 Jahre trennten beide. „Dieses Jahr kriegst du den Antrag, damit wir nächstes Jahr heiraten“, zitierte Sophie ihren Freund. Er wolle ein Kind, wenn es ein Junge wird, soll er Finn heißen. Sophie bevorzugte „Jonas“. Ich schrieb zwischendurch: „Gut, dass ihr es nicht eilig habt.“ Zu meiner leichten Beruhigung trat Sophie selbst etwas auf die Bremse: „Lass irgendwas sein und man merkt, das Zusammenleben funktioniert nicht …“

    Bis zu dieser Zeit Anfang 2020 hatte ich reichlich Geschichten gesammelt mit dem Muster „Ich will ein Kind und Familie, dann wird endlich alles gut.“ Nur wurde es nie gut. Babys sind nicht die Lösung deiner Probleme, sie werden zum Erbe deiner Probleme. Ja, diese süßen Gesichter scheinen jeden Schmerz vergessen lassen zu können. Eine Frau, die als Teenager von ihrem Vater missbraucht worden war, ging diesen Weg. Auch sie glaubte, mit einem Kind werde alles gut. Das Kind war da, der Partner im Streit weg und die Frau merkte immer mehr, dass die alten Wunden nicht durch ein Kind geheilt werden.

    Sophie hatte in den 5 Jahren zuvor immer wieder davon gesprochen, so bald wie möglich Mutter werden zu wollen – gleichzeitig glaubte sie, nicht älter als 27 zu werden. Ich gönnte ihr jedes Glück der Welt, aber ich gönnte keinem Kind, unter diesen Umständen geboren zu werden. Wer mit sich selbst nicht klarkommt, kann einem Kind nicht vorleben, wie es mit sich selbst klarkommt. Wer keinen Selbstwert hat, kann keinen Selbstwert weitergeben. Und so wünschte ich Sophie, dass sie von ihrem neuen Freund gut behandelt wird, aber dass sich die Familiengründung noch weit in die Zukunft verschieben würde.

    Mitte Februar 2020 tauchte Sophie wieder ab. Im Gegensatz zu früher versuchte ich dieses Mal, ihr Verschwinden positiv zu sehen. „Wenn sie sich nicht melden, geht es ihnen gut.“ Ich glaubte, dass nun der neue Freund meine „Aufgaben“ übernommen hatte und Sophie so glücklich wäre, wie es unter ihren Umständen möglich war.

    Eine Enttäuschung zu viel

    Anfang September 2020 war sie wieder da – und sie klang alles andere als glücklich. Sie sei wieder Single. Meine Antwort: „Autsch. Woran ist es mit dem jungen Mann auf dem Lande gescheitert? Hoffentlich nicht wieder so ne Nummer mit ner anderen wie der eine.“

    Sophie: „Er ist nun Papa seit knapp nem Monat.“

    Ich: „Ääähm, dank dir?!“

    Sophie: „Nein. Ähnliche Situation wie 2017… Nicht getrennt, aber schon mit einer anderen zusammen. Ich ziehe sowas wohl magisch an. Aber es in Ordnung.“

    Nichts war in Ordnung. Der Sohn wurde im Juli geboren – von der Ex des Freundes, von dem mir Sophie im Februar geschrieben hatte. Die Ex war damals ungefähr im 4. Monat schwanger – und der Freund schmiedete gleichzeitig mit Sophie Pläne über eine Familie, schwafelte von Heirat.

    „Ich befinde mich derzeit in der schwierigsten Downphase, die ich bisher hatte … Ursache? Ich weiß es nicht“, schrieb Sophie. „Ich bekam im März dann auch Schlafprobleme bis Anfang August … wenns gut lief insgesamt 2-3 h geschlafen. 2-3 Tage wach war nicht mehr unnormal … abschalten ging nicht mehr. Ab 12 Uhr gearbeitet meist bis 23 Uhr… – freiwillig Juli, dann Diagnose Burnout die ich hinnahm aber ehrlich? … ich glaube nicht dran. Ja ich bin nicht mehr wirklich leistungsfähig bzw. belastbar aber es liegt größtenteils daran das ich kaum Zeit für einen Ausgleich habe und hier sowieso alleine lebe und jetzt nach knapp 12 Monaten anfange, den Ort kennenzulernen.“

    Ich kann nicht schlafen

    Für mich stand außer Frage, dass die Trennung und vor allem die erneute heftige menschliche Enttäuschung die Gründe waren für die Schlafprobleme und Sophies rauschende Talfahrt. 2010 erlebte ich selbst drei Monate, in denen ich maximal 1-3 Stunden pro Nacht schlief. Genau wie bei Sophie ging eine extreme menschliche Enttäuschung voraus. Immer wieder dachte ich beim versuchten Einschlafen: „Wie kann ein Mensch so falsch sein …“

    Doch Sophie wollte keinerlei Zusammenhang sehen zwischen dem „Übrigens werde ich Papa mit meiner Ex“ und den schlaflosen Nächten: „Es lag definitiv nicht an der Trennung. Hingenommen und alleine weiter gemacht. Mir ist das ehrlich gesagt alles Schnuppe und ich bin sehr gleichgültig geworden was auch okay ist.“

    Mein Schlaf kehrte 2010 erst zurück, als ich mir sagte: „Ach egal, ob ich diese Nacht schlafe, leg ich mich halt tagsüber hin … Scheiß drauf …“ Meine Selbstständigkeit machte dies möglich, Sophie musste weiterhin auf Arbeit funktionieren. Ohne Gleichgültigkeit hätten sich meine Schlafstörungen immer weiter gezogen, weil ich weiterhin im Stressmodus gewesen wäre: „Du musst doch endlich mal wieder schlafen!!!“ Stresshormone verjagen aber Schlafhormone. Als der Schlaf zurückkam, blieb eine Leck-mich-am-Arsch-Einstellung, offenbar ein Selbstschutz der Psyche. Genauso blieb eine permanente Benommenheit bis heute, als würde man nachts um 2 aufstehen: Man funktioniert, aber irgendwie ist man nicht klar da.

    Was die Psyche nicht aushält, muss der Körper ausbaden

    Und es zeigten sich in der Zeit nach den schlaflosen Monaten zwei Autoimmunerkrankungen. In meinem Blut fanden sich Antikörper, die die Schilddrüse angreifen können und verschiedene Stellen meiner Haut wurden nicht mehr braun im Sommer, Diagnose: Vitiligo. Und auch hier sollte sich bald eine Parallele finden zu Sophie, nur dass es sie deutlich heftiger erwischte.

    Wieder verschwand Sophie, dieses Mal nur einen Monat. Anfang Oktober 2020: „War heute beim Arzt… Verdacht auf Blutarmut… richtig nett.“

    14 Tage später: erhöhte Entzündungwerte. Sophie beschrieb nun auch Symptome, die sie seit der Schlafentzug-Phase hatte: Schwindel, kraftlose Beine, unwillkürliche Zuckungen, neuerdings „zeitweise Blindfisch“: „Ich falle ab und zu um, vors Waschbecken, gegen Küchenschränke, vors Sofa, auf dem Weg zum Klo. Montag lag ich halb aufm Sofa und wurde hochgezogen, weil ich am Zucken war. Ich bin dann sofort wieder ansprechbar und kann reagieren. Passiert meist 1 bis 2 Mal am Tag. Licht aus und Tschüss.“

    Wieder zwei Wochen später: Sophie schickte mir Fotos von der Kardiologie-Abteilung – nicht als Pflegerin, sondern als Patientin: „Es liegt wahrscheinlich eine Verengung der Halsschlagader vor. Am Mittwoch geht es wohl auf die Neurologie, Schädel-MRT war auffällig, Verdacht auf Multiple Sklerose.“

    Vier Tage später: „MS konnte ausgeschlossen werden, dafür wurde eine hochgradige Gefäßwandentzündung festgestellt. Da bekomme ich demnächst Kortison. Macht ja nur das Immunsystem kaputt xD Nach der Entlassung gibts engmaschige Kontrolle beim Gefäßdoc. Ultraschall auch erledigt, um zu sehen, ob die Gefäße sich geweitet haben. Ist eher selten mit dieser Gefäßwandentzündung im europäischen Raum. Die Ärzte können es sich nicht erklären, da ich weder rauche, nur selten Alkohol trinke und relativ gut auf meine Ernährung achte. Drogen auch nicht. Und trotzdem Aneurysma im Kopf … Durch das bin ich umgekippt, weil das Hirn nicht richtig versorgt wird. Am Hals verengte Schlagadern, da bekomme ich Stents eingesetzt. Bluthochdruck am Bein, zu niedriger Blutdruck in den Armen. Gutartige Zyste am Eierstock, paar Gallensteine. Weiter arbeiten in der Pflege wird mir abgeraten, Ausbildung alles umsonst. Bekomme hier einige Mitleidsblicke.“

    Zwei Tage später: „Bleibe länger. Ultraschall ergab, das es zwar eine Verbesserung gab aber auch gleichzeitig eine Verschlechterung. Irgendwann schaltest du ab und verdrängst, was der Doc zu dir sagt und lässt nur noch zu. Nach der Entlassung komme ich wenige Wochen später nochmal für einige Tage her … um dann kurz darauf ambulant weiterzumachen. Wurde heute entschieden.“

    Einen Tag später: „Diagnose steht fest: Vaskulitis.“

    Bei dieser Autoimmunerkrankung greifen körpereigene Zellen die Wände der Adern an. Die Gefäßwandentzündungen bei Sophie, die sich die Ärzte bis dahin nicht erklären konnten, waren nun kein Rätsel mehr – aber ein großes Problem. Autoimmunerkrankungen sind bisher nicht heilbar, man kann nur versuchen, die Symptome abzufedern. Und es gibt immer wieder Schübe, also Phase, in denen der Körper sich selbst stärker angreift. Bei Vitiligo wird dann das optische Problem größer, bei Adern wird es lebensgefährlich.

    Wir hatten also beide eine heftige menschliche Enttäuschung, anschließend drei Monate massive Schlafstörungen und wenig später tauchten Autoimmunerkrankungen auf. Schwer zu glauben, dass die Erkrankungen auch ohne die Enttäuschungen aufgetaucht wären.

    Frohe Weihnachten

    Einen Monat später, Mitte Dezember 2020, meldete sich Sophie kurz von Zuhause und beschrieb den nächsten Klinikaufenthalt: eine Infusion, welche die Autoimmunerkrankung in Schach halten soll und das Setzen der Stents in die linke Halsschlagader – „die rechte ist ja nicht mehr zu retten, Gefäße zu sehr betroffen, das dort ein Eingriff wenig Sinn macht. Option Bypass.“

    Einen Tag vor Weihnachten postete sie ein Bild von sich bei Facebook, wieder aus der Klinik: Schlaganfall. Die Folge: eine Dysphasie: „Ich weiß was ich sagen möchte, aber kann nicht.“ Mit dem Lesen war sie schnell überfordert. In den drei Wochen danach antwortete Sophie selten und nur mit ein, zwei Wörtern. Auf meine Frage „Wie ist die Lage?“ kam: „Geht es …“ Auf meine Antwort bekam ich keine Reaktion mehr.

    Die Fortsetzung der Geschichte?

    Heute, fast vier Jahre später, ist Sophie für mich gleichzeitig lebendig und tot, wie Schrödingers Katze. Ich weiß nicht, wie es weiterging. Und ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll, wie es weiterging. Ich könnte ihre Schwester anschreiben und fragen, ob Sophie noch lebt und wenn ja wie. Aber ich weiß nicht, welche Antwort ich erhoffen soll.

    Wenn Sophie über die Misshandlungen durch ihre Familie schrieb, über die psychischen Folgen, wenn sie mir Bilder ihrer Selbstverletzungen schickte und ihre Suizidgedanken andeutete, wünschte ich mir für sie einen riesigen Stinkefinger, den sie ihrer Familie hätte zeigen können: „IHR bekommt mich nicht klein! Ich werde leben! Ich werde älter als 27!“

    Andererseits schien mir das Leben für sie ein einziger Kampf zu sein, den sie nie und nimmer gewinnen konnte. Wie so viele andere suchte sie doch noch Zuneigung in ihrer Familie – wie bei so gut wie allen wäre das ein sich nie erfüllender Wunsch geblieben. Mit ihrem kaputtgeschlagenen Selbstbewusstsein würde sie immer wieder bei Typen landen, die sie früher oder später enttäuschen. Wo auch immer sie Halt suchte, landete sie hart auf dem Boden. Mit der Gefäßentzündung hätte sie wohl immer zwischen Leben und Tod gestanden – oder sie steht. Ist Sophie Geschichte? Ist ihre Geschichte zu Ende? Ging sie weiter?

    Für mich lebt sie und ist gleichzeitig tot. Wie Schrödingers Katze. So kann ich glauben, sie wäre von allen Sorgen befreit oder hat doch noch eine Chance, glücklich sein zu können. Vielleicht liegt sie nach weiteren Schlaganfällen dauerhaft in einem Bett, betreut von einer Altenpflegerin in Ausbildung, so wie Sophie einst eine war. Diese Fortsetzung der Geschichte würde ich ungern lesen, aber sie würde zu Sophies Leben passen. Und so werde ich es wohl dabei belassen: Der Karton bleibt geschlossen.

    Psychologen für alle!

    Sophies Geschichte wird mich zusammen mit all den anderen Geschichten immer dafür eintreten lassen, dass werdende Eltern ab dem Zeitpunkt, zu dem die Schwangerschaft feststeht, psychologisch betreut werden bis das Kind 18 ist. Ziel der Betreuung soll sein, Persönlichkeitsstörungen und Verletzungen aus der Kindheit der Eltern zu erkennen und zu behandeln, so dass das Kind eine viel bessere Chance hat, das Kinderzimmer mit einem gesunden Selbstwert zu verlassen. Ein solcher Mensch wird weder eine toxische Beziehung eingehen müssen, noch mit seinem selbstsüchtigem Verhalten einen anderen Menschen so krank machen wie Sophie.

    Das letzte Wort überlasse ich ihr, „meinem Küken“, wie ich sie manchmal kopfintern bezeichnete. Vielleicht steckt ja auch darin des Rätsels Lösung, warum ich nichts mehr von ihr höre. Ein Jahr nach unserem ersten Kontakt hatte die mir damals 18-Jährige geschrieben: „Du bist fast der Einzige dem ich alles erzähle…Die Fragen stellen. Um Rat / Hilfe bitte. Und das länger wie nur 3 Monate oder so… Mein Kreis ist so klein, weil ich irgendwann nicht mehr mit Personen zurecht komme. Irgendwas stört mich dann und dann bin ich gestresst … Ende ist meistens dann der Kontaktabbruch.“


    Den Blick hinter die Gardinen mit 80 weiteren Biografiesplittern gibt es in meinem Buch:

    In 18 Stunden verstehst Du diese irre Welt.

    Wer Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten, hinter die Fassade schauen: Warum heiraten wir? Sind Frauen von Natur aus gute Mütter? Was erlebt man bei der Partnersuche? Wem verdanken Elon Musk und Kanye West ihre Erfolge? Was treibt andere Prominente an – und was ist dein eigener Antrieb? Fallen psychische Erkrankungen vom Himmel? Warum steht jemand 5 Stunden unter der Dusche? Wieso glaubt Käpt´n Crazy, die Chinesen würden kommen? Sind Krankenhäuser tatsächlich Hurenhäuser? Warum verheimlicht eine 50-Jährige, dass ihr Vater soff?

    Mit den Antworten auf diese Fragen wird unerklärliches Verhalten entzaubert. Kein Hashtag, kein Gendern und keine Kampagne wird diese Welt retten können. Erst wenn wir einsehen, wie wir ticken, kann sich etwas verändern. Komm mit auf eine Reise, die Dich verändern wird!

    Das Buch gibt es bei bod.de, bei Amazon, genauso bei allen anderen Onlinehändlern. Du kannst aber auch beim Buchhändler um die Ecke danach fragen. Die ISBN: 9783 7557 0721 9. (Da sich bisher kein Verlag interessiert hat, werden keine Exemplare zum Mitnehmen rumliegen, deshalb bitte vorerst direkt im Laden bestellen.)

    Noch viel mehr Lesestoff zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ findest Du hier:

    #MeineStimmeGegenIgnoranz

    #MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
    MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

    1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Wer diese Welt verstehen will, kommt an den Geschichten hinter diesen Zahlen nicht vorbei.

    Die Familie – Erfahre mehr über uns.

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