Mein Beileid (für die Angehörigen)

Mein Beileid (für die Angehörigen)

27. Mai 2018 0 Von Thorben Sonnestrant

„Wie konnte sie nur? Es gab doch keine Anzeichen, oder? Ja, ihr ging es dreckig, aber was sollten wir denn machen? Mein tiefempfundenes Beileid. Sag´ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst, um durch diese schwere Zeit zu kommen.“

Berühmte Abschiedsworte.

Mein Beileid. Zwei Worte, die einem nicht leicht, aber schnell über die Lippen kommen. Sie trösten weder die Angehörigen, noch helfen sie jenem Menschen, den es zu betrauern gilt, viel zu früh.

Liegt ein Mensch am Boden, dem selbst von Ärzten eingebläut wird, dass es nie wieder besser wird, fühlt man sich als Außenstehender machtlos. „Ich würde ja gern helfen, aber ich kann es nicht. Wir sehen uns.“

Aber: Man kann helfen. Indem man fragt. „Wie geht es dir? Was geht in dir vor? Kann ich helfen? Hilft dir jemand oder etwas durch diese Zeit?“

„Ich würde mich freuen wie Bolle, wenn mal jemand zu mir kommen und mich fragen würde, was ich eigentlich genau habe, wie sich das äußert, ob Medikamente helfen und und und.“

O-Ton

So sagte es mir eine Frau, die am Boden lag und liegt. Ich kann ihr genauso wenig wie Ärzte einen positiven Blick in die Zukunft geben. Ich sage ihr nicht, dass es sich für dieses oder jenes zu leben lohnt. Wenn du ständig das Gefühl hast, dein Körper sei eine einzige klaffende Wunde, dann wirst du nicht mit „Du willst doch deine Enkel kennenlernen!“ motiviert werden wollen. Ja, letztlich bin ich ohnmächtig, so wie alle anderen. Aber Rückzug?

Nein. Jeder und jede kann in genau die gleiche Situation kommen, ohne eigene Schuld. Ein unachtsamer Autofahrer reicht, um das Leben von jetzt auf gleich auf ein ganz anderes Gleis zu bringen. Und niemand will dann allein mit seinen Gedanken, Schmerzen und Zorn sein.

„Warum ich? Warum war ich zur falschen Zeit am falschen Ort? Womit habe ich das verdient? Und warum ziehen sich alle nach und nach von mir zurück?“

Es kann jeden treffen.

Du willst nicht allein in deiner Wohnung hocken als Häufchen Elend. Du willst nicht denken: „Der Tod kommt wohl schneller als Freunde und Bekannte.“

Ignoranz schmerzt deutlich mehr als eine ungünstig formulierte Frage. Ja, es gibt Fettnäpfchen. Tipps in der Form von „Mach doch mal dies und jenes“ werden als nicht hilfreich empfunden, wenn nicht zuvor gefragt wurde: „Was hast du schon alles unternommen?“ Und ja, es kann sein, dass du mal vor der verschlossenen Tür stehen bleibst, obwohl du weißt, sie ist da. Ja, du kannst ihm die falsche Frage stellen. Ja, du kannst dich auf ein Minenfeld begeben, kein strahlendes Lachen als Antwort auf deine Bemühungen ernten. Aber wenn du Zahnschmerzen, Blinddarmentzündung und ein gebrochenes Bein zeitgleich hättest, würdest du auch nicht einfach zu handhaben sein. Dennoch würdest du nicht als Aussätzige(r) behandelt werden wollen.

Und es kann sein, dass du alles richtig machst. Indem zu zuhörst. Einfach nur zuhören. Und fragen, um es zu verstehen. Nicht aus allen Wolken fallen: „Oh mein Gott, wie kannst du nur so denken?!“ Nicht verurteilen. Keinen Clown vorbeischicken. Nicht krampfhaft gute Stimmung verbreiten wollen. Nicht Arzt spielen. Nur da sein. Nicht erst für die Hinterbliebenen.