Mein liebes Leben

Mein liebes Leben

12. November 2019 0 Von Thorben Sonnestrant

Du und ich, wir wurden zwangsläufig zu Weggefährten. Ich wurde nicht gefragt, ob ich Lust hätte, mit dir verkuppelt zu werden. Ich war einfach irgendwann auf diesem Planeten und du, mein liebes Leben, nahmst mit mir deinen Lauf, beginnend mit dem Laufenlernen. Da ich nicht geplant hatte, geboren zu werden, hatte ich auch keine Pläne, was danach passieren sollte. Deshalb kann ich auch nicht sagen: „Das hatte ich mir alles ganz anders vorgestellt.“

Wir hatten es selten leicht miteinander, du und ich. Von Liebesbeziehung konnte kaum die Rede sein. Du hast mich Dinge erleben lassen, die du dir getrost hättest sparen können, auch wenn ich inzwischen weiß, dass andere noch viel größere Arschkarten gezogen haben. Eine Zeit lange dachte ich, du wärst altersmilde geworden, hättest dein Pulver verschossen oder es wäre nass geworden. Weil ich dich kannte, traute ich hin und wieder diesem Frieden nicht so recht. Aber die Gedanken verflogen schnell und klar, irgendwann würde etwas passieren, das gehört zu dir, Leben.

Dann hast du mich am Kragen gepackt und seitdem durch 2019 geschleift, vom 4. Januar an. Am Anfang dachte ich noch, dass es nicht mehr schlimmer werden würde, der Tiefpunkt sei bereits erreicht. Doch bald darauf sagte ich: „Das war noch nicht alles. Da kommt noch mehr.“ Ja, ich kenne dich wohl zu gut, mein liebes Leben. Du hast mich weiter gezogen und vor dir her getrieben, mir kaum eine Pause zur Erholung gegönnt. Du hast dich verbrüdert mit deinen Artgenossen und hast auch mit anderen in meiner Nähe dieses Spiel getrieben. Penibel hast du darauf geachtet, dass nur das Drama und Ernüchterung auf dem Weg lagen. Was auch immer hätte gelingen können, hast du ferngehalten. Im Gegenteil, du hast auch kleinste Rettungsanker entfernt. Würde mich jemand fragen, was das beste an diesem Jahr war: Ich wüsste keine spontane Antwort.

Mangelnde Konsequenz kann ich dir nicht vorwerfen. Was ich nicht verstehe: Wozu das alles? Ist es ein Belastungstest, ab welchem Druck ich nachgebe und die Scheidung einreiche? Werden auch die anderen getestet, wann sie zerbrechen? Ist es als Strafe gedacht? Wenn ja: Wofür? Ich bin für konstruktive Kritik offen, du darfst es mir gern verraten. Mein Gewissen ist eigentlich recht rein, aber vielleicht habe ich etwas übersehen. Oder ist das alles nur dazu da, um ein wahnsinnig gutes neues Jahr würdigen zu können? Solche Wendungen kenne ich nicht von dir, du würdest mich damit wirklich überraschen und ich traue es dir nicht wirklich zu.

Also verrate es mir: Warum das alles? Warum 2019? Schreibs an den Himmel oder schick mir eine PN, Datenschutz ist egal. Ich will es einfach nur verstehen. Klartext, kein Rumgeeier. Wenn du mir kündigen willst: Sags. Aber lass mich nicht länger am langen Arm verhungern, mein liebes Leben.