Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – leise Version

Verrückt – #MeineStimmeGegenIgnoranz – leise Version

Appell an die Vernunft – Vernünftig?

In den 90er Jahren startete die Kampagne „Keine Macht den Drogen“ – heute haben 10,6 Millionen Deutsche offiziell ein Suchtproblem.(Quelle) Zwar dürfte fast jeder den Slogan kennen, doch ansonsten wird dieser Versuch, ein großes Problem in den Griff zu bekommen, als gescheitert betrachtet. Und dennoch starten wir nun die Kampagne gegen Hass. Damals wie heute wird an die Vernunft erwachsener Menschen appelliert – und damit ist auch #DeineStimmeGegenHass zum Scheitern verurteilt. Warum?

„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

Diesen Satz traut man Gandhi nicht zu, denn er klingt wenig optimistisch. Doch er hat recht. Welche Lehre hätte man aus der gescheiterten Anti-Drogen-Kampagne ziehen können? Dass man die Ursache eines Problems angehen muss und nicht die Folgeerscheinungen.

Was ist die Ursache von Sucht? „Nicht alle Abhängigkeiten haben ihren Ursprung in Missbrauch oder Traumata, aber ich bin überzeugt, dass sie alle auf schmerzhafte Erfahrungen zurückgeführt werden können.“ Das sagt der kanadische Arzt Gabor Maté, der sich seit Jahrzehnten mit Sucht befasst und bezieht sich dabei auf die Kindheit.(Quelle) Wer also den Drogen ihre Macht entziehen will, muss damit im Kinderzimmer anfangen und die dort Aufwachsenden vor schmerzhaften Erfahrungen beschützen.

Und wie entsteht Hass?

Seine Wiege steht an der exakt gleichen Stelle, an welcher Sucht geboren wird: im Kinderzimmer. Nein, damit ist nicht gemeint, dass Eltern ihre radikale, hasserfüllte Gesinnung an ihren Nachwuchs weitergeben. In einem gemeinsamen Kinderzimmer können ein späterer Antifa und eine AfD-Anhängerin aufwachsen. Dieser Raum ist der Ort, wo all unsere Meisen und Macken das Licht der Welt erblicken. Keiner unserer Special Effects kommt aus dem Nichts, jeder ist der Donner nach dem Einschlag. Und dieser findet praktisch immer im Elternhaus statt. Wer der Geschichte zuhört, wird sich schwertun, dies als bloße Theorie abzutun.

Nur hören wir der Geschichte nicht zu.

Nicht der großen Weltgeschichte, nicht den Geschichten derer, die einen fassungslos machten und machen. Hitler kam nicht mit ausgestrecktem Arm und Bärtchen über der Oberlippe zur Welt, genauso wie heute kein Baby als Neonazi, Populist, Rassist oder Internettroll geboren wird. Würden wir uns mit den Geschichten befassen, dann könnten wir daraus lernen, was hasserfüllte Diktatoren verbindet mit Serienmördern. Wir würden verstehen, was sie mit Kinderschändern verbindet, genauso wie mit Rassisten und Trollen. Mit Sätzen wie „Nazis darf man hassen“, „Hängt die Mörder!“ oder „Schneidet ihm den Schwanz ab!“ kann man ordentlich Dampf ablassen. Doch mit Wut wird man zukünftigen Opfern ihr Leiden nicht ersparen, genauso wenig wie mit härteren Strafen oder Appellen an Menschlichkeit, Mitgefühl oder gar die Vernunft. Doch wir hören nicht zu. Und wenn doch, dann heißt es:

Die Moral der Geschichte gefällt mir nicht.

Über 50% der sexuellen Übergriffe gegenüber Kindern werden von nicht-pädophilen Menschen begangen. Das Hauptmotiv dieser Täter ist das Ausüben von Macht und das Spüren von Überlegenheit.(Quelle) Warum müssen erwachsene Menschen an Babys, Kleinkindern und Teenagern Macht demonstrieren? Würde man den Geschichten der Täter zuhören, wäre klar: Weil sie sich unter ihrem Vater und/oder ihrer Mutter winzig gefühlt haben, selbst erniedrigt wurden.
Schaut man sich die Biografien von Serienmördern an, wird man ebenfalls keine finden ohne Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, …
Der Massenmörder von Hanau war psychisch krank. Doch das können wir nicht als Ursache gelten lassen, diese Moral passt nicht ins Weltbild. Er war rechtsextrem und hatte nur nebenbei Psychosen. Und so kämpfen wir gegen den Extremismus und nicht gegen die Entstehung von psychischen Erkrankungen und können wieder über die angebliche Spaltung der Gesellschaft jammern, an Vernunft und Mitgefühl appellieren. Dass die grausamsten Täter einst Opfer waren, passt uns nicht als Moral der Geschichten, denn was soll man dann empfinden: Hass oder Mitgefühl?!
Warum fragt keiner, woher die Wahnvorstellungen des Täters von Hanau kamen? Woher kommen überhaupt psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen? Dies muss unbeantwortet bleiben, denn:

Wir ignorieren selbst die Geschichten unserer Kinder

Zum Entstehen dieser Erkrankungen und Störungen gibt es eine gigantische Bibliothek voller Geschichten. Doch wir hören ihnen nicht zu. Noch schlimmer: Wir ignorieren sie. 1,9 Millionen junge Leute verlassen nach offizieller Statistik psychisch kaputt ihr Elternhaus(Quelle) – doch kein einziges Wort darüber in Wahlkämpfen. EINE MILLION NEUNHUNDERTTAUSEND unserer Kinder sind uns so was von egal. Kein Wort in Wahlkämpfen, kein Wort in Weihnachts- oder Neujahrsansprachen, kein Wort in der letzten #Generaldebatte im #Bundestag. Zwischen #Wirtschaftswachstum, Bewahrung des Wohlstandes, #Klimawandel, #Corona und #5G findet sich für sie kein Platz, wie schon seit Jahren. Stattdessen werden 20-Jährige aus der geschlossenen Psychiatrie zurück ins Leben entlassen, wo sie mit ihren Suizidgedanken wieder allein sein können. 1,9 Millionen unserer Kinder gehen uns am Arsch vorbei. 26% aller 18- bis 25-Jährigen. Offenbar ist dies eine

Vernachlässigbare Zahl

Doch wenn 26% der Deutschen eine populistische Partei wählen, gibt es kein anderes Thema mehr, von #Maischberger über #HartaberFair bis #AnneWill. 26% scheinen also eine Menge zu sein, die man nicht ignorieren kann. Nur wenn 26% unserer gerade erwachsen gewordenen Kinder mit Depressionen, Angststörungen, Panikattacken, bipolarer Störung usw. das Elternhaus verlassen, dann herrscht Schweigen. Warum fragt keiner, weshalb sie kaputt sind? Warum will keiner wissen, was sie kaputtgemacht hat? Aus Angst vor der Antwort? Oder ist es pure Ignoranz, genau wie gegenüber den 28% der Erwachsenen insgesamt, die in der Statistik über psychische Erkrankungen aufgeführt sind? Und wer Menschen kennenlernt, wird merken, dass die anderen 72% nicht automatisch als psychisch stabil eingestuft werden können.

Statt uns die Geschichten anzuhören, reagieren wir auf das unvernünftige Verhalten mit:

Kopfschütteln

Und kurz darauf startet der Versuch, sie mit Appellen an die Vernunft von ihrem Weg abzubringen.
Doch was würde passieren, wenn wir sie alle an einen Tisch setzen und ihnen zuhören würden? Jene, die Klopapier horten. Jene, die plündernd durch Stuttgart rennen. Jene, die mit Reichskriegsflaggen vor dem Parlamentsgebäude wedeln. Jene, die keinen Monat Single sein können. Jene, die für Likes blankziehen, ihr Gesicht per App komplett verändern. Jene, die als Z-Prominente aufgebaut werden und dies gern mit sich machen lassen. Jene, die im Netz trollen, mobben, Morddrohungen verschicken. Jene, die Gaffer-Videos veröffentlichen. Jene, die absolut jedem helfen wollen, Jene, die Reifen an Krankenwagen zerstechen und Sanitäter, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, Zugbegleiter, Schiedsrichter usw. angreifen. Jene, die Verschwörungsmythen verbreiten. Jene, deren Leben nur aus Arbeit besteht. Jene, die als Influencer dafür werben, man solle zu seinem Ich stehen und die mit 19 die dritte Schönheits-OP hinter sich haben.
Wir schütteln über sie alle die Köpfe, sprechen von der Spaltung der Gesellschaft – und sehen nicht:

Das Verbindende

Und wir merken nicht, dass wir selbst zu ihnen gehören. Was würde passieren, wenn man an diesem Tisch keine Gespräche über politische Ansichten oder schräges Verhalten zulassen würde, sondern nur Erzählungen aus der Kindheit? Plötzlich würde unbegreifliches Verhalten verständlich und hinter der vermeintlichen Spaltung käme etwas sehr Verbindendes ans Licht: Kinder wachsen mit Vernachlässigung, Demütigung, Gewalt, Missbrauch auf. Oder sie werden im goldenen Käfig groß. Oder die Eltern leben vor, dass man nur jemand ist, wenn man bis zum Umfallen arbeitet, Einfluss hat. Das Ego ist durch all das entweder nie gewachsen oder wurde narzisstisch grandios. Sucht, andere psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen sind die Folge und sowohl in Plattenbau, Reihenhaus und Villa zu finden. Auf Umwegen versuchen wir, unser Ego nachträglich aufzubauen: durch Aufmerksamkeit als Prominenter, Influencer, über Likes, egal ob mit der eigenen nackten Haut oder Bildern von blutübertrömten Unfallopfern, über ständig neue Beziehungen, über „Ich habe recht!!!! Mit mir brauchst du gar nicht erst diskutieren!!!“, über Macht, über Geld, …

Oder wir werten unser Ego auf, indem wir andere abwerten – sie hassen: Ausländer, Deutsche, Juden, Muslime, Christen, Politiker, Journalisten, Schwule, Frauen, Blondinen, Schwarze, Weiße, Gutmenschen, Schlechtmenschen, Millionäre, Hartz-IV-Empfänger, Radfahrer, Autofahrer, Schalke-, Dortmund- oder Bayernfans …

Die Moral der Geschichten: Aus Opfern werden Täter.

Wer keine Täter will, muss neue Opfer verhindern. Wer dafür sorgt, dass Kinder mit ehrlicher Zuneigung durch die Eltern aufwachsen, braucht später weder ein Hashtag #DeineStimmeGegenHass noch Kampagnen wie „Keine Macht den Drogen“.

Es geht (fast) IMMER um unser Ego.

Was immer wir machen, soll unseren Selbstwert wachsen lassen. Wir helfen anderen nicht aus Nächstenliebe, sondern weil wir uns dabei selbst besser fühlen, unser Ego aufwerten. Auch ich hätte dies alles hier nicht geschrieben, wenn mein Unterbewusstsein nicht viel Beifall erwarten würde. Wir bringen niemanden zum Lachen aus Selbstlosigkeit, weder den Menschen an unserer Seite noch Tausende Leute in einem Stadion, sondern weil wir das Lachen als Schulterklopfer empfinden für unser Ego. Genauso wenig singen Künstler, damit sich andere unterhalten fühlen, sondern weil der Beifall das Ego streichelt.
Und wir hassen nicht einfach so, sondern weil wir unser Ego aufwerten wollen. Das Erniedrigen anderer gehört zu den Merkmalen der

Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Narzissten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

Und nun eine kleine Veränderung: Populisten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

Aber wir schweigen

Nicht einmal zu Zeiten eines Donald Trump haben wir angefangen, über diese Persönlichkeitsstörung im großen Umfang zu reden. Stattdessen erfindet man Worte wie „Trumpismus“, als wäre sein Verhalten einzigartig. Aber allein in Deutschland gibt es nach sehr schwammigen Schätzungen um die 1 Millionen solcher Narzissten.
Narzissmus als Störung ist nur eine mögliche Folge von falscher Zuneigung der Eltern. Eine andere ist Infantilität: „Erwachsene“ verhalten sich im Zwischenmenschlichen wie Kinder. Sie können es nicht ertragen, im Unrecht zu sein, mit ihnen kann man einfach nicht diskutieren, genauso wenig wie mit Histrionikern.
Aber genauso wirken sich Angststörungen und Manien auf das Miteinander aus. Auch sie spielen sich nicht nur in den vier Wänden der Erkrankten ab. Wer Klopapier hortende Menschen pauschal als durchgeknallte Egoisten abtut, sollte im Hinterkopf haben: Knapp 10 Mio. Deutsche werden in der Statistik über psychische Erkrankungen unter „Angststörungen“ aufgeführt .(Quelle) Die Gelegenheiten, über psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen zu reden, wären also immer da, ob durch unsere Kinder, durch Präsidenten, durch Elon Musk, Kanye West oder leere Supermarktregale – oder uns selbst.

Wer hinter die Gardinen der Familien schaut, wird feststellen:

Gesundes Selbstbewusstsein ist so rar wie Klopapier …

… und Trockenhefe in den Hoch-Zeiten von Corona. Solange dies so bleibt, wird sich nichts zum Besseren wenden können, auch nicht mit dem ausgeklügeltsten Hashtag der Welt. Wer die scheinbare Spaltung zwischen Rechts & Links und Arm & Reich überwinden will, muss für stabile Egos sorgen und Brücken hin zu geistiger Gesundheit bauen. Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen betreffen nicht zwei, drei Menschen aus bildungsfernen Randgruppen exklusiv, sondern offiziell 18 Mio. in Plattenbau, Reihenhaus und Villa. Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, wird sie sich wiederholen, im Großen wie im Kleinen.

Hass lässt sich nicht mit Appellen an die Vernunft Erwachsener in den Griff bekommen, sondern indem Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein durch ihre Eltern mit auf den Weg gegeben wird. Dies wird sich nicht in wenigen Jahren umsetzen lassen, denn dafür müssen die Eltern selbst ein stabiles Ego haben. sondern über Generationen ziehen.

PS

Mit ruhig vorgetragenen Argumenten bekommt man weniger Aufmerksamkeit als mit verbalen Amokläufen. Deshalb gibt es die „Kommt endlich aus dem Arsch“-Version.