Über mich

Ich, Baujahr ´73, fühlte mich 40 Jahre lang winziger als alle anderen. Meine über dem Durchschnitt liegende Wuchshöhe half nicht als Ausgleich. Ich hielt mich soweit es möglich war von allen Menschenansammlungen wie Partys fern, verließ das Schneckenhaus nur im Notfall. Hätte ich schon viel eher gewusst, wie viele Menschen ein ebenso überschaubares Selbstbewusstsein haben, wäre ich vielleicht nicht so lange scheu durch die Jahrzehnte gegangen.

Die Wende kam – natürlich – mit einer Frau. Wir lernten uns Ende 2010 kennen, sind uns im realen Leben nie begegnet. Mit einem einzigen Satz, besser gesagt mit zwei Worten, stieß sie die Wende an:

„Ich weiß.“
Nur zwei Worte.

Erstmals fühlte ich mich von einer Frau als Mann wahrgenommen, nicht nur als Kumpel, der gut zuhören kann. Wir fanden es spannend, wie eine zufällige Begegnung den Lebenspfad eines anderen Menschen verändern kann. Ohne sie – die selbst viel tiefere Abgründe als ich kennt – hätte ich vermutlich noch heute nicht den Mut, mich mit einem Foto ins Singlebörsen-Karussell zu stürzen. Aber ich tat es.

Die seltsame Suche nach Ms. Right

Doch statt die Eine kennenzulernen, begegnete ich praktisch nur Frauen, deren Geschichten heftig waren und meine eigene Kindheit unter einem despotischen Vater wie einen Kindergeburtstag erscheinen ließ. Ich rätselte: Entweder ziehe ich Frauen mit solchen Geschichten per Zufall an oder hinter so ziemlich jedem Menschen verbirgt sich ein „schwarzer Fleck“, über den aber kaum gesprochen wird, weil selten Verständnis vom Gegenüber erwartet wird und man lieber schweigt. Immer wieder erlebte ich Erleichterung, dass sie bei mir ein offenes Ohr finden konnten, ohne dass ich be- oder verurteile.

Mich interessierten ihre Geschichten, weil sie gerade in dieser Masse so völlig gegensätzlich waren zum Bild der weitgehend heilen Welt, das ich bis dahin hatte. Klar, da gibt es Missbrauch und Gewalt, da bringt mal jemand seine Familie um und es gibt ein Nachbarschaftsdrama mit blutigem Ausgang und da gibts Frauenhäuser – aber all das war weit weg für mich, es war selten Thema in den Medien und abseits davon schien alles ziemlich in Ordnung.

Das kann doch nicht wahr sein?!

Doch nun lernte ich eine Frau kennen, die mit ihren Kindern nach lange vorbereiteter Flucht vor ihrem Partner geflüchtet war, der ihr mit Enthauptung gedroht hatte, wenn sie ihn verlässt. Diese Frau erzählte mir von einem Mann aus dem gleichen Partnersuchportal, dessen Ex-Freundin vom neuen Freund erschossen worden war mit den Worten: „Wenn ICH dich nicht haben kann, bekommt dich keiner.“ Anschließend tötete er sich selbst. Eine andere Bekanntschaft kämpft beim Jugendamt und vor Gericht frustrierend aussichtslos für sein Kind, dass sich bei der Übergabe an die narzisstische Mutter immer übergibt und in dessen Kopf der zweite Tumor wächst.
Ich lernte eine Frau kennen, die in den Augen ihres Vaters schon bei der Geburt versagt hatte, weil sie nicht als Junge zur Welt gekommen war und diese Enttäuschung ließ nie nach.
Ich lernte Hanna kennen, die nach einem unverschuldeten Unfall seit 20 Jahren unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet und immer wieder auf Unverständnis stößt. Sie erzählte mir von einem Mann, den sie in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte und der kurz nach der Geburt von seiner Mutter mit den Worten abgewiesen wurde: „Das ist nicht meins, ich hab eine Tochter geboren.“ Als sich bei ihm nach einer Maserninfektion Schwerhörigkeit herausgestellt hatte, schob die Mutter ihn zur Tante ab.
Ich lernte eine Frau kennen, die drei Jahre mit einem Mann mit bipolarer Störung gelebt hatte, dessen Manien und Depressionen täglich wechselten – und sie selbst erkrankte nach all dem Stress an Krebs.
Ich lernte eine Frau kennen, deren Freund begeistert war von der ungeplanten Schwangerschaft – und der im 6. Schwangerschaftsmonat weg war, woraufhin die Frau fast ihr Kind verloren hätte.
Ich lernte drei Frauen kennen, die sich bei Diskussionen wie Kinder verhielten, weil sie „Kritik“ nicht ertragen konnten. Unter Kritik sahen sie all das, bei dem ich eine andere Meinung hatte.
Eine weitere Frau war von einem Ex-Partner geschlagen worden, der nächste zeigte sich extrem eifersüchtig.
Und so weiter.
Was mich auch zunehmend erschreckte: Wie viele Mütter dieser Frauen überhaupt nichts von Mutterliebe gezeigt hatten.

Einige Frauen erzählten mir Dinge aus ihrem Leben, über die sie ansonsten mit fast niemand anderem gesprochen hatten. Eine Frau schrieb mir, ich würde mich lesen, als ob ich neben ihr stünde. Auch wenn ich bei der Suche nach Ms. Right nicht weiterkam: So ein Satz und solch ein Öffnen war Dünger für das Pflänzchen namens „Mein Selbstbewusstsein“. Dieses Gewächs geht nicht in die Höhe bei Sätzen wie:

„Sei doch einfach mal selbstbewusst!“
Funktioniert leider nicht auf Knopfdruck

Und kein Mensch kommt mit einfachen Ratschlägen von den Gleisen, die in der Kindheit gelegt wurden. Doch viele der Frauen erzählten vom Nicht-Verstandenwerden in Familie und Umfeld, was sie neben den schwarzen Flecken als zusätzliche Last empfanden. Neue Schuldgefühle entstehen, weil es einem nicht gelingt, all die guten Tipps umzusetzen. Also schweigt man lieber. Öffnet man sich doch, ist oft Rückzug des Zuhörenden die Folge, weil dieser sich überfordert fühlt, keine Antworten weiß. Wer sieht schon gern geritzte Unterarme? Wer will schon wissen, dass der andere sich am liebsten vor den Zug werfen möchte? Mit solchen Situationen umzugehen, lernt man äußerst selten.

Ich mach mich nackig

Wie kam es, dass sich die Frauen mir so öffneten? Meine Vermutung: Weil ich mich nackig machte. Gut, damit haben Männer selten Probleme. Von Frauen in meinem Umfeld hörte ich immer wieder: 90% der Männer kommen auf den Partnersuchportalen spätestens in der dritten Nachricht auf Sex zu sprechen. Hin und wieder landeten Bilder in den Postfächern, die gleich zeigten, was Frau so bekommen würde.

Meine Art des Nackigmachens war eine andere. Da ich mit Smalltalk wenig anfangen kann und ich gern Geschichten erzähle, ging es immer rasch ans Eingemachte. Ich erzählte meine Geschichte und bekam meist die genauso ungeschminkte Erzählungen der Frauen zu hören. Mit der Art, wie du etwas erzählst, zeigst du „Fachkompetenz“.
– Art 1: „Boah du, ich kenne eine Frau, die machts mit Männern UND Frauen!!!“
– Art 2: „Ich kenne eine Frau, deren Mann extrem eifersüchtig ist und sie ständig überwacht. Wir schreiben uns nur, wenn sie auf Arbeit ist, da kann ihr Mann nicht dauernd über ihre Schultern gucken. Es ist alles völlig harmlos, er könnte das ruhig lesen, aber seine Kontrollitis nervt. Seltsamerweise hat er mit anderen Frauen – sie ist bi – kein Problem.“

Ungeplante Schule des Lebens

Ich konnte in Jahren der Suche nach Ms. Right viel erfahren über Depression, bipolare Störung, Infantilität, Narzissmus, über die Wirkung von Hormonen, wie Liebe funktioniert – und sogar über Frauen. Immer wieder zeigte sich ein roter Faden. Dessen eines Ende reichte immer zurück zu einem alles andere als hilfreichen Elternhaus. Er setzte sich fort mit einer schwierigen Kindheit und reicht bis zu einem ständig mit sich selbst kämpfenden Erwachsenen. Praktisch immer kommt dabei das Selbstbewusstsein ab dem Kindesalter unter die Räder, was wiederum z.B. bei der eigenen Partnerwahl Probleme verursacht. Du landest bei einem, der dir nicht wirklich gut tut, aber:

„Ich bekomme ja eh keinen besseren.“
Ein Satz, den Amor ungern hört.

Solche Beziehungen treiben den Selbstwert weiter in den Keller. Das Hamsterrad dreht sich weiter. Selbstverletzung und Suizid scheinen die plausibelsten Wege zu sein, der ständigen Wiederholung zu entkommen – es würde einen ja eh keiner vermissen. Verständnis zu finden schwebt zwar immer als Hoffnung im Kopf herum, aber oft verstehst du dich selbst nicht wirklich, also kannst du dich auch anderen nicht erklären und der innere Druck bleibt hoch.

Mit den meisten meiner Bekanntschaften – ich nenne sie Kumpelinen – bin ich weiterhin im Kontakt. So erlebe ich ihre weiteren Partnersuchen – und finde es haarsträubend. Auch unter den Männern scheint es nur äußerst selten einen zu geben mit stabilem Selbstbewusstsein. Die scheinbare 90%-Mehrheit weiß sich nur zu helfen mit An-die-Kette-legen, verbalen Ausfällen bei Ablehnung o.ä. Da wird beim ersten Date losgeküsst und nach einem Jahr sucht Mann Nähe ohne zu erdrücken. Und auch bei diesen Männern führen die Spuren sehr schnell in die Kindheit: früh verstorbene Eltern, Väter, die nur ans Arbeiten denken und nicht an Anerkennung für ihren Nachwuchs, Mütter, die ihrem Mann jede matschige Stelle am Obst abschneiden und deren Söhne auch jenseits der 40 das Verhalten von Kindern haben. Und so weiter.

„Jetzt hab ich dich beringt.“
… und den passenden Käfig finden wir auch noch. Worte eines Narzissten.

Meine Moral aus den Geschichten

Das Einfachste wäre, darüber den Kopf zu schütteln, zu lachen, abzuwinken. Aber damit ist niemandem geholfen und das Problem wird nicht kleiner. 3,8 Millionen Kinder erleben im Verlaufe eines Jahres einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung. 2016 waren 26 Prozent der 18- bis 25-Jährigen von einer psychischen Erkrankung betroffen. 1,9 Millionen junge Menschen. Für mich eine unglaubliche Zahl. Und um Erwachsene macht das Thema absolut keinen Bogen: Lehrer, Erzieher, Ärzte usw. stehen unter Dauerstress, fallen aus mit Burn out …

„Aufstehen, Krone richten und weiter.“

Ich bin kein Fan von solchen Sprüchen.

Ich sehe oft, wie Sprüche dieser Art geteilt werden. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, dem sie geholfen haben. Mein Weg hinaus aus dem Schneckenhaus brauchte (und braucht) einige Worte mehr. Vor allem die realen Geschichten der anderen und das Eintauchen in die dazugehörige Theorie putzten mir die Brillengläser: Warum schwärmt eine Frau so sehr vom Geruch eines ersten Dates? Wieso verhalten sich Erwachsene, als wären sie im Kindesalter steckengeblieben? Weshalb erdulden Menschen furchtbare Beziehungen? Warum heirate ich nicht meine beste Kumpeline?

Da ich eh schon immer ein Buch schreiben wollte, bot es sich an, aus all dem eine Geschichte zu stricken und damit das Verstehen der Eigenheiten anderer zu fördern, für offene Ohren werben, Berührungsängste zu nehmen. Ich bin nicht blauäugig, dass ich die Welt verändern kann. Aber es gar nicht erst zu versuchen bei all dem Leidensdruck, den ich gesehen habe, das kann ich nicht. Ich freue mich, wenn Du mich begleitest.

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Der Zuhörer

Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies offenbar meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

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Verrückt – Das Interview

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Frage: Was muss passieren, damit diese Welt weniger verrückt ist? Antwort: Wir müssen zuhören lernen. Oder wir verbieten das Kinderkriegen.

#verrückt: Von Opfern und Tätern

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Jochen wäre fast ertrunken, der Vater zerrte ihn wieder ins Wasser. Opfer und Täter, weiß und schwarz. Doch ist es wirklich so einfach?

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