Über mich.

Ich, Baujahr ´73, fühlte mich 40 Jahre lang winziger als alle anderen. Meine über dem Durchschnitt liegende Wuchshöhe war kein Ausgleich. Hätte ich gewusst, wie viele Menschen ein recht überschaubares Selbstbewusstsein haben, wie viele innerlich mit sich kämpfen, wäre ich vielleicht nicht so lange scheu durch die Jahrzehnte gegangen.

Die Wende kam – natürlich 🙂 – mit einer Frau. Wir kennen uns inzwischen 7 Jahre, sind uns noch nie im realen Leben begegnet. Aber mit dem ersten dicken Autoren-Scheck in der Tasche wird sich dies eines hoffentlich nicht weit entfernten Tages ändern. Ihre Kids, deren Entwicklung ich fast von der Geburt an verfolgen konnte, sind dann noch ein Stück größer. Mit einem einzigen Satz, besser gesagt mit zwei Worten, stieß sie die Wende an.

„Ich weiß.“

Nur zwei worte.

Wir rätseln heute ab und zu, wo ich stehen würde ohne sie, wie eine zufällige Begegnung den Lebenspfad eines anderen Menschen verändern kann. Ohne sie – die selbst nur zu gut tiefste Abgründe kennt – hätte ich vermutlich noch heute nicht den Mut, mich mit einem Foto ins Singlebörsen-Karussell zu stürzen. Aber ich tat es. Zwar lernte ich nicht die Eine kennen, aber ich begegnete Frauen, deren Geschichten zum Teil schwer zu verdauen waren. Ebenso unglaublich war für mich, dass an fast keiner dieser Krug des Dramas vorbeigezogen war. Entweder ziehe ich Frauen mit solchen Geschichten per Zufall an oder hinter so ziemlich jedem Menschen verbirgt sich ein „schwarzer Fleck“, über den aber selten gesprochen wird. Selten erwartet man Verständnis vom Gegenüber und schweigt lieber. Immer wieder erlebte ich Erleichterung, dass sie bei mir ein offenes Ohr finden konnten, ohne dass ich be- oder verurteile. Eine Frau schrieb mir, ich würde mich lesen, als ob ich neben ihr stünde. So ein Satz ist Dünger für das Pflänzchen namens Selbstbewusstsein. Diese Art des Zuhörens erlebten die Frauen zuvor selten, weder bei Männern noch beim eigenen Geschlecht. Einer Frau mit Trauma wurde nicht nur ein Mal erklärt, nach 17 Jahre müsse sie doch darüber hinweg kommen. Depressiven wird empfohlen, einfach unter Leute zu gehen, dann verschwänden die Probleme. Menschen mit fehlendem Selbstbewusstsein wird der Rat erteilt:

„Sei doch einfach mal selbstbewusst!“

Ein wenig hilfreicher Tipp fürs Leben

Das Nicht-Verstandenwerden ist zusätzliche Last. Neue Schuldgefühle entstehen, weil es einem nicht gelingt, all die guten Ratschläge umzusetzen. Also schweigt man lieber. Öffnet man sich doch, ist neben den wenig hilfreichen Tipps oft Rückzug des Zuhörenden die Folge, weil dieser sich überfordert fühlt, keine Antworten weiß. Wer sieht schon gern geritzte Unterarme? Wer will schon wissen, dass der andere sich am liebsten vor den Zug werfen möchte? Mit solchen Situationen umzugehen, lernt man äußerst selten.

Ich konnte in diesen Jahren viel erfahren über Depression, bipolare Störung, Infantilität, Narzissmus, über die Wirkung von Hormonen, wie Liebe funktioniert – und sogar über Frauen *g*. Immer wieder zeigte sich ein roter Faden. Dessen eines Ende reichte immer zurück zu einem alles andere als hilfreichen Elternhaus. Er setzte sich fort mit einer schwierigen Kindheit und reicht bis zu einem ständig mit sich selbst kämpfenden Erwachsenen. Praktisch immer kommt dabei das Selbstbewusstsein ab dem Kindesalter unter die Räder, was wiederum z.B. bei der eigenen Partnerwahl Probleme verursacht. Du landest bei einem, der dir nicht wirklich gut tut, aber:

„Ich bekomme ja eh keinen besseren.“

Ein Satz, den Amor ungern hört.

Solche Beziehungen treiben den Selbstwert weiter in den Keller. Das Hamsterrad dreht sich weiter. Selbstverletzung und Suizid scheinen die plausibelsten Wege zu sein, der ständigen Wiederholung zu entkommen – es würde einen ja eh keiner vermissen. Verständnis zu finden schwebt zwar immer als Hoffnung im Kopf herum, aber oft verstehst du dich selbst nicht wirklich, also kannst du dich auch anderen nicht erklären und der innere Druck bleibt hoch.

Mit den meisten meiner Bekanntschaften – ich nenne sie Kumpelinen – bin ich weiterhin im Kontakt. So erlebe ich ihre weiteren Partnersuchen – und finde es haarsträubend. Auch unter den Männern scheint es nur äußerst selten einen zu geben mit stabilem Selbstbewusstsein. Die scheinbare 90%-Mehrheit weiß sich nur zu helfen mit An-die-Kette-legen, verbalen Ausfällen bei Ablehnung o.ä. Da wird beim ersten Date losgeküsst und nach einem Jahr sucht Mann Nähe ohne zu erdrücken. Und auch bei diesen Männern führen die Spuren sehr schnell in die Kindheit: früh verstorbene Eltern, Väter, die nur ans Arbeiten denken und nicht an Anerkennung für ihren Nachwuchs, Mütter, die ihrem Mann jede matschige Stelle am Obst abschneiden und deren Söhne auch jenseits der 40 das Verhalten von Kindern haben.

„Jetzt hab ich dich beringt.“

… und den passenden Käfig finden wir auch noch.

Das Einfachste wäre, darüber den Kopf zu schütteln, zu lachen, abzuwinken. Aber damit ist niemandem geholfen und das Problem wird nicht kleiner. 3,8 Millionen Kinder erleben im Verlaufe eines Jahres einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung. 2016 waren rund 25 Prozent der 18- bis 25-Jährigen von einer psychischen Erkrankung betroffen. 1,3 Millionen junge Menschen. Für mich eine unglaubliche Zahl. Und um Erwachsene macht das Thema absolut keinen Bogen: Lehrer, Erzieher, Ärzte usw. stehen unter Dauerstress, fallen aus mit Burn out …

„Aufstehen, Krone richten und weiter.“

Ich bin kein Fan von solchen Sprüchen.

Ich sehe oft, wie diese Sprüche geteilt werden. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, dem sie geholfen haben. Mein Weg hinaus aus dem Schneckenhaus brauchte (und braucht) einige Worte mehr. Vor allem die realen Geschichten der anderen und das Eintauchen in die dazugehörige Theorie putzten mir die Brillengläser: Warum schwärmt eine Frau so sehr vom Geruch eines ersten Dates? Wieso verhalten sich Erwachsene, als wären sie im Kindesalter steckengeblieben? Weshalb erdulden Menschen furchtbare Beziehungen? Warum heirate ich nicht meine beste Kumpeline?

Da ich eh schon immer ein Buch schreiben wollte, bot es sich an, aus all dem eine Geschichte zu stricken und damit das Verstehen der Eigenheiten anderer zu fördern, für offene Ohren werben, Berührungsängste zu nehmen. Ich bin nicht blauäugig, dass ich die Welt verändern kann. Aber es gar nicht erst zu versuchen bei all dem Leidensdruck, den ich gesehen habe, das kann ich nicht. Ich freue mich, wenn Du mich begleitest.