#verrückt: Was Journalisten & Politiker mit Covidioten & Aluthutträgern verbindet – Teil 1

Käpt´n Crazy und die Chinesen

2009 erzählte mir beim Klassentreffen eine ehemalige Schulfreundin, Katharina, von ihrem Mann. Sie, damals Mitte 30, lebte mit ihm und ihren beiden Söhnen in einem großen Haus, an dem ihr Mann in jeder freien Minute weiter baute. Im Erdgeschoss hatten sie gemeinsam einen Laden eingerichtet, in welchem Katharina verkaufte. Ihr Mann hatte sich eine eigene Firma aufgebaut und gestaltete mit drei Angestellten Gärten und Höfe mit wirklich beeindruckenden Ergebnissen. Die Ideen gingen ihm nie aus, er arbeitete sehr sauber und hielt Fristen ein. Entsprechend gut lief die Firma.

Weniger gut lief das Miteinander zwischen ihm und Katharina seit zwei Jahren. Seine Trinkerei ließ ihn Dinge machen, die auf keine Kuhhaut gingen – zumindest nahmen alle an, dass es mit seinem Alkoholkonsum zu tun hatte. Diesen reduzierte er auch nicht nach einem lebensbedrohlichen Treppensturz im Suff. Da gab es kein Umdenken wie: „Oh Gott, jetzt hätte ich fast meine Kinder zu Halbwaisen gemacht! Ich hab ein Problem!“ Nein, es ging einfach weiter.

Immer wieder gab es Streit, bei dem sich am Ende immer wieder Katharina für ihr Verhalten entschuldigte, um den Frieden wiederherzustellen. Diskutieren mit ihrem Mann war phasenweise völlig sinnlos. Er sah selbst Fehler nicht ein, obwohl seine Schuld eindeutig war. Außerdem hatte sie Angst, er würde ihr den Laden kündigen. Auf einem Zettel in seinem Büro hatte sie Worte gefunden, die auf solche Pläne deuteten.

Und es fiel ihr schwer, sich einzugestehen, dass sie für diesen Mann trotz allem noch etwas empfand, zumal es auch Phasen gab, in denen er absolut ihre Nähe suchte, an ihrem Rockzipfel hing, fast wie ein Kind kuscheln und schmusen wollte. Und einige Zeit später war sie wieder nur die Haushaltshilfe und das Kindermädchen. Um die beiden Söhne kümmerte er sich dann kaum, dafür um sein Quad, das er sich ohne Absprache mit Katharina für reichlich Geld gekauft hatte. Als er mit dem Teil mitten in der Nacht im Wald stecken blieb, sollte Katharina ihn abholen kommen. Mit reichlich Bauchschmerzen ließ sie die Kinder – damals 6 und 8 – allein und fuhr planlos durch die Gegend, denn ihr Mann hatte nicht gesagt, wo er ist. Nach einer Stunde ergebnisloser Suche fuhr sie wieder nach Hause. Ein Kumpel fand ihren Mann am Morgen.

Weitere derartige Episoden folgten. Und er schlief in diesen rastlosen Phasen wenig. Zwei Stunden Schlaf reichten ihm, denn: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Er schmiss mitten in der Nacht Bauschutt aus dem Fenster in einen Container, fuhr spontan Hunderte Kilometer weit in die Schweiz, um dort festzustellen, dass er in Hamburg eine Rassekatze gekauft hat und diese abholen muss.

Nach Monaten wurde er wieder ganz anders, klebte wieder Katharina am Rockzipfel, konnte nicht verstehen, was er zuvor alles angerichtet hatte, wollte sein Quad verkaufen, welches er nun nicht ansehen konnte.

Und wieder Monate später reichten die 2 Stunden Schlaf pro Nacht, das Quad war wieder interessant. Im Keller sollten Vorräte angelegt werden, weil die Chinesen kommen. Dafür wollte er den Keller zu einer Wohnung umbauen, in der die Familie länger überleben konnte. Er quatschte im Urlaub alle Menschen an, hatte absurde Theorien über das Weltgeschehen, kaufte sich eine verdammt teure Uhr, obwohl sein Geschäft inzwischen bergab ging, wollte eine Fabrik bauen und diverse Dinge zum Patent anmelden, tanzte auf Tischen, kannte keinerlei Hemmungen und glaubte, bestimmte Lieder im Radio seien nur für ihn geschrieben worden.

Und wieder Monate später ließ er den Keller Keller sein, von den anrückenden Chinesen war überhaupt keine Rede mehr und auch sonst war alles „normaler“.

Katharina, an der das alles deutliche Spuren hinterließ, und ich verstanden nichts. Wir konnten uns nur in Galgenhumor flüchten, tauften ihren Mann „Käpt´n Crazy“, sahen ihn wie Jekyll und Hyde. Ihr Mann hatte in der Schule zu den Besten gehört, er war fleißig, kreativ, zeigte sich phasenweise sehr verletzlich – und baute in anderen Phasen unglaublichen Mist mit sich, seiner Familie, seinem Geschäft – seinem ganzen Leben.

Veronika und der Angriff der Roboter

2016 fand sich die Tochter meiner Cousine in einer Realität wieder, die filmreif war. Nadine, 22, absolvierte ihre Ausbildung zur Altenpflegerin und hatte sich mit Veronika, 21, angefreundet.

Beide Frauen waren gerade in der Prüfungszeit im Praktikum. Nadine wollte von ihrer Freundin per Telefon wissen, wie es gelaufen war, doch sie erreichte Veronika nicht. Diese reagierte weder auf Anrufe noch Nachrichten, auch die Wohnung machte sie nicht auf. Als es doch zum Telefongespräch kam, redete Veronika „einen Haufen Mist“. Zum vereinbarten Treffen ein paar Tage später erschien sie nicht. Am späten Abend tauchte sie in Nadines Wohnung auf und erzählte, dass alle einen Chip unter der Haut haben und verfolgt werden. Sie hielt Nadine das Handy vor die Nase und sagte immer wieder: „Das Video musst du dir angucken! Du musst genau hingucken!“ Wenig später sprach Veronika davon, dass Roboter angreifen würden und sie wolle noch auf eine Party. Nach einer Zigarettenpause auf dem Balkon wollte sie bei Nadine bleiben, fraß ihr den Kühlschrank leer, ging gegen 1 Uhr. Nadine war hundemüde, aber auch völlig durch den Wind.

Wochen später wandelte sich das Verhalten von Veronika komplett und ihr wurde klar, dass sie durch die verpasste Prüfung die Ausbildung geschrotet hatte. Für eine Fortsetzung fehlte ihr die Kraft, sie war im psychischen Tief. Von angreifenden Robotern und Chips unter der Haut war keine Rede mehr.

Ende 2017 bekam Nadine im Urlaub einen Anruf von Veronika und verstand nichts: „Da da du die da du …“ Als sie zurück in Deutschland war, besuchte Nadine ihre Freundin in der Klinik, in der sie inzwischen war und merkte, dass der Verfolgungswahn bei Veronika zurückgekehrt war. An den Wänden hingen verstörende Bilder.

„Ich bin bewaffnet!“

2017 ging es um den Verkauf von Ackerland, an dem eine inzwischen 15-köpfige Erbengemeinschaft hing, einschließlich meiner Mum. Da alle Erben ausfindig gemacht werden mussten einschließlich jener Erblinien, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichten, lernten wir kurzzeitig Verwandte kennen, von denen wir überhaupt keine Ahnung hatten, auch im eigenen Ort. Mit am Tisch saß eine Frau Mitte 60, die sich zwei Jahren zuvor von ihrem Mann getrennt hatte. Dieser hatte es in regionale Zeitungen geschafft, als er seinen Vater als Geisel genommen und sich mehrere Stunden im Haus verschanzt hatte. Sich selbst bezeichnete er in den Verhandlungen mit der Polizei als Reichsbürger.

Die üblichen Reaktionen

Einer, der Vorräte anlegt, den Keller zur Wohnung umbaut, weil die Chinesen kommen, wilde Theorien über die Welt erzählt und glaubt, Lieder im Radio seien für ihn geschrieben worden. Eine, die sicher ist, dass alle Menschen einen Chip unter der Haut tragen, verfolgt werden und vom Angriff der Roboter spricht. Ein sich als Reichsbürger bezeichnender Mann, der seinen Vater als Geisel nimmt.

Die üblichen Reaktionen von Journalisten, Politikern, Kommentatoren, Comedians und (fast) allen anderen bei solchen Geschichten: großes Kopfschütteln. Verächtliche Bezeichnungen im Stile von „Covidioten“ und „Aluhutträgern“. Appelle an die Vernunft. Ausdruck von Entrüstung wie von Kanzlerin Merkel in der Neujahrsansprache Ende 2020 über die Verbreitung von Verschwörungsmythen. Faktenchecks. Diskussionen über Radikalisierung und Extremismus und Spaltung der Gesellschaft. Noch mehr Kopfschütteln. Noch mehr Appelle an die Vernunft. Noch mehr „Was für Idioten/Spinner/Durchgeknallte!“-Kommentare.

Des Rätsels Lösung

Meine Reaktion auf das komplett verrückte Verhalten von Katharinas Mann war nicht anders. Unsere verächtliche Bezeichnung war „Käpt´n Crazy“. Immer wieder ging uns durch den Kopf: „Der muss doch mal vernünftig denken?! Der ist doch eigentlich nicht doof?!“ Katharina versuchte ihn mehrmals mit eigentlich nicht zu widerlegenden Faktenchecks davon zu überzeugen, dass er falsch lag. So hatte sie ihrem Mann einen Einkaufszettel mitgegeben: alle mitzubringenden Getränke in Großbuchstaben – er brachte die falschen. Sie hielt ihm den Zettel vor die Nase – aber es war nicht SEIN Fehler. Und so konnte ihm auch keiner ausreden, dass die Chinesen NICHT kommen. Zumindest nicht in den kommenden Wochen bis Monaten.

2 Jahre schüttelten wir verständnislos immer wieder über Monate den Kopf – bis sich sein Verhalten für weitere Monate komplett änderte – was nicht weniger seltsam war. Und irgendwann ging alles von vorn los.

2011 löste sich das Rätsel. In einer Sendung von Sandra Maischberger saß ein Mann, der davon erzählte, wie er aus einem sehr teuer bezahlten Hotelzimmer im Bademantel per Taxi zum Regierenden Bürgermeister Berlins gefahren war, um ihm mal die Meinung sagen zu können. Sein Verhalten glich dem von Katharinas Mann beklemmend. Die Diagnose: bipolare Störung.

Als Katharina und ich lasen, was es damit auf sich hat und wie sie sich zeigt, verstanden wir das bis dahin völlig Unverständliche. Das Verhalten ihres Mannes war lehrbuchhaft für diese Erkrankung. In den manischen Phasen explodiert die Kreativität – siehe die geplante Fabrik und Patente. Das Geld sitzt so locker, dass Verschuldung droht – siehe Quad und Uhr. Schlaf?! Braucht der Maniker nicht. Sexuell übersteigerte Lust – Kati bekam sie auf unschöne Weise zu spüren. In ausgeprägten Manien kann es zu Realitätsverlust kommen und zu Wahn, siehe die anrückenden Chinesen, die absurden Theorien und die angeblich nur für ihn geschriebenen Lieder. In den depressiven Phasen ist alles ganz anders, dann suchte er den Halt bei Katharina und den Kindern, den er sonst nirgends hatte.

Nach dem Abend, an dem Veronika in Nadines Wohnung vom Angriff der Roboter gesprochen hatte und von dem Chip, den alle unter der Haut tragen, hatte Nadine mit Veronikas Mum telefoniert, weil sie sich Sorgen um ihre Freundin machte und diese nicht erreichen konnte. Die Mutter dankte Nadine und erzählte, dass die bipolare Störung in der Familie liegt und bat Nadine, Veronika so zu lenken, dass sie in die Klinik geht. Sie sei die einzige, auf die ihre Tochter momentan höre.

Als sich die Erben des Ackerlandes einschließlich meiner Mum zum Unterzeichnen der Formalitäten zusammengesetzt hatten, erzählte die Ex-Frau des Geiselnehmers, der sich als Reichsbürger bezeichnete, dass dieser die Diagnose bipolare Störung habe.

Mit dir kann man ja nicht reden!

Wer je mit einem Menschen mit bipolarer Störung in einer ausgeprägten manischen Phase diskutiert hat, der weiß: Reden zwecklos. Wenn das Gras blau ist, dann ist es in den Augen des Manikers blau und nichts und niemand wird ihn vom Gegenteil überzeugen können. Kein Faktencheck, keine Beleidigung, kein Appell an die Vernunft werden etwas bringen. Man kann nur auf den Übergang in die depressive Phase warten, um als Partner oder Freund dann traurigerweise mitzuerleben, wie sich das Gegenüber selbst fertigmacht. In den manischen Phasen will man dem Bipolaren regelmäßig den Kopf abreißen für den Scheiß, den er baut. In den depressiven Phasen möchte man ihn in die Arme nehmen, wenn er realisiert, was in der Manie alles kaputtgegangen ist. Und du willst ihn bewahren vor der nächsten Manie, die ganz sicher kommen wird, schickst ihn zum Arzt. In der depressiven Phase nimmt der Bipolare Hilfe an – doch in der Manie besteht selten der Gedanke, dass auch dieser Abschnitt nichts mit Gesund zu tun hat. Das gehört zum Krankheitsbild genauso wie die Uneinsichtigkeit und hat nichts mit Unvernunft oder fehlendem Willen zu tun.

Weder Manie noch Depression kann man mit „Du musst nur!!! Jetzt sei doch mal vernünftig!“ beenden. Beides sind Hormonstörungen und Hormone lassen sich nicht von guten Worten oder verbalen Einläufen beeindrucken. Auch nicht von Beleidigungen oder Appellen an die Vernunft oder Faktenchecks. Würde sich ein Betroffener in einer ausgeprägten Manie von Worten der Vernunft überzeugen lassen können, wäre er nicht manisch. Von einem, der sich das Bein gebrochen hat, würde kein Mensch auf der Welt erwarten, dass er den 100-m-Weltrekord knackt. Doch bei psychischen Erkrankungen trifft man immer wieder auf dieses: „Du musst nur!“

Drei von einer Million?

Die drei Genannten waren in den letzten 10 Jahren nicht die einzigen mit bipolarer Störung in meinem Umfeld und ihnen geht es wie Millionen anderer, darunter Paypal- und Tesla-Gründer Elon Musk, Rapper und Geschäftsmann Kanye West, den Sängerinnen Mariah Carey und Demi Lovato, den Schauspielern Mel Gibson und Catherine Zeta-Jones. Und auch Johann Wolfgang von Goethe, Vincent van Gogh und Robert Schumann kannten laut dem Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum die Achterbahnfahrten zwischen Himmel hoch jauchzender Manie und zu Tode betrübter Depression.

Wirklich verlässliche Zahlen über die Verbreitung der bipolaren Störung findet man nicht, so wie bei allen psychischen Erkrankungen. Das „Weißbuch bipolar“ geht von bis zu 2% Betroffenen aus. Manche Studien kommen zum Ergebnis, dass bis zu 5% der Gesamtbevölkerung von den Erkrankungen des gesamten bipolaren Spektrums betroffen sein könnten. (Quelle) Bei 2% käme man auf 1,2 Millionen Erwachsene in Deutschland mit bipolarer Störung, wobei die Heftigkeit der Verläufe und die Dauer der Phasen unterschiedlich ist. Beim Ex-Partner einer Frau, die ich bei der Suche nach Ms. Right kennengelernt hatte, wechselten die Phasen täglich (Ultradian Rapid Cycling). Nach drei Jahren Beziehung bekam sie Krebs – wohl durch den Stress, welchen das ständige Hin und Her verursacht hatte. Wer mit einem Bipolaren lebt, hat es letztlich mit drei verschiedenen Persönlichkeiten zu tun: der manischen, der depressiven und in den Übergangsphasen mit der ausgeglichenen. So etwas hält man nicht ewig aus.

Die Angst vor dem fallenden Schnee

Nein, ich sage nicht, dass alle „Covidioten“, „Aluhutträger“ und Anhänger von Verschwörungsmythen bipolar sind. Wahnvorstellungen und Realitätsverlust KÖNNEN mit Manien auftreten. Ich sage: Für jedes Verhalten, so abwegig, verrückt oder unerklärlich es auch erscheint, gibt es eine Erklärung. Das habe ich über die letzten 10 Jahre gelernt durch rund 100 Geschichten von Menschen in meinem Umfeld und dem Umfeld anderer. Immer wieder fing es an mit verständnislosem Kopfschütteln und immer gab es den „Okay, das erklärt die Sache“-Moment.

Zum Beispiel bei Jochen. Er ist Ü50, ein Bär von einem Mann, knapp 2 m groß, arbeitet in der Finanzverwaltung einer mittelständischen Firma, macht in seinem eigenen Studio hochprofessionelle Musik – und ihm machen herabfallende Schneeflocken Angst. Diagnose neben anderen: Angststörung. In seiner Wohnung klebt teils großflächig Alufolie, über sein Bett ist ein Netz gespannt, das Strahlung abhalten soll. Im Hotel kann er dich an jene Stelle führen, an der der WLAN-Router installiert ist, ohne je dortgewesen zu sein. Er merkt auch, ob dein Handy ausgeschaltet ist, wenn du neben ihm sitzt. Das macht es schwer, seine Abneigung von Handy-Strahlung einschließlich 5G, die er auf seiner Website deutlich macht, als Spinnerei abzutun.

In einem anderen Punkt ist aber eindeutig, dass Jochen teils in einer Realität lebt, die es so nicht gibt: Er hält sich für sehr empathisch. Anfang 2021 schrieb er an seine angeblich gute Freundin Hanna, wie sehr ihn diese Welt voller egozentrischer, verlogener Arschlöcher betrübt, es gehe ihm nicht gut. Hanna hatte er zwei Jahre zuvor in einer Klinik kennengelernt, in welche er wegen seiner Angststörung gegangen war. Sie selbst ist nach einem unverschuldeten Unfall vor 20 Jahren traumatisiert und kämpft seit Jahren immer wieder mit Suizidgedanken. Im Herbst 2019 hatte sie Tabletten vor sich liegen und ihre Angst war groß, dass nun doch die letzte Hemmung fallen könnte. Bis dahin war immer der Gedanke an ihre Tochter die Bremse. Die Tochter war 4 Wochen alt, als der Unfall passierte und Hanna war sich damals sicher, dass ihr Baby auf dem Rücksitz tot sei.

Am Abend, als Hanna den Berg an Tabletten vor sich hatte, bat sie Jochen, zu ihr zu kommen, einfach da zu sein. Er wohnte 10 km entfernt – doch er ging in die Kneipe, wollte nachts mal vorbeischauen, wenn sie das wolle. Ich war stinkwütend auf ihn, weil ich mit 400 km Abstand nichts machen konnte.

Als Hanna ein Jahr später Jochen gegenüber noch einmal auf diesen Abend zu sprechen kam, erklärte der Mann, der egozentrische, verlogene Arschlöcher hasst, er habe doch an jenem Abend an ihrem Bett gesessen! Und er habe sie doch irgendwann mal aus dem Wald getragen zu ihrem Auto, als es ihr nicht gutging! Wie könne sie ihm dann vorwerfen, keinerlei Empathie zu haben und nur auf sich selbst fixiert zu sein?!

Woher genau dieser Realitätsverlust kommt, wissen wir nicht. Möglicherweise sind es auch einfach Lügen, um sich wieder ins rechte Licht rücken zu können. Neben der Angststörung wurde auch Histrionie bei ihm festgestellt, eine Persönlichkeitsstörung dicht am Narzissmus. Mit 5 wäre er fast ertrunken, der Vater zerrte ihn beim nächsten Mal mit aller Macht in den gleichen See. Heute sagt Jochen immer wieder, er fühle sich wie 5 und wirkt oft genauso. Auf dem Sterbebett bereute der Vater, sein Leben lang so kaltherzig gewesen zu sein, er habe so ziemlich alles falsch gemacht. Jochens Mutter wollte eigentlich kein Kind, bekam es nur ihrem Mann zuliebe. Jochen ist Opfer und Jochen ist Täter.

Im Frühjahr 2021 beklagte er die Einsamkeit durch die Pandemie und sprach vom „Merkel-Regime“.

15,4% der erwachsenen Deutschen sind wegen einer Angststörung in der Statistik aufgeführt, 9,8 Millionen Menschen. (Quelle) Aber auch Depressionen können von Wahnvorstellungen begleitet sein, Schizophrenie ebenso.

Jetzt spinnt auch schon die Mittelschicht?!

Und es gibt weitere Gründe, die zu schwer verständlichem Verhalten weitab der Vernunft führen können. Diese Erklärungen haben praktisch nie etwas mit fehlender Intelligenz oder sozialem Stand zu tun. Mein ehemaliger Mitschüler Ullrich wurde 2020 von seinem Vater letztlich in den Suizid getrieben, so Ullrichs Schwester. Lebenslänglich hatte der Vater Ullrichs Lebensweg vorgegeben, er hatte Sohn, Tochter und Frau tyrannisiert, geschlagen und ständig kontrolliert. Der Vater war ein angesehener Chirurg – und gehört zu den Pandemie-Leugnern. Seine Intelligenz hätte ihm sagen müssen, dass man so mit seiner Familie nicht umgeht. Für seine Tochter steht fest: Der Vater hat die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das wurde ihr durch viel Selbststudium klar.

Eine ähnliche Geschichte erzählte mir eine Frau, deren Ex-Mann früher eine Firma leitete und heute Bürgermeister eines Dorfes ist und der seine damalige Frau bis in die geschlossene Psychiatrie gebracht hatte mit seinem alles andere als vernünftigen Verhalten. Auch er kontrollierte sie auf Schritt und Tritt, ging selbst reichlich fremd und auch bei ihm riecht es sehr nach Narzissmus. Wie den Chirurgen kann man diesen Mann zur Mittelschicht zählen und beide „spinnen“ nicht erst seit kurzem. Mittelschicht sagt nichts über psychische Gesundheit.

Wie weit verbreitet die narzisstische Persönlichkeitsstörung genau ist, bleibt offen. Von bis zu 5% ist die Rede. Und Studien zeigen: Menschen mit dieser Störung sind überdurchschnittlich vertreten unter führenden Köpfen in Unternehmen (CEOs), unter Anwälten, Polizisten, Geistlichen, Köchen, Verkäufern – und unter Chirurgen, Beamten und Journalisten. (Quelle) Überall, wo es um Macht, Einfluss, Anerkennung und Geld geht, sind die Chancen am Größten, auf einen Narzissten zu treffen.

Und auch ein psychisches Steckenbleiben im Kindesalter (Infantilität) durch wenig hilfreiche Eltern und/oder traumatische Erlebnisse kann dazu führen, dass man sich mit der Realität schwer tut und nicht mit sich diskutieren lässt. In dem Fall kann das Eintreten für Mythen dem verletzten Ego Flügel verleihen: Endlich weißt DU, wie der Hase läuft. DU bist der Clevere und alle anderen sind nur blinde Schafe.

Wer psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen bei Erklärungsversuchen für auffälliges Verhalten beiseite lässt, wird immer scheitern. Das gilt für Prominente genauso wie für die Namenlosen. Wer hinter Klopapier hortenden Menschen einfach nur durchgeknallte Egoisten sieht und sich nicht z.B. mit Angststörungen befasst, wird immer nur die Augen rollen können und nichts verändern.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Die Anhänger von Verschwörungsmythen leben gedanklich in einer Welt, die es so überhaupt nicht gibt, aus unterschiedlichen Gründen. Sie blenden Fakten aus, ignorieren sie, nehmen sie mit „Das brauchst du mir gar nicht erst erklären wollen“ von vornherein nicht zur Kenntnis.

Das verbindet sie mit dem großen Teil der Gesellschaft, nicht zuletzt Politikern und Wirtschaftsvertretern. Jahrzehntelang haben Wissenschaftler mit Fakten vor dem Klimawandel gewarnt, doch diese Fakten wurden weitgehend ignoriert. Für Mutter Erde ist es egal, ob ich etwas leugne oder ignoriere. Erst jetzt, wo es irgendwie heiß unterm Hintern wird, taut der Sinn für die Realität allmählich auf. Nur wer glaubt, dass es bei den Firmenleitungen schlagartig so viel Umdenken gibt wie all die grünen Werbespots verheißen, lebt wieder in einer Parallelwelt. Wer erst die schwedischen Wälder abholzt für seine Geschäftsidee, wird nicht plötzlich feststellen: „War ´ne doofe Idee.“

Die Ignoranz der Anhänger von Verschwörungsmythen verbindet diese auch mit jenen, die an der Meinungsbildung beteiligt sind und Themen setzen: wieder Politiker und Journalisten. Zu den ausgeblendeten Fakten gehören die offiziell 28% psychisch erkrankten Erwachsenen in Deutschland, 17,8 Millionen Menschen. (Quelle) Kein Wort darüber in Bundestagsgeneraldebatten, in denen es um die brennenden Themen dieser Zeit geht. Kein Wort darüber in Wahlkämpfen. Kein Wort in wöchentlichen Talkshows von Anne Will bis Frank Plasberg. Erst wenn 28% eine populistische Partei wählen, ist diese Zahl offenbar groß genug, um Beachtung finden zu können, um rund um die Uhr darüber zu sprechen und über die angebliche Spaltung der Gesellschaft zu jammern. Für die 26% psychisch Erkrankten unter den 18- bis 25-Jährigen (Quelle) gilt das Gleiche:

26% der jungen Erwachsenen verlassen psychisch erkrankt ihr Elternhaus.

Ignoranz pur. Nicht einmal in den vier Amtsjahren von Donald Trump bekam das Thema Narzissmus den Platz, den es verdient hätte. Da wurde von einem machtgeilen, menschenverachtenden Dummkopf gesprochen, obwohl die narzisstische Persönlichkeitsstörung eine viel bessere Erklärung für sein Verhalten geboten hätte. Immer wieder nur Haare raufen, klischeehafte Erklärungsversuche, Faktenchecks und die Erfindung des Wortes „Trumpismus“, als hätte es für sein Tun einen eigenen Begriff gebraucht.

Wer sich je von einem Narzissten getrennt oder eine solche Trennung im Freundeskreis hautnah miterlebt hat, der wird die Zeit nach der Präsidentschaftswahl im November 2020 mit einem Schulterzucken vernommen haben. Denn genau so läuft eine Trennung von einem Narzissten: Er akzeptiert sie nicht, egal, wie klar du ihm das Ende der Beziehung ins Gesicht schreist. Er manipuliert das Umfeld, um sein Eigentum doch noch behalten zu können, er stalkt, er schweift vom eigentlichen Thema meilenweit ab, stellt sich keiner wirklichen Diskussion. Aber nein, es wurde geschwafelt von Angriffen auf die Demokratie, welche sich wehrhaft zeigen müsse. Wie jeder Appell an die Vernunft klingt eine solche Floskel wunderbar erhaben und staatstragend, nur bringt sie überhaupt nichts. Das sollten wir aus gescheiterten Kampagnen wie „Keine Macht den Drogen“ gelernt haben – doch wir lernen nichts.

Ähnliches Bild beim Attentäter von Hanau: Wieder wurde von Politikern und Journalisten eine klare Trennlinie gezogen zwischen Extremismus und psychischer Erkrankung. Als würde die Erkrankung sich nur in den heimischen vier Wänden abspielen und außerhalb ist man dann ein stinknormaler, von der Vernunft oder Unvernunft geleiteter Extremist. „Krank oder nicht, das ist Rechtsterror“, so der Kommentar eines ntv-Journalisten. (Quelle) Und damit ist das Thema durch. Ignoranz pur. Sein Satz über psychisch Erkrankte „Solche Menschen gibt es, vielen kann geholfen werden“ weist darauf hin, dass er keinerlei Erfahrungen mit diesen Menschen haben kann.

Wenn der Mörder von Regierungspräsident Lübcke über seinen prügelnden und trinkenden Vater und seine Kindheit spricht, will er ja nur auf Mitleid machen. Wir hören nicht hin, weil uns die Moral der Geschichte nicht gefallen würde, die da lautet: Aus Opfern werden immer wieder Täter. Man suche nach einem Serienmörder, in dessen Kinderzimmer es keine Gewalt gab. Aber klar: „Das ist noch lange kein Grund, jemanden umzubringen!“ So einfach ist die Welt, wenn man einfach wegschaut. Thema beendet.

In einem Artikel bei web.de Anfang 2021 wurden unter der Überschrift „Zum 65. Geburtstag von Mel Gibson: Superstar und Hollywood-Rüpel“ dessen filmische Erfolge und Skandale aufgezeigt, versehen mit den Sätzen: „Immer wieder muss Gibson dementieren und sich entschuldigen, er verweist auf eine diagnostizierte Bipolare Störung und seinen Alkoholismus, um seine wiederholten Ausfälle zu entschuldigen. Auch wenn es aufgrund der Vielzahl der Vorfälle immer schwerer wurde, ihm aufrichtige Reue abzunehmen, gelang Gibson das Comeback in Hollywood.“ (Quelle) Schon das Wort „Rüpel“ in der Überschrift zeigt, wie viel Aufklärungsarbeit bei Journalisten nötig ist, damit sie in der Realität ankommen. Wieder klingt es nach „Der will sich ja nur rausreden.“ Wer sich den Film „Der Biber“ mit Gibson anschaut und seine bipolare Störung im Hinterkopf hat und Menschen mit dieser Erkrankung selbst erlebt hat, der weiß, warum er dort verdammt überzeugend wirkt.

Das heißt: Politiker und Journalisten leben in einer Welt, die es so überhaupt nicht gibt. Sie blenden einfach Fakten aus, ignorieren sie, nehmen sie mit „Das brauchst du mir gar nicht erst erklären wollen“ von vornherein nicht zu Kenntnis. Sie sitzen also mit den von ihn verachteten und getadelten Verschwörungsmythen-Anhängern in einem Boot.

Verstehen statt Entschuldigen

Nein, es geht nicht darum, Ausreden oder Entschuldigungen für sprachlos machendes Verhalten wie Extremismus, Hass u.ä. zu suchen. Es geht auch nicht darum, Verständnis für die Täter einzufordern und die Opfer in den Hintergrund zu stellen. Es geht darum, die Gründe für Extremismus und Hass und das Verbreiten von Mythen zu verstehen und daraus zu lernen, was man dagegen machen kann.

Und in vorderster Linie muss es darum gehen, neue Opfer zu verhindern anstatt immer wieder Särge aufzubahren und Betroffenheit in den gleichen Floskeln zu erklären. Wer die Geschichten der Täter ignoriert, weil ihm deren Moral nicht gefällt, wird keine neuen Opfer verhindern. Mein Vater war ein Arsch, aber wie jeder Arsch war er selbst als Kind Opfer. Ich verzeihe ihm nicht, ich vergebe ihm nicht, weil ich nicht in diesen Kategorien denke. Ich verstehe es einfach, weil ich inzwischen seine Geschichte kenne und Dutzende Geschichten anderer und kann dadurch meinen Frieden mit ihm finden. Und die Lehre aus seiner Geschichte und denen all der anderen ist für mich:

Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine neuen Opfer gibt.
Erkenntnis aus rund 100 Geschichten aus der realen Welt von realen Menschen

Aus den Geschichten lernen

Und es geht auch nicht darum, psychisch Erkrankte zu Sündenböcken für das Unheil dieser Welt zu machen, sondern zu schauen, wie diese Erkrankungen und Störungen entstehen, sich auswirken und was man daraus lernen kann. Nicht aus philosophischen Theorien, sondern aus den Biografien ganz konkreter Menschen. Ich habe in den letzten 10 Jahren durch viele Geschichten verstanden:

Was lehrt uns das?

Wenn Eltern ihre Kinder kaputtmachen, bekommt das Selbstbewusstsein keine Chance, gesund zu wachsen. Dieses Kaputtmachen muss nicht Gewalt und Missbrauch bedeuten, auch „einfache“ Vernachlässigung oder das Halten im goldenen Käfig ist Gift für ein gesundes Ego. Manche haben in den Augen von Mutter oder Vater schon bei ihrer Geburt versagt, weil sie mit dem falschen Geschlecht geboren wurden. Dieses Gift ebnet den Weg hinein in psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und damit auch in die Welt von Verschwörungsmythen, in Wut, Hass, Extremismus, Rassismus. Mir ist bisher niemand begegnet, dessen bipolare Störung, Depression, Angst- oder Zwangsstörung, Narzissmus, Infantilität, Histrionie oder anderweitige Erkrankung/Störung aus dem Nichts kam. Immer führte die Spur in eine alles andere als kindgerechte Kindheit. Wer also Menschen beleidigt, die Verschwörungsmythen verbreiten, wird sehr wahrscheinlich auf einstige Opfer im Kinderzimmer verbal einschlagen.

Wer etwas gegen deren Verbreitung unternehmen will, ob Journalist, Politiker, Comedian, Kommentator oder einfach als Mensch, der darf nicht länger die Millionen Geschichten ignorieren, die hinter den Zahlen stehen. Und der muss sich dafür einsetzen, dass Kinder in einem psychisch gesunden Elternhaus aufwachsen und der Glaube an die selbstverständliche Mutterliebe aufhört. Nicht X- und Y-Chromosom entscheiden, wer Opfer und wer Täter ist, sondern wie groß die Schäden sind, die in der Kindheit erlitten wurden. Wird dieser Zusammenhang weiterhin ignoriert, behält Gandhi weiterhin recht: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

Das böse Erwachsen

Ein weiterer Grund, warum ich jedem Politiker und Journalisten ans Herz lege, sich mit dem Thema zu befassen: Die Welle nach den Wellen wird kommen, nämlich die Welle psychischer Erkrankungen nach der Pandemie. Dann wird Ahnungslosigkeit endgültig keine Option mehr sein können. Stress, vor allem lang anhaltend, ist immer wieder der letzte Sargnagel und finanzielle Ängste sind purer Stress, das erlebe ich selbst. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen hätte es viel weniger Stress geben brauchen. Auch das ständige „Hilfe kommt!“ mit anschließender Ernüchterung und der Kampf durch Papierberge wird viel kaputtgemacht haben. Dazu die Mütter und Väter, die ihre Macht an den eigenen Kindern zeigen müssen und eine weitere Generation psychisch erkrankt aus dem Kinderzimmer entlassen.

Diese Welle wird den bereits vorhandenen hohen Wasserstand noch überlagern. Diese Welle trifft auf eine Gesellschaft, die nicht weiß, wie man mit psychisch Erkrankten umgeht und in der Krebs besser ist als Depression. Als Krebserkrankter wird dir der Arsch gepudert, als Depressiver bist du der faule Arsch, der einfach nicht arbeiten will. Das sind nicht meine Worte, sondern von zwei Frauen, die beides erlebt haben und dies unabhängig voneinander beschrieben. (Ein Artikel dazu ist weiter unten verlinkt.)

Diese Welle trifft auf ein Gesundheitssystem, welches schon vor Corona beim Thema psychische Erkrankungen heillos überlastet und selten hilfreich für Erkrankte war. Auf Plätze bei Psychologen, Psychiatern oder in Kliniken mussten dringend nach Hilfe Suchende Monate bis Jahre warten – wenn sie überhaupt noch in eine Praxis reinkamen.

Und dieses Gesundheitssystem zeichnete sich aus durch psychiatrische und psychosomatische Kliniken in den Händen von Investoren, bei denen nicht das Wohl der Patienten im Vordergrund steht, wodurch die Qualität spürbar nachgelassen hat – Aussagen von Patienten. Es zeichnet sich aus durch frustrierte Psychologen und Psychiater, die nicht mehr in Kliniken arbeiten konnten, weil sie den Druck von Kranken- und Rentenversicherungen nicht mehr ertragen konnten – Aussagen der Therapeuten und Ärzte. Diese Versicherungen diktieren die Entlassberichte und die Therapeuten müssen machtlos zuschauen, wie ihre Chefs die Berichte zulasten der Erkrankten und zugunsten der Geldgeber, also der Versicherungen, verfassen. Wer je so einen Entlassbrief lesen durfte und den Erkrankten kennt, der wird wissen, dass das nichts mit Verschwörungsmythos zu tun hat. Das fängt bei puren Fakten an, die einfach falsch wiedergegeben werden. Die Versicherungen und Klinikführungen können darauf bauen, dass sich kaum einer wehrt, dazu fehlt den Erkrankten zu oft die Kraft. Und wer legt sich schon mit solch mächtigen Instanzen an …

Spätestens dann, wenn diese Welle so richtig sichtbar wird, wird es sehr schwer werden, das Thema und derartige Missstände weiterhin zu ignorieren. Aber wie immer kommen wir erst aus dem Arsch, wenn wir im selbigen sind.

Die Welt wird für dich viel mehr Sinn ergeben, wenn du die Theorie vergisst, der Mensch werde von Vernunft geleitet.
Nicht leicht zu schlucken, ich weiß.

Kein einfaches Rezept

Wer von der Spaltung der Gesellschaft redet, sollte sich auf die Suche machen nach dem, was alle verbindet: Politiker, Journalisten, Verschwörungsmythenanhänger – Menschen. Diese Suche sollte in der eigenen Geschichte beginnen. Wer den realen Geschichten zuhört und das Verbindende findet, wird merken, dass man Erwachsene nicht umerziehen kann, nicht mit Kampagnen gegen Hass, nicht mit #MeToo, nicht mit Black Lives Matter und nicht mit Gender-Sprache. (Und mir ist klar, dass auch ich nun wieder an die Vernunft appelliere gegen jede Vernunft.) Diese Bewegungen brechen das viel zu lange Schweigen und zeigen, wie sehr ein Thema brennt, aber sie werden nichts in den Köpfen verändern.

Wer das Verbindende findet, hat endlich den Schlüssel gefunden zum Kampf gegen psychische und physische Gewalt gegen Kinder, Frauen, Männer – Menschen, gegen Drogenmissbrauch, Hass, Populismus, Rassismus, Krieg, Diktaturen, Klimawandel, Umweltzerstörung, Spaltung in Arm und Reich.

Ich weiß, das klingt nach einer viel zu einfachen und damit populistischen Lösung für all diese Probleme. Doch keine Sorge: Das mangelnde Selbstbewusstsein wird sich nicht von heute auf morgen in den gesunden Bereich heben lassen. Es wird eine Generationenaufgabe sein und eine wirklich soziale Marktwirtschaft brauchen, in der nicht sinnloser Konsum das Geld im Umlauf hält und soziale Berufe nicht als notwendiges Übel betrachtet werden, sondern die Hauptrolle spielen. Eben eine soziale Marktwirtschaft.

Gegen den Shitstorm

Wer diesen Text als Brandmarken von Bipolaren versteht und den Shitstorm eröffnen möchte: Darum geht es überhaupt nicht. Ich möchte nicht mit Katharinas Mann tauschen, sehe ihn als Opfer der Erkrankung und nicht als Täter. Die bipolare Störung gehört für mich zu jenen Erkrankungen, die ich absolut nicht haben möchte. Innerhalb kurzer Zeit kann man sich alles zerstören, was man lange aufgebaut hat, ohne selbst großartig gegensteuern zu können: Familie, Firma, Freundeskreis, Leben. Kati ließ sich scheiden, die Trennung wurde ihr von einer Psychologin empfohlen mit den Worten: „Sonst gehen Sie selbst kaputt.“ Die Kinder nahmen mit zunehmendem Alter immer mehr räumlichen Abstand, seine Firma existiert heute nicht mehr, seine Mum musste längere Zeit selbst in die Psychiatrie, weil sie das Hin und Her nicht verkraften konnte und noch immer nicht kann. Einen Unfall in einer Manie mit 4 Promille überstand er, zwei Millimeter fehlten an einer Querschnittslähmung halsabwärts. Eine geplante Hochzeit mit einer Osteuropäerin scheiterte, weil er in einer weiteren Manie eine zweite Frau in sein Haus geholt hatte.

Nach dem Ende jeder Manie wacht er auf und sieht den angerichteten Scherbenhaufen, der sich kaum kitten lässt, denn in der anschließenden Depression fehlt die Kraft, um die Scherben zusammendrücken und kleben zu können. Katis Mann konnte sich teils überhaupt nicht erinnern, was er in den Manien angestellt hatte und so geht es auch anderen Bipolaren. Die Schuldgefühle in der depressiven Phase sind umso heftiger.

Bei Katis Ex scheint wie bei Veronika, die vom Roboter-Angriff sprach, eine Vererbung in der Familie zu liegen. Aber wie bei allen psychischen Erkrankungen braucht es offenbar noch das wenig hilfreiche Elternhaus. Katis Ex haderte immer wieder, dass er trotz erfolgreicher Firma keine Anerkennung bei seinem Vater finden konnte. Seiner Schwester geht es nicht besser: Sie hat die Firma des Vaters übernommen – und der jammert, dass er doch gern einen männlichen Nachfolger hätte. Das sagte er auch noch in ihrem Beisein. Wieder wurde das Selbstbewusstsein ab dem Kindesalter kleingehalten und wieder entstand eine psychische Erkrankung.

Inzwischen sind es Katis Kinder, die die Anerkennung ihres Vaters bräuchten – die Kette setzt sich fort. Die bipolare Störung begann sich deutlich zu zeigen, als Katis Ex am Haus baute. Auch bei anderen Bipolaren bekam ich mit, dass Stress zu manischen Phasen führte, ob Überlastung auf Arbeit durch eine erkrankte Kollegin oder Kündigung der Wohnung durch den Vermieter. Und Corona brachte und bringt verdammt viel Stress.

Wer diesen Text liest als „Der macht alle Andersdenkenden zu Geisteskranken! Shitstorm!!!“: Nein, das mache ich ganz sicher nicht. Auf der Website und in meinem Buch zeige ich, dass ich niemals Menschen herabsetzen will. Ich will nach all meinen Erfahrungen zeigen, dass jegliches Verhalten einen nachvollziehbaren Grund hat und der hat in den seltensten Fällen etwas mit fehlender Intelligenz zu tun. Wer andere als „Covidioten“ bezeichnet, sollte selbst an seiner Bildung arbeiten und endlich den Geschichten der Millionen zuhören anstatt sie zu ignorieren.

Mir ist klar, dass man wie bei jedem Thema nicht alle über den berühmten einen Kamm scheren darf und es Ausnahmen unter Politikern und Journalisten gibt. Aber jeder, der in der einen oder der anderen Branche unterwegs ist, weiß doch bestens: Mit allzu differenzierten Texten bekommt man maximal stilles Kopfnicken. Wenn du aber von der Zerstörung einer Partei sprichst und ein schrilles Äußeres hast, dann regt man sich erst über dich auf und befasst sich danach mit dem, was du gesagt hast.

Und wenn ich mit der Lupe nach den Ausnahmen unter Journalisten und Politikern suchen muss, dann hat das Thema aus meiner Sicht überhaupt nicht die Aufmerksamkeit, die es braucht. Bei Millionen Betroffenen kann psychische Gesundheit kein Nischenthema sein. Und solange 19% der Deutschen glauben, Depressionen ließen sich mit Schokolade und Zusammenreißen wegatmen, sind wir noch mittendrin in einer Welt, die es so nicht gibt. (Quelle)

Sollte ich oberlehrerhaft erscheinen, ist das nicht meine Absicht. Ich bin einfach die ständige Wiederholung leerer Phrasen leid, während es in den Kinderzimmern seit Jahrzehnten brennt und ich in meinem Umfeld genug Menschen habe, denen ich Gehör und Hilfe verschaffen möchte, anstatt Suizide befürchten zu müssen.

Teil 2: So wahr mir die unsichtbare Macht helfe.
Warum ich kein Fan zu vieler Wahrheiten bin.

Dieser Artikel basiert auf meinem Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ und ist nur ein klitzekleiner Einblick in dieses. An Dutzenden Biografiesplittern zeige ich, warum wir wie ticken und was uns alle verbindet.

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Dieses Buch ist keine philosophische Abhandlung, sondern ein Blick hinter die Gardinen. Wer die Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten. In 18 Stunden verstehst Du die Welt.

Literaturagenten finden hier das Exposé.

#MeineStimmeGegenIgnoranz

#MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Die Gründe für diese Zahlen erklären aber, was mit dieser Welt nicht stimmt. Deshalb braucht das Thema psychische Gesundheit endlich maximale Aufmerksamkeit. Ich wäre Dir wirklich dankbar, wenn Du mit auf die Pauke hauen würdest, denn allein packe ich es nicht. Auch wenn du „nur“ Teil des Chors sein möchtest, dich in den hinteren Reihen verstecken möchtest oder dir die Kraft fehlt zum lauten Singen: absolut kein Problem. Hauptsache, du bist auf irgendeine Weise anwesend. Auch wenn du nur als Teil der Abonnentenzahl auftauchst, ist dem Thema geholfen.

Weiteren Lesestoff findest Du hier:

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Quellen:

Von Thorben Sonnestrant

Zuhörer, Aufschreiber, Bildermacher

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