#verrückt: Mein Ruheplätzchen

Durchatmen können, Stille um die Ohren haben.

Luxus.

Ich hatte mir nach dem Tod des zweiten Mannes meiner Mum 2004 angewöhnt, jeden Tag eine Runde zu wandern. Anfangs waren es kleine Runden, eine halbe Stunde weitgehend auf Asphalt, worüber meine Spreiz-Platt-Senkfüße keine Freudensprünge machten. So weitete ich mein Revier aus auf möglichst Füße schonende Feldwege und den Wald. Die hohen Bäume bieten gerade im Sommer einen sehr guten Schutz vor Sonne und Hitze. Auch abseits davon hat Wald etwas Schützendes. Er kann eine unendlich große, luftige Wohnung sein mit einem Dach über dem Kopf, welches du nicht erreichen kannst und dennoch fühlst du dich geborgen. Du bist wie in deiner Wohnung nicht für jedermann sofort zu sehen, kannst dich im Dickicht verkriechen, könntest auch nackt herumrennen.

Bild 1- Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Bild 2 – Grenzgänger.
Durchatmen.

Menschen begegne ich dabei selten. Im Herbst wagen sich die Pilzsammler raus aus ihren Häusern und hinein in den Wald, ab und zu kreuzt sich mein Weg mit Herrchen oder Frauchen von großen bis kleinen Hunden. Ansonsten teile ich mir den Platz zwischen den Bäumen nur mit ein paar scheuen Rehen, Vögeln und von Bäumen herab meckernden Eichhörnchen. Ja, auch diese wuscheligen Tierchen, die immer so süß gucken, können genervt sein, wenn man ihnen ihrem Baum zu nahe kommt. Begegnungen mit Füchsen, Hasen, Wildschafen oder Hirschen sind extrem selten bis einmalig – und dafür umso schöner.

Wenn der Fotograf zur Salzsäule wird, werden Rehe neugierig.
Eine bisher einmalige Begegnung.
Sie meckern nicht immer.

Die Strecke, der ich oft folge, veränderte sich 2018 und vor allem 2019 enorm. Das Dach bekam innerhalb weniger Wochen riesige Löcher, Baum um Baum fiel zunächst Stürmen und dann Maschinen zum Opfer. Früher hätte man mit Äxten ewig gebraucht, um solche Lücken zu reißen, jetzt dauert der Schnitt eines 30 m hohen Riesen wenige Sekunden, genau wie das anschließende Entasten und Zerteilen des Stammes. Die Maschinen hinterlassen mit ihren enormen Reifen tiefe Spuren im Waldboden.

Ungefähr der gleiche Standort.
Hier sah man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Heute sieht man kaum noch Wald.

Ich war entsetzt, schockiert, sprachlos, wann immer es über Nacht eine weitere Lichtung gab. Wie konnte man das alles so kaputtmachen?! Diese Waldarbeiter zerstörten meine Ruhezone!

Ich sah nach oben zu den verbliebenen Tannen: braun, nicht grün. Diese Bäume waren tot, für sie gab es keine Hoffnung auf ein zweites Leben. Hoffnung konnte nur von den ganz jungen Tannen kommen, die bisher winzig im Schatten der riesigen „Eltern“ standen. Diese mussten weichen, damit das Sonnenlicht bis zum Boden gelangen konnte zum Nachwuchs, auf dass er vielleicht in Jahrzehnten so groß sein würde wie die vorherige Generation. Nur wie groß sind die Überlebenschancen, wenn schon die Eltern innerhalb so kurzer Zeit vertrocknen konnten? Und schon bevor die Maschinen kamen, waren Bäume reihenweise umgekippt nach Stürmen, weil sie im trocknen Boden keinen Halt mehr hatten.

Als ein weiteres Mal die Säge durch die Baumreihen hallte, ein weiterer Traktor Stämme abtransportierte und der komplette Waldrand auf 200 m verschwunden war, kam mir das Bild einer Geschäftsauflösung in den Sinn. Die einst gute Idee, mit der man den Laden (Wald) eröffnet hatte, ist gescheitert, das Inventar (Bäume) ist ruiniert, taugt nicht mehr zum Verkauf – die Holzpreise sind so wie die Bäume selbst am Boden. Also wird der Laden mit grober Kelle leergeräumt. Zurück bleibt Schutt – der ganze Boden ist übersät mit Ästen und Zweigen. Dieser Schutt juckt keinen, denn diese Geschäftsräume werden eh erst nach Jahrzehnten wieder nutzbar sein. Bis die jungen Bäume so nützlich sein werden wie die einst gesunden großen wird es dauern – sofern sie überleben.

Waldsterben - kahle Lichtung
Das ist dann mal weg.

Dieser Laden namens Wald hat eine völlig ungewisse Zukunft und wird sehr lange keinen großartigen Gewinn abwerfen durch die Speicherung von Kohlendioxid. Die Bresche in meinem Stückchen Wald wird auf den neuen Satellitenfotos bei Google Earth nur beim dichten Heranzoomen auffallen und auch nur jenen, die noch wissen, dass dort Wald war. Doch diese kleinen Lücken findest du in allen Landesteilen und in allen Staaten. Überall ruinierte Läden.

Und die Lücken werden größer. Mit Sturm „Sabine“ im Februar 2020 kippten weitere Bäume um, die man in „meinem“ Waldstück zunächst hatte stehen lassen. Und mit dem nächsten Sturm entwurzelte es die nächsten 20.

Waldsterben - Nach dem Sturm
Die Stille nach dem Sturm.

Gleichzeitig las ich, dass die Schäden am deutschen Wald durch Trockenheit, Stürme und Käfer größer seien als zuvor angenommen. Der Waldzustandsbericht 2020 sagt, dass sich der Zustand der Baumkronen erneut verschlechtert hat. Lediglich 21% der untersuchten Bäume hatten keinen Schaden in der Krone, so wenige wie noch nie. (Quelle) Aufgeforstet werden müsste eine Fläche von der Größe des Saarlandes, von 160 Mio. Kubikmetern Schadholz war die Rede.(Quelle) Für mich sind das nur Zahlen, mir fehlt die Vorstellung, wie viel das ist, auch wenn ich das Saarland auf der Landkarte sehen kann. Ich kann mich nur an „meinem“ Wald orientieren, wie jämmerlich er aussieht und wie es mit ihm weitergeht, ob die anderen Bäume nun durch nichts zu erschüttern sind oder die Schneisen mit jedem Sturm größer werden.

Monate später liegen noch immer überall Äste herum. Inzwischen sind sie hellgrau geworden, die Rinde hat sich meist abgelöst. Jetzt erinnern sie mich an Knochen großer Tiere, die im Feuer lagen. Das kahle Waldstück sieht aus wie ein gigantischer Friedhof für ausgestorbene Lebewesen.

Warum hat sich mein Wald so verändert? Durch den Lauf der Natur? Durch gesichtslose multinationale Konzerne? Oder durch einzelne Menschen? Wer genau schwingt die Axt? Warum können Menschen blind sein für den Schaden, den sie anrichten mit ihrer Geschäftsidee? Aus dem gleichen Grund, aus dem Menschen ihr Gegenüber wie Dreck behandeln und dabei keinerlei Gewissensbisse haben können? Sind es böse Gene oder führt auch bei ihnen die Suche nach dem Grund in die Kindheit?

Buch sucht Öffentlichkeit

Was gesundes Selbstbewusstsein mit gesunder Natur zu tun hat, beschreibe ich in meinem Buch „Verrückt – ein Aufschrei“. Der Text oben ist ein umgearbeiteter Ausschnitt aus dem Manuskript.

Der Zuhörer

Jeder Mensch hat zwei Ohren. Nur was wir damit anfangen, ist recht unterschiedlich. Umso erleichternder ist es in Krisenzeiten, wenn du jemanden findest, der zuhören kann. In den letzten Jahren lernte ich, dass dies offenbar meine Superkraft ist. Diese biete ich Dir hier an.

#MeineStimmeGegenIgnoranz

#MeineStimmegegenIgnoranz – leise Version
MeineStimmegegenIgnoranz – laute Version

1,9 Millionen unserer erwachsen gewordenen Kinder verlassen offiziell psychisch kaputt ihr Elternhaus – und es ist uns egal. 28% der Erwachsenen insgesamt gelten als psychisch erkrankt – und es ist kein Thema. Die Gründe für diese Zahlen erklären aber, was mit dieser Welt nicht stimmt. Deshalb braucht das Thema psychische Gesundheit endlich maximale Aufmerksamkeit. Ich wäre Dir wirklich dankbar, wenn Du mit auf die Pauke hauen würdest, denn allein packe ich es nicht. Auch wenn du „nur“ Teil des Chors sein möchtest, dich in den hinteren Reihen verstecken möchtest oder dir die Kraft fehlt zum lauten Singen: absolut kein Problem. Hauptsache, du bist auf irgendeine Weise anwesend. Auch wenn du nur als Teil der Abonnentenzahl auftauchst, ist dem Thema geholfen.

Noch viel mehr Lesestoff findest Du hier:

Quelle:

https://www1.wdr.de/nachrichten/zustand-der-waelder-in-nrw-100.html

https://www.bmel.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/waldzustandserhebung.html

Von Thorben Sonnestrant

Zuhörer, Aufschreiber, Bildermacher

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