Mächtig gewaltig

Mächtig gewaltig

22. Oktober 2018 0 Von Thorben Sonnestrant

Auf der Buchmesse 2016 in Leipzig hörte ich eine erfolgreiche Krimiautorin ungefähr Folgendes sagen:

Wenn die Leute bei RTL sehen, dass bei einer Autopsie das Frühstücksbrötchen auf der Leiche abgelegt wird, dann MUSS das auch in der Realität so sein. Du kannst dann in deinem Krimi nicht von penibel sauberer Arbeit schreiben. Die Leute glauben, was sie sehen.

Abgesehen von meiner Hoffnung, dass nicht alle so ticken würden, war meine erste Reaktion ein Schmunzeln. Gleichzeitig näherten sich meine Augenbrauen einander an: „Wirklich?!“

Die Macht, die Drehbuchautoren, aber auch Schriftsteller haben, wurde mir jetzt wieder bewusst. Wenn du immer wieder den gleichen Verlauf einer Geschichte siehst oder liest, dann kann es in der Realität nicht anders ausgehen. Stell dir ein Löwenrudel und ein süßes Häschen vor: Wie geht es weiter? Du siehst, wie die Löwen dem Hasen an den Kragen gehen, richtig? Der Hase verkriecht sich nicht eilig in das nächste Loch oder lebt an einem ganz anderen Ende der Welt und kennt Löwen nur von großen Postern, auf denen für ein berühmtes Musical geworben wird.

Worte prägen

Liest oder hörst du immer wieder das Gleiche, können dir die Worte für dein eigenes Leben Angst machen, dich zum Schweigen bringen:


Der lange Ärmel ihrer Bluse rutschte nach oben, als sie in ihrer Freude die Hände noch oben riss.
Er sah ihre Narben: „Was soll das da?!“
Sie folgte fragend seinem Blick. Als sie ahnte, was er meint, versteinerte ihr Gesicht, sie schwieg.
„Ritzt du dich?!“
„Hatte ich“, murmelte sie kaum hörbar.
„Warum machst du so einen Scheiß?“
Wieder schwieg sie und schob den Ärmel schnell über ihren Arm.
„Ich wusste nicht, dass du so durchgeknallt bist, sorry.“
„Tut mir leid“ – wieder war sie kaum zu verstehen.
„Die Leute müssen ja sonst was denken.“
Ihre Lippen pressten sich aufeinander.
„Du bist doch eigentlich nicht doof?! Verstehe ich nicht.“


Würde ein solcher Dialog aber nie vorkommen, weder in Büchern oder Filmen – und vor allem nicht in der eigenen Familie, dem Umfeld, sondern würde er immer einen ganz anderen Verlauf nehmen, wie klein wäre dann im wahren Leben die Hemmschwelle, sich zu öffnen?


Als sie sich nach ihrem Lachanfall beruhigt hatte, fragte er ruhig mit einer Kopfbewegung: „Wann hast du damit angefangen?“
Ihre Augen folgten ratlos seinem Blick, kamen auf ihrem Arm zum Stehen. Dann sah sie wieder zu ihm, zwar ahnend, was er meinte, jedoch nicht sicher.
„Die Narben.“
Sie schluckte, ihre Stimme war leise: „Mit 13.“
„Wie fing es an?“
„Ich hab dir ja schon von meinen Eltern erzählt …“
„Und hast du auch noch jenseits der 20 …?“
„Vielleicht zwei Mal.“
„Auch wegen deinem Ex?“
„Ja.“
„Was macht das mit dir?“
„Wenn der Druck zu groß wird, kommt es wie eine Sucht zurück. Aber es hilft nur kurzfristig. Du weißt vorher schon, dass es nicht viel bringt, eigentlich überhaupt nichts. Aber wenn du es einmal gemacht hast, dann ist es in dir drin.“
„Hmm, die einen kippen sich mit Alkohol zu, wenn sie das Elend um sich herum nicht mehr aushalten können, andere rauchen, wieder andere rasten aus und verprügeln Frau und Kind.“
„In mein Tagebuch schrieb ich, dass mir der Schmerz zeigt, dass ich lebe.“
„Wenn du dich das nächste Mal tot fühlst, sag Bescheid. Dann beweise ich dir auf andere Weise, dass du lebst. Und nein, ich kneife dir nicht in deinen Hintern.“
Sie schmunzelte: „Wohin dann?“
„Das verrate ich doch nicht vorher.“