Ich bin tot.

Ich bin tot.

27. Juli 2017 0 Von Thorben Sonnestrant

Ich hab´s geschafft: Ich bin tot.

Einfach himmlisch.

Nein, ich bin nicht auf irgendeiner Wolke. Ich bin auf einer Wiese gelandet, gleich neben dem Waldrand. Kurz nach meinem Aufprall schreckte ein Reh vor mir hoch – vielleicht fünf Meter entfernt – und rannte weg. Selbst im Himmel sind diese Tiere also scheu. Schade, aber nicht zu ändern. Es sieht deutlich lebendiger aus, als ich mir den Himmel vorgestellt hatte. Die Wiese ist riesig, unendliche Freiheit. Für mich. Freiheit! Endlich. Ich brauche mir keine Gedanken mehr über steigende Beiträge meiner privaten Krankenkasse machen, wie ich die Miete stemme, woher das Geld fürs Kühlschrankfüllen kommt! Spitze. Und ich kann nun die Bücher schreiben, die ich schreiben will – muss nur noch Papier finden. Keine Zielgruppen mehr. Nicht mehr überlegen müssen, was gerade angesagt ist. Ich muss mir keinen hundertsten Abklatsch von Shades of Grey aus den Rippen leiern, um die Erfolgschance für guten Absatz zu steigern. Ich muss keinen exzentrischen Rockstar von einem unbedarften Mauerblümchen zähmen lassen, weil er eigentlich gar nichts von Sex, Drugs und Rock´n´Roll wissen will, sondern ganz brav sein will. Okay, von Sex will er schon was wissen. Das Mauerblümchen will ja auch gepflückt werden. Ich brauche keinen Krimi schreiben, der keinen Humor hat, nur weil aktuell keiner Krimis mit Humor lesen will.

Ja, ich kann von nun an schreiben, was ich will. Ich war nie zum Tennisprofi geboren, hatte nicht die Gene mitbekommen, um ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden, war zu wenig selbstbewusst, um mich gegen andere durchsetzen zu wollen. Wären Worte die allseits gültige Währung in der alten Welt gewesen, dann hätte ich vielleicht in einer Villa gewohnt anstatt Menschen, die mit ihren Erfindungen dick machen. Hätte ich in einer Villa wohnen wollen? Nicht wirklich. Die wenigsten Schreiberlinge in der Geschichte taten dies. Sie gingen in die Geschichte ein. Und sie gingen mit ihren Geschichten ein. Herman Melville erlebte den Verkauf von 3000 Exemplaren von Moby Dick. Schreiben ist eine gute Voraussetzung für Altersarmut. 3% der Autoren können von ihrer Arbeit leben. Klar, man könnte sich auch einen vernünftigen Job suchen. Oder man könnte einfach auch Bücher schreiben, die alle schreiben. So nach dem Modern-Talking-Prinzip. Oder David Guetta. Oder wie es Volksmusiker und Schlagersänger machen.

Warum machen es sich Schreiberlinge auch so schwer?! Schreiben, was einem auf dem lebenslang gebrochenen Herzen liegt?! Wozu? Das kannst du bei jener machen, die du dich nicht anzusprechen traust. Jede Frau findet es doch romantisch und toll, wenn er sie  mit Worten umgarnt und wünscht sich einen Mann, der dasselbe für sie tut. Okay, er muss natürlich auch Milliardär mit Peitschenschrank sein.

Jede? Alle? Zu sehr verallgemeinert? Richtig. Man kann das Leben nicht verallgemeinern. Jeder bekommt seine eigenen Gene und das Leben, das ihn formt: den einen zum Google-Chef, den anderen zum Erzieher, den nächsten zum Schriftsteller. Zwei von ihnen werden selten reich – und wollen eigentlich genau das tun, was sie tun. So wie Altenpfleger, Krankenschwestern usw. Sollten sich nun alle vernünftigere Berufe suchen? Wäre eine Idee. Die Alten und Kranken kommen schon zurecht.

Moment. Im Jenseits gibt’s keine Traktoren, oder? Einer mäht jetzt die Wiese hier. Könnte bitte jemand einen Theologen fragen? Hmm, sieht so aus, als würde ich doch noch leben. Schöner Mist. Dann gehe ich halt doch wieder nach Hause und schreibe. Lass mich überlegen … Den Rockstar nenne ich Brian. Oder Mike. Mike geht immer. Und das kleine Häschen ist Mary …