Mir gehts nur um den kleinen Lockenkopf

Pressemappe zum Buch „Verrückt – ein Aufschrei“

Fragesteller: Sie haben das Buch „Verrückt – ein Aufschrei“ geschrieben und möchten darin erklären, was mit dieser Welt nicht stimmt. Was machen Sie beruflich, aufgrund dessen ich Ihnen zuhören sollte?

Sonnestrant: Mich qualifiziert beruflich rein gar nichts.

Fragesteller: Keine gute Voraussetzung, wenn wir über Ihr Buch berichten sollen.

Sonnestrant: Ich weiß. Wäre ich nicht von dem überzeugt, was ich beschreibe, würde ich im Leben nicht meinen Kopf aus dem Fenster stecken. Dazu hätte ich viel zu viel Angst, massiv Kontra zu bekommen von Psychologen, Ärzten und überhaupt.

Fragesteller: Dann legen Sie los. Warum sind Sie von dem, was Sie beschreiben, überzeugt?

Sonnestrant: Ich höre zum einen Menschen mit Berufserfahrung zu, zum anderen höre ich Menschen zu, die ihre Geschichte erzählen. Wenn Psychologen bei jedem Patienten – egal welchen Alters – hauptsächlich die Kindheit durchleuchten und dort immer fündig werden bezüglich fehlender Aufmerksamkeit, Zuneigung, Anerkennung, Liebe von mindestens einem Elternteil und ich von psychisch Erkrankten zu 99,9% höre, dass sie von mindestens einem Elternteil Aufmerksamkeit, Zuneigung, Anerkennung, Liebe vermisst haben, dann ist für mich klar: Wer psychische Erkrankungen und damit deren Symptome eindämmen und verhindern möchte, muss dafür sorgen, dass Kinder von ihren beiden Elternteilen ein gesundes Maß an Zuneigung bekommen.

Sucht ist eine psychische Erkrankung. Der kanadische Arzt Gabor Maté forscht jahrzehntelang auf dem Gebiet der Sucht und ist dabei zur Überzeugung gekommen, dass jede Sucht etwas mit Kindheitsverletzungen zu tun hat. Wenn ich bei Suchterkrankten immer eine wenig angenehme Geschichte ihrer Kindheit höre und das mit der Erkenntnis des forschenden Arztes zusammenzähle, dann ist für mich klar: Sucht kann man nicht mit Aufklärungskampagnen wie „Keine Macht den Drogen“ bekämpfen, sondern man muss Kindern ein möglichst verletzungsfreies Aufwachsen ermöglichen.

Ich höre also zu und zähle eins und eins zusammen, mehr mache ich nicht. Das Ergebnis: Keine unserer Meisen oder „Special Effects“ kommt aus heiterem Himmel, jeder ist der Donner nach dem Einschlag und der findet im Kinderzimmer statt. Wer danach sucht, was mit dieser Welt nicht stimmt, wird in den Kinderzimmern fündig.

Fragesteller: Aber macht man es sich nicht zu einfach, zu sagen: „Ich hatte eine schwere Kindheit und jetzt bin ich so und so“? Sollte man mit dem Alter seine Kindheit nicht irgendwann hinter sich lassen?

Sonnestrant: Ich bin keinem Menschen begegnet, der von sich aus seine psychische Schräglage mit der Kindheit begründet hat. Da stand immer an oberster Stelle: „Ich selbst bin Schuld.“ Den roten Faden in die Kindheit finden sie in Therapien und sind dabei erstaunt: „So viel macht Kindheit aus?!“ Jetzt kann man entweder sagen, dass es sich Psychologen zu einfach machen, ihnen nichts anderes einfällt – oder man akzeptiert den aktuellen Stand der Erkenntnisse als Fakt.

Ein Beispiel: 2023 lernte ich in einer Klinik Meggie kennen. Ihre Diagnose: Borderline. Sie verletzte sich immer wieder selbst, ohne das man die Narben einfach so sehen konnte, es ging ihr also nicht um Aufmerksamkeit. Am ersten Tag sagte sie mir: „Ich hatte eine gute Kindheit, da war nichts.“ Warum sie so im Arsch war, hat sie nicht erklären können.

Ein, zwei Wochen später wurde in Meggie das Bild von einem Dachboden wach, jeden Tag wurde es ein bisschen deutlicher. Sie hatte immer wieder Tränen in den Augen und war völlig durch den Wind. Mit ihrer Therapeutin konnte sie nicht darüber sprechen, auch mit dem Personal nicht. Meggie war knapp 30 und ihr wurde erst jetzt wieder bewusst, dass sie mit 10 und 15 Jahren außerhalb der Familie missbraucht worden war.

Damit war klar, woher ihre Selbstverletzungen, ihr Selbsthass und all die anderen Probleme kamen. Seitdem dieses Bild wieder da ist und alles, was ihr passierte, geht es mit Meggies Psyche langsam aber sicher abwärts, Suizidgedanken sind immer wieder da.

Nun könnte ich ihr sagen: „Das ist doch 15 bzw. 20 Jahre her, es ist nichts weiter passiert, leb doch einfach im Hier und Jetzt.“ Der Satz käme mir aber im Leben nicht über die Lippen, weil ich bei all den anderen psychisch Erkrankten gesehen habe, dass keiner „einfach mal so“ einen Schlussstrich ziehen konnte. Genauso ist es bei denen, die keine Diagnose haben und dadurch als gesund gelten, aber bei denen Psychologen ebenfalls fündig werden würden.

Fragesteller: Aber Missbrauch ist ja auch was anderes als wenn Vater oder Mutter einem keine Zuneigung gegeben haben?!

Sonnestrant: In der Klinik lernte ich auch eine Frau kennen, wie Meggie um die 30, die teils ziemliche Depressionen hat, auch mit Suizidgedanken. Ihr innerer Kritiker sagte ihr jeden Tag: „Du bist nichts wert, du kannst nichts.“ Diese Frau wurde nicht missbraucht, sie sagte über ihre Kindheit: „Mein Vater war nicht da.“ In vielen Therapiestunden hat sie gelernt, sich Stärken zuzugestehen und den inneren Kritiker kleiner werden zu lassen – aber es bleiben Phasen, wo er wieder wächst. Von „Ich bin geheilt, Kindheit ade!“ ist sie weit entfernt. Ihr einfach zu sagen: „Hey, ich finds schön, mit dir Zeit zu verbringen, du brauchst dir da überhaupt keine Mühe geben“ wird sie nicht plötzlich selbstbewusst machen. Wenn ihr Kritiker seit der Kindheit sagt, dass sie nichts taugt, warum sollte sie dann einem solchen Satz glauben?

Mir ist klar, das ein, zwei Beispiele wenig bringen, mich selbst hätte das vor 15 Jahren auch nicht überzeugt. Es war die Summe solcher Geschichten, die ich über 15 Jahre lang hörte, um die 100 – und dabei war ich eigentlich nur auf der Suche nach Ms. Right. Das Muster war immer gleich: Der Weg in die Psychiatrie beginnt im Kinderzimmer. Wer dort Opfer von Vernachlässigung, Liebesentzug, Gewalt wird, wird zum Täter an sich selbst und/oder an anderen. Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine Opfer in Kinderzimmern gibt.

Fragesteller: Das klingt wieder nach einer Entschuldigung für Täter: „Ich hatte eine schlimme Kindheit, ich konnte nicht anders, als zum Täter zu werden!“

Sonnestrant: Es gibt für mich einen großen Unterschied zwischen Verstehen und Verständnis. Ich hatte 8 Jahre lang mit einer Frau Kontakt, die ebenfalls in ihrer Kindheit missbraucht worden war. Im Gegensatz zu Meggie war sie verheiratet, hat zwei Kinder – trotzdem war sie nicht über das Trauma hinweg. Sie sagte: „Verdrängen heißt nicht vergessen.“ Wenn ich ihr über Frauen in meinem Umfeld und deren Liebesleben mit immer neuen Bekanntschaften erzählte, rümpfte sie oft die Nase: „Wie kann eine Frau nur so verzweifelt sein …“

Als ihr Mann völlig überraschend starb, ging sie zwei Wochen später auf die Flirtversuche eines Mannes ein, der sein Glück schon länger bei ihr versucht hatte, ein Jahr später zog er bei ihr ein. Ich hatte dafür kein Verständnis. Aus meiner Sicht konnte diese „Bewältigung“ des nächsten Traumas nicht gutgehen. Die Kinder hatten ihren Vater verloren und bekamen umgehend einen neuen Mann vor die Nase gesetzt – das sind Geschichten, die dann irgendwann bei Psychologen landen mit Tränen in den Augen. Ich hatte also kein Verständnis, beendete den Kontakt, da ich auch noch andere, kräfteraubende Baustellen um mich herum hatte und meine Gesundheit immer mehr litt – aber ich kann den Zusammenhang verstehen. Ohne den Missbrauch und den frühen Verlust ihres eigenen Vaters hätte sie nicht so gehandelt. Sie hätte auch nicht eine Ehe mit einem Mann hingenommen, der sie ständig überwachte aus Angst, sie würde mit einem anderen Kontakt haben können.

Mir ist klar, dass uns oft die Moral der Geschichte nicht gefällt und wir dann sagen: „So kann das nicht sein, das will ich nicht hören.“ Aber Verdrängung hilft uns keinen Millimeter weiter, irgendwann holt einen die Geschichte ein und es knallt mit Verzögerung und dann umso lauter. Wenn wir den real existierenden Geschichten zuhören, von denen es Millionen gibt und daraus die richtige Moral filtern können, dann kommen wir endlich voran. Momentan jammern wir täglich, wie verrückt diese Welt ist, schütteln Köpfe, schalten die Nachrichten ab – aber bringt uns das weiter?

Fragesteller: Welche Erklärung haben Sie für die Erfolge von Populisten wie Trump? Er hatte angeblich einen despotischen Vater, war also, so wie Sie sagen, Opfer als Kind.

Sonnestrant: Der despotische Vater verbindet mich mit ihm, ansonsten könnten wir wohl nicht unterschiedlicher sein. Es war aber nicht mein eiserner Wille, mein Verdienst, es war kein „Ich arbeite an mir selbst!“ oder „Ich lasse meine Kindheit hinter mir“, der mich auf ein anderes Gleis brachte. Auch bei ihm würde sich in einer Therapie alles um seine Kindheit drehen auf der Suche nach dem Grund für sein Wesen, seinen Narzissmus. Seine Nichte Mary Trump, eine ausgebildete Psychologin, sagt: „Das Einzige, was Donald am verzweifeltsten braucht und nie bekommen hat und nie bekommen wird, weil sein eigener Vater ihn so beschädigt und verdorben gemacht hat, ist Liebe.“

Ich habe von Meggie erzählt, die als Kind missbraucht worden war. Als Trump 2024 die Wahl gewann, freute sie sich riesig. Also ein Missbrauchsopfer freut sich über einen Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs einer Frau rechtskräftig verurteilt wurde. Macht eigentlich überhaupt keinen Sinn, oder? Meggie tritt teilweise weg, wenn fremde Männer im Raum sind, sie bekommt Panikattacken, dazu die Selbstverletzungen, Borderline, Suizidgedanken. Sie weiß also, wie heftig die Folgen von Missbrauch sein können und trotzdem …

Fragesteller: Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?

Sonnestrant: Nein, weil ich glaube, dass das nur ihre Psychologin herausarbeiten könnte. Aber Meggie braucht in den Therapiesitzungen erst mal einen Hauch von Stabilität und keine Studien über Wählerverhalten.

Ich kann mir mehrere Erklärung vorstellen: Ein mögliches Symptom von Borderline: Schwarz-weiß-Denken. Das wird von Populisten perfekt bedient – und die sitzen nicht nur in Parteien, die als populistisch bezeichnet werden.

Zweite mögliche Erklärung: 2024 las ich von Forschungsergebnissen, laut denen konservative Wähler teils etwas größere Mandelkerne haben. Diese Hirnregion, die Amygdala, ist u.a. zuständig dafür, wie wir Bedrohung wahrnehmen. Der Bericht erinnerte mich an Hanna, von der ich in meinem Buch schreibe. Durch sie hatte ich erfahren, dass Menschen mit Trauma oft vergrößerte Mandelkerne haben. Meggie wurde durch den Missbrauch traumatisiert. Und ob ihre Amygdala nun größer ist oder nicht: Es ist einfach zu merken, dass sie ganz anders umgeht mit möglichen Bedrohungen. Wenn schon die Anwesenheit eines fremden Mannes dafür sorgen kann, dass sie wegtritt, dann ist klar, dass ihr Gehirn anders tickt als unter normalen Umständen. Wenn dir dann eine Partei verspricht, dass u.a. möglichst viele junge Männer aus dem Land verschwinden, sobald man die Macht dazu hat, dann bedeutet das für Meggies Gehirn vielleicht: weniger mögliche Bedrohungen. Klar ist das eine sehr pauschale Denkweise, aber da sind wir wieder beim Schwarz-weiß-Denken.

Eine weitere mögliche Erklärung: Meggie hasst sich selbst. Vom Psychologen Robert Betz hörte ich bei Youtube diese Sätze: „Wer sich Liebe nicht selbst gibt, der kann auch Liebe nicht von anderen empfangen, sie annehmen. … Wir können von anderen Menschen nie mehr Liebe annehmen und erhalten, als wir uns selbst in der Lage sind zu geben.“

Wenn ich mich abgrundtief hasse, was kann ich dann mit Politikern anfangen, die so tun, als hätten sie Nächstenliebe? Die kümmern sich doch auch nicht um mich und meine Probleme.

Populisten wie Trump bieten aber etwas anderes an: Du darfst mit dem Segen von mächtigen Menschen andere Menschen pauschal abwerten, z.B. Flüchtlinge, Linke, Transgender, Umweltschützer, Eliten, Wissenschaftler, Journalisten, Schwule, Schwarze usw. Dadurch kannst du dich selbst ein klein wenig aufwerten. Du bist nicht mehr das Ende der Nahrungskette, sondern ein, zwei Stufen darüber.

Dabei bist du in einer großen Gemeinschaft, fühlst dich nicht wie in der meisten Zeit deines Lebens völlig allein.

Diese Gemeinschaft ist in ihrer Summe sehr laut – dir selbst fehlt die Energie, laut zu sein, „Helft mir doch endlich und kümmert euch nicht um Wildfremde!“ zu schreien, weil dein psychisches Chaos alle Energie verbraucht.

Diese Gemeinschaft und die Politiker an ihrer Spitze geben dir also die Möglichkeit, dich selbst aufwerten zu können durch das Abwerten anderer. Und sie bündeln Wut. Psychologen sagen, 100% der psychisch Erkrankten haben Wut in sich, die meisten merken das aber nicht bzw. unterdrücken sie, weil sie in der Kindheit auch nicht wütend auf ihre Verletzungen reagieren konnten. Wir haben offiziell in Deutschland um die 18 Mio. Erkrankte, die Zahl ist schon älter. Wo können diese mindestens 18 Mio. heute Wut rauslassen? In der Klinik gingen die Patienten in einer Therapiestunde in einen kleinen Wald, dort sollten wir so laut wie möglich schreien. Aber das traute sich nicht jeder und sich zu Hause einfach mal in den Wald stellen und schreien, könnte einen Polizeieinsatz auslösen oder Wanderer heftig erschrecken.

Also wo lässt du Wut raus? Du sollst deine Mitmenschen politisch korrekt behandeln, du sollst gendern, du sollst bestimmte Wörter nicht benutzen, Rücksicht auf die Umwelt nehmen, du sollst keine Böller zünden, du sollst machen, was die da oben dir vorschreiben, so wie es einst Vater, Mutter oder ein Fremder gemacht hat. Aber bei all dieser Empathie, die irgendwie aufgesetzt wirkt, triffst du extrem selten auf Menschen, die tatsächlich empathisch sind, also empfindest du all dieses politisch korrekte als geheuchelt. Und warum sollst du Heuchler wählen?

Und du hast trotzdem Wut in dir und es kümmert keinen! Du bist ein Vulkan, der nicht ausbrechen darf und kann. Deine Erkrankung wird nicht verstanden, viel zu selten behandelt, du musst dich ständig rechtfertigen, du erlebst nur extrem selten Menschen, die dir zuhören, Empathie zeigen. Du kämpfst mit Kranken- und Rentenkassen, mit Behörden, du sollst dich beim Jobcenter rechtfertigen, dass du im Arsch bist, obwohl man doch gar nichts sieht. Und du kämpft jeden Tag harte Kämpfe mit dir selbst. Wenn neben Meggie jemand stolpert, fühlt sich Meggie schuldig.

Und dann kommt einer, der in seinen Textnachrichten mit reichlich Großbuchstaben wütet, Gegner auf derbste Weise herabwürdigt, wissenschaftliche Fakten einfach so ohne sich rechtfertigen zu müssen vom Tisch wischt, Migranten für alles Übel der Welt verantwortlich macht – oder Biden und Obama. Einer, der nicht mal in seiner Weihnachtsbotschaft Nächstenliebe heucheln kann – und der trotz allem unantastbar scheint und überhaupt keine Anzeichen zeigt, dass man ihn verletzen könnte, höchstens mit totaler Ignoranz.

Wie gut würde es Meggie tun, ihre Wut rauslassen zu können über das, was ihr passiert ist und über die Folgen, die ihr wie Pech am Herzen klebt? Ihre Wut über Menschen, die ihr erklären wollen, wie sie mit ihrer Erkrankung umzugehen hat? Wie viel würde sie dafür geben, unverletzbar zu sein, auch gegenüber sich selbst?

Wie viele andere Missbrauchsopfer sind glühende Anhänger der AfD? Ist Meggie die einzige? Wie viele AfD-Anhänger wurden als Kinder auf andere Weise Opfer? Gäbe es Populisten und Anhänger, wenn alle Kinder mit gesundem Selbstwert ihre Elternhäuser verlassen könnten? Wenn man Fans von Populisten als ungebildet, dumm oder sonst wie betitelt: Auf wie viele Opfer von Missbrauch und anderer Formen von Gewalt schlägt man dabei ein? Kann es Telefonumfragen geben: „Wählen Sie die AfD? Wenn ja: Sind Sie als Kind geschlagen, im Keller eingesperrt und/oder missbraucht worden?“? Ich bezweifle, dass dabei ein repräsentatives Ergebnis entstehen würde.

Klar könnte ich zu Meggie sagen: „Du kannst doch keine Partei wählen, in deren Wahlprogramm nicht ein einziges Wort über psychische Erkrankungen steht?!“ Dann fragt sie mich, was sie stattdessen wählen soll – und ich bin Schachmatt. Ja, in Wahlprogrammen anderer Parteien stehen ein paar Sätze, bei manchen auch mehr. Aber ich sehe nicht wirklich eine Partei, die sich nicht nur auf dem Papier mit dem Thema so stark befasst, dass es Meggie helfen könnte. Ich erlebe ihre weiteren Klinikaufenthalte mit und finde es furchtbar, wie wenig ihr am Ende ganz praktisch geholfen wird. Sie ist halt eine von sehr vielen, die das Gesundheitssystem in Schwung halten mit ihrer Problematik.

Fragesteller: Sie haben das Gendern erwähnt, auch ein großer Streitpunkt, der die Gesellschaft spaltet. In Ihren Texten ist es nicht zu sehen.

Sonnestrant: Eine Weisheit meines Vaters war: „Die Weiber sind doch alle dämlich.“ Keine Ahnung, warum er sich mit meiner Mutter eingelassen hatte. Dem Spruch entsprechend behandelte er sie auch in den Ehejahren: Er gab den Ton in der Familie an und wir hatten zu gehorchen.

Vater hätte sich vermutlich sehr gut mit dem Vater einer Frau verstanden, die ich ebenfalls 2023 in der Klinik kennengelernt hatte. Für Aurelies Vater sind alle Frauen „schwanzloses Gesindel“, seine Tochter eingeschlossen. Ihre Mutter wurde geduldet, weil sie mit verbal auf ihre Tochter einschlug. Der Vater war übrigens früher in der Kommunalpolitik tätig, nicht für die AfD. Aurelies Selbstwert konnte unter solchen Eltern natürlich nie wachsen und so hatte sie mehrere Horrorbeziehungen. Auch sie konnte mangels Liebe für sich selbst keine wirkliche Liebe annehmen und versucht da dank Therapien, auf einen anderen Weg zu kommen.

Unseren Vätern – und ich könnte die Liste problemlos erweitern – hätte man beibringen müssen, dass man Frauen auf Augenhöhe begegnen soll. Aber bei meinem Vater hätte sich wohl selbst ein Psychologe den Mund fusselig reden können, um das erreichen zu wollen, bei Aurelies Vater wäre es nicht anders gewesen. Für mich klingt die Vorstellung, mit dem Gendern Frauen sichtbar machen zu wollen, extrem realitätsfremd. Mein Vater wusste, dass es Frauen gibt, da musste nichts sichtbar gemacht werden. Woher sein Hass auf Frauen kam, weiß ich nicht. Er wuchs ohne seinen Erzeuger auf und seine Mutter war auch nicht gerade die Liebe in Person. In der Schule wurde er als Bastard gemobbt, dabei lernte er, wie er stark wirken kann: mit drohenden Fäusten. Vielleicht ging es beim Hass auf Frauen auch wieder einfach nur um das pauschale Abwerten, um sich selbst aufwerten zu können.

Auch die Idee, dass durch das Gendern Frauen mehr Selbstwert bekommen könnten, halte ich für realitätsfremd. Wenn du als Kind lernst, dass alle Frauen „schwanzloses Gesindel“ sind, dann kann dein Selbstwert nicht durch das Anhängen von zwei Buchstaben aufgepäppelt werden.

Fragesteller: Was würde den Frauen stattdessen helfen?

Sonnestrant: Aurelie hätte es geholfen, wenn ihre Eltern gar nicht erst den Schaden hätten anrichten können. Das gilt für alle anderen genauso.

Fragesteller: Wie hätte man das verhindern sollen?

Sonnestrant: Ich sehe da nur einen einzigen Weg. Der verschreckte aber selbst Menschen, die unter ihren psychischen Erkrankungen, also den Folgen ihrer wenig kindgerechten Kindheit, reichlich leiden. Da bin ich wieder bei „Die Moral der Geschichte gefällt mir nicht, also will ich auch die Geschichte gar nicht erst hören.“ Ich möchte mit meinem Buch, dass wir überhaupt erst mal akzeptieren können, wie wichtig eine kindgerechte Kindheit ist mit Zuneigung, Anerkennung, Liebe beider Elternteile, aber auch Leitplanken. Ich möchte, dass die Folgen gesehen werden, wenn all das fehlt, also die Auswirkungen auf unser Mit- bzw. Gegeneinander. Gerade Politiker entscheiden seltener aus Empathie, für viele ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis entscheidend – was auch wieder was mit ihrer jeweiligen Kindheit zu tun hat. Wenn Politiker z.B. Sucht und andere psychische Erkrankungen als großen Kostenfaktor sehen und wenn sie verstehen, dass sie vermeidbar wären, dann würde hoffentlich Interesse geweckt, wo alles beginnt und wo man eingreifen müsste.

Fragesteller: Was ist Ihr Tipp für mich, wenn ich bis jetzt nicht überzeugt bin?

Sonnestrant: Lesen Sie bitte mein Buch. Ich kann es Ihnen bei Interesse gern als E-Book zur Verfügung stellen. Es ist nicht umsonst so dick. Mir wäre es auch lieber, ich könnte alles in ein paar Zeilen erklären. Und nein, mir geht es nicht ums Reich werden. Bei meinem bisherigen Glück im Leben falle ich tot um, wenn mein Kontostand auf 1 Million steigt – nicht im übertragenen, lustigen Sinne, sondern buchstäblich.

Und während des Lesens können Sie bei sich selbst auf die Suche nach dem roten Faden gehen: Welche Meise, die ich heute als Erwachsener habe, wurde in meiner Kindheit geboren? Wo bin ich Täter an mir und/oder an anderen? Kann ich diese Meise heute einfach mal so wegfliegen lassen mit ein bisschen guten Willen oder ist sie eher ein Habicht, der sich in mich verbissen hat?

Als Journalist können Sie sich fragen: Warum habe ich mich für diesen Job entschieden? Weil der Beruf einfach toll ist? Weil ich dadurch Macht habe? Oder Aufmerksamkeit? Oder Einfluss? Oder das Gefühl, für andere etwas Gutes zu tun? Oder alles zusammen? Warum ist mir das so wichtig? Was macht das mit meinem Selbstbewusstsein? Brauche ich all das, weil ich in meiner Kindheit zu wenig Anerkennung bekommen habe einfach nur für mein Dasein? Wie käme ich mit mir selbst klar, wenn ich nichts von all dem hätte, was mein Job mir gibt? Wäre ich dann mit mir trotzdem im Reinen?

Fragesteller: Sie sagen, dass Sie nicht reich werden wollen. Was ist dann Ihre Motivation?

Sonnestrant: Vor vielleicht 10 Jahren blätterte ich mein Fotoalbum durch mit Bildern aus der Kindheit, blieb an einem Foto hängen: Ich, vielleicht 3 oder 4 Jahre, mit wuscheligem Lockenkopf, schaue in die Kamera und lächele. Beim Angucken fragte ich mich: Wo ist das Lächeln geblieben? Wann ging es verloren? Und ich sagte dem Jungen auf dem Bild in meinem Kopf: „Wenn du wüsstest, was alles auf dich zukommen wird …“ Mir kamen Tränen, ich hätte diesen Jungen gern beschützt vor all dem, was kommt – was natürlich nicht mehr ging. Eine Psychologin sagte mir, dass sie zu Beginn von Therapien Kindheitsfotos mit ihren Patienten anschaut – es scheint also nicht nur bei mir etwas freizusetzen, Meggie geht es genauso.

Was mir heute möglich ist: mich für einen anderen Lockenkopf einsetzen, der jetzt in seinem Kinderzimmer sitzt und sein Lächeln über die Zeit verliert. Oder für ein Mädchen mit glatten Haaren. Die hohe Zahl der psychisch Erkrankten zeigt, wie viele Lockenköpfe und Glatthaarige in jeder Generation aufs Neue ihr Lächeln in der Kindheit verlieren. Das ist aber keine Laune von Mutter Natur, gegen die sich nichts machen lässt, zumindest wenn man dem heutigen Wissensstand in der Psychologie vertraut. Klar, wenn in 20 oder 50 Jahren herausgefunden werden sollte, das alle psychischen Erkrankungen durch Gene bedingt sind und die Kindheit keinerlei Rolle spielt, dann lassen wir eben alles so, wie es ist. Bis dahin sollten wir mal was Neues probieren.

Fragesteller: Was würden Sie sich wünschen?

Sonnestrant: Eine massenhafte Ausbreitung von Empathie. Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft, das Innenleben eines anderen Menschen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Für mich ist dabei „Bereitschaft“ der entscheidende Punkt, da bin ich wieder bei „Die Moral der Geschichte gefällt mir nicht, ich will das nicht hören.“

Von Menschen mit Depressionen hörte ich immer wieder: „Man muss es selbst erlebt haben, um es verstehen zu können.“ Meine einstige Gartennachbarin, Ü70 mit depressiven Phasen, sagte mir: „Ich hätte gern einen Sohn wie Sie, meine Kinder verstehen mich nicht.“ Depressive bekommen Tipps wie „Iss Schokolade“, „Geh unter Leute“, „Du brauchst nur ´nen Freund.“ Solche Tipps würde ich nur dann geben, wenn ich bei real existierenden Depressiven erlebt hätte, dass Schokolade, soziale Kontakte und/oder eine Beziehung sie aus der Depression geholt hätten. Da ich aber solche Heilungen nie erlebt habe, gebe ich auch nicht solche Ratschläge.

Was ich mache: zuhören. Fragen – gerade dann, wenn ich mit einem Thema noch nie in Berührung gekommen bin. Dann bin ich ein weißes Blatt Papier und mein Gegenüber füllt es mit dem, was er mir erzählt. Empathie und zuhören, das würde sehr viel in dieser Welt zum Guten wenden können. Als Journalist haben Sie beim Zuhören eine mächtige Waffe.

Was ich über die letzten 15 Jahre auch entwickelt habe: die Bereitschaft, die Realität zu akzeptieren, auch wenn ich es gern anders hätte. Mir wäre es auch lieber, wenn ich nur sagen bräuchte: „Vergiss deine Kindheit, lebe in der Gegenwart“ und alles wäre gut. Eigentlich war ich ja nur auf der Suche nach Miss Right und wollte kein Buch darüber schreiben, was mit dieser Welt nicht stimmt. Aber auch bei dieser Suche spielten die Gleise aus der Kindheit entscheidende Rollen. Ich hätte gern der ein oder anderen Frau sagen wollen: „Vergiss jetzt, dass deine Mutter und/oder dein Vater lieblos war! Bevor du mit dem nächsten lieblosen Narzissten Lebenszeit verschwendest, verschwende sie lieber mit mir.“

Wer mein Buch liest, kann sich hoffentlich auch mit der Realität anfreunden, auch mit der eigenen. Wie wenig wir gegenseitig voneinander halten und wie gespalten wir angeblich sind, darüber wurden genug Zeilen ausgetauscht, ohne dass es uns was gebracht hat. Aber setzen Sie mal Linke und Rechte und welche aus der Mitte an einen Tisch, ohne über Gesinnung zu reden, nur über Kindheit und schnell werden Sie sehr Verbindendes feststellen, während die Box mit Taschentüchern rumgereicht wird. Dann werden Sie auch merken, dass sich die einen über Stärke ihren Selbstwert aufwerten wollen, die anderen darüber, Gutes für andere zu tun, die dritten über Besitz – aber keiner ist damit wirklich glücklich in sich. Umwege zum Glück sind Wege ins Unglück.

Natürlich können wir uns auch weiterhin anschreien. Natürlich können wir Messer verbieten, Bahnsteige zumauern, Sanitäter von Sicherheitskräften beschützen lassen, Weihnachtsmärkte mit Boden-Luft-Raketen gegen fliegende Autos schützen, an die Vernunft appellieren, weitere Kampagnen gegen Hass starten und warme Worte in Weihnachtsansprachen verwenden. Oder du sorgst dafür, dass Kinder mit gesundem Selbstbewusstsein ihr Elternhaus verlassen können. Nur darum geht es mir. Wir machen auf diesem Planeten einen gigantischen Lärm, als wären wir das Zentrum des Universums und sollten eigentlich unglaublich happy sein, dass wir Teil von Leben sind, welches es im Umkreis von Millionen Lichtjahren wohl nicht noch einmal gibt. Das ist verrückt.

Fragesteller: Können Sie auch kürzere Antworten geben?

Sonnestrant: Nein.

Fragesteller: Was empfehlen Sie mir jetzt als Journalisten?

Sonnestrant: Lesen Sie bitte Beiträge von mir. Die Auswahl ist groß, von Hass über Sucht, Gendern, „Krankenhäuser sind Hurenhäuser“ bis privaten Geschichten ist alles dabei. Schauen Sie sich das Video „Umwege zum Glück“ an. Lesen Sie sich durch, was Menschen über mich sagten, die mit mir Kontakt hatten. Schauen Sie sich an, welche Quellen ich im Buch zitiere.

Mein Ziel ist es, Sie ins Grübeln zu bringen: Was will der Typ? Will der wirklich nicht reich werden mit dem Buch oder will er mich einfach nur manipulieren? Geht´s ihm um Aufmerksamkeit für sich oder für die Sache? Macht das, was er schreibt, Sinn? Liefert er für den Wahnsinn in dieser Welt weniger gute Erklärungen als andere, die wir in unserem Medium veröffentlichen, oder mindestens gleichwertige? Will der Typ mir meinen Job erklären oder hat er zu oft „Die Moral der Geschichte gefällt mir nicht“ erlebt und ergreift deshalb jeglichen Strohhalm, um überzeugen zu wollen? Wäre das, was der schreibt, eine willkommene Abwechslung zu all dem, was wir sonst so veröffentlichen?

Und wenn sie nach wie vor sagen, dass man die Kindheit hinter sich lassen könne, probieren Sie bitte Folgendes: Nehmen Sie sich vor, innerhalb der sagen wir mal nächsten 12 Monate das Laufen zu verlernen oder das Sprechen oder Fahrradfahren, Schwimmen, wie man zwei Zahlen addiert, wie man ein M oder ein T schreibt, also Dinge, die Sie in Ihrer Kindheit gelernt haben. Versuchen Sie, Erinnerungen an einen Urlaub zu vergessen oder an andere Erlebnisse mit Ihren Eltern. Löschen Sie Erinnerungen an Ihre erste große Liebe, den ersten Kuss, an unangenehme Situationen. Vergessen Sie alle Namen Ihrer damaligen Mitschüler und deren Gesichter. Vergessen Sie einfach irgendetwas, was Sie seit Ihrer Kindheit begleitet. Dann schreiben Sie ein Buch darüber, wie Ihnen das gelungen ist und Sie werden Millionen aufrichtig dankbarer Käufer finden.

Fragesteller: Ich danke Ihnen fürs Gespräch. Ach, eine Frage hätte ich noch: Worum geht es eigentlich in dem Buch?

Sonnestrant: Oh, gut das Sie fragen. Also …

Quellen für diesen Artikel:

Amygdala – konservatives Denken: https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/news-kann-die-politische-einstellung-an-gehirnregionen-abgelesen-werden-100.html

Mary Trump über ihren Onkel: https://www.news.de/politik/859177124/donald-trump-traumatisiert-durch-eigenen-vater-trump-nichte-mary-enthuellt-familiendrama/1/

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