Arwa

8000 Zeichen noch, dann wird sie enden. Erwarte, wenn du diese Geschichte liest, keine dramatische Wende kurz vor knapp. Wer der Täter ist? *grins

Ich sitze in meinem Auto, ruhig und entspannt, sehe ihr Haus. Das Licht in ihrem kleinen Schlafzimmer ist noch an, die Vorhänge sind geschlossen. Seit ca. zwei Stunden warte ich. Aber egal. Geduld hatte ich mit ihr genug. Über die Schmerzgrenze hinweg. Ich war vorhin an ihrem Briefkasten, holte das Mitteilungsblatt ihres Dörfchens raus und fand auf der Rückseite Werbung für diesen Kurzkrimi-Wettbewerb. Sie nervte zuletzt immer wieder, ich solle mein Potential zum Schreiben doch endlich nutzen. Also vertreibe ich mir nun damit die Zeit, bis sie schlafen geht.

Wer sie ist? Wir kennen uns seit Kindertagen, schauten uns immer nur kurz an – beide schüchtern ohne Ende. Vor 4 Jahren meldete sie sich via Facebook – nette Überraschung. Wir schrieben viel, teils aneinander vorbei, dann gab es längere Pausen. Interessanter war eh unser Spielchen: Sie gab sich sexuell naiv und ich protzte mit meinen Eskapaden. Ich nahm es ihr nicht ab, dass sie so grün hinter den Ohren war, aber ich machte mit. Sie Schülerin, ich Lehrer. Alles per Chat und Telefon. An einem Abend hielt ich das Handy dicht an das Schlafzimmerfenster nebenan, wo Frau Nachbarin gerade sehr aktiv war. Meiner Schülerin gefiel es. Sehr. Und sie testete immer weiter, was der Pfarrerssohn für ein Freak ist.

Zwei Jahr später war ich in der Nähe ihres Dorfes mitten in der Eifel unterwegs und schrieb ihr, dass ich zum Abend bei ihr vorbeikommen will. OMG. Wie sie mir später erzählte, ließ sie an dem Abend alle Lampen in ihrer Wohnung aus, saß zusammengekauert neben dem Sofa und hoffte, dass ich ihr „Komm bitte nicht“ auch wirklich beherzigen würde. Plötzlich hatte sie Panik, mit was für einem Psycho sie sich da eingelassen hatte. Man sollte eben nur spielen, wenn man die Nerven dazu hat.

*lach Gerade läuft „Jeanny“ im Radio. „Sie kommen!… Sie kommen dich zu holen. Sie werden dich nicht finden… Niemand wird dich finden! Du bist bei mir!“ Dieses Lied gerade jetzt … Böse … *grins Gott, was haben sich die Leute damals aufgeregt. „Der Falco verharmlost Gewalt gegen Frauen!!! Boykott!“ Sei in einem Text nicht eindeutig, überlasse die Deutung dem Hörer oder Leser und schon bist du der Psychopath, der mit Mord- und Totschlag Kasse machen will. Eine seltsame Welt.

Zurück zur Story: Wir trafen uns ein paar Monate später doch noch – bei Tageslicht. Und die Chemie stimmte erschreckend gut. Wir hatten zwar recht wenige Gemeinsamkeiten, aber kamen trotzdem ganz gut klar. Gut, wir verbrachten viel Zeit mit der praktischen Umsetzung des theoretischen Unterrichts. Ich merkte schnell, dass sie wirklich nur die Schülerin gespielt hatte. Eine echt geile Zeit.

Was ich in diesen Wochen und Monaten nicht bemerkt oder ausgeblendet hatte: Das Chaos in ihr. Sie wirkte meist ausgeglichen. Ja, für ein, zwei Stunden konnte sie neben sich stehen, wenn wir uns am Wochenende trafen. Sie erzählte dann viel, schien mein Dasein dabei nicht wahrzunehmen. Normalerweise nutzte sie Stufen oder Gehwegkanten, um unseren Größenunterschied auszugleichen und mich zu küssen. War sie aber „in der Zone“, konnte ich mich zum Kuss hinstellen wie ich wollte – sie sah durch mich hindurch. Mit der Zeit lernte ich, dass sie erst den Stress der Woche abstreifen musste, bis sie bei mir ankommen konnte. Ich konnte es an ihrem Gesicht ablesen, sobald sie innerlich zur Ruhe kam – und auch an ihrer Sprache. „In der Zone“ war ihre Stimme hin und wieder schnodderig, wie die eines Junges, und es kamen Anklänge vom Moselfränkischen vor – normalerweise sprach sie absolut Hochdeutsch. Konnte sie die Zone verlassen und legte sich in meine Arme, atmete sie tief durch, als wäre ich der sichere Hafen, in welchen sie aus dem Sturm gerade entkommen war.

Ah, die Vorhänge gehen auf. Sie lässt frische Luft in ihr kleines Zimmer, bevor sie schlafen geht. Ich kann ihr Gesicht sehen. Danke an den Vollmond. So süß wie eh und je. All der Mist, den sie in ihrem Leben durchgemacht hat, hinterließ keine Furchen auf ihrer Oberfläche. Innerlich aber richteten sie Zerstörungen an, wie ich sie bei keiner anderen so registriert hatte. Jetzt lehnt sie sich auf die Fensterbank und schaut Richtung Raßberg. Hach ja. Wir standen ein paar Mal gemeinsam an dem Fenster, auch mitten in der Nacht, wenn endlich auch die B 412 nebenan zur Ruhe gekommen war. Sie stand dann vor mir, ich schmiegte mich an sie, meine Brust lag auf ihrem Rücken, meine Arme pressten sich an ihre, meine großen Hände umschlossen ihre kleinen. Auch bei Vollmond, wie heute. So schön. Er überzog das riesige Waldgebiet vor uns mit märchenhaftem Licht. Sie erzählte mir viel über Sagen von der oder den weißen Frau(en), die in der Eifel umhergehen sollen, wenn wir nachts unsere Wanderungen um den Berg, auf dem Wacholderwanderweg und auf den vielen anderen Pfaden unternahmen. Ob sie gerade daran denkt? Oder ob sie wieder mit der weißen Frau spricht, die in ihrer Wohnung geistert und die sie zuletzt vor mir gewarnt hat? Sie kann so wunderbar in Gedanken versinken. Bei diesem Ausblick kein Wunder. Auch der Friedhof, den man von dort oben sehen kann, wird wieder seinen mystischen Reiz haben.

Der Friedhof. Dort sah sie sich in ihren depressiven Phasen. Sie dachte schon in der 2. Klasse daran, wie es sein mag, zu sterben. Nur der Gedanke an ihre einzige, aber wirklich gute Freundin, wie die an ihrem Grab stehen würde, hielten Suizidversuche auf. Von ihren Eltern hatte sie nichts, für sie zählte nur Geldverdienen. In einer ihrer manischen Phasen fuhr sie Nachts halb 3 in den Wald und wollte sich ein kleines Häuschen bauen. Bei Regen. Ihre Kinder ließ sie allein schlafen. Auf dem Rückweg blieb sie mit ihrem Auto stecken, rief den Kindesvater an, ob er sie abholen könne. Schlechtes Gewissen war nicht zu vernehmen, wurde mir gesagt. Er hatte sich von ihr getrennt, weil er das Auf und Ab nicht mehr aushalten konnte. Nach dieser Waldaktion – es war nicht der erste Vorfall – kamen die Kinder zu ihm. Sie durfte sie nur noch unter Begleitung sehen. In den depressiven Phasen war dies für sie enorm schwer zu ertragen – massive Selbstvorwürfe.

Das alles hatte sie mir geschrieben in den ersten 2 Jahren. Ihr gesamte Gedankenwelt, ihr Chaos lagen offen vor mir. Sie erklärte sich für verquer und für fast nie vernünftig. Sie wollte auf eine einsame Insel – und viele Menschen mitnehmen. Sie war genervt von Menschen, die nicht mit sich diskutieren ließen – und sie war selbst eine Wand, gegen die man sprach. Sie wollte Mitgefühl – und konnte eiskalt mit ihren Worten sein. Ich ließ mich dennoch auf sie ein. Sie mochte mich wahnsinnig gern – und verletzte mich wie keine andere. Ja, ich hatte genug Geduld.

Jetzt kommt der Humor aber schwarz: „Atemlos durch die Nacht, spür‘ was Liebe mit uns macht.“ Helene will spoilern *grins Ja, in dieser Nacht könnte jemand atemlos werden. Und was die Liebe so mit einem macht … Glücklich. Verrückt. Sie wollte immer aus mir herauskitzeln, was ich für sie empfinde. „Willst du mir was sagen?“ – dabei sah sie mich mit großen Augen an, als wäre ich der Weihnachtsmann und hätte ganz bestimmt das im Sack, was sie schon immer wollte. Es reichte ihr nicht, dass ich für sie da war, ihr Halt gab, zuhörte, Verständnis zeigte, Dinge für sie tat, die ich für keine andere machte. Nein, schließlich sagen Worte mehr als Taten. Und ja, ihre letzten Worte vor zwei Tagen werden in meinem Kopf brennen, solange ich noch lebe. So geht man nicht mit Menschen um, die sich um einen kümmern.

Oh, das Licht ist aus. Wir geh´n nach Haus. Rabimmel Rabammel … Die 8000 sind auch erreicht. Zeit, um die Geschichte zu beenden. Wären mehr Zeichen erlaubt, würde ich gern noch länger plaudern und müsste jetzt nicht raus in die Kälte. Den Beutel mit Rosenblättern darf ich nicht vergessen. Sie mag keine Rosen, aber heute Nacht wird sie sich nicht beschweren. Schließlich habe ich Geburtstag. Na dann: Arwa. Auf Wiedersehen.

“Erklär mir Gefühle” – die Serie zum Fühlen

Die Geschichten bauen immer auf der vorherigen auf, Du kannst Dir aber auch eine mittendrin rausgreifen.

Erklär mir Gefühle: Selbstzweifel

Erklär mir Gefühle: Selbstzweifel

“Wenn ich dir gegenübersitze oder -stehe und wir uns ansehen, dann tut mir das gut. In diesen Moment spielt das, was alles an Scheiße in meinem Leben war und worüber ich mir heute einen Kopf mache, keine Rolle. Diese Momente sind meine einsamen Inseln, die Hütte im Wald. Dass ich dich ansehen kann und dass mir das so gut tut, ist mein großer Vorteil gegenüber dir.“
„Jetzt hältst du mir auch noch vor, dass ich Probleme habe, mich im Spiegel anzusehen?!“

Erklär mir Gefühle: Hass

Erklär mir Gefühle: Hass

Also bete ab jetzt pausenlos und so laut du kannst, dass du stirbst, bevor dein Opfer lernt, dich zu hassen. Und wenn du doch noch leben solltest, dann zieh über Nacht um und hinterlasse keine Spuren. Denn wenn sie dich findet, wirst du bereuen, nicht FÜR sie gekämpft, sondern Krieg GEGEN sie geführt zu haben!

Erklär mir Gefühle: Wehmut

Erklär mir Gefühle: Wehmut

Maike und Mats stoppen, schauen sich an. Ohne es aussprechen zu müssen, wissen sie, was bevorsteht: Abschied. Sie legt beide Arme fest um ihn, er tut es ihr gleich. Ihren Kopf legt sie auf seine Schulter, er geht ein Stückchen in die Knie, fühlt ihre warme Wange. Sie spricht leise neben seinem Ohr, genau wie er. Zeit verstreicht. Sekunde für Sekunde.

Die Familie – Erfahre mehr über uns.

Leseproben aus den Büchern und neue Ideen im Entstehen bringt Dir hin und wieder die digitale Brieftaube.

Datenschutzerklärung