Verrückt – Ausgelesen

I. Vorwort: Das unerträgliche Schweigen

Die Spaltung der Gesellschaft existiert nicht. Nein, ich laufe nicht mit rosaroter Brille und Lärmschutz durchs Leben. Auf der Suche nach Ms. Right sah und hörte ich Geschichten, welche ich in dieser Masse niemals erwartet hätte, die jedoch die Antwort auf die Frage liefern: „Was ist los mit den Menschen?!“ Was man sieht und hört, sind die Schieflagen beim Selbstbewusstsein, welche nicht mit Appellen an Vernunft, Toleranz und Mitgefühl verarztet werden können. Wer sagt, dass man Nazis hassen dürfe und Vergewaltigern den Schwanz abschneiden solle, wird weder neue Diktaturen noch neue Missbrauchsopfer verhindern. Kein Baby kommt mit ausgestrecktem Arm und Bärtchen über der Lippe zur Welt. In einem gemeinsamen Kinderzimmer können ein späterer Antifa, der Hamburg zerlegt, und eine zukünftige AfD-Anhängerin aufwachsen. Beide setze man an einen Tisch mit jenen, die einen ebenfalls den Kopf schütteln lassen und die scheinbar völlig gegensätzlich sind: einen, der plündernd durch Stuttgart rennt, einen Rechtsextremen, der Morddrohungen verschickt, einen, der vier Polizisten entwaffnet, einen Internet-Troll, ein Mobbingopfer, einen, der Gaffer-Videos veröffentlicht, einen, der keinen Monat Single sein kann, einen, der absolut jedem helfen will, einen, der Sanitäter angreift, einen, der Likes für Likes verteilt, einen, der Verschwörungsmythen verbreitet, einen, dessen Leben nur aus Arbeit besteht, einen, der die dritte Schönheits-OP hinter sich hat. Man lasse Platz für das nächste Topmodel, den nächsten Superstar, einen bekannten Sänger, einen berühmten Schauspieler, einen Weltklasse-Sportler und für den Chef eines Weltkonzerns. Dazu lade man einen Menschen ein, der Unsägliches mit Kindern getan hat. Man lasse sie nicht über ihre Ansichten diskutieren, sondern über ihre Kindheit sprechen. Und plötzlich wird unbegreifliches Verhalten verständlich und hinter der vermeintlichen Spaltung zeigt sich etwas sehr Verbindendes: kaputte Elternhäuser – kaputtes Selbstbewusstsein – Umwege zum Glück durch Aufmerksamkeit, Macht, Geld, Sucht – psychische Erkrankung und/oder Persönlichkeitsstörung. Wer die scheinbare Spaltung überwinden will, muss Brücken hin zu geistiger Gesundheit bauen, sich um Kinder kümmern und nicht länger 1,9 Mio. junge Menschen ignorieren, die kaputt ins Erwachsenenleben starten. Störungen und Erkrankungen betreffen nicht zwei, drei Menschen aus bildungsfernen Randgruppen exklusiv, sondern offiziell 18 Mio. Menschen in Plattenbau, Reihenhaus und Villa. Schaut man hinter die Gardinen, wird einem klar, dass die anderen 46 Mio. ganz gewiss nicht pauschal als psychisch stabil eingestuft werden können. Genauso wird klar: Keiner unserer Special Effects entsteht aus heiterem Himmel, jeder ist der Donner nach dem Einschlag. Und so beginnt der Weg in die Psychiatrie fast ausschließlich im Kinderzimmer. Aus den dort aufwachsenden Opfern werden immer wieder Täter, die neue Opfer hinterlassen. Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine neuen Opfer gibt. Und wer glaubt, mit 6 Wochen Psychiatrie sei ein kaputtgemachter Mensch wieder in Ordnung zu bringen, hat noch nie die Monate und Jahre von Patienten nach dem Klinikaufenthalt begleiten können. Die Gleise der Kindheit liegen einbetoniert.

Doch wir nutzen selbst beste/traurigste Gelegenheiten nicht, um über die Zusammenhänge zu sprechen. Der Attentäter von Hanau war eben ein Rechtsextremer und nebenbei halt psychisch krank. Elon Musk nennt sein Kind nur so seltsam, weil er PR für seine Unternehmen will, nicht weil er gerade wieder eine Manie durchmacht. Kanye West bewirbt sich nur um das Präsidentenamt, weil er sein neues Album pushen will, nicht aus dem üblichen Größenwahn eines Manikers. Der mächtigste Mann der Welt ist von Dutzenden Psychologen als infantiler Narzisst eingestuft worden und dennoch raufen wir uns einfach immer wieder nur ungläubig die Haare über sein Verhalten, ohne das Kind beim Namen zu nennen. Statt über diese Persönlichkeitsstörung aufzuklären, werden Narzissten in Büchern zu Bad Boys verklärt, die dank der Liebe geheilt werden können, während sich im wahren Leben selbst Psychologen an ihnen die Zähne ausbeißen. Wenn Killerspiele mit schuld sind an Amokläufen, dann tragen Autoren und Verlagsmitarbeiter auch Schuld an körperlichen und psychischen Erkrankungen jener, die im Glauben an die Wandlung durch Liebe viel länger bei einem Narzissten aushalten als es ratsam und gesund wäre. Wer glaubt, das alles sei nicht so schlimm, wird anders darüber denken, wenn er am Grab eines Ex-Mitschülers steht, den der Narzissmus seines Vaters in den Tod getrieben hat.

Narzissten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

Und nun eine kleine Veränderung: Populisten können unglaublich gut Menschen für ihre Zwecke einfangen. Sie können unglaublich gut manipulieren, um ihr Ziel zu erreichen. Sie halten sich für grandios wichtig und werten alle ab, die ihnen nicht von Nutzen sind. Sie sind von nichts so begeistert wie von sich selbst. Fehler machen sie keine, schuld sind immer die anderen. Bei Kritik schlagen sie um sich. Mit ihnen zu diskutieren ist wie der Versuch, ein Stück nasse Seife festhalten zu wollen.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nur eine mögliche Folge von falscher Zuneigung der Eltern. Eine andere ist Infantilität: „Erwachsene“ verhalten sich im Zwischenmenschlichen wie Kinder. Sie können es nicht ertragen, im Unrecht zu sein, mit ihnen kann man einfach nicht diskutieren, genauso wenig wie mit Histrionikern. Eine große Zahl an Narzissten, Histrionikern und Infantilen reicht, um die Gesellschaft gespalten aussehen zu lassen. Sieht man Sucht als Zeichen für Angst vor der Erwachsenenwelt, dann kann man mit Blick auf die Zahl der Suchterkrankten ahnen, wie viele „Erwachsene“ Probleme haben, sich Diskussionen auf Augenhöhe zu stellen. Aber genauso wirken sich Angststörungen und Manien auf das Miteinander aus. Auch sie spielen sich nicht nur in den vier Wänden der Erkrankten ab. Wer über Verschwörungstheoretiker und Klopapier hortende Menschen den Kopf schüttelt, sollte sich immer wieder klarmachen: Alles an unseren Macken hat einen Grund und diesen findet man praktisch immer in der Kindheit.

Doch unser Glaube, Erwachsene seien von Vernunft geleitet und mit ihr erziehbar, ist unerschütterlich. Dieser Glaube lässt uns Konzerte gegen Rechts veranstalten, er lässt uns Gesetze gegen Hass auf den Weg bringen, er lässt uns Strafen für Kinderschänder verschärfen anstatt uns zu fragen, wo die wirklichen Ursachen abseits der sozialen Netzwerke liegen. Dieser Glaube lässt Depressive immer wieder hören: „Du musst dich nur zusammenreißen!“ Ja, du musst nur. Dieser Glaube sorgt dafür, dass unser Umgang mit psychisch Erkrankten für diese selten hilfreich ist. Zu ihnen wird ein noch größerer Abstand eingehalten als zur Verhinderung von Corona-Ansteckungen empfohlen. „Es sind schon genug von euch im Fahrstuhl“, hörten Erkrankte in einer Klinik von angeblich Gesunden. Damit waren keine Covid-19-Verdachtsfälle gemeint, sondern Menschen mit Traumata, Depressionen, Angststörungen – Erkrankungen, die nichts mit angeborenen Hirnschäden zu tun haben und Menschen nicht zu Axt schwingenden Irren machen, sondern Langzeitfolgen einschneidender Erlebnisse sind. Eine Frau, die sowohl Depressionen als auch Krebs kennt, fasst ihre Erfahrungen so zusammen: „Mit der Depression war ich allein. Keiner verstand mich, keiner kümmerte sich, keiner fragte, ob ich Hilfe brauche oder wie es mir überhaupt geht. Letztes Frühjahr bekam ich Krebs – und jetzt wird mir von allen Seiten der Arsch gepudert.“ Bei mindestens 18 Mio. Erkrankten können wir uns so viel Ahnungslosigkeit nicht leisten. Depression ist eine Hormonstörung?! Nein, denn Hormone haben Frauen nur während ihrer besonderen Tage und Männer, wenn sie es nötig haben. Abseits davon ist alles immer nur eine Frage des Wollens und der Vernunft. Frauen finden es furchtbar, wenn Liebe als Suchtzustand mit Dopamin, optischem Beuteschema und Geruch erklärt wird. So primitiv sind maximal Männer! „Ich entscheide nach den inneren Werten!“ Also mit Vernunft. Dabei könnte ihnen das Wissen über die Biochemie der Liebe zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, weil nicht mehr jede Zurückweisung als „Du bist kein liebenswerter Mensch“ verstanden werden muss. Und gesundes Selbstbewusstsein der Eltern ist bitter nötig, damit ihr Nachwuchs dieses erben kann. Selbstbewusstsein ist der Schlüssel zu einer gesunden Gesellschaft und es ist so selten zu finden wie Trockenhefe und Klopapier in der Hoch-Zeit von Corona – oder wie die Worte: „Wir müssen uns endlich um psychische Erkrankungen kümmern“ in Wahlkämpfen. Wie beim meteorologischen Klimawandel kommen wir offenbar auch beim gesellschaftlichen Klimawandel erst aus dem Arsch, wenn wir im selbigen sind. Schließlich gehen wir auch erst zum Doktor, wenn die Nase abgefallen ist und nicht bereits, wenn sie so seltsam wackelt. Als die Pandemie begann und 100 Menschen infiziert waren, fiel oft der Satz: „Wir müssen nun alles für die Gesundheit der Menschen tun, alles andere ist nicht so wichtig wie ein Menschenleben.“ 10.000 Suizide pro Jahr, Dunkelziffer unbekannt – und wir entlassen 25-Jährige aus der geschlossenen Psychiatrie einfach zurück in ihr Leben, wo sie weiter allein mit ihren Suizidgedanken bleiben. Wir jagen atemlos durch die Nacht Richtung Zukunft und werden in einigen Jahren Weihnachtsmärkte mit Boden-Luft-Raketen vor fliegenden Autos beschützen müssen, weil dann auch diese eine Gefahr darstellen. Wir jagen die Fridays-for-future-Kids zurück auf die Schulbänke anstatt uns zu fragen, warum so viele psychisch kaputt das Klassenzimmer verlassen. Wir verbrennen den Planeten für den Konsum, welcher unsere brennende Psyche nicht löschen kann.

Wollen wir tatsächlich erst aufwachen, wenn ein Diktator aus dem Kanzleramt grüßt? Oder könnten wir nicht vorher anfangen, die Augen zu öffnen und das Schweigen beenden?

13. Wege in die Psychiatrie

Was sind das nur für Menschen, die auf der Psychiatrie-Station herumlaufen? Wenn man den panischen Ängsten der Fahrstuhlbenutzer folgt, die ich anfangs erwähnte, dann müssen das Männer und Frauen sein, deren Leben und Taten Stoff für Horrorfilme bietet. Auf jeden Fall durchgeknallt und unzurechnungsfähig. Und vermutlich bewaffnet.

Bis vor drei Jahren hatte ich selbst keine Vorstellung, wie genau Menschen in der Psychiatrie landen. Es gab einfach keinen Anlass, mich damit zu befassen. Aus Kindertagen kannte ich die Sprüche: „Wenn du so weitermachst, kommst du ins Irrenhaus!“ Ob Irrenhaus oder Klapsmühle – damit wurde Angst gemacht, dort wollte man um keinen Preis landen. Horror eben.

Ich kannte auch den Unterschied zwischen Psychiater und Psychologen nicht. Für mich war beides dasselbe und beim Psychiater würde man sich auf die berühmte Couch legen. Heute weiß ich, dass man bei ihm nicht lange im Sprechzimmer sitzt, denn Psychiater kümmern sich vor allem um die Medikamente, machen Einweisungen und delegieren ihre Patienten wenn nötig zu anderen Ärzten. Sie sind eher wie Hausärzte, spezialisiert auf psychische Erkrankungen. Beim Psychologen ist man deutlich länger, hier wäre diese Couch zu finden, auf der man sich das Herz ausschütten darf. Der Satz „Geh mal zum Psychiater!“ ist also falsch, wenn man sagen will: „Du musst dringend herausfinden, was mit dir nicht stimmt.“ Psychologen findet man allerdings meist nur in Kliniken, denn sie dürfen sich nicht selbstständig machen. Dies dürfen nur Psychotherapeuten. So ließ ich es mir erklären.

Der Fahrstuhl des Grauens

Die Fahrstuhlgeschichten haben es verdient, genauer erzählt zu werden.

Story Nr. 1: Hanna fährt mit Crocs an den Füßen und einem Schlüsselband um den Hals aus dem Psychiatrie-Stockwerk ganz oben hinunter in den ersten Stock, allein. Im 3. Stock, Chirurgie, hält der Aufzug, zwei ältere Damen steigen zu. Eine hat einen Blutbeutel bei sich, also eine Patientin, die andere war zu Besuch. Sie sehen, dass Hanna die 1 gedrückt hatte, die Damen selbst wollen ins Erdgeschoss. Sie mustern Hanna und strahlen über das ganze Gesicht. Dann sagt die eine freudig zu Hanna: „Ich wünsche Ihnen ein richtig schönes Wochenende, wenn Sie schon Wochenende haben. Vielleicht haben Sie ja morgen frei und müssen nicht arbeiten.“

Hanna denkt: „Häh?!“ Waren es Crocs und Schlüsselband, die den Eindruck vermittelt hatten, sie würde hier arbeiten? Sie fängt sich schnell und antwortet in ihrer staubtrockenen Art: „Nein, ich komme hier vom 7. Stock, ich wohn´ dort.“

Die Damen schauen plötzlich ganz anders und treten unauffällig ein paar Schritte von Hanna weg. Als sie auf der 1 aussteigt, verabschiedet sie sich: „Ich wünsche Ihnen trotzdem ein angenehmes Wochenende.“

Story Nr. 2: Hanna steht vor dem Fahrstuhl im 1. Stock, die Tür geht auf, zwei Männer sind drin. Sie fragt: „Rauf oder runter?“

Sie schauen, antworten: „Rauf.“

Hanna geht hinein, sieht, dass die 5 gedrückt ist, drückt die 7. Und die Männer beginnen Hanna zu mustern.

Ein Geräusch irritiert Hanna. Sie fragt, was das sei.

Einer erklärt: „Die Lüftung. Hat irgend so ein Dackel angemacht.“ Mit einem Knopfdruck geht sie wieder aus.

Die Männer steigen auf der 5 aus. Der eine sagt beim Weggehen: „Du, die hat aber einen ganz vernünftigen Eindruck gemacht?! Aber hast gesehen? Die hat die 7 gedrückt!“

Der andere: „Die geht da bestimmt nur zu Besuch.“

Der Erste: „Aber die hat Hausschlappen angehabt! Die muss von da oben sein. Aber die hat einen ganz normalen Eindruck gemacht. Ist jetzt aber komisch …“

Story Nr. 3: Nach der Mal- und Gestaltungstherapie im ersten Stock warten Hanna und sieben weitere Patienten aus der Psychiatrie auf den Fahrstuhl. Dieser kommt aus dem Erdgeschoss mit drei Personen, die sich in der Kabine großräumig verteilt haben. Hanna und ein weiterer Patient gehen hinein, sie dreht sich zur Tür um, schaut einen der noch Wartenden an: „Na, willst du nicht mitkommen?“

Er nickt.

Der andere hatte unterdessen auf die 7 gedrückt, was einer der Damen im Fahrstuhl ins Auge gefallen war. Nun fängt die ca. 55-Jährige an: „Mehr kommen hier nicht rein! Das verkraftet der Aufzug nicht!“

Hanna zeigt ruhig auf das Schild: „750 kg, 10 Personen. Wir sind im Moment fünf und von 750 kg sind wir weit entfernt, da passen noch welche rein.“

Die Frau ist nicht überzeugt: „Wenn von solchen wie euch mehr einsteigen, dann steige ich aus!“ Währenddessen drückt sie mehrfach auf den Knopf, der die Tür schließen lässt.

Hanna: „Der Peter ist schlank, der passt noch rein.“

Die Frau: „Darum geht’s gar nicht, der Peter kommt hier nicht rein, zwei von euch reichen!“

Die Tür schließt sich, Peters Flehen „Nehmt mich doch mit!“ wird nicht erhört.

Hannas Begleiter schüttelt leicht und unaufhörlich den Kopf, während die Frau sich nicht beruhigen kann und von den beiden anderen „Gesunden“ Rückendeckung bekommt: „Das geht ja nicht, der Aufzug bleibt stecken und das sind viel zu viele Leute.“

Die erste Frau wieder: „Wenn SOLCHE in dem Aufzug sind, das geht gar nicht!“

Als sie im 5. Stock aussteigt, dreht sie sich noch einmal um, noch immer nicht ruhiger: „Ihr seid ja nicht ganz dicht!“

Hannas Begleiter, ganz ruhig und fürsorglich: „Haben Sie eigentlich ein Angstproblem? Angstbewältigung findet im 7. Stock statt, Sie können gern mal vorbeischauen.“

Die Frau wiederholt sich: „Ihr seid nicht dicht, ihr wollt den Aufzug total überladen und dann bleibt er stecken! Ihr seid nicht dicht! Ihr seid nicht dicht!“

Hanna und ihr Begleiter fahren kopfschüttelnd nach oben und können den anderen von einer weiteren derartigen Begegnung erzählen.

23. Psychologen haben doch selbst eine Meise!

„Ich geh da nicht hin!“
„Psychologen brauchen selbst einen Psychologen!“
„Die können mir da auch nicht helfen.“
„Ich spreche mit keinem, der fürs Zuhören bezahlt wird.“

Angehörigen von psychisch Erkrankten dürfte der ein oder andere Satz bekannt vorkommen. Wer als Angehöriger aber merkt, dass es eigentlich gar nicht mehr anders gehen kann, auch weil man inzwischen selbst auf dem Zahnfleisch läuft, dem raubt ein solcher Satz einiges an letzter Energie. Du stehst mit dem Erkrankten weitgehend allein da, machst mit ihm jedes Tief und/oder Hoch durch, kannst auch nicht davonlaufen oder dich auf die einsame Insel verfrachten, die du dringend bräuchtest. Deine eigenen Probleme hast du schon lange in die zweite Reihe gesetzt, doch dort sind sie nicht unsichtbar. Darüber reden fällt dir schwer, weil du den neben dir Leidenden ja nicht noch weitere Lasten aufhalsen willst. Du hoffst auf ein Wunder, auf einen Silberstreif – es kann doch nicht alles schieflaufen?! Doch es läuft genauso weiter. Und dann kommt wieder der Satz: „Ich will da nicht hin! Es muss auch so irgendwie gehen.“

Mum

Ich habe genau das bei meiner Mum, Ü70, erlebt. Als ich ihr zusammen mit der Hausärztin praktisch keine andere Wahl mehr ließ als den Gang in die Psychiatrie und sie draußen vor der Praxis wie ein kleines Kind trotzig und unter Tränen reagierte mit „Ich will da nicht hin!“, fühlte ich mich, als hätte ich sie gerade über die Klippe gestoßen.

In den Wochen zuvor ging es immer mehr abwärts mit ihr. Zum Mittag legte sie sich eine halbe Kartoffel auf den Teller, wenn sie überhaupt etwas essen konnte. Nach draußen ging sie nur noch in meiner Begleitung, selbst wenn es die fünf Minuten Fußweg bis zur Arztpraxis waren. Nichts machte ihr Spaß. Sie nahm keine Stricknadeln in die Hände und klagte den halben Tag, dass sie nichts mit sich anzufangen wisse. Stöhnen, hörbares Ausatmen, Beschreibungen, was gerade wehtut, gab es im Minutentakt. Das Wort „Depression“ nahm sie nicht in den Mund. Es war immer „die Sache“ oder „dieser Zustand“. Die Gründe für „diesen Zustand“ suchte sie vor allem bei ihren körperlichen Schmerzen, Rücken und Hüfte.

Deshalb hatte ich mit der Hausärztin ausgehandelt, dass Mum zunächst in die Neurologie geschickt wird. Mir war klar, dass sie solange keine Diagnose namens Depression annehmen könnte, bis man ihr von Ärzteseite sagen würde: „Ihr Zustand kommt nicht (allein) von den Schmerzen.“

Und ich konnte auch nicht behaupten, dass es da keinen Zusammenhang gibt. Chronische Schmerzen können durchaus zu Depressionen führen und Depressionen können chronische Schmerzen mit sich bringen. Bei einer Depression ist offenbar der Serotonin-Transport im Gehirn gestört, die Forschungen laufen nach wie vor.i Serotonin ist ein natürliches Schmerzmittel. „Wenig“ Serotonin – reichlich Schmerzen. Verspannungen, die schon immer da waren, werden in der Depression als schlimmer wahrgenommen – und man verspannt sich noch mehr oder belastet andere Körperregionen stärker, die sich dann verkrampfen. Schon ist man bei der ewigen Frage: War das Ei zuerst da oder das Huhn?

Die Neurologie brachte keine neuen Erkenntnisse. Dass der Rücken ziemlich kaputt ist, war lange vorher bekannt. Das Leiden zu Hause ging nun weiter, konnte aber so nicht weitergehen. Ich war mit meinem Latein ziemlich am Ende, für mich war die Psychiatrie der einzige Weg, den Mum nun gehen musste. Von meinem Umfeld wurde ich eher sabotiert. Mum bekam Ratschläge wie „Schaff dir doch einen Wellensittich an, dann hast du jemanden zum Reden“ oder „Wir machen einfach mal wieder eine Woche Urlaub zusammen im Sommer“ oder „Ich glaube nicht, dass sie in der Psychiatrie gut aufgehoben sein würde …“ Klar, sie alle erlebten das Drama nicht hautnah mit. Keiner musste zusehen, wie Mum mittags halbtot auf dem Sofa schlief. Keiner musste zuhören, wie sie bei jedem einzelnen Schritt stöhnte, wie sie immer wieder sagte: „So kann das doch nicht weitergehen …“ Wenn sie einmal pro Woche die Wohnung verließ, war das viel.

Nachdem die Hausärztin die Überweisung für die Gerontopsychiatrie (für Menschen Ü65) ausgestellt hatte, begann das Warten. Nach dem ersten „Ich will da nicht hin!“ schwenkte Mum einen Tag später auf „Es nützt ja nichts“ um. So richtig war sie noch nicht überzeugt.

Das sollte sich in den vier Wochen des Wartens ändern. Innerhalb dieser Zeit wollte sich die Klinik mit dem Termin melden – und man ließ sich wie üblich Zeit. Warten gehört dazu, wenn man in die Psychiatrie will oder muss. 4 Wochen sind da noch wenig. Mum wurde ungeduldig, der Leidensdruck wurde immer stärker – damit auch die Einsicht und die Hoffnung auf Hilfe. Den Umweg über die Neurologie empfand sie nun als verlorene Zeit und machte dafür die Hausärztin verantwortlich. Und sie begann die Tage bis zur Aufnahme zu zählen.

Drei Stunden nachdem sie aufgenommen worden war, rief sie mich an: „Ich will nach Hause. Was die hier alles wissen wollen … Hier bin ich glaube falsch.“

Abseits der Geschlossenen können sich Menschen aus Krankenhäusern jederzeit selbst entlassen und ich bekam das flaue Gefühl, Mum könnte tatsächlich nach wenigen Tagen wieder zu Hause sein. Inständig hoffte ich darauf, dass Ärzte und Personal ihr absolut keinen Grund geben würden, diesen Schritt zu machen. „Auf jeder Station gibt es einen Drachen“, so ein Klischee-Satz für Krankenhäuser. Ich hoffte sehr darauf, dass auf Mums Station keine Schwester war, die diesem Ruf gerecht werden würde.

Und ich hoffte, dass die Ärzte und Therapeuten den richtigen Ton finden würden. Von anderen Psychiatriepatienten hatte ich sehr unterschiedliche Geschichten gehört. Da gab es den Chefarzt, der sagte: „Ach, Kinder ziehen sich von allein groß.“ Da gab es den Beamten mit Depressionen und privater Krankenversicherung, dem die Klinik auf Station eine Rechnung zwischen 20.000 und 30.000 Euro überreichte, zahlbar innerhalb von 7 Tagen. Der Mann saß fix und fertig am Mittagstisch.

Auch Hanna konnte reichlich Erfahrungen mit den Profis teilen. Sie kam mit einer Therapeuten sehr gut klar. Als diese in Urlaub ging, traf sie auf eine Vertretung, die das Einfühlungsvermögen eines Steins hatte – für Hanna ein deutlicher Rückschlag in der Therapie. Ihr ambulanter Psychiater sagte später, dass es ein Trauerspiel sei mit diesen Therapeuten-Wechseln. Ihm war also bekannt, dass es deutliche Unterschiede unter den Fachkräften gibt und Wechsel den vorherigen Erfolg zunichte machen können. Nur muss jeder irgendwann Urlaub machen dürfen. Besser wäre es, wenn niemand in die Psychiatrie müsste.

Robert, der als Kind von seinen Eltern nach der Diagnose Schwerhörig zur Tante abgeschoben worden war, den Waschzwang entwickelte und ein enorm gutes Radar für Menschen besitzt, hatte gesagt: „Ach, letztlich sind alle Therapeuten wegen sich da.“ Der Satz ist nicht viel anders als: „Psychologen brauchen doch selbst alle einen!“ Aber dieser zweite Satz ist oft die Rechtfertigung, nicht zum Therapeuten gehen zu brauchen. „Die sind selbst alle durchgeknallt, also können die ja nichts.“

Ja, nach all dem, was mir erzählt wurde, brauchen nicht wenige Psychologen selbst einen Psychologen. Aber das ist nach den Erfahrungen der Erkrankten überwiegend etwas Positives, denn diese Therapeuten sprechen aus eigener Erfahrung. Ein Studium vermittelt das Wissen, aber gerade bei psychologischen Dingen macht es offenbar einen großen Unterschied, ob man nur die Theorie kennt oder auch praktische Erfahrungen gesammelt hat: „Man muss es selbst mal erlebt haben.“ Dies betrifft nicht nur Menschen wie Loreen, die erst selbst in Depressionen rutschen musste, um das Leiden ihrer Mum nachempfinden zu können. Es betrifft auch jene, die beruflich helfen sollen.

Hanna

Über sie könnte ich ein eigenes Buch schreiben und wer nicht frei von Empathie ist, würde es verschlingen und mit ihr leiden.

Hannas Leben änderte sich mit einem Schlag, als sie 27 war. Eigentlich sollte die Geburt ihrer Tochter Constanze vier Wochen zuvor DIE große Veränderung werden. Das winzige Wesen sitzt auf dem Rücksitz in der Babyschale, als ein Auto ins Heck von Hannas Fahrzeug kracht. Keine vereiste Fahrbahn, kein nasses Laub, kein Matsch – „nur“ Unachtsamkeit an einer Kreuzung. Hanna klemmt zwischen Lenkrad und Sitz, kann nicht raus, kann sich auch nicht umdrehen. Im Rückspiegel sieht sie ihr Baby ebenfalls kaum, weil es von den Splittern der Heckscheibe zugeschüttet ist. Constanze rührt sich nicht, Hanna glaubt, vier Wochen nach der Geburt sei ihre Tochter tot. Sie ist panisch. Dazu der Gestank nach Öl und Benzin, welches ausläuft. Rauch. Die Hitze durch die Sonne. Die ganze Zeit das Glotzen der Gaffer.

Es dauert ewig, bis Hanna herausgeschnitten ist. Zumindest fühlt es sich für sie wie eine Ewigkeit an. Ein Zeitgefühl hat sie nicht, auch nicht im Nachhinein. Aufgelöst und heulend wartet sie vor dem Auto, dass man ihr totes Baby aus der Schale hebt und es ihr übergibt. Aber Constanze lebt. Ihr war nichts passiert, sie hatte überhaupt nichts mitbekommen, schlief einfach die ganze Zeit.

Ende gut, alles gut. Sollte man denken. Der Schaden am Auto ist nicht dramatisch, der Schaden an Hanna ist dauerhaft. „Nur“ weil jemand unachtsam war. Einen ersten psychischen Einbruch erlebt sie gut einen Monat danach. Im Prozess gegen den Verursacher ein halbes Jahr später bekommt sie 300 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Ein weiteres halbes Jahr später zeigen sich die Folgen des Unfalls für die Psyche deutlich: Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nimmt ihren Lauf. Damit beginnt ein bis heute 20 Jahre dauernder Weg vorbei an zig Ärzten, durch viele Krankenhausbetten, entlang vieler falscher Diagnosen und auf unglaublich viel Unverständnis treffend.

Diesen Weg beschreibt Hanna so:

„Es tut gut, mal jemanden gefunden zu haben, der nicht sagt: Nach 20 Jahren musst du das doch hinter dir lassen können. Verständnis bekomme ich fast nur von anderen Traumatisierten. Ich habe mich immer wieder schlecht gefühlt, habe mich gefragt, ob ich wirklich das alles nur simuliere, um Aufmerksamkeit zu bekommen, so wie es mir von Zeit zu Zeit direkt oder indirekt unterstellt wird, auch von Ärzten und Therapeuten. Aber was habe ich denn damit vom Leben? Ich gehe ja nicht raus und sage: Hey, bedauert mich mal bitte! Die Leute hauen doch ab vor mir, je mehr ich erzähle! Ich bekomme nicht MEHR Aufmerksamkeit, sondern fast keine.

Und ich bin froh, wenn ich nur wenige Menschen um mich habe, sonst bin ich schnell überfordert. Konzentration und Gedächtnis haben ziemlich gelitten seit dem Unfall. Jetzt mit 40 fühle ich mich eher wie 80, was den Kopf angeht. Weißt du, wie das einen runterzieht, wenn man eigentlich weiß, dass man nicht blöd ist, aber der Kopf ist dermaßen träge?

Und dann bekomme ich gesagt: Jetzt musst du das doch mal abhaken können. Dann erkläre ich in Ruhe, was ein Trauma und eine Posttraumatische Belastungsstörung ist. Dass da Synapsen umgelegt werden im Hirn und nicht mehr in die ursprüngliche Stellung gebracht werden können. Auch die Mandelkerne schwellen an und nicht mehr ab. Dadurch steht das Hirn unter Dauerstress, es fühlt sich oft wie vernebelt an. Im ersten Moment bekomme ich dann meist ein Aha zurück. Hört sich aber wie ein Naja, man findet für alles eine Ausrede … an.

Ich überlege seit Jahren, ein Buch darüber zu schreiben, aber dazu müsste ich mich konzentrieren können. Und das Gedächtnis müsste funktionieren. Ich habe ewig kein Buch mehr gelesen, weil ich irgendwann nicht mehr weiß, was ich vor einer Stunde gelesen habe und damit die Zusammenhänge weg sind. Vor drei Wochen versuchte ich es wieder und war nach 100 Seiten frustriert, dass es wieder nicht ging. Wie soll ich da ein Buch schreiben?!

Ich würde gern alles mal los werden wollen, von unfähigen Ärzten, herablassenden Behörden, über meine früheren Wünsche und Träume bis zu dem, was ich heute wünsche und träume. Wie verpfuscht ein Leben mit 27 Jahren werden kann, nur weil einer hinter dir schläft, wie man dir als Traumatisierter Faulheit vorwirft, wie dich Versicherungen über Jahre hinhalten, ein Gutachten nach dem anderen machen lassen, damit sie ja nicht zahlen müssen und du irgendwann aufgibst. Die wissen ja, dass man mit einem Trauma nicht den großen Kampfgeist hat. Über die Todesängste. Über die Flashbacks, die kommen, wenn die Musik im Radio läuft, die beim Unfall lief. Die Hitze im Sommer ertrage ich nicht, weil alles wieder im Kopf aktiv ist, weil es damals eben auch heiß war. Ich klebe im Sommer alle Fenster mit Rettungsfolien ab, damit die Wohnung halbwegs kühl bleibt. Aber oft schlage ich meine Liege im Keller auf. Von mir aus könnte immer Winter sein, nur ohne Schnee. Ich würde über die Albträume schreiben. Und darüber, wie meine Ehe kaputt ging, weil wir noch nicht wussten, dass es das Trauma war, das mich so anders werden ließ. Ich schlief viel, aß wenig, wollte nichts unternehmen, hing permanent durch.

Die Diagnose Unfall-Trauma kam per Zufall nach 13 Jahren. 13! Keinem ging vorher das Licht auf! Was es stattdessen für Diagnosen gab – Irrsinn. Ich war wandern, kein Mensch weit und breit. An einem Anstieg überlegte ich mir, ob ich mir das noch antue. Mein interner Akku reicht maximal für anderthalb Stunden, danach bin ich platt. Dann stand plötzlich ein Mann neben mir, guckte mich an, ich guckte ihn an. Er ging voran und ich hinterher. Oben haben wir dann unsere Telefonnummern ausgetauscht – und er brachte mich dann zu einem Doc, der mir nach 13 Jahren sagen konnte, was mit mir nicht stimmt: Trauma. Dutzende Ärzte, x Krankenhausaufenthalte – alle immer angeblich ratlos. 13 geklaute Jahre. Eine kaputte Ehe. Früher hatte ich einen guten Posten in der Verwaltung. Was ich heute mache, könnte ein Hamster erledigen. Aber mehr schaffe ich nicht und selbst DAS überfordert mich, wenn ich nach zwei Wochen Urlaub zurück an meinen Arbeitsplatz gehe. Ich bekomme dann vorher Angst, es nicht zu schaffen und den Urlaub nehme ich auch nur, weil es sein muss. Und da sich alles so eingebrannt hat über die Jahre, in denen ich falsch behandelt wurde, wird es wohl ewig so bleiben. Die Therapeuten, die mich seit der richtigen Diagnose behandeln, sagen mir: Ohne meine Tochter wäre ich nicht in diesem Zustand. Sie hätte sich nur mal rühren müssen, irgendein Lebenszeichen – aber so dachte ich, sie ist tot und das macht wohl alles so schlimm.

Ja, ich habe über Suizid nachgedacht. Zuletzt vor drei Wochen. Aber das könnte ich meiner Tochter nicht antun. Ich habe mir öfters gewünscht, dass es damals für mich gleich ein Ende gehabt hätte. Für Constanze war und ist es sicher nicht einfach, ihre Mutter so zu erleben. Sie kennt mich ja überhaupt nicht anders, hat die lebenslustige Hanna nie kennengelernt. Keine Ahnung, wie ich sie überhaupt groß bekommen habe. Immerhin kann ich miterleben, wie gut sie sich macht.“

Dies schrieb Hanna zwei Jahre bevor ich dieses Buch verfasste. Inzwischen kann sie nicht einmal mehr jene Arbeit machen, die ein Hamster erledigen könnte, der Antrag auf eine magere Frührente läuft, der Weg dorthin ist wieder gepflastert von unzähligen Formularseiten, die Hanna überfordern. Der Wunsch zu sterben ist noch häufiger Gast in ihrem Kopf geworden und auch die Angst, dass irgendwann die Hemmschwelle „Das kann ich meiner Tochter nicht antun“ verschwindet. Von drei Ärzten bzw. Therapeuten hat sie gehört: „Ihnen wird es nie wieder besser gehen.“ Immerhin verkleistern sie ihr nicht die Augen vor der Realität. So besteht Hannas Leben aus dem Warten auf den Tod, aus Absitzen der restlichen Zeit in ihrer Wohnung. Wobei sie seltener sitzt, viel mehr vergehen die Tage für sie im Liegen, tagsüber schlafend, mit unruhigen Nächten. Hitze belastet sie genauso wie Schnee. Jeder Gang in den Supermarkt ist ein Kampf, jeder Behördengang, jede Rechtfertigung gegenüber den immer weniger gewordenen Menschen, die sich noch bei ihr melden. Sie würde anstelle eines unheilbar an Krebs Erkrankten sterben, damit dieser weiter leben kann. Wenn sie Pech hat, lebt sie in diesem Zustand noch 20, 30 oder gar 40 Jahre.

Psychologen und Psychiater haben nicht automatisch Verständnis durch ihr Studium. Das zeigte sich bei Hannas erstem Versuch, einen Psychiater in sehr erweiterter Wohnortnähe zu finden, nachdem ihr bisheriger Doc in die längst überfällige Rente gegangen war. Vielleicht wollte die Ärztin Hanna schnell wieder loswerden, auf jeden Fall wirkte es so. Sie fragte, was Hanna zu ihr führt, was die Problematik sei. Hanna sprach von den Flashbacks: Benzingeruch, der immer wieder in ihre Nase steigt, die Bilder von damals. Genauer gesagt EIN Bild ist während der Flashback-Phasen immer vor ihren Augen: Sie steht aufgelöst und heulend neben dem Auto und wartet, dass die Rettungskräfte ihre tote, vier Wochen alte Constanze aus der Schale vom Rücksitz holen. Dieses Warten hat sich in Hannas Gehirn eingebrannt – ein Trauma. Diese Szene spielt sich in den Phasen der Flashbacks immer und immer wieder ab, genauso wie das Arbeiten mit Seifenschaum bei Philipp die Gewalt und das Brüllen seines Vaters unter der Dusche sofort wieder gegenwärtig machte. Das müsse sich ändern, sie könne kaum noch kompensieren, das gehe zu lange, sagte Hanna der neuen Ärztin.

Diese hörte sich das an, lächelte und zuckte mit den Schultern.

Hanna erwähnte ihren Aufenthalt auf der Geschlossenen wenige Wochen zuvor. Ihr ging es damals extrem mies, sie fuhr zum Bereitschaftsarzt. An diesem Tag hatte ein Gynäkologe Dienst. Er staunte, dass man nach einem solch letztlich harmlosen Unfall eine Posttraumatische Belastungsstörung behalten könne. Von Psychologie hatte er wenig Ahnung, wie er selbst eingestehen musste. Als Hanna ihm sagte, dass man Suizidgedanken entwickelt, wenn man so viele Jahre durchhängt und keiner einem einen Ausweg zeigen könne, wies er sie in die Geschlossene ein wegen möglicher Eigengefährdung. Das müsse er so machen. Sollte Hanna auf dem Weg von der Praxis zur Klinik einfach nach Hause verschwinden, müsste er die Polizei verständigen, die dann nach ihr suchen würde.

Wenn es danach ginge, müsste Hanna ihre Wohnung kündigen und auf der Geschlossenen einziehen, wie so viele andere ihrer Klinik-Bekanntschaften. Ein Arzt mit mehr Ahnung von Psychologie hätte wohl – oder hoffentlich – anders gehandelt – mieses Timing für Hanna. Fünf Tage blieb sie dort, verließ nur wenn es unbedingt nötig war ihr Zimmer, erlebte Dinge, die einen erst recht psychisch kaputtmachen können.

Die Psychiaterin fragte Hanna, was sie denn in der Geschlossenen erlernt habe. An der Stelle bekam Hanna Brechreiz, denn immer wieder hört sie diese Frage: „Was haben Sie denn nun erlernt?“ Was soll man auf der Geschlossenen erlernen?! Hanna sparte sich den folgenden Satz als Antwort: „Du dusselige Kuh warst doch im Studium auch mal auf der Geschlossenen – was soll man denn dort bitte erlernen?!“ Stattdessen sagte sie: „Nein, ich hab nichts erlernt, weil man dort nichts lernt. Die Leute dort sind so entsetzlich krank, dass sie nur vor sich hin starren oder fixiert im Bett liegen oder im Isolationszimmer schreien. Dort gibt’s doch keinen Therapieplan und nix?!“

Die nächste Frage: „Und was haben Sie in der darauf folgenden Klinik erlernt im Umgang mit Ihrer Situation?“

Hannas Zorn ist zurück: „Wie soll man etwas lernen, wenn die eigentliche Problematik gar nicht gelten darf? Mir wurde die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung, die ich nun lange hatte, mit scheinbar großer Freude der Ärztin dort gestrichen – was soll ich daraus lernen?! Dass den Versicherungen das zu teuer wird und sie deshalb solche Diagnosen gestrichen haben möchten?!“

Wieder lächelte die Ärztin, zuckte mit den Schultern: „Es ist glaube besser, wenn wir an dem Punkt aufhören und die Thematik nicht weiter diskutiert.“

Klar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, dachte sich Hanna kochend. Doch sie bewahrte Haltung und fragte, ob die Ärztin ihr bei der Suche nach ambulanter Behandlung behilflich sein könne, denn die bisherige Suche allein brachte keinen Erfolg.

Die Ärztin lächelte wieder, zuckte wieder mit den Schultern und sagte: „Die Liste von oben bis unten abtelefonieren und wenn man unten angekommen ist, wieder von oben beginnen, so wie das alle psychotherapeutisch bedürftigen Menschen machen. Das ist bei Ihnen keine Ausnahme, das müssen Sie genauso machen.“

Hannas Zorn wurde nicht kleiner. Aus den stationären Aufenthalten kennt sie die Behandlung wie ein Kind und dieses: „Sie müssen halt nur wollen und den Arsch bewegen und innerhalb von ein paar Wochen haben Sie eine ambulante Therapie.“ Der riesige Notstand bei ambulanten Plätzen ist jedem bekannt, der in diesem Bereich arbeitet. Zur Ärztin sagte sie, dass es verlogen sei und der Patient immer als Depp hingestellt wird. Die ehemaligen Mitpatienten, mit denen sie aus der letzten Einrichtung Kontakt stand, suchten ALLE seit 2 bis 4 Monaten vergeblich.

Hanna ließ ihren Frust freien Lauf – dies hatte sie ein Jahr zuvor in einer weiteren Einrichtung ERLERNT. Aber dass ihr nun so der Kragen platzte, hatte weniger mit therapeutischem Erfolg zu tun, sondern mit dem übergelaufenen Fass. Für sie waren all diese Fragen der Ärztin ein klares Zeichen dafür, dass diese nie eigene praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Kein Empfinden aus der Praxis, kein Gefühl aus der Praxis.

Hannas vorheriger Psychiater, der in Rente gegangen war, wodurch die Suche nach einer neuen Anlaufstelle nötig wurde, hatte 40 Jahre zuvor sein eigenes Kind beim Fahren aus der Garage versehentlich überrollt. So traurig und traumatisierend dies für den Mann war: Er wusste, wovon Hanna sprach. Er wusste, wie sehr sich Bilder einbrennen können, die nicht zu löschen sind. Und seine Haltung gegenüber dem System Gesundheitswesen war deutlich kritischer als das der neuen Ärztin. Er hätte sehr klar Position bezogen auf Hannas erneute Frage an Frau Doktor, warum wohl ihre alte Diagnose gestrichen worden war. Doch diese Ärztin jetzt lächelte wieder nur und zuckte mit den Schultern.

Als es um Medikamente ging, legte Hanna eine Liste auf den Tisch, was sie schon alles über die Jahre genommen hatte: 16 Antidepressiva mit 0 Erfolgen. Die Ärztin schaute sich die Medis an: „Aha, Sie nehmen also nichts …“

„Ja, der Pharma-Rubel rollt leider nicht“, dachte sich Hanna, sagte aber, dass halt nie etwas geholfen hatte, sie sich nicht gegen Medikamente wehre, aber wozu etwas nehmen, wenn es nur Nebenwirkungen bringt?

Die Stimmung war inzwischen sehr kritisch und nach einigen weiteren Sätzen befand es die Ärztin für besser, das Gespräch nun zu beenden. Sie könne nicht alle Patienten von Hannas bisherigem Psychiater übernehmen, nur die wichtigsten Fälle. Diese hatte er per Liste an die Praxis übermittelt, einschließlich Hannas Namen. Nun sagte die Ärztin, dass sie nicht verstehe, warum Hanna auch genannt wurde, sie sehe da nicht diese dringende Bedürftigkeit einer Behandlung.

Hanna war nicht sonderlich traurig. Mit dieser Ärztin hätte es keine Basis gegeben für ein vertrauensvolles Verhältnis. Dank eines Bekannten schaffte sie es in die Praxis eines anderen Psychiaters, der früher in Kriegsgebieten Soldaten betreut hatte und sich auch in der Praxis in Deutschland traumatisierten Soldaten widmet. Doch auch er wird in zwei Jahren schließen, könnte längst in Rente sein, ist gesundheitlich angeschlagen, doch wie viele andere findet er keinen Nachfolger.

Hanna hat es aber auch ganz anders erlebt als bei dieser Ärztin und nicht nur bei ihrem alten Psychiater. Eine Therapeutin in der Klinik hatte sich länger überlegt, ihre eigene Geschichte zu erzählen, tat es am Ende doch – und dies war wichtig. Die Therapeutin kannte das Gefühl, das eigene Kind verlieren zu können, bestens. Ihr Sohn war an einem Fußgängerüberweg von einem Auto erfasst worden, auch dieser Fahrer war abgelenkt. Das Kind wurde schwer verletzt, das Überleben stand lange auf der Kippe. Inzwischen ist der Sohn erwachsen, er ist zwei Jahre älter als Hannas Tochter.

Während der Sohn mit dem Leben rang, kochte in der Therapeutin die Wut. Immer wieder kamen ihr Gedanken, dass sie den Verursacher umbringen würde, sollte ihr Sohn sterben. Diese wahnsinnige Wut verschwand mit den Jahren. Beruflich befasst sich die Therapeutin aber weiter mit dem Thema: Woher kam diese enorme Wut, mit der sie nicht wusste, wohin?

Hanna kennt das Gefühl. Wut und Aggressionen sind fast ständige Begleiter, ohne dass sie dafür einen Anlass braucht. „Boah, ich bin heute wieder so aggro …“, ist ein Satz, den ich nicht nur einmal von ihr gelesen habe und der meist damit verbunden ist, dass sie die meiste Zeit des Tages im Bett verbringt. Der Test ihres Cortisol-Spiegels (Stresshormon) brachte keinen Wert außerhalb der Norm. Der Stress ist offenbar nicht messbar, aber ganz klar vorhanden durch die dauerhaft geschwollenen Mandelkerne in Folge des Traumas.

In einer Online-Selbsthilfegruppe kam Hanna in Kontakt mit Menschen, die eine ähnliche Geschichte wie sie selbst haben: Unfall – der feste Glaube „Mein Kind ist tot“ – es überstand alles unbeschadet, aber Vater oder/und Mutter kommen aus diesem Moment nie wieder richtig heraus. Auch sie konnten von Wut, Aggressionen und Anspannung berichten.

Die Therapeutin mit der eigenen Erfahrung erklärte Hanna: Aggression und Wut sind Dinge, die einem am Leben erhalten. Ohne diese hätte sie, die Therapeutin, wohl irgendwann einen Nervenzusammenbruch erlitten in der Zeit, als ihr Sohn im Krankenhaus lag. Auch Hanna konnte wohl über all die Jahre nur dank der Wut funktionieren, sich um ihre Tochter kümmern. Beide wissen aber auch, dass dieser Zustand sehr viel Energie frisst.

Überrascht war die Therapeutin aber davon, dass bei Hanna die Wut auch nach 20 Jahren nicht verschwunden ist. Der Unterschied in den Geschichten der beiden Frauen: Hanna erlebte den Unfall live mit und dachte wirklich, ihr Kind sei tot. Diese Bilder brannten sich in Hannas Unterbewusstsein. Für die Therapeutin war der Sohn jederzeit lebendig.

Was ist unter der Wut? Dies war die nächste Frage der Therapeutin. Wenn man Wut, Aggression und Anspannung als Deckel auf einem Topf sieht: Was kommt unter dem Deckel hervor, wenn man ihn abnimmt? Will man das überhaupt wissen? Ist da etwas, womit man überhaupt nicht rechnet? Könnte es Angst sein, die unter Verschluss gehalten werden soll?

Hanna konnte sich dies nicht so recht vorstellen und in keiner Therapie zuvor war dies Thema. Doch die Therapeutin überlegte weiter: Vielleicht ist genau DAS darunter: Pure Angst. Verzweiflung. Trauer. All das könnte in jener Zeit in den Topf gekommen und verschlossen worden sein, als Hanna ihre Tochter für tot gehalten hatte.

Ich fand dieses Idee faszinierend und gruselig zugleich und schrieb viel mit Hanna darüber: Ist für ihr Gehirn Constanze im Augenblick des Unfalls gestorben und nie wieder lebendig geworden? Gibt es so etwas? Kann man einen Menschen aufwachsen sehen und dennoch sagt das Gehirn: „Traure weiter um dein Kind, es ist tot. Sei wütend auf den Täter“?

Noch gruseliger wurde es in der Maltherapie. Hanna zeichnete ein Boot und wollte ihre Tochter hineinsetzen. Doch am Ende machte sie ein Pferd daraus, weil sie ihre Tochter nicht hinbekam. Als noch Zeit blieb, setzte sie zum neuen Versuch an. Dieses Mal wurde die Figur sehr männlich und hatte wieder nichts mit ihrer Tochter zu tun, also machte sie daraus einen Mitpatienten.

Hanna hielt sehr wenig von dem ganzen „Was siehst du in dem Bild?“ Malt jemand einen Baum mit tiefen Wurzeln, bedeutet das: „Ich würde mir wünschen, ich wäre in meiner Kindheit bei meinen Eltern fest verwurzelt worden“?! Oder hat man einen Sinn für Ökologie? Aber dass sie ihre eigene Tochter nicht auf Papier bringen konnte, fand auch sie rätselhaft. Konnte sie Constanze nicht zeichnen, weil es von dieser im Gehirn nur die Babybilder aus den 4 Wochen vor dem Unfall gab?! Dann speicherte das Hirn Constanze als gestorben ab, Deckel drauf und dort bleibt er?!

Nein, für Hanna war es kein Thema, dass der Deckel drauf bleiben soll. Egal, ob dieser neue Therapieansatz nun der Richtige war oder nicht und egal, was sich unter dem Deckel befinden würde, wenn es ihn denn geben sollte: Alles wäre besser als weiterhin diesen elendigen Zustand ertragen zu müssen, ständig innerlich zu brodeln, die aufgestaute, unerklärliche Wut auszuhalten.

Doch der Deckel blieb drauf. Obwohl Hanna mehrfach darum bat, wurde diese Spur für die restlichen Wochen des Klinikaufenthalts nicht mehr verfolgt. So etwas ist nicht gerade förderlich für den Kopf.

Für Hanna folgte das einem Muster: Alte Patienten scheinen zu nerven. Gegenüber den Neuen ist man super freundlich und fürsorglich – und irgendwann bekommt man das Gefühl, jetzt müsse es auch mal gut sein. Sie nimmt an, dass die Therapeuten einfach viel zu viele Patienten zu betreuen haben, „nebenbei“ müssen sie die Therapieangebote leiten und Papierkram erledigen.

Was auch seltsam war: In der Angstgruppentherapie erklärte die Therapeutin, deren Sohn um sein Leben gerungen hatte und die in dieser Phase große Wut und Mordgedanken gegen den Verursacher verspürte, dass sie keinerlei Angst kenne.

Mum – Teil 2

Der richtige Therapeut kann sehr hilfreich sein. Einer mit dem Holzhammer kann den Patienten und auch sein Umfeld noch weiter beschädigen. Und gerade wenn ein Patient eher auf „Will ich nicht“ eingestellt ist, kann EINE schlechte Erfahrung das Aus sein für alle weiteren Versuche. Als Angehöriger sitzt du dann endgültig da und weißt weder ein noch aus.

Für meine Mum – und für mich – hoffte ich auf Therapeuten mit Einfühlungsvermögen in der Gerontopsychiatrie. Eigentlich sollte man dies gerade bei Psychologen für selbstverständlich halten, doch die Erfahrungen Erkrankter sehen anders aus.

Von Hanna wusste ich, dass man als Patient ca. 3 Wochen braucht, um in einer psychiatrischen Klinik anzukommen im Sinne von: „Okay, bei meinem Zustand gehöre ich wirklich hierhin.“ Diese drei Wochen musste Mum unbedingt überstehen aus meiner Sicht, in dieser Zeit durfte bloß nichts schiefgehen, was sie veranlasst hätte, die Koffer zu packen.

Sie hielt die drei Wochen durch, auch wenn sie immer wieder von großer Langeweile sprach und tatsächlich kam sie in dieser Zeit an. Vor allem die Gespräche mit anderen Patienten ihres Alters halfen. Sie war nicht mehr „die einzige Bekloppte“. So hatte sie sich in den Wochen vor der Psychiatrie gefühlt, weil es ihr doch eigentlich hätte gutgehen können und sie dennoch so am Boden lag.

„Ich bräuchte einfach was zu tun“, hatte sie immer wieder gesagt – aber ihr machte ja auch nichts mehr Spaß, was sie sonst beschäftigt hatte. Wenn das Serotonin zu schnell im Hirn abgebaut wird, ist man eben mit nichts mehr glücklich.

In der Klinik lernte sie eine Frau kennen, die immer viel zu tun hat: Familie, Kinder, Enkel, Kaffeekränzchen, Verein – und dennoch war sie in der gleichen Lage wie meine Mutter. Selbst wenn Therapien nichts bringen: Allein diese Begegnungen mit anderen Erkrankten können den Blick auf die Dinge verändern. Es ist eben nicht damit getan, dass man rund um die Uhr etwas zu tun hat. Wäre das so einfach, bräuchte man die Depressiven dieser Welt ja einfach nur beschäftigen. Nur juckt dies weder Hormone noch Neurotransmitter. Depression hat nichts mit schlechter Laune zu tun, es ist eine Hormonstörung.

Rückschläge gab es. Eine Zimmerkollegin verstarb in der Nacht mit über 80. Lust zum Leben habe sie nicht mehr, hatte sie in den Tagen seit ihrer Aufnahme gesagt. Was sich andere erhoffen, wenn sie an diesem Punkt sind, wurde dieser Frau geschenkt: ein friedliches, schmerzfreies Einschlafen. Mum musste die halbe Nacht auf dem Flur verbringen und auf diese Weise mit dem Tod konfrontiert zu werden, setzte ihr zu. Schon vor dem 70. Geburtstag kamen ihr Gedanken, dass sie ja dem Tode ziemlich nah wäre – aber ihre Ängste engten sie so ein, dass sie auch kein richtiges Leben mehr hatte, von dem sie schweren Herzens Abschied hätte nehmen müssen.

Mit den Ärzten und Therapeuten kam sie sehr gut zurecht. Und wieder zeigte jene Ärztin das meiste Verständnis für die Situation meiner Mum, die eigene Erfahrungen machen musste. Auch ihr Mann war recht früh gestorben, auch ihr zog es den Boden komplett weg und all die guten Ratschläge aus dem Umfeld halfen nicht.

Die Wochen vergingen, die Entlassung kam näher – und Mum graute davor. So sterbenslangweilig es für sie in den ersten Wochen war – jetzt hatte sie Angst, ob sie das stinknormale Alltagsleben wieder packen würde. In der Klinik war alles geregelt, viele Menschen um sie herum, immer jemand zum Reden da, keine Gedanken wie: „Was koche ich morgen Mittag?“

Auch das kannte Hanna bestens aus eigener Erfahrung und den meisten anderen, die sie aus den Kliniken kannte, ging es genauso. Gerade die ersten vier Wochen sind hart ohne den schützenden Kokon namens Klinik – Anja mit dem trinkenden Vater hatte das gleiche Problem. Manchen schleicht die Sehnsucht, doch wieder ein Bett auf Station bekommen zu können, lange hinterher. Dort, wo man sich um einen kümmert, wo man Verständnis findet und sich nicht ständig rechtfertigen muss, wo jederzeit ein Arzt zur Stelle ist und man nicht vergeblich nach Therapeuten und Psychiatern suchen muss und wo beruflicher und privater Stress keinen Zugang haben. Ein Mitpatient von Hanna verbrachte seinen ersten Hochzeitstag lieber auf Station. Der 25-jährige Ingenieur bekam ein Mal Besuch von seiner Frau in 8 Wochen, zum Belastungswochenende wollte er nicht heim. Ob die Beziehung das Problem war oder sein Stress auf Arbeit oder beides, ist offen.

Nach knapp 12 Wochen – was recht großzügig ist bei Psychiatrieaufenthalten – wurde Mum entlassen. Sie könne jederzeit wiederkommen, aber die Krankenkassen wollen halt, dass irgendwann erst einmal Schluss ist. Tatsächlich gab es zwei Patienten, die nicht das erste Mal in diesem Jahr auf Station waren.

Mum gewöhnte sich allmählich an das normale Leben, nahm ihr Antidepressiva, auf das sie eingestellt worden war. Weil es arg müde machte, tauschte ein Psychiater es aus – ja, sie hatte tatsächlich einen gefunden. Vier Praxen hatten zuvor erklärt, dass sie niemanden mehr aufnehmen. Die vierte verwies sie auf eine neue Praxis, die noch nicht allzu viele Patienten haben dürfte – ein Glücksfall. Aber dass sie überhaupt zum Psychiater ging, von sich aus suchte, empfand ich als Erfolg ihres langen Klinikaufenthaltes. Vorher waren diese Ärzte ihr ein rotes Tuch. Schon 8 Jahre zuvor hatte man ihr dringend ans Herz gelegt, den Tod ihres zweiten Mannes mit einer Therapie zu verarbeiten. Der Tod war damals 6 Jahre her und ihr ging es nach wie vor nicht gut, schon damals sprach man in Krankenhausberichten von einer Depression. Aber sie sagte: „Da gehe ich nicht hin.“

Durch die Zeit in der Klinik lernte sie, anders mit ihrer Krankheit umzugehen. Es war nicht mehr „die Sache“ und sie war nicht mehr „die Bekloppte“. Sie blieb mit drei Mitpatienten in Kontakt und konnte sich weiter austauschen. Jene, die immer viel um die Ohren hat mit Familie und Freunden, erlebt nach wie vor Tage und Wochen, an denen sie nicht aus dem Bett will, wo alles schwerfällt und nichts Freude macht. So merkt Mum, dass auch ihre eigenen Hochs und Tiefs normal waren. Klar, am Ende des Tages kann man sich von dieser Erkenntnis nichts kaufen. Schöner wäre es natürlich, wenn es einem einfach wieder fröhlich und munter ginge. Aber das Gefühl, mit seiner Situation allein zu sein, fällt mit solchen Erfahrungen weg.

Mit dem neuen Antidepressiva geht es meiner Mum psychisch gut. Sie hatte mit dem Medi schon früher aus dem Tal gefunden, es dann abgesetzt, weil sie glaubte, es gehe ihr auch so wieder gut – ein Irrtum. Vor dem Winteranfang graute ihr in den letzten Jahren immer, in dieser Zeit gab es die Einbrüche, die sich von Saison zu Saison langsam verschlimmerten. Den Winter 2019/20 überstand sie bestens, wenn ich es mit der Zeit ein Jahr zuvor vergleiche. Sie konnte wieder Freude an Hobbys finden, völlig normal essen, wieder lachen. Mit den Schmerzen kann sie „besser“ umgehen. Sie sind da, sind auch schlimmer geworden, rauben ihr die Lebensfreude und von Ärzte-Seite bekommt sie keine wirkliche Hilfe („Das ist halt so im Alter, nehmen Sie Schmerzmittel.“). Immerhin lösten sie bisher keine weitere Depression aus. Mum hat das Glück, dass sich keine spürbaren Nebenwirkungen des Medikamentes zeigen. Ihre Ablehnung gegen die Tabletten hat sie vorerst aufgegeben.

Und sie zieht ihre grüne Jacke an. Gekauft hatte sie das Teil inmitten der sich verschlimmernden Depression im März 2019. Mit dem Kauf von Klamotten steht sie seit der Kindheit auf Kriegsfuß und an so etwas scheinbar Unwichtigem kann man wieder sehen, dass die in der Kindheit gelegten Gleise auch mit vielen Jahrzehnten Abstand nicht verlassen werden können. Sätze wie: „Ich finde für mich sowieso nichts Passendes“ gehören zu Mums Standardaussagen beim Shoppen, was sie möglichst meidet. Vorher heißt es: „Ich kann nirgends hingehen, ich habe ja nichts zum Anziehen“ – ein Teufelskreis aus Stoff.

Im März 2019 gingen wir in ein Sportgeschäft – allein rausgehen kam in dieser Phase überhaupt nicht für sie in Frage. Sie suchte eine Jacke für den Übergang, schon lange. Durch die Depression war ihr Elan eh schon übersichtlich, dazu kam ihre problematische Einstellung zum Kauf von Klamotten. Ich entdeckte eine Jacke in einem frischen Grünton, nichts grelles, aber für mich ein guter Kontrast zu Mums depressionsbedingter Stimmung. Nur fand sich ihre Größe nicht – zunächst. Wir waren fast schon draußen, als in einer anderen Ecke des Ladens doch noch drei weitere Exemplare zu sehen waren. Eine Verkäuferin schaltete sich ein, fragte nach der Größe.

Jetzt tauchte die nächste „Meise“ bei Mums Klamottenkauf auf: Sie kauft zu groß ein. Obwohl sie durch das wenige Essen deutlich abgenommen hatte, ließ sie sich ihre übliche Größe geben. Alle waren sich einig: zu groß. Mum zog die Jacke eine Nummer kleiner an, die Verkäuferin war zufrieden, Mum störten die langen Ärmel. Ich sagte, sie soll es mit noch einer Nummer kleiner ausprobieren, vielleicht seien die Ärmel einfach bei all diesen Jacken so lang. Während Mum sich umzog, ging die Verkäuferin, eine andere kam hinzu. Wir schickten Mum vor den Spiegel. Sie wirkte in sich gekehrt, nicht glücklich, zupfte hier und da und die Kauflaune verdrückte sich langsam immer mehr. Sie fühle sich nicht so recht wohl in dieser Größe, sie brauche halt ihre übliche 44. Die Verkäuferin sagte, dass Mum diese Größe absolut tragen könne und ich sah es genauso.

Als Mum mit eher leiser Stimme bei ihrer 44 bleiben wollte, reagierte die Verkäuferin, die ich auf Mitte 30 schätzte, in Anbetracht der psychischen Umstände suboptimal: „Ach, Sie spinnen ja, das passt doch super?!“ Sie wusste natürlich nicht, dass ein solcher Satz gerade jetzt bei Mum nicht hilfreich ist. Mum druckste herum, dass sie eben zur Zeit Probleme habe und schon immer mit dem Klamottenkauf auf Kriegsfuß stehe. Ich fragte, ob die Jacke irgendwo zu eng ist, sie verneinte. Am Ende sagte sie – nicht so wirklich überzeugt – „Ja“ zu der von uns für in Ordnung gehaltenen Größe.

Sie zahlte und wir gingen raus. Und dann war sie den Tränen nahe: „Am liebsten wäre ich da rausgerannt.“ Sie habe sich im Spiegel gesehen, blass und die Haare im Chaos und insgesamt in einem Zustand, den sie nicht ansehen könne. Und der Kauf von Klamotten stresse sie eben seit jeher. Ihre Schwester hatte in Kindheit und Jugend immer etwas zum Anziehen gefunden, Mum selbst nicht.

Dieses modische Vergleichen mit ihrer jüngeren Schwester hält sich heute noch eisern, trotz der Jahrzehnte, die seitdem vergangen sind. Es ist nicht so, dass die Schwester durchgestylt und überheblich durch die Gegend rennt, überhaupt nicht – sie jammert genauso, dass sie nichts Passendes hat. Aber Mums Selbstbewusstsein ist schon immer so übersichtlich wie bei fast allen. Ihre Mutter war recht dominant, sah ihre Töchter nie als Erwachsene, sondern immer als Kinder, die keine Widerworte zu geben haben – selbst als Mum über 60 war. Entsprechend mauerblümchenhaft war sie als Teenager und mein Vater hatte mit seiner bestimmenden Art leichtes Spiel bei ihr. Als sie sich nicht mehr alles bieten ließ, folgte die Scheidung. Bei ihrem zweiten Mann hatte sie vom Charakter her absolutes Glück, nur ging er mit seiner Gesundheit fahrlässig um und starb mit 60, was Mum nie verkraften konnte.

Ihre Geschichte scheint dem üblichen roten Faden zu folgen: In der Kindheit entwickelte sie kein Selbstbewusstsein. Der Tod ihres zweiten Mannes war jenes einschneidende Ereignis, dass die psychische Lage Richtung Depression kippen ließ. Bei anderen ist es der Stress um den Hausbau wie bei Katis Ex, der zum Kippen führt. Wieder andere kippen, weil sie unter ihrer grausamen Beziehung nach langem Aushalten zusammenbrechen. Nichts geschieht ohne Grund.

Eigentlich hätte Mum doch froh sein können, gleich im zweiten Geschäft etwas Passendes gefunden zu haben. Doch sie sagte beim Weggehen vom Laden: „Ich kann sie ja in den Schrank hängen.“

Von diesem Erlebnis hatte ich Hanna berichtet und hielt sie auf dem Laufenden, was die Geschichte der grünen Jacke anging. Als Mum für die Psychiatrie packte, war ich gespannt, ob sie die Jacke einpacken würde – sie blieb im Schrank. An Hanna schrieb ich: „Wenn Mum die Jacke irgendwann anziehen wird, dann ist das Gröbste wohl überstanden.“ Nach einem Monat in der Klinik nahm sie nach einem Wochenende zu Hause die Jacke mit in die Psychiatrie. Heute zieht sie sie, wenn das Wetter passt, ganz normal an.

Ihre Bekannte aus der Klinik mit den Hochs und Tiefs meldete sich im März 2020 aus einer deutlichen Depression. Beim Anruf zuvor Anfang Januar war es ihr noch richtig gutgegangen, sie war voller Leben und nichts schien das ändern zu können. Doch als sie an einem Morgen Ende Februar wach wurde, merkte sie: Die Depression ist zurück. Das Aufstehen fiel nun wieder enorm schwer, Essen kochen ebenso, den Tag rumzubekommen sowieso. Sie war froh, mit meiner Mum sprechen zu können, weil sie bei ihr nun Verständnis und ein offenes Ohr fand – was sie bei ihren eigenen Kindern vergeblich suchte: „Sie verstehen mich einfach nicht …“, so ihre niedergeschlagene Zusammenfassung, die sie mit so vielen anderen teilt.

Drei Monate später ließ sich diese Frau in die Psychiatrie überweisen, es ging nicht mehr anders. Durch die Corona-Pandemie musste sie zunächst 7 Tage auf die geschlossene Abteilung in ein Einzelzimmer, das sie die ganze Zeit nicht verlassen durfte. Von Hanna kannte ich diese „Einzelhaft“ bereits. Eine Bekannte war während des Pandemie-Beginns zur Reha und auch sie durfte ihr Zimmer die ganze Zeit nicht verlassen – eigentlich unglaublich.

Mums Bekannte war bei der Aufnahme auf diesen Umstand hingewiesen worden. Die Oberärztin ließ bei diesem Gespräch wenig Interesse an der neuen, alten Patientin durchblicken. Sie fragte die seit gut drei Monaten am Boden Liegende, ob sie wirklich unter diesen Umständen aufgenommen werden wolle, schließlich könne es ihr nicht sooo schlecht gehen, wenn sie hier mit frisch gewaschenen Haaren erscheine. Nach dieser Bemerkung war die Entscheidung für Mums Bekannte klar: „Jetzt erst recht!“ Von ihren Kindern wurde sie auch dieses Mal nicht verstanden. Wieder kamen die üblichen Bemerkungen: „Du hast doch alles?! Du kannst viel unternehmen, kannst kochen, hast deine Enkel! Dir kann es doch nicht schlecht gehen?!“ Depression hat aber nichts mit schlechter Laune und Langeweile zu tun.

Praktisch zeitgleich drängte es auch eine andere Klinik-Bekanntschaft, knapp 60, in die gleiche Einrichtung aufgenommen zu werden, obwohl sie eigentlich nicht mehr hin wollte. Sie war zusammen mit Mum und der anderen Frau im Jahr zuvor auf der gleichen Station. Auch ihr ging es immer schlechter, Bilder aus der Kindheit wurden immer wacher, genauso wie Ängste, die sie nicht beschreiben konnte. Bei ihrer Tochter hatte sie inzwischen Verständnis gefunden, bei ihrem Mann nicht. Auch sie war dankbar, in Mum jemanden gefunden zu haben, der ihr zuhört.

Und ich konnte froh sein, dass sich das Trio nicht komplett nach einem Jahr auf den Fluren dieser Klinik wiederbegegnen musste. Da mein Vater in der Zwischenzeit einen Schlaganfall hatte, ich für ihn die Betreuung übernahm und mein Geschäft mit und ohne Corona nicht lief, war ich mit den Kräften am Ende. Hätte ich Mum noch einmal in diesem Zustand wie ein Jahr zuvor erleben müssen und hätte ich dann wieder so allein dagestanden, dann weiß ich nicht, wie das ausgegangen wäre. Auch so hatte sich bei mir nach all den Monaten des Kümmerns um meine Eltern der Akku geleert, zumal wirkliche Erfolgserlebnisse ausblieben, eine lange Krankschreibung war die Folge.

Nein, die Psychiatrie vollbringt keine Wunder. Die wenigsten verlassen die Klinik mit befreitem Kopf für immer. Dazu liegen die Ursachen für die psychischen Schräglagen zu fest einbetoniert und hormonelle Probleme lassen sich auch nicht mit dem besten Therapeuten richten. Aber ein Therapeut mit eigener Geschichte kann den Weg für ein Umdenken ebnen und dieses Tabu psychische Erkrankung aufbrechen. Deshalb sollte man froh sein, wenn man auf einen Psychologen trifft, der selbst einen braucht.

64. Kein Happy End

Ans Ende dieses Buches ein glückliches Ende zu setzen, wäre an Verlogenheit nicht zu überbieten. Zum Glück ist dies kein Roman und kein Verlag konnte mich dadurch zwingen, auf den letzten Seiten die Geschichte bis zum Erbrechen zu verbiegen, damit dein Belohnungszentrum, lieber Leser, sein gewünschtes, glückliches Ende bekommt. Mir macht es keinen Spaß, der Spielverderber zu sein, ich wünsche mir für mein eigenes Leben eine deutliche positive Wendung. Aber ich will mir nicht die Welt schönschreiben.

Während ich an diesem Buch arbeitete, machte ich mir immer wieder Sorgen um Hanna. In einer früheren Phase des Schreibens wartete sie auf die nächste Aufnahme in eine psychiatrische Klinik und ich hoffte darauf, dass sie bis zu dieser Aufnahme ihre Suizidgedanken nicht umsetzen würde. Ich schickte ihr immer wieder die neuen Kapitel. Teils gab es noch keinen roten Faden zwischen den Abschnitten, was mir reichlich Kopfzerbrechen bereitete, für Hanna aber sehr angenehm war. Durch ihr nicht mehr richtig funktionierendes Gedächtnis hat sie mit langen, zusammenhängenden Texten große Probleme, weshalb sie keine Bücher mehr liest. Umso schöner war es, sie mit den Kapiteln ein wenig auf andere Gedanken bringen zu können.

Als sie endlich in der Psychiatrie aufgenommen wurde (nicht zum ersten Mal), war das erleichternd, für sie und auch für mich. Natürlich bedeutete das nicht automatisch: Alles wird gut. Dazu hatte sie schon zu viele Anläufe hinter sich, nach denen nichts besser war. Vor jedem Klinikaufenthalt ist ungewiss, auf welche Therapeuten man trifft. Und der Satz mehrerer ihrer Ärzte war auch nicht zu verdrängen: „Ihnen wird es nie wieder besser gehen.“

Drei Wochen nach Beginn jener Therapie nahm sich das Personal verstärkt Hannas ständiger Wut und innerer Aggression an, die sie in der Maltherapie als nicht ausbrechen könnender Vulkan zeichnete. Ihr wurde mit Absicht eine Mitpatientin ins Zimmer gelegt, mit der Hanna zuvor überhaupt nicht klar kam. Der Vulkan sollte gereizt werden, um an die Wut zu kommen, die laut einer Therapeutin ALLE psychisch Erkrankten in sich haben. Diesen Zusammenhang sollte man immer bedenken, wenn man über „Wutbürger“ spricht. Und nein, damit will ich nicht alle Menschen mit Kritik am Lauf der Dinge als psychisch erkrankt bezeichnen.

An Hannas Wut zu kommen, hatten die Therapeuten schon in der vorherigen Klinik versucht. Immer wieder probierte man, den Wut-Pegel auf die harte Tour in den Griff zu bekommen und nie verstand man, dass diese Tour Hannas Aggressionen nur noch mehr nach oben trieb. Als die Therapeuten den gesamten Skills-Koffer durch hatten, wurde Hanna entnervt gesagt, dass diese ergebnislose Suche nicht sein könne.

Für Hanna bedeutete dies den gleichen Druck, den sie aus anderen Therapien kannte: Druck, unbedingt etwas präsentieren zu müssen, was ihr hilft, damit alle zufrieden sind. Doch das konnte sie nicht und dies wurde ihr ausgelegt als: „Sie wollen nicht gesund werden.“

Ihr neuer Psychotherapeut staunte hingegen über Hannas Liste, was sie in den letzten 17 Jahren alles unternommen hatte, um Abhilfe/Hilfe/Heilung zu bekommen. Sie zeigte mir die Tabelle mit gut 40 Posten. Völlig verwundert war ich über Einträge wie „Energetisches Heilen“, „Geistheilung“, „Hypnose“, „Energiearbeit & Reki“, alles privat bezahlt. So etwas passte überhaupt nicht zu ihr. Diese Einträge fanden sich unterhalb der Auflistung von mehreren Psychotherapien und Ursachenforschungen und begannen 12 Jahre nach dem Unfall. Hanna erklärte mir, die Verzweiflung nach all den Jahren der klassischen Behandlungen ohne Erfolg habe sie nach jeglichem Strohhalm greifen lassen, so absurd er auch klang – mir leuchtete das ein. Erfolge blieben aber auch auf diesen Wegen aus.

So viel Einsatz habe er noch nie gesehen, sagte der neue Psychotherapeut beim Betrachten der Liste. Doch meist bekommt Hanna zu hören, dass sie nicht gesund werden wolle. Nicht nur von Laien, sondern eben auch von Ärzten und Therapeuten. Eine Ärztin war sich sicher, Hanna wolle einfach nur in Frührente kommen, damit sie eine Entschädigung für ihr Leid bekomme. Solange es diese Entschädigung nicht gäbe, würde es Hanna nicht besser gehen dürfen. Klar, weil man mit 700, 800 Euro Frührente unglaublich viel anstellen kann.

Der neue Therapeut rollte dazu nur die Augen: „Typisches Klinikgelaber.“ Dieses Gelaber hatte er während seiner eigenen Arbeit in einer Klinik irgendwann nicht mehr ertragen können und machte sich selbstständig. Einem psychiatrischen Oberarzt, mit dem Hanna hin und wieder Tennis spielt, geht es genauso. Er arbeitet zwar weiterhin in einer psychiatrischen Klinik, aber tut sich ungemein schwer damit. Zum Oberarzt habe er sich vor allem deshalb hochgearbeitet, um wenigstens etwas mehr Handlungsfreiraum zu bekommen.

Den Schuh, sie wolle einfach nicht gesund werden, solle sie sich niemals anziehen, so der neue Therapeut. Die meisten Ärzte und Therapeuten hätten nie selbst den Leidensdruck erlebt, ihr Wissen komme allein aus dem Studium. Damit sind wir wieder u.a. bei Hannas vorherigem Psychiater, der sein Kind überrollt hatte und der sich als einer von wenigen in Hanna hineinversetzen konnte. Und viele Ärzten wüssten genau, was machbar ist und was nicht, doch die Berufsehre sei zu groß, als dass sie gegenüber dem Patienten eingestehen könnten: „Wir können da trotz all unseres Wissens nichts machen, Sie trifft da keine Schuld.“ Und von zwei, drei Ärzten außerhalb der Kliniken hatte Hanna ja bereits gehört, dass es ihr leider nie wieder besser gehen werde.

In der neuen Klinik hörten sich die Therapeuten Hannas Erzählung über die vorherige Suche nach einem Mittel gegen ihre ständige Wut an und sagten: „Dann wurde mit den falschen Methoden gesucht und wir müssen die richtigen finden.“

Die Ergotherapeutin befasste sich mit spürbarer Leidenschaft mit Hanna, was für mich als Außenstehenden ein erleichterndes Gefühl war. Sie sagte, Hanna sei zu intelligent, um sie über Intelligenz zu erreichen, also müsse es über Gefühl gehen. So baute die Therapeutin in den Einzelgesprächen verschiedene Boxen auf, gefüllt mit Linsen, Kirschkernen, Rapssamen, Spiralnudeln, winzig kleinen Samen, kleinen Korkstücken.

Hanna ging zuerst zu den Linsen, empfand es im ersten Moment angenehm, darin zu wühlen. Nach kurzer Zeit bekam sie jedoch wieder Aggro und das Bedürfnis, die Linsen in den Händen quetschen zu müssen. Nur bringt das bei rohen Linsen nichts, was Hannas Aggropegel weiter nach oben brachte. Daraufhin empfahl die Therapeutin, es mit den Spiralnudeln zu versuchen. Doch das Harte der rohen Nudeln machte sie noch mehr Aggro, zudem tat das Zusammendrücken weh.

So landete sie bei den beiden Samenkisten. Die Ergotherapeutin sagte, Hanna bräuchte etwas Sanftes, um an Gefühle zu kommen. Deshalb würde es ihr auch nicht gut tun, im Wald zu brüllen, auf eine Kesselpauke, ein Schlagzeug oder was auch immer zu hauen. Sie griff in die Kiste mit den Rapssamen. Wer noch nie an einem Rapsfeld vorbeikommen ist und die reifen Schoten geöffnet hat: Die Samen sind sehr kleine Kugeln.

Hannas Hände wanderten, griffen, rührten. Mit dem Herunterrieseln lassen der Samen kamen auch die Gefühle. Und Bilder. „Fand ich sehr faszinierend“, schrieb sie. Die Gefühle überrollten sie, die Geräusche der Mitpatienten störten und so zog sie sich mit der Kiste zurück.

Im Sitzbereich auf dem Flur verbrachte sie eine Stunde mit den Händen in den Rapssamen und durch das Fühlen kamen immer die gleichen Bilder hoch: ihre Tochter mit einer Gießkanne Wasser auf der Terrasse in ihrem Sandkasten sitzend, Hanna halbtot im Bett liegend und zuschauend.

Die Vorgeschichte dazu: Ein halbes Jahr nach ihrem unverschuldeten Unfall vor 20 Jahren begann sich die Posttraumatische Belastungsstörung deutlich zu zeigen. Depressionen waren die Folge. Die Hormonstörung lähmte die junge Mutter: „Ich sah damals vom Bett aus auf die Terrasse, hatte meine Tochter im Blick, wenn ich nicht schlief. Sie streckte damals immer den Arm nach oben und ließ das Wasser von so weit oben wie es ihr im Sitzen möglich war in den Sand prasseln. Danach matschte sie im nassen Sand. Stundenlang. Es ist genau das, was mich auch heute noch unsäglich unglücklich macht und worüber ich kaum sprechen kann: die nicht erlebte Kindheit meines Kindes. Die Kindheit meines Kindes beschränkt sich für mich auf ein Kind, das mit einer Gießkanne Wasser im Sandkasten hockt. Mehr gab es nicht.

Und ich fühle mich um das Erleben der Kindheit meines Kindes beraubt. Unter dem Deckel ist zweifellos riesengroße Trauer und wenn diese rauskommt, geht es mir danach besser. Als Gießkanne und Wasser zur Sprache kamen, hab ich nur noch geheult. Danach waren Anspannung und Aggro sein nur noch minimal. Es kann mir aber eben auch wieder schlechter gehen.

Ich habe darüber auch schon in früheren Therapien gesprochen, es ist nicht völlig neu. Und als ich dann mit meiner Tochter sprach, sagte sie, ich soll mir da überhaupt keine Gedanken machen, sie habe eine sehr schöne Kindheit gehabt, ihr hat es an nichts gefehlt.

Trotzdem ist die Trauer in mir und ich muss irgendwie Trauerarbeit leisten. Und ist die Trauerarbeit geleistet, befinden sich unter dem Deckel bestimmt noch andere Gefühle. Todesangst, Verzweiflung, Schock … Aber das braucht Zeit.

Und ich habe mir jetzt vorgenommen, dass ich mich, immer wenn ich besonders aggro bin und mich besonders aufrege, gedanklich auf diese Bilder von damals konzentriere. Dann komme ich automatisch in die Trauer und kann heulen. Bisher funktioniert das jedenfalls so, dass es mir danach besser geht. Ich muss es beobachten und mit meiner Therapeutin sprechen, was sie meint, wie das weiter angegangen werden kann. Zum momentanen Zeitpunkt ist das jedenfalls bisher der beste Therapieerfolg. Wahnsinn.“

Nein, dies wird trotzdem kein Happy End. Nichts ist in Ordnung. Das wäre der falscheste Schluss aus diesem Buch. Dieser Moment machte Hanna Mut, aber nach wenigen Monaten war alles wieder so wie vor der Therapie. Dazu trug für eine Zeit lang auch der Entlassbericht jener Klinik bei, in welcher sich Hanna bezüglich der Therapeuten so gut aufgehoben gefühlt hatte. So sehr sich dort um Hannas Wut gekümmert worden war – dieser Bericht ließ den Aggro-Pegel über mehrere Tage wieder in die Höhe schnellen. Es war nicht der erste Bericht einer Klinik, der Hanna wütend machte. Wieder standen Dinge drin, die einfach falsch waren. Nachweislich falsch. Da lebte ihre Oma früher angeblich in der kleinen Wohnung der Eltern – sie lebte aber nur mit den Eltern in einem Haus und die Wohnung der Eltern war nicht klein. Und über das Elternhaus war bei diesem Aufenthalt nie gesprochen worden, die Fakten wurden früheren Berichten entnommen und dann auch noch falsch.

Laut Bericht konnte Hanna „sehr von den sozialen Kontakten zu Mitpatienten und von der Durchführung positiver Tätigkeiten profitieren.“ Aber sie hatte abseits der Gruppentherapien keinerlei Kontakte zu Mitpatienten, die über das Nötigste hinausgingen. Sie war die meiste Zeit allein oder mit der Mitbewohnerin auf ihrem Zimmer.

Und wieder wurden Dinge weggelassen, die es so offenbar im Namen von Kranken-, Rentenkassen und Versicherungen nicht geben darf. So hatte Hanna laut Bericht eine bestimmte Diagnose der dortigen Ärzte als treffend empfunden. Während des Klinikaufenthaltes hatte sie aber immer wieder erklärt, dass sie diese Diagnose überhaupt nicht nachvollziehen könne.

Hanna rief an, um sich über den Bericht zu beschweren, sprach mit ihrer Ex-Therapeutin. Diese notierte sich die Punkte und erklärte, sie habe nicht die Macht, Berichte zu ändern, das gehe nur mit Genehmigung der Oberärztin. Auf ganz konkrete Fragen, warum dies und jenes nicht in dem Schreiben auftauchte, wollte oder konnte die Therapeutin keine Antwort geben. Die Ablehnung Hannas gegenüber der einen Diagnose sei ihr bekannt gewesen, aber die Oberärztin habe den Satz reingesetzt, wonach Hanna mit der Diagnose sehr einverstanden war. Die Therapeutin habe selbst schlucken müssen, als sie dies gelesen hatte.

Mitpatienten erzählten das Gleiche. Sie regten sich genauso über die Berichte auf – aber beschwerten sich nicht bei der Klinik. Hannas neuer Psychotherapeut sagt, die Kliniken seien eben heillos überfüllt, das Personal überfordert. Und die Verantwortlichen rechnen nicht mit selbstständig denkenden Menschen, die Dinge hinterfragen.

Ein Mensch, der auf dem Zahnfleisch kriecht und Hilfe für seine Psyche braucht, bekommt von der helfenden Einrichtung im Nachhinein wieder einen Nackenschlag. Und dann wundern wir uns über Suizide.

Neben diesem Bericht kämpfte Hanna auch mit weiteren Dingen, die ihr viel abverlangten, z.B. der Antrag auf Frühverrentung und die zuvor vorgesehene Reha. Wieder ertrank die Energielose, die kaum aus dem Bett kam und mit der Konzentration Hadernde in einem Meer aus Formularen. Durch Corona verzögerte sich die Reha. Als sie im Sommer 2020 dann doch in die Klinik einrücken durfte, erlebte sie ein paar wenige Mitpatienten, die panische Angst vor einer Covid-19-Infektion hatten, weshalb auch Asthmatiker und greise Senioren immer mit Mund-Nase-Schutz unterwegs sein mussten. Hanna bekam beim längeren Tragen der Maske Flashbacks mit dem Benzingeruch in der Nase und den Bildern ihres vermeintlich toten Babys vor Augen, weshalb sie diese strikte Anordnung nur schwer ertragen konnte und jede Gelegenheit nutzte, nach Hause zu fahren.

Andere Patienten reagierten fassungslos, wenn sie hörten, wie nah Hanna an der Klinik wohnte, knapp 10 km. Für Hanna war das nicht neu. Immer wieder hatte sie von Mitpatienten bei früheren Klinikaufenthalten gehört, wie peinlich es doch wäre, wenn jemand aus dem Umfeld mitbekommen würde, dass man in der Psychiatrie sei. Das galt auch für jene, die in der Psychosomatik waren, aber die den Unterschied zur Psychiatrie nicht kannten.

Ein Mitpatient in der Reha-Klinik erzählte Hanna, dass er gegenüber seinen Freunden von Urlaub gesprochen habe, bevor er in die Klinik startete. Das Dumme an der Sache: Den Freunden gefiel das angebliche Ziel so gut, dass sie für ein paar Tage ebenfalls dort Urlaub machen wollten und den „Urlauber“ besuchen wollten. Da müsse er sich jetzt irgendetwas einfallen lassen, so der Mitpatient. Statt sich auf die Therapien konzentrieren zu können, hatte er sich durch die Scham selbst wieder Stress gemacht.

Von Therapeuten-Sicht her schien Hanna wie bei der Reha-Klinik in guten Händen. Eine sehr junge Psychotherapeutin wunderte sich stark darüber, warum Hannas einstige Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung in der vorletzten Klinik kommentarlos gestrichen worden war. Das könne doch nicht sein?!

Für mich war das nicht neu. Hanna kannte das Streichen der Diagnose auch von einem Leidensgenossen und ihrer beider Vermutung lautet: Kranken- und Rentenkassen sowie Versicherungen wollen nicht, dass die Zahl von Menschen mit teuren Diagnosen ausufert. Das Versicherungen so handeln können, ist keine Verschwörungstheorie, sondern fußt auf konkreten Recherchen, siehe u.a. die Doku „Vom Unfall- zum Versicherungsopfer“.i

Aber wie kann es sein, dass Therapeuten den Patienten ernst nehmen und am Ende wird eine Diagnose völlig unverständlich gestrichen?!

Ein Psychologe in der Reha-Klinik hatte einige Zeit in jener Einrichtung gearbeitet, in der Hanna die PTBS-Diagnose kommentarlos gestrichen worden war. Er wusste, dass Hanna anderthalb Jahre zuvor dort war und schaute sie immer wieder an, als er in einer Gruppentherapiesitzung aus dem Nähkästchen plauderte. Er sprach einen Oberarzt der anderen Einrichtung an, der grundsätzlich bei allen Patienten eine Persönlichkeitsstörung festgestellt hatte (inzwischen ist er im Ruhestand). Auch Hanna bekam erstmals eine solche Diagnose. Der Psychologe dazu: „Da muss man sich fragen, wer eigentlich die Persönlichkeitsstörung hat: alle Patienten oder der Arzt selbst?“ Natürlich seien ein Teil dieser Diagnosen berechtigt, aber er habe es auch mehrfach erlebt, dass sie überhaupt nicht zutrafen.

Die Zusammenarbeit mit Ärzten sei teilweise sehr frustrierend. Der Arzt stehe immer über dem Psychologen. Der Psychologe hat Psychologie studiert, der Arzt Medizin mit Fachrichtung Psychiatrie. Dennoch müsse der Psychologe damit leben, dass die eigenen Einschätzungen und Diagnosen nichts zählen, wenn es der Arzt aus welchen Gründen auch immer anders haben möchte. So gibt es immer wieder tiefgreifende Korrekturen bei Diagnose und Einschätzung zum Nachteil der Patienten, womit man nicht so einfach leben könne, so der Psychologe. Hanna hatte dies u.a. beim letzten Entlassbericht erlebt, genauso ihre damaligen Mitpatienten.

Einen Unterschied zwischen psychosomatischer Akut-Klinik wie Hannas vorletzte Einrichtung und einer psychosomatischen Reha-Klinik sieht der Psychologe auch: In der Akut-Klinik geht es darum, den Patienten am Ende als Idioten darzustellen, ihm etwas reinzudrücken, egal, ob dies dann wirklich zutrifft. In der Reha-Klinik soll dem Rentenversicherungsträger ein Ergebnis abgeliefert werden, dank dem eine Beurteilung möglich ist.

Hanna ist sich sicher, dass in beiden Einrichtungen „auf Quote entlassen“ wird. Also bitte nicht allzu viele PTBS-Diagnosen und bitte nicht allzu viele dauerkranke Patienten. Sie ist sich aber auch sicher, dass es Kliniken gibt, die auch zum Wohle der Patienten entscheiden.

Dass man nicht alle Ärzte in diesem Bereich über einen Kamm scheren darf, bestätigte sich bei einem Gespräch mit der Chefärztin der Reha-Klinik. „Das ist die erste Chefärztin, die kein Rindvieh ist“, so Hannas Kommentar. „Die kann ein Gespräch führen, ohne dass man als Patient den Eindruck bekommt, nur belächelt zu werden. Bei den anderen dauerten die Gespräche maximal 10 Minuten, wir saßen heute knapp 2 Stunden zusammen. Sie arbeitet sehr gewissenhaft und versucht, die gesundheitliche Lage des Patienten selbst so ehrlich und treffen wie möglich einzuschätzen.“

Wieder ging es um die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung. Die Ärztin ist sich sicher, dass diese Diagnose gestrichen wurde wegen der langen Verschleppung. Eine PTBS trete innerhalb von 6-9 Monaten nach dem Ereignis auf. Hannas PTBS wurde aber erstmals 13 Jahre nach dem Unfall aktenkundig.

Hanna antwortete, dass bei ihr die ersten Symptome einer PTBS eben 6 Monate nach dem Unfall aufgetreten waren, nur hatte sie damals von dem Thema keine Ahnung, wurde von Hinz zu Kunz geschickt und traf auf genauso wenig Wissen. Erst die Zufallsbegegnung beim Wandern führte sie zu einem Arzt, der Hannas Symptome mit dem Unfall verband und die PTBS in die Akten schrieb.

Die Chefärztin erwiderte, dass das tragisch sei, aber so seien einfach die ungerechten Entscheidungen, die die oberen Instanzen nicht kümmern würden.

So zäh das alles für Hanna war und noch immer ist: Für einen Außenstehenden ist es wie ein Kriminalfall. Mit jeder Station, also mit jeder Klinik, gibt es neue, kleine Hinweise, die das Bild deutlicher machen. So empfand es auch Hanna und sie war froh, sich für diese Klinik entschieden zu haben.

Dennoch: Dies ist kein Happy End. Hanna wurde nach der Reha für lediglich ein halbes Jahr arbeitsunfähig erklärt.

Wie weit weg unsere Gesellschaft noch von einem Happy End ist, erlebte ich während einer Feier in jenen Tagen, in denen Hanna ihre Reha absolvierte. Unter den 20 Gästen waren auch die Eltern von Katharinas bipolarem Ex, den wir bis zur Diagnose „Käpt’n Crazy“ genannt hatten. Ich saß neben Dirk, dem Cousin von Katis Ex. Dirk ist 45, hat Frau und zwei Kinder (8 und 12). Wie er mit seiner Familie umgeht, empfand ich noch nie als sonderlich einfühlsam. Er gibt die Linie vor, setzte den Kindern immer Leitplanken, wovon ich grundsätzlich ein Fan bin. Nur wie er dies tat und wie er auch seine Frau durchs Leben anleitet, erinnerte mich ein wenig an meinen eigenen Vater. Bei Feiern gibt er gern den Spaßvogel mit reichlich lockeren Sprüchen.

Er fragte mich, wie es mit dem Geschäft läuft. Ich antwortete, dass wenig geht und ich einen Plan B brauche, aber erst einmal auf die Beine kommen müsste, vielleicht durch eine Reha. Nur wenn ich sehe, wie es bei Hannas Reha gerade wegen Corona zugeht, hätte ich Bedenken, dass solch eine Maßnahme den Erholungseffekt brächte, den ich bräuchte.

„Na du machst dort ja keinen Urlaub!“, kam als Antwort. Damit hatte er natürlich Recht. Leider hatte ich vergessen zu erwähnen, dass in einer anderen Reha-Klinik während der ersten Corona-Welle Patienten wochenlang ihr Zimmer nicht verlassen durften. Würde im Herbst die zweite Welle durchschlagen, könnte das Gleiche wieder passieren und diese Aussicht wäre für mich keine gute.

Seine nächste Bemerkung: „Wobei ich mich eh frage, wovon du dich erholen musst, du hast doch kaum was zu tun?!“

Ich sagte: „Von den letzten anderthalb Jahren“ und erzählte von Mums Depressionen und Vaters Schlaganfall – womit nur ein Teil der Dramen abgedeckt war.

Er: „Ach so, das kann man ja nicht wissen.“

Ich fühlte mich in diesem Moment an Sätze von Hanna und anderen psychisch am Boden liegenden erinnert: „Wenn du psychisch krank bist, dann bist du nur die faule Sau, die nicht arbeiten will.“ Und: „Die Leute fragen nicht nach dem Warum, sie urteilen einfach.“

Ich gab Dirk einen Einblick in die Geschichte von Vaters Zeit nach dem Schlag, was ich alles gemacht hatte und er schien zu verstehen, dass das Energie gekostet hat. Auch erklärte ich ihm, dass ich ein Buch geschrieben habe und ich eine Dienstleistung namens „Das offene Ohr“ anbieten möchte, weil ich über die letzten Jahre bemerkt habe, dass ich fürs Zuhören bei psychisch Erkrankten offenbar Talent besitze.

Er sagte, dass es halt viel Stress gebe mit Handy und so und die Leute nicht mehr abschalten könnten, weshalb sie dann krank werden. Aber die Menschen, die im 2. Weltkrieg gelebt haben, hätten viel mehr und Schlimmeres miterlebt und da sei das mit den Erkrankungen doch nicht so schlimm gewesen, so seine Überlegungen.

Mein „Ohhh doch“ verband ich mit der Empfehlung, die Bücher über die Kriegskinder und -enkel zu lesen und dass die psychischen Erkrankungen sich eben vererben, sie kommen nicht aus dem Nichts. Ich sprach von meiner Erkenntnis, dass ich noch keinem psychisch Erkrankten begegnet bin, dessen Selbstbewusstsein im Elternhaus gesund entwickelt worden ist.

Dirk deutete auf den Vater von Katis bipolarem Ex, als wolle er sagen: „Aber hey, da ist das Gegenbeispiel zu deiner Theorie?!“

Ich reagierte mit einem „Ja!? Klar!“, was heißen sollte: „Natürlich ist es dort genauso, weißt du das nicht? Du bist doch sein Cousin?!“

Dirk lehnte sich zurück, legte die Stirn in Falten und reagierte, als wäre meine Erkenntnis haltlos, als hätte ich mir nie darüber ernsthaft Gedanken gemacht, sagte etwas entsprechendes und fügte hinzu, dass er das Thema an der Stelle beenden möchte.

Ich sprach von all meinen Erfahrungen und empfahl ihm, er solle doch mit der Schwester von Katis Ex, also seiner Cousine, reden, wie ihr Vater in ihrem Beisein damit haderte, dass es keinen männlichen Nachfolger für seine Firma gibt – jener Firma, die von der Tochter seit längerem geleitet wird. Daran zeige sich doch, wie dieser Vater das Selbstbewusstsein seiner Kinder sabotiert hat. Leider fiel mir nicht ein, ihm auch ein Gespräch mit seinem Cousin zu empfehlen. Der hatte gegenüber Kati während der Beziehung immer wieder damit gehadert, dass er trotz selbst aufgebauter Firma nie Anerkennung vom Vater bekommen hatte und wie schlecht er auf ihn zu sprechen war und vermutlich noch heute ist.

Doch Dirk wiederholte nur, dass er jetzt das Thema beenden möchte, es sei ja eine Feier.

Ich fragte ihn, ob er meine Erfahrungen in Frage stellen wolle und welche Erfahrungen er selbst dem entgegensetzen könne.

„Ich möchte darüber jetzt wirklich nicht mehr reden.“

Und das wars. Für mich war dieses Gespräch ein weiterer Beweis, wie dringend wir Aufklärung brauchen und wie im Moment unsere Gesprächskultur bei diesem Thema aussieht. Ohne jegliche Kenntnis will man auf Augenhöhe mitreden können – oder das Thema ignorieren. Klar, Dirks Erziehungsstil taugt nicht wirklich, seinen Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein mit auf die Reise zu geben. Vielleicht hatte er dies im Laufe unseres Gesprächs bemerkt und fühlte sich in eine unangenehme Ecke gedrängt. Ja, eine Feier mag der falsche Ort sein, aber Dirk hätte sagen können: „Lass uns morgen nochmal drüber reden.“ Vielleicht fühlte er auch seinen Onkel von mir angegriffen, aber darum ging es mir nicht. Auch der Vater von Katis Ex wird nicht einfach so Gift für das Selbstbewusstsein seiner beiden Kinder geworden sein. Nur wer sich die Ohren zuhält, lieber den Spaßvogel spielt anstatt sich dem Ernst des Lebens zu stellen, der wird niemals die Kette zerschlagen können, die Opfer zu Tätern macht, welche neue Opfer hinterlassen.

Hanna wartet weiter auf den Tod. Anders kann man ihr Leben nicht beschreiben. Als Außenstehender fällt dir nichts ein, ihre Lage zu verbessern. Jedes „Aber es lohnt sich doch zu leben!“ verkneifst du dir, sofern du dich in ihre Lage versetzen kannst. Wenn es einem selbst jahrelang so wie ihr gehen würde und es keinen juckt, ob man nun die Nase voll von diesem Dasein hat oder nicht, dann würde jedes „Das Leben ist schön!“ die eigene Verzweiflung nur noch schlimmer machen. Eigentlich müsste jemand ständig um sie herum sein, sie an die Hand nehmen, aber das können wir uns nicht leisten. Unser Geschäftsmodell heißt vor allem: Konsum. Damit nehmen wir uns gegenseitig die Geldscheine ab, richten den Planeten zugrunde anstatt über gegenseitiges Helfen, Stützen, Dasein, Zuhören.

Wie Hanna werden Millionen anderer psychisch Erkrankter weiter vergeblich auf eine glückliche Wendung ihrer Geschichte warten, wenn wir nicht endlich die Wende im Umgang mit diesen Erkrankungen hinbekommen und unsere Prioritäten hinterfragen. Hanna und all den Millionen anderen hilft kein ausgebautes 5G-Netz, kein Elektroauto, kein Flug zum Mars, kein Roboter, kein Algorithmus. Ihnen hilft: ein offenes Ohr. Geduld. Ein Mensch.

Quellen

ihttps://www.imd-berlin.de/fachinformationen/diagnostikinformationen/serotoninmangel-und-depression.html
iihttps://www.derstoryteller.de/norwegen-eroeffnet-erste-100-medikamentenfreie-psychiatrische-klinik/

ihttps://www.youtube.com/watch?v=Zvb2vhlLcZ0