Krankenhäuser sind Hurenhäuser

Prinz Harry – Teil 2

Der oft ahnungslose und damit realitätsferne Umgang der Medien mit psychisch Erkrankten zeigte sich auch bei der Medienoffensive von Prinz Harry, auf den ich bereits in Teil 3 „Warum sind wir alle so (verrückt)?!“ im Kapitel „Von Goethe bis Gaga“ eingegangen bin. Die von ihm kritisierten Medien gaben teils einfach nur Harrys Worte wieder, was man ihnen zugute halten muss. Andere gingen zum Gegenangriffen über oder antworteten mit emotionaler Kälte, so meine Wahrnehmung, die ich mit vielen in meinem Umfeld teilte. Da wurde der Knüppel von Journalisten aus dem Sack gelassen, dank dem sich das „normale Volk“ in seinen klischeehaften Ansichten über psychische Erkrankungen bestätigt fühlte: Mit Geld kann man ein Trauma wegkaufen. Wer reich ist, dem fehlt doch nichts (natürlichauch nicht die tote Mutter). Wenn er nichts mit den Medien zu tun haben will, dann soll er doch einfach die Klappe halten!

Klar, damit Journalisten weiter wild spekulieren dürfen über die wahren Gründe, die es doch für den Rückzug aus der Königsfamilie geben muss. Es kann ja nicht bloß die Angst sein, dass sich seine Frau und/oder die Kinder eines Tages selbst um den Betonpfeiler wickeln auf der Flucht vor Fotografen und der andauernde Druck. Sicher wollen die nur Kohle machen.

Im Mai 2021 las ich einen Artikel der „Welt“ von Kerstin Rottmann mit der Überschrift „Prinz Harry beklagt „genetisches Leid“ durch seine Herkunft“i und einmal mehr war ich fassungslos. Während Medien sich tagtäglich ihr Image nach außen polieren wollen durch Aufrufe zu Mitmenschlichkeit und Miteinander und Gendern und was weiß ich, sind ihre Artikel über Mitmenschen all zu oft das komplette Gegenteil.

Ob der Welt-Artikel auf Ahnungslosigkeit bezüglich psychischer Erkrankungen bei der Autorin basierte oder Mangel an Empathie – am Ende stand das übliche Ergebnis und ahnungslose Leser fühlten sich in ihrer Weltsicht bestätigt.

Der Ton des Artikels klang für mich süffisant hinterfotzig: „Dabei meint es Prinz Harry, 36, doch angeblich nur gut, denn schließlich ging es um eines seiner Herzensanliegen: die psychische Gesundheit.“

Seine Geschichte und seine Erkenntnisse wurden in Frage gestellt: „Er selbst habe nach dem tragischen Tod seiner Mutter Prinzessin Diana professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen …“, „und die angeblich „toxische“ Familiengeschichte der Windsors …“, „Denn neben der Schilderung seiner angeblichen Seelenpein …“

Es ist immer ganz großes Kino, Opfern ihr Leid abzusprechen. Aber klar, die Autorin konnte ja nicht wie es journalistisch geboten ist mittels vier unabhängiger Quellen nachprüfen, ob Harry wirklich in Therapie war und ob die Geschichte der Familie wirklich eine vergiftete ist und ob der Unfalltod seiner Mutter wirklich zu einer Seelenpein führte. Da muss man schon schwammig bleiben.

Ich schrieb ihr meine Gedanken zu diesem Artikel und bekam überraschenderweise Antwort, das halte ich ihr zugute. Sie veränderte ihren Text ein wenig, aus „Denn neben der Schilderung seiner angeblichen Seelenpein …“ wurde: „Denn neben der durchaus authentischen Schilderung seiner ganz persönlichen Therapiegeschichte …“, aber das Grundproblem blieb bestehen.

So zitierte die Autorin ausschließlich Reaktionen auf Harrys Medienoffensive, die gegen den Prinzen schossen. Sie zitierte Laura Ingraham mit den Worten: „Lassen Sie sich nicht den Türknauf in den Rücken schlagen, Windsor“. Diese Fox-News-Journalistin hatte einen Überlebenden des Parkland-Massakers wegen seines Rufes nach strengeren Waffengesetzen als Heulsuse bezeichnet.ii

Sie zitierte auch Nigel Farage, den führenden Antreiber des Brexits, der für mich klar narzisstische Züge hat. Beide Personen empfinde ich nicht im Geringsten als befähigt, eine halbwegs objektive menschliche Einschätzung abgeben zu können. Wären sie nicht prominent, würde man sie als Trolle bezeichnen und ihnen nicht noch eine weitere Plattform geben. Da hätte die Autorin auch Oma Meyer beim Bäcker um einen Satz zum Thema bitten können und sie hätte vielleicht den Kopf geschüttelt, warum Medien so auf Harry einprügeln. Dem Artikel nach gab es aber überhaupt keine Stimmen, die das alles anders und die Rolle der Medien kritisch sehen.

Damit konnte sich das „einfache Volk“ in seinen Ansichten bestätigt fühlen. Die Kommentare unter dem Artikel waren fast einhellig und gingen in die Richtung: „Der verwöhnte Balg hat doch alles! Soll sich nicht so haben! Das gute Leben nimmt er aber mit! Der weiß wirklich nicht mehr, wenn es Zeit ist, einfach mal die Klappe zu halten.

Einige kommentierten gallig: „Nie traf ich jemanden, dem größeres Leid und Unrecht als Ihnen widerfahren ist!“

„… „Genetisches Leid“ – ach Gottchen, der Arme. Ich dachte immer, die Briten verfügten über die sprichwörtliche „stiff upper lip“ und ertragen ihr Schicksal in Würde, zumal seines ja gar so furchtbar dann doch nicht ist.“

Knapp 400 Kommentare sammelten sich und man musste sehr genau suchen, um Reaktionen zu finden wie: „Wie hier fast alle denken, weil er Geld hat, muss er glücklich sein. Er hat sich, wie keiner von uns, seine Eltern aussuchen können. Und ich glaube kaum, dass die Kinder das zerrüttete Verhältnis von Diana und Charles nicht mitbekommen haben.“ Diese Kommentare bekamen deutlich weniger Likes als jene, welche dem Ton des Artikels folgten.

Ein weiterer Kommentar lautete: „Ihm hat es an nichts gefehlt.“ Klar, eine tote Mutter ist nichts. Sie ersetzt man einfach durch Geld, kein Thema. Trauma weggekauft.

In einer zweiten Mail an die Autorin ging ich auf das Klischee über die Entstehung von Traumata ein und den Glauben, „genetisches Leid“ könne nur durch Krieg oder ähnlich harte Einschnitte entstehen. Ich beschrieb ihr kurz die Geschichte von Hanna, die immer wieder konfrontiert wird mit dem Glauben, dass ein einschneidendes Trauma nur durch etwas Enormes wie Krieg oder Missbrauch entstehen kann.

Bei ihrem unverschuldeten Unfall vor 20 Jahren war eigentlich nichts Dramatisches passiert. Dennoch ist sie, man kann es nicht anders sagen, seit damals und zunehmend im Arsch, trotz unzähliger Therapieversuche. Grund für ihre Posttraumatische Belastungsstörung: Sie war sich nach dem Unfall sicher, dass ihre 4 Wochen alte Tochter tot ist. Diese saß auf dem Rücksitz und war von den Splittern der Heckscheibe übersät, rührte sich kein bisschen, während ihre Mum eingeklemmt war und sich nicht nach hinten umdrehen konnte. Als die Mum befreit war, stand sie neben dem Auto und wartete darauf, dass die Rettungskräfte ihr das tote Baby übergeben – doch die Tochter lebte, sie hatte die ganze Zeit einfach nur fest geschlafen.

Seitdem muss sich Hanna immer wieder rechtfertigen, dass sie im Arsch ist, denn es ist ja gar nichts passiert: „Nach xx Jahren musst du doch mal drüber hinweg sein!?“ Selbst fachfremde Ärzte sind jedes Mal ungläubig erstaunt, dass auf diese Weise ein Trauma mit derartigen Folgen entstehen kann: „Es gab keine Toten und trotzdem hatte das diese Folgen?!“

Ihre Amygdala, auch als Mandelkerne bekannt, ist wie bei vielen Traumatisierten vergrößert, was man bei Hanna im MRT sieht. Dadurch ist das Hirn ständig auf der Hut vor Gefahren, was ständig Stress/Aggro bedeutet. Das Wort Trauma wird oft verwendet, als würde es nur einen Zustand im übertragenen Sinne beschreiben, so wie man „Seele“ sagt, aber eigentlich ist es die biologisch vorhandene Psyche mit all den Synapsen und Neurotransmittern. Oder: „Die Deutschen haben das Trauma des Krieges in sich“. Ein wirkliches Trauma verändert aber das Hirn physisch in den Mandelkernen und dem Hirnstamm, so dass die normalen Funktionsweisen sich ebenfalls verändern und damit Verhaltensweisen. Dagegen kommt man nicht mit „Jetzt sei doch mal vernünftig“ an.

Für einen Menschen wie Hanna, die eigentlich nichts vom Leben hat und der Energie fehlt durch eine ständig wache innere Aggression gleich einer klaffenden Wunde und die immer wieder nah am Suizid ist, ist diese Ahnungslosigkeit jedes Mal ein Tiefschlag und kann zu einer Retraumatisierung führen. Sie hatte mich auf den Welt-Artikel aufmerksam gemacht und war resignierend sprachlos wütend und fühlte sich darin bestätigt, lieber ohne Kontakte nach draußen zu leben, weil sie immer wieder auf Menschen stößt, die über Dinge reden, bei denen ihnen die Grundlagen fehlen.

Der Artikel und auch der Umgang mit Harry insgesamt triggerte sie, trieb die Aggro tagelang wieder über das übliche, schon schwer erträgliche Maß. Und sie wird damit nicht die Einzige gewesen sein. Auch aus diesem Grund brauchen Journalisten und alle anderen, die die Realität widerspiegeln sollen, Aufklärung.

Weiter schrieb ich der Autorin: „Versetzen Sie sich mal in die Lage von Harry: Die Mutter stirbt von jetzt auf gleich, sie siechte nicht monatelang durch Krebs dahin, es gab Null Gelegenheit für ein letztes Wort und langsames Abschiednehmen. (Selbst das würde ein traumatisches Erlebnis bleiben.) Der Tod trat ein, weil mehrere Menschen Fehler machten: Paparazzi, der Fahrer, die Mutter selbst durch das fehlende Anschnallen. Jede psychische Erkrankung ist begleitet von Wut, so Psychologen. Viele merken das aber nicht – oder sind erzogen worden, sie zu unterdrücken. Die Wut in Harry muss angesichts des Todes und der Umstände gigantisch gewesen sein, nicht zuletzt auf diese Boulevardpresse. Gehen Sie davon aus, dass auch bei ihm die Mandelkerne nie in ihre normale Form zurückgekehrt sind und er sich dadurch im ständigen Stress-/Überlebensmodus befindet, ob er das will oder nicht.

Aber weil der Junge in einem Königshaus lebt, darf er seine Gefühle nicht rauslassen. Selbst bei der Beisetzung hat er zu funktionieren, Kameras sehen ihm zu. Statt schreien und heulen zu dürfen, wird seine Pubertät ständig beobachtet von genau diesen Leuten, die in seinen Augen sehr wahrscheinlich Täter sind. Wie die meisten Menschen mit traumatischer Kindheit driftet er ab in Suchtverhalten und macht im Suff Dinge, die wieder Schlagzeilen erzeugen und hämisch kommentiert werden von denen, die er als Täter sieht. Die Retraumatisierung ist eigentlich unausweichlich. Die innere Wut löst sich durch den Alk natürlich nicht. Wehren darf er sich auch nicht. Gleichzeitig muss er mit ansehen, wie sich sein Vater verhält – aber auch darüber darf er nichts rauslassen. Wie so viele psychisch Erkrankte wird er in seiner Familie, in der zusätzlich das Zeigen von Gefühlen nicht zum Protokoll gehört, nicht auf das Verständnis gestoßen sein, das es brauchte. Also bleibt er wie so viele allein mit seinen Gedanken, mit seiner Wut, die er nicht rauslassen darf.

Menschen, die so allein gelassen werden, suchen verzweifelter als andere einen Halt und nehmen dafür auch Partner in Kauf, bei denen man als Außenstehender sämtliche Alarmglocken aktiviert. Eine Verwandte von mir ist seit 3 Jahren mit einem Mann zusammen, der seine Ex massiv gestalkt hatte und auch meine Verwandte in Dauerüberwachung hält. Dennoch sagt sie über ihn, er zeige ihr, dass man sie doch lieben könne. Mein Bruder, Vater dieser 27-Jährigen, hat sich praktisch nie um seine Tochter gekümmert nach der Trennung in frühen Kindertagen und auch bei ihrer Mutter fand sie nie Zuneigung, Anerkennung, Liebe. Und mein Bruder wurde wie ich von unserem despotischen Vater sehr klein gehalten. Der konnte ebenfalls keine Zuneigung geben, nur Kopfnüsse. Und unser Vater hat nie seinen leiblichen Vater kennengelernt, in der Schule wurde er aufgezogen als Bastard, die Mutter ging den ganzen Tag arbeiten und damit wurde unser Vater zum Einzelgänger ohne positive Emotionen.

Diese Kette, die natürlich nicht bei Vaters Eltern begonnen hat, gehört für mich unter die Kategorie „vererbtes/genetisches Leid“, wobei es besser heißen sollte „vererbte Meisen/Special Effects“. Wir brauchten weder Holocaust noch Krieg, um einen Schaden von Generation zu Generation weiterzugeben. Jetzt will meine Verwandte ein Kind mit ihrem Gefängniswärter in die Welt setzen, womit das Vererben weitergehen wird. Sämtliche Versuche, ihr die Augen zu öffnen, sind fehlgeschlagen.

Ob Harry nun auch eine toxische Beziehung hat – wer weiß. Meghan hat ihn zur Therapie ermuntert. Viele sehen sie als Narzisstin. Meiner Erfahrung nach würde ein Narzisst dem Partner nicht auf diese Weise helfen.

So oder so kann ich Harry absolut verstehen, wenn er nach endlosen 24 Jahren des Schweigenmüssens und Ertragenmüssens all der Schlagzeilen voller Mutmaßungen ÜBER ihn und den Retraumatisierungen jetzt nach dem Ausbruch aus dem Gefängnis seine Geschichte SELBST erzählen will – nicht nur Oprah, sondern auch anderen. Ich würde es genauso machen, gerade wenn mir die Leute dafür auch noch Geld geben und ich mir erst mal keine Gedanken machen brauche, wie ich ohne Zuwendungen der Familie auskommen muss.

Das Kind ist bei Harry spätestens mit 12 in den Brunnen gefallen – und die Beziehung seiner Eltern hätte sicher auch schon gereicht, um ihn „seltsam“ zu machen, wie gefühlt 99% aller Menschen. Man kann nicht das, was er heute macht, loslösen von dem, was er durchgemacht hat. Das kann und darf man bei keinem.

So, wie jetzt medial auf ihn wieder eingeprügelt wird, kann ich nachvollziehen, dass der Anteil von Narzissten unter Journalisten höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung – auch das wäre ein gutes Thema für einen Artikel. Überall, wo es um Macht, Einfluss und Geld geht, sind Narzissten verstärkt vertreten. Wer verstehen will, warum es in der Polizei nicht nur mitfühlende Menschen gibt, der muss sich mit Studien befassen, wonach auch dieser Beruf verstärkt von Narzissten gewählt wird, genauso wie Verkäufer (Herr Maschmeyer lässt grüßen), Beamte, Chirurgen – und natürlich auch Politiker. Und auch bei all diesen Menschen fängt die Geschichte in der Kindheit an, ob einem das gefällt oder nicht.

Es geht nicht darum, für Harry und all die anderen, die seltsame Dinge zu machen scheinen, Verständnis zu haben, sondern die Zusammenhänge zu verstehen. Und Journalisten sollten diese Zusammenhänge immer deutlich machen, damit endlich nach und nach ein realistisches Bild entsteht, wieso Menschen wie ticken. Wer über Klopapier Hortende berichtet, sollte sich vorher mit Angststörungen befassen. Wer über Verschwörungsanhänger berichtet, sollte sich über die Auswirkungen von Realitätsverlust befassen, der u.a. bei Menschen mit bipolarer Störung oder in bloßen Depressionen auftreten kann. Wer die Psychosen beim Mörder von Hanau abtrennen will von seinen Taten und ihn einfach nur als Extremisten sehen will, der wird zukünftige Opfer nicht verhindern.

Das, was mit Harry und Meghan passiert, empfinde ich wie bei Natascha Kampusch als Mobbing durch eine Branche, die nichts aus ihrer Täterrolle gelernt hat, sich nach außen mit unterschiedlichen Mitteln, darunter mit Gendern, ein empathisches Image geben will, aber innerlich offenbar ein absolutes Spiegelbild von dem ist, was man gespaltene Gesellschaft nennt.

Dabei sitzen all diese Menschen im gleichen Boot wie Harry, Meghan und die Millionen Unbekannten: In der Kindheit ging etwas mehr oder weniger schief. Die Gesellschaft verbindet viel mehr als sie trennt, aber ihr fehlen die Spiegel. Journalisten könnten diese Spiegel sein, aber dazu müssten sie sich uneitel zunächst mit dem eigenen Spiegelbild befassen, mit der eigenen Geschichte, den eigenen Special Effects, denn daraus lernen wir am meisten – auch das Verstehen anderer.“

Damit endete meine Mail an die Autorin des Artikels, der zusammen mit den Kommentaren Gandhi einmal mehr recht gab: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Dann werden halt wie bei Robert Enke für einen Tag die Taschentücher ausgepackt, von „Es muss sich was ändern“ gefaselt und am nächsten Tag geht es mit dem Messer zwischen den Zähnen weiter auf die Jagd, während neue Kampagnen für Zusammenhalt der Gesellschaft zu PR-Zwecken gestartet werden.

Seit Dianas Tod hat sich eben nichts verändert. Schlagzeilen bringen Geld und Aufmerksamkeit und Schlagzeilen über Promis bringen viel Geld und über Geld und Aufmerksamkeit definieren sich Verleger und Journalisten ihr Ego, welches sich nie gesund entwickeln konnte. Dazu kommt die übliche Ahnungslosigkeit beim Thema „Wie ticken wir.“

Und andere suchen eben in Wirtschaft, Politik, Sport oder Kultur das, was ihrem Ego fehlt. Wundert es wirklich noch jemanden, warum diese Welt so verrückt und im Arsch ist?

ihttps://www.facebook.com/welt/posts/10160075363903115

iihttps://eu.usatoday.com/story/news/2018/03/29/parkland-student-david-hogg-answers-fox-host-laura-ingrahams-ridicule-ad-boycott-call/468760002/

Zu „Krankenhäuser sind Hurenhäuser“

Ich wollte nicht mitten im Kapitel über Ulrich und seine Familie weiter auf dieses Thema eingehen, weil es zu stark ablenken hätte können. Aber eine solch explosive Aussage kann ich auch nicht einfach so stehen lassen.

Für mich war der „Krankenhäuser sind Hurenhäuser“-Teil der Nachricht von Ulrichs Schwester völliges Neuland und ich konnte damit nicht wirklich etwas anfangen. Ich schrieb Hanna diesen Satz und erntete ein: „Das wusste ich schon 1997.“

Mein Erstaunen wurde nicht geringer und es legte sich auch nicht beim Lesen ihrer folgenden Zeilen: „Eine damalige Freundin von mir, damals Krankenschwester in einer Klinik in Heidelberg, sagte: Nirgendwo wird wohl so kreuz und quer gefickt wie unter Klinikpersonal. Ist ganz schlimm.
Antje sagte mir damals, Sex im Dienstzimmer sei normal. Und sie sagte mir damals, die Weiber seien untereinander wie Hyänen. Wehe, eine käme mit einem Arzt gut aus, dann wäre nicht nur Eifersucht angesagt, sondern auch unsäglicher Neid und Unterstellungen. Auch nackt unter dem weißen Kittel zu sein, sei keine Seltenheit. Intrigen ohne Ende. Jede habe die Einstellung, sich den besten Arzt angeln zu müssen. Und sie sagte mir, wie extrem sich deshalb die meisten eben aufbrezeln und morgens zu Hause ewig vor dem Spiegel stehen würden, sich parfümieren, als würden sie im Puff arbeiten. Konkurrenz müsse ausgestochen werden. Aber es gäbe halt auch genug Ärzte, denen das durchaus gefallen würde und die sich eine nach der anderen nehmen würden – was den Hass untereinander dann noch mehr schüre.“

Als nächstes fragte ich eine gute Freundin, deren Schwester im Krankenhaus arbeitet, allerdings als Reinigungskraft. Die Schwester hatte nie etwas erzählt, was den Spruch bestätigen würde. Mich beruhigte das etwas, denn nun sah es nicht mehr nach „Das ist überall so“ aus.

Dann sprach ich mit einer weiteren guten Freundin, deren Freund Ansgar Arzt ist und der viel im Krankenhaus unterwegs ist für Operationen. Als ich sie fragte, ob sie den Spruch „Krankenhäuser sind Hurenhäuser“ kennt, kam ein klares „Ja“. Ihr Freund hatte so einiges aus dem Klinikalltag berichtet und es ging in genau die gleiche Richtung, wie es Ulrichs Schwester und Hanna erzählt hatten: Es gebe genug Ärzte, die sich auf Schwestern einlassen und die Schwestern seien scharf darauf, den besten Doc abzubekommen und täten dafür viel.

Ansgar selbst halte sich da raus, weil es mehr Ärger bringen würde als „Vergnügen“. Dies sehe er an seinem Bruder, der in seiner Rolle als Klinik-Arzt nichts anbrennen lasse.

Zu Ansgars Zurückhaltung könnte aber vor allem sein eigener Vater beigetragen haben. Dieser war ebenfalls Arzt und arbeitete zu DDR-Zeiten und auch nach der Wende längere Zeit mit dem Vater von Ulrich im Krankenhaus – jener Klinik, in der heute die Schwester meiner guten Freundin als Reinigungskraft arbeitet. Und die Väter arbeiteten auch gleichzeitig an einer Krankenschwester – Entschuldigung für diesen Ausdruck, aber bei dieser Geschichte sind romantische Verklärungen fehl am Platze. Die Frau wurde schwanger, Ansgars Vater erkannte die Vaterschaft an. Doch wer der wahre biologische Vater ist, sieht man dem heute längst erwachsenen Menschen an: Ulrichs Vater, der Herr Doktor.

Wenige Wochen später meldete sich Hanna noch einmal zum Thema. Ihre Tochter hatte eine Woche zuvor angefangen, im Rahmen eines Praktikums im Krankenhaus zu arbeiten, zunächst auf der Kardiologie, nun auf der Chirurgie. Die Tochter erzählte, wie widerlich es zugehe. Viele Ärzte seien grapschig, wobei es bisher bei Oberarm-Tätscheln bleibe. Als Hanna erzählen wollte, was ihr 1997 ihre Bekannte Antje aus dem Klinikalltag berichtet hatte, kam ihr die Tochter zuvor: Unter den Kolleginnen würde es immer heißen, man müsse sich einen Arzt aufreißen. Mindestens zwei Kolleginnen würden nur einen BH unter dem Kasack tragen, da sei sie sich sicher. Bei der Visite tauschten Ärzte mit manchen Schwestern Blicke, die klar machen würden, was Sache ist. Auch von Sex in einem Nebenraum war die Rede.

Nein, das alles ersetzt keine repräsentative Umfrage über den Klinikalltag und wie immer darf man auch hier nicht sämtliche Ärzte und Schwestern über einen Kamm scheren. Nur gilt auch hier wieder: Ein Blick hinter die Gardinen öffnet Augen für die Realität. Und wo immer viele Menschen stundenlang eng zusammenarbeiten, wird es nicht sooo viel anders aussehen als in Kliniken.

Über die Beteiligten kann man denken, was man mag. Doch auch hier wird wieder jeder Einzelne seine Gründe haben, warum man sich so feil bietet und warum man keiner Versuchung widerstehen kann. Und diese Gründe werden etwas mit Macht, Aufmerksamkeit und nie gesund gewachsenen Egos zu tun haben. Hormone und Duft erledigen das übrige, dazu mehr im fünften Teil.

Frauen durch die Bank als Opfer von Männern anzusehen und ihnen den Status des vernünftigeren und damit besseren Geschlechts zu verleihen, wird kein Problem auf dieser Welt lösen. Es wird nicht damit getan sein, Männer in Führungsebenen gegen Frauen auszutauschen. Entscheidend ist: ein gesundes Ego.

Reha

Hanna war mit dieser Reha-Klinik sehr zufrieden, was Ärzte und Therapeuten betraf. Doch auch hier gab es Ernüchterung. An einem Dienstag schrieb sie mir gegen 16:30 Uhr: „Ich bin so im Arsch, ich lieg seit 10:45 Uhr im Bett, ohne Abmeldung von Therapien. Gekommen um nachzusehen ist noch keiner. Könnte hier auch tot liegen, würde nicht auffallen. Mir gehts einfach innerlich extrem schlecht. Schon seit ein paar Tagen. Mein Inneres fühlt sich an wie eine riesengroße, klaffende Fleischwunde. Hab mich um 9:45 Uhr noch zum Einzelgespräch geschleppt, sie weiß Bescheid. Nachmittags hätte ich noch drei Termine gehabt, hab aber nur geschlafen, liege weiterhin im Bett. Immer wenn ich Schritte höre, denke ich, dass nun die Pflege zum Nachgucken kommt, aber nix.“

Für mich war es nicht das erste Mal, dass ich Hanna so erlebte und ich wusste aus dieser Erfahrung, dass sie sich nicht plötzlich aus dem Bett erheben würde und alles wäre wieder in Ordnung. Ihre Aggro war auf dem üblichen Pegel und zog Energie, die sie erschöpfte.

Einen Notknopf am Bett gab es nicht und Hanna vermutete, dass es in der erst 2 Jahre alten Klinik noch keine blutigen Dramen gab, so dass man nicht mit dem Schlimmsten rechnete.

Ich fragte sie, ob sie an das Bild ihrer im Sand spielenden Tochter denke. Dies hatte sie sich vorgenommen für die Zeiten, in denen der innere Vulkan zu stark brodelte. Sie hatte daran gedacht, doch es half nichts.

Auch dachte sie daran, dass sie sich aus der Welt schaffen könne und erst die Putzfrau würde es am nächsten Morgen gegen 10 merken.

Ich verstand, dass niemand einfach ins Zimmer platzen wollte. Aber ich verstand nicht, wie das Fehlen eines Menschen in einer Klinik für Menschen mit psychischen Problemen nicht hellhörig machen kann. Spätestens wenn jemand nicht zum Essen erscheint, sollte doch die Frage auftauchen: „Wo ist sie?“

Wir schrieben eine halbe Stunde, dann bekam ich keine Antwort mehr von Hanna. Mich erinnerte das alles an den Abend, als sie den Berg Tabletten vor sich hatte und sie von Jochen völlig im Stich gelassen worden war, während ich durch 400 km Entfernung tatenlos bleiben musste.

Dieses Mal ergriff ich die Initiative, auch wenn es ungewiss war, ob Hanna darüber erfreut sein würde. Ich rief in der Klinik an, wurde auf Station mit der Pflege verbunden und vernahm Erstaunen, um es positiv auszudrücken. Eigentlich sollen die Patienten angehalten werden, sich selbstständig um ihre Bedürfnisse zu kümmern, so die junge Stimme. Ich hielt der Frau zugute, dass sie jung war und wohl noch keine eigenen Erfahrungen gemacht hatte, wie man sich in einer Situation wie der von Hanna fühlt. Wenn man so im Arsch ist, dann hat man keine Bedürfnisse, außer vielleicht das Bedürfnis, dass man von diesem Elend erlöst wird. Oder dass jemand mal kommt und sich zu einem setzt.

Eine Viertelstunde später meldete sich Hanna, fragte, ob ich angerufen hatte. Dann erzählte sie, wie es nach meinem Anruf weitergegangen war: Die Pflege hatte auf Hannas Zimmer angerufen und sie gebeten, ins Schwesternzimmer zu kommen, da sie nicht in Hannas Zimmer kommen könne. Warum das nicht ging, erfuhr Hanna nicht. Es würden Tropfen bereitstehen, die Hanna erhalten könne. Als sie im Stationszimmer auftauchte, war von den Tropfen keine Rede mehr. Stattdessen gab es einen Rüffel, dass Hanna MIR über ihre Lage Bescheid gegeben hatte und nicht der Pflege. Und es gab Fragen, warum sie nicht bei der Therapie war, warum dies nicht, warum das nicht. Am nächsten Morgen solle sie sich um 7 bei der Pflege melden.

Ob Hanna meine Einmischung recht war, konnte ich nicht deuten. So oder so hätte ich es nicht bereut. Lieber wäre mir gewesen, dass in den 7 Stunden, in denen Hanna im Bett gelegen hatte, wenigstens EINER mal nach ihr geschaut hätte, ob Mitpatient oder Personal.

So zäh all die Klinikaufenthalte für Hanna waren und noch immer ist: Für einen Außenstehenden ist es wie ein Kriminalfall. Mit jeder Station, also mit jeder Klinik, gibt es neue, kleine Hinweise, die das Bild deutlicher machen. So empfand es auch Hanna nach der Reha und sie war froh, sich für diese Klinik entschieden zu haben.

Dennoch: Dies ist kein Happy End. Hanna wurde nach der Reha für lediglich ein halbes Jahr arbeitsunfähig erklärt. 2020 wurde ihr endlich eine Frührente zuerkannt, was ihr sehr viel Druck nahm. An den Stress um den bevorstehenden Antrag auf Verlängerung darf sie allerdings nicht denken.