#KinderohneSeelen

Ulrich

Meinen einstigen Mitschüler Ulrich sah ich 2018 durchs örtliche Freibad laufen – und ich beneidete ihn. Wir waren zusammen zwei Jahre in der POS (heute Realschule), anschließend zwei Jahre in der EOS (heute Gymnasium), hatten beide studiert. Nur hatte er daraus eine berufliche Karriere machen können und ich hatte abgebrochen. Er brauchte sich als Chirurg keinen Kopf zu machen, wie er den Monat finanziell überstehen würde. Er hatte Familie und so wie er über das Gelände lief, war für mich klar: Ulrich steht komplett auf der Sonnenseite des Lebens. Dazu trug auch sein Körper bei: Muskeln ohne Ende. Ich hätte mich nicht neben ihn stellen wollen und zu anderen sagen müssen: „Ja, wir sind der gleiche Jahrgang.“ Sein Body war fast schon eine Anklage, die da lautete: Mit Mitte 40 kann Mann durchaus noch so aussehen!

Als Ulrich mit der 8. Klasse zu uns kam, empfand ich seine Ausstrahlung als kühl bis arrogant. Klar: Das war ja auch der Sohn vom großen Doktor. Diese Familie lebte in ganz anderen sozialen Sphären als meine.

Der Eindruck von Arroganz bestätigte sich nie, wir kamen nach meiner Erinnerung ganz problemlos klar. Trotzdem mied ich den Kontakt im Freibad. Was sollte ich schon im Smalltalk erzählen, wenn dieser optische Fels in der Brandung von Job, Urlaub, Auto, Familie und seinem Fitnesszustand hätte gesprochen?! An ihm zeigte sich eben, wie vorteilhaft es ist, aus einer Familie von Lehrern und Ärzten zu kommen.

Zwei Jahre später habe ich die Blumen von Ulrichs Grab geräumt, die ich im Namen seiner einstigen Klassenkameraden hingestellt hatte. Suizid.

Warum?!

Als mich die Nachricht von seinem Tod über den Dorffunk erreicht hatte, verstand ich die Welt nicht mehr. Er war der Letzte meiner einstigen Mitschüler, von dem ich dies erwartet hätte. Er hatte doch alles?!

Aus Erfahrung ging ich davon aus, dass dieser Suizid keine kurzfristige Entscheidung war, sondern eine lange Vorgeschichte haben musste – nur welche?! War er bipolar? Depressiv? Aber wenn ja: Warum?! Wenn psychische Erkrankungen immer im Kinderzimmer ihren Lauf nehmen, hätte bei ihm ja auch etwas heftig schiefgelaufen sein müssen?! Sein Vater hatte das Image eines Schürzenjägers, aber dies klang immer so, als gehöre das halt irgendwie zu einem großen Chirurgen dazu. Von Ulrichs Mum war Alkoholkonsum bekannt. Lag es an ihr, so wie bei Anja, die sich lieber umbringen wollte, anstatt die Wahrheit über den Alkoholismus ihres Vaters erzählen zu dürfen?

Fürs Erste wurde mir nur eines wieder klar: Auf das, was man von einem Menschen sieht, darf man nichts geben. Was sich in ihm abspielt, weiß meist nur er selbst, vielleicht noch ein, zwei Menschen im Umfeld.

Ich fragte mich nun auch, wieso er so durchtrainiert war. Menschen tun nichts, was grundlos Energie verschwendet. Und um einen solchen Body zu bekommen wie er und diesen mit zunehmendem Alter zu erhalten, musste er viel Eisen gestemmt haben. Was war der Grund? Unser Antrieb für eine gutaussehende Fassade ist immer wieder unser Ego, ob Make up, Schönheits-OP oder Fitnesstraining. Also hatte der Sohn des Arztes, der so kühl bis arrogant wirkte, offenbar aus seinem Elternhaus kein stabiles Selbstbewusstsein mitbekommen. Soweit meine Theorie.

Im Kapitel „Was du siehst und was nicht“, in welches Ulrich ebenfalls passen würde, schrieb ich: „Und aus seltsamen Verhalten … wirst du immer nur Vermutungen anstellen können. Die wahre Geschichte wird dich aber umhauen, mit ihr hättest du nie und nimmer gerechnet.“

Dieser Satz, der Wochen bis Monate vor Ulrichs Tod seinen Platz im Manuskript gefunden hatte, sollte sich nun einmal mehr bewahrheiten.

Seine Schwester

Ein Beitrag bei Facebook, mit dem ich ein paar inzwischen über Deutschland verteilten Mitschülern vom Suizid erzählte, fand dank des Dorffunks seinen Weg zu Ulrichs Schwester. Dass er eine Schwester hatte, war mir nicht klar – für sie nichts Neues. Wir kamen ins Gespräch und sie schrieb, meist sei sie froh, dass praktisch keiner von ihrer Existenz weiß, aber teils sei es auch nicht gerade angenehm, wenn einen die halbe Welt so ignoriert. Der Familienruf eile immer voraus, der berühmte Schatten, der immer da ist: „Ekelhaft, widerlich.“

Und eigentlich hatte ich Ulrich um genau diesen Ruf beneidet, der von der hohen sozialen Herkunft kam und Türen öffnen kann. Doch für die Kinder bedeutete er laut seiner Schwester: „Erstmal Distanz wahren und checken, wie die Leute einem begegnen.“ Beide Kinder hatten dadurch den Stempel, kühl bis arrogant zu wirken. Doch Ulrich sei sehr feinfühlig gewesen, tiefgründig, einfühlsam: „Das können sich die wenigsten vorstellen.“

Ich konnte es mir vorstellen. Ulrich hatte ich nicht laut in Erinnerung, auch nicht extrovertiert. Gut, als wir mit der 12. Klasse unterwegs waren, zog er sich als Einziger bis auf die Badehose aus und stieg ins Wasser eines Stausees. Aber abseits davon taute er nur etwas auf, wenn Alkohol im Spiel war. Das sagte auch seine Schwester, ohne dass ich ihr eine Vorlage geboten hätte: „Wenn mein Bruder auf Feiern durch Alkohol lockerer wurde, dann konnte er sich aus seinem Panzer etwas lösen und war … ganz anders.“

Sie hatte zunächst gezögert, ob sie mir mehr über das Familienleben schreiben solle – zu viele negative Erfahrungen mit dem Dorfklatsch hatten sie sehr vorsichtig gemacht. Andererseits hätte sie längst ein Buch schreiben wollen über ihre Familie, nur fand sich nie die Zeit.

Sein Vater

Der erste Satz, den sie mir über ihren Vater schrieb, lautete: „Mein Vater ist ein Narzisst.“ Ich hatte dieses Wort bis dahin ihr gegenüber nicht verwendet, ich hatte sie also nicht auf diesen Weg geführt, damit ich meine Narzissten-Liste erweitern hätte können.

Sie schrieb von jahrelangem Selbststudium – damit hatten wir etwas gemeinsam. Sie schrieb von der Selbstverherrlichung des Vaters, welche die Familie gefangen hielt. Sie erzählte, dass sie als Tochter auf Karten aus dem Urlaub nicht nur den Vor- und Nachnamen ihres Vaters als Empfänger angeben musste, sondern auch den Doktor-Titel. Sie schrieb von einer harten Erziehung, die durch Konkurrenzkampf geprägt war, von dem sie als weibliches Wesen aber ausgenommen blieb: „Ich hatte das Glück, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein. Habe aber auch mein Päckchen zu tragen. Meinem Bruder wurde keine andere Wahl gelassen. In meinen Augen wurde seine Kinderseele schon sehr früh zerrissen. Mama und Papa sind ja deine Bezugspersonen und die, von denen die Kinderseele ganz viel Unterstützung braucht. Wenn es im Leben aber nur scheiße läuft und das schon als Kind, dann fragt man sich schon mal, wie denn der Tod so ist. Denn das, was wir erlebt haben, konnte nicht der Sinn des Lebens sein. Und mein Bruder fragte sich das Zeit seines Lebens. Für mich sehr verständlich. Für Außenstehende natürlich nicht. Jetzt kann er endlich frei sein.“

Wie vermutet war es also keine kurzfristige Entscheidung. Die Geschichte seines Suizids nahm auch bei Ulrich ihren Beginn in dessen Kinderzimmer. Er wollte niemals beruflich in die Fußstapfen seines Vaters treten, wollte eigentlich zum Bau – aber dies hatte er nicht zu entscheiden.

Seine Schwester schrieb von Psychoterror, von Gewalt, hauptsächlich ihrer Mutter gegenüber. Aber auch ihr Bruder hatte einiges abbekommen – und begann deshalb früh mit dem Fitnesstraining.

„Die wahre Geschichte wird dich aber umhauen, mit ihr hättest du nie und nimmer gerechnet.“ Nein, hinter Ulrichs Leidenschaft für das Bodybuilding hätte ich nie und nimmer diesen Grund vermutet. Aber es hat eben alles einen tieferen Grund.

Sätze, die mir Ulrichs Schwester schrieb, kannte ich aus meinem eigenen Denken: „Als Kind bist du in diesem Prozess gefangen. Keiner redet mit dir darüber, also weißt du es nicht besser. Es ist für das Kind normal.“

So irrsinnig die Verhältnisse in der eigenen Familie sind und so wenig man davon ausgeht, es würde überall so zugehen: Diese irrsinnigen Verhältnisse sind für das Kind normal. Auch dem Schauspieler Johnny Depp wurde erst dann bewusst, wie es in einer Familie auch zugehen kann, als er am Tisch einer anderen saß.

Sein Tod – und seine Freiheit

Die Gedanken der Schwester zum Suizid ihres Bruders lesen sich so: „Ulrich, du bist jetzt frei. Keiner mehr, der dir sagt, was du tun und lassen sollst, was richtig ist und was falsch, keiner mehr, der dir Entscheidungen aufdiktiert. Diese, deine letzte Entscheidung hast du das einzige Mal in deinem Leben ganz allein getroffen. Und für dich war es gut so. Ich hoffe, dort, wo du jetzt bist, kannst du inneren Frieden empfinden. Eine große, große Last ist jetzt von dir abgefallen. Ich gehe meinen Weg jetzt auch für dich weiter.“

Mich nahm der Tod von Ulrich nicht mit – jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet hätte bzw. wie ich es für angemessen gehalten hatte. Da nimmt sich einer das Leben, es ist einmal mehr der Beweis dafür, dass psychische Erkrankungen und Suizide im Kinderzimmer ihren Anfang nehmen – und alles geht einfach so weiter. Die Zeit steht nicht still, es gibt keinen Aufschrei, kein wachrüttelndes Beben. Nein, das Leben geht halt weiter – zumindest für jene, die es sich noch nicht genommen haben – und wir lernen Null aus einer solchen Geschichte.

Nach dem Einblick in das Familienleben von Ulrich und seiner Schwester konnte ich den Suizid problemlos nachvollziehen und ich gönnte ihm die Freiheit.

Seine Kinder

Aber ich konnte diese auch nicht bedenkenlos feiern, denn er hinterließ drei Kinder, darunter ein zwei Monate altes Baby. Im Dorffunk war von einer Affäre mit einer Kollegin die Rede. Ulrichs Schwester klärte mich auch in diesem Punkt auf und einmal mehr zeigte sich, dass Geschichten oft deutlich vielschichtiger sind als es die Überschrift verheißt:
„Das 3. Kind ist nicht in einer Affäre entstanden, sondern von schlichtweg 2x Sex. Wir konnten aus SMS-Nachrichten nachvollziehen, dass diese Frau meinen Bruder massiv unter Druck gesetzt hat, sprich: ihren Säugling als Mittel benutzt hat. Ihre Verführungsversuche, die letztlich erfolgreich gewesen sind, waren Mittel zum Zweck, schwanger zu werden. Um nichts anderes ging es ihr. Sie ist, soweit wir über sie Bescheid wissen, eine Einzelgängerin, oder anders gesagt: Bei ihr bleibt keiner. Das, was ich über sie weiß und aufgrund ihres Verhaltens rückschließe, ist: Sie ist ebenfalls Narzisstin. Eiskalt. Denn jetzt geht bei ihr der Kampf ums Erbe los. Das heißt, auch für meine Familie keine Ruhe. An dem Tag, als mein Bruder sich erhängt hat, hat er vom Jugendamt einen Brief erhalten. Dieser hat seine Schlinge zugezogen, die er im Kopf schon lange um den Hals trug.

Ich möchte meinen Bruder in der Sache nicht in Schutz nehmen, aber auch diese Geschichte ist von mehreren Seiten zu beleuchten. Menschen machen es sich – gerade wenn sie selbst keine Erfahrungen mit Narzissmus gemacht haben – einfach. Stempel drauf und gut. Mein Bruder hat meiner Mutter oft erzählt, schon Jahre vorher, wie penetrant Arztkolleginnen und Krankenschwestern sein können: Die werfen sich dir an den Hals, die ziehen sich vor dir aus, ob du das willst oder nicht, das sind Schlangen. Und wenn du denen klar einen Korb gibst, musst du damit rechnen, dass sie Möglichkeiten haben, die Zusammenarbeit mit dir zu boykottieren. Krankenhäuser sind Hurenhäuser.

Ich bin auch nicht für die MeToo-Bewegung in ganzer Breite. Es gibt viele wirkliche Opfer, keine Frage, aber Frauen können Mistkrücken sein, die ganz genau wissen, was sie einsetzen müssen, um ans Ziel zu gelangen. Sichtbar wird es nur an wenigen Stellen wie zum Beispiel in Krankenhäusern oder, um bei MeToo zu bleiben, in der Filmbranche. Der viel größere Teil läuft subtil ab, aber genauso wirksam.“

Ein kurzer Einschub dazu, weil hier eine gefühlte Tonne Dynamit liegt für das Auslösen eines Shitstorms: Für mich war der „Krankenhäuser sind Hurenhäuser“-Teil der Nachricht völliges Neuland und ich konnte damit nicht wirklich etwas anfangen. Ich schrieb Hanna diesen Satz und erntete ein: „Das wusste ich schon 1997.“

Mein Erstaunen wurde nicht geringer und es legte sich auch nicht beim Lesen ihrer folgenden Zeilen: „Eine damalige Freundin von mir, damals Krankenschwester in einer Klinik in Heidelberg, sagte: Nirgendwo wird wohl so kreuz und quer gefickt wie unter Klinikpersonal. Ist ganz schlimm.
Antje sagte mir damals, Sex im Dienstzimmer sei normal. Und sie sagte mir damals, die Weiber seien untereinander wie Hyänen. Wehe, eine käme mit einem Arzt gut aus, dann wäre nicht nur Eifersucht angesagt, sondern auch unsäglicher Neid und Unterstellungen. Auch nackt unter dem weißen Kittel zu sein, sei keine Seltenheit. Intrigen ohne Ende. Jede habe die Einstellung, sich den besten Arzt angeln zu müssen. Und sie sagte mir, wie extrem sich deshalb die meisten eben aufbrezeln und morgens zu Hause ewig vor dem Spiegel stehen würden, sich parfümieren, als würden sie im Puff arbeiten. Konkurrenz müsse ausgestochen werden. Aber es gäbe halt auch genug Ärzte, denen das durchaus gefallen würde und die sich eine nach der anderen nehmen würden. Was den Hass untereinander dann noch mehr schüre.“

Zurück zu Ulrich und seinen Kindern. Die Mutter seines ersten Kindes ging in meine Parallelklasse und soweit ich mich erinnere, war seine Beziehung mit ihr die erste in meiner Klassenstufe, die den Titel verdient hatte und lange halten sollte.

Ulrichs Schwester schrieb dazu: „Sie waren 17 Jahre zusammen. Mein Bruder war nach dem, was ich weiß, von Anfang an ehrlich und hat gesagt, dass er keine Kinder möchte. Hintergrund ist wieder unser Vater: Mein Bruder konnte sich nie vorstellen, ein guter Vater zu sein. Er hatte Angst davor, so zu werden wie seiner. Deshalb wollte er keine Kinder. Wie gefangen er in dem Narzissmusnetz war … Schrecklich. Und am Ende war er wie er.

Seine damalige Freundin bekam nach 17 Jahren Torschlusspanik. Das Thema Kind wurde zwischen ihnen immer mehr zum Druck- und Stressfaktor. Ich weiß, dass sie ohne Ulrichs Einverständnis die Pille abgesetzt hat. Vielleicht auch ohne sein Wissen. Ja, ich kann da wieder nur #MeToo sagen: Wir „armen“ Frauen. Wir haben es in der Hand, denken – und das ist das Fatale für unsere eigenen Kinder – aber nicht über den Tellerrand hinaus. Mein Bruder hatte diesen Weitblick – und fühlte sich verraten. Dann hatte er eine Affäre. Und er wollte bei seiner schwangeren Freundin bleiben. War hin- und hergerissen, wie so oft in seinem Leben. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, die schwangere Freundin machte Schluss und er wurde wieder mal zum Buhmann erklärt. So habe ich es erlebt und mitbekommen. Aus der Affäre wurde dann seine Frau, mit der er sein zweites Kind hatte. Auch ich war damals enttäuscht von ihm, weil ich aber da auch Verschiedenes nicht wusste. Leider hat er in mir, so fühlt es sich an, die kleine Schwester gesehen und nicht die ebenfalls erwachsen Gewordene, mit der man auf Augenhöhe reden kann.“

Ulrich war sich also des Dominoeffekts aus Opfer und Täter bewusst. Er wollte das machen, was ich viel mehr Opfern ans Herz legen möchte: keine Kinder bekommen, auch wenn das hieße, dass in 6 Jahren die Kitas leer sind und in 16 Jahren die Schulen. Er war nicht so blauäugig zu glauben, er würde es ganz gewiss besser machen, aus den Fehlern der vorigen Generation lernen. Seine Lehre aus der Geschichte war, ob bewusst oder unterbewusst: Die Gleise aus der Kindheit liegen einbetoniert.

Nun sind da drei Kinder, denen der leibliche Vater abhanden kam. Und leibliche Väter sind nach all meinen Erfahrungen nicht zu ersetzen, ihr Versagen oder ihr Fehlen hinterlässt tiefe Spuren, genau wie bei Müttern. Wieder beginnen steinige Wege im Kinderzimmer, deren weitere Verläufe man erahnen kann. Ein einzelner Narzisst hinterlässt kaum behebbare Schäden an Kindern und Enkeln – und nicht nur an denen. Aber der Vater war sicher auch wieder nicht das erste Glied in der Kette.

Wir hätten reden sollen

Nach Ulrichs Tod kramte ich Fotos aus Schulzeiten aus dem Karton mit alten Bildern und sah sie mir an. Beim Schulabschluss standen wir nebeneinander und mir wurde klar: Mich hatte damals mit dem Jungen, den ich anfangs als arrogant und kühl wahrgenommen hatte, viel mehr verbunden, als ich es je ahnen hätte können. Sein „Familien“-leben in Kinder- und Jugendtagen war deutlich härter als das meine, gerade weil ich meist nur Zuschauer war und mein Bruder das meiste abbekommen hatte. Wir hätten damals darüber reden können. Und wir hätten 30 Jahre später im Freibad darüber reden können, was ein kaputtes Elternhaus aus einem macht, wie schwer es die Gleise legt, anstatt Smalltalk über Job, Familie und Fitness zu betreiben.

Als ich das erste Mal zu seinem Grab ging, kam mir in den Sinn, dass das auch mein Grab sein könnte. Umso ernüchternder empfand ich die gefühlte Ignoranz gegenüber seiner Geschichte. Da ist halt einer gestorben, hatte wohl paar Probleme, bestimmt wegen dieser Affäre – passiert.

Aber ich selbst nahm dies ebenfalls viel zu wenig emotional nach meinem Empfinden. Offenbar hatten mich all die vorherigen Geschichten von Felix und anderen so abstumpfen lassen. An Ulrichs letzter Ruhestätte selbst war mein Kopf eher leer. Der Muskelprotz lag nun irgendwo unter Steinen in einer kleinen Dose, so wie Felix. Und wir lernen nichts daraus.

Nach Ulrichs Tod kam ich mit Menschen ins Gespräch, die über seinen Vater etwas erzählen konnten. Einmal hörte ich: „Der ist doch aber immer so nett und freundlich?!“ Die Worte klangen nach: „Na wer weiß, was dir da Ulrichs Schwester erzählt hat …“

Und ich hatte diesen Satz ja auch mehrmals über meinen Vater zu hören bekommen. Auch ich hatte das Gefühl, den so denkenden Menschen sehr schwer das bisher von meinem Vater gewonnene Bild geraderücken zu können. Auch hier saß ich mit Ulrich und dessen Schwester in einem Boot.

Von einer Verkäuferin hieß es, sie habe große Angst, wenn Ulrichs Vater den Laden betritt und sie war nah dran, zu kündigen. Er hatte sich geweigert, während der Corona-Pandemie den Mund-Nase-Schutz zu tragen: „Ich bin schließlich vom Fach! Ich weiß, was da läuft! Das ist alles ein Schwindel! Ich brauche nichts vor dem Gesicht!“ Worte und Auftreten eines gebildeten Mannes aus der Mitte der Gesellschaft. Und wir fragen uns, warum auch diese Mitte so durchgeknallt sein kann. Weil eben Persönlichkeitsstörungen nichts mit Intelligenz zu tun haben, genauso wie psychische Erkrankungen.

Eine ehemalige Krankenschwester war vertraut damit, dass man diesen Arzt mit „Herr Doktor“ anzureden hat. Sie hatte einst einen heftigen Einlauf bekommen, als sie ihn nur mit dem Nachnamen angesprochen hatte. Dieser Narzisst zeigte sein wahres Wesen also nicht nur im engsten Familienkreis, sondern ließ auch andere darunter leiden. Sein Nummernschild besteht aus dem ersten Buchstaben seines Nachnamens und dahinter einer 1. Donald Trump könnte es nicht besser.

Ohne den Narzissten als Vater wäre Ulrich noch am Leben. Deshalb kann ich es nur noch einmal sagen: Narzissten töten. Sie machen krank, psychisch und/oder körperlich. Menschen, die andere wie Scheiße behandeln, dürfen nicht als heil- oder wandelbar mit einfachen Mitteln dargestellt werden. Dieser Mann ist über 70 und hat sich nie zum Positiven verändert. Er macht nach wie vor seiner Familie das Leben zur Hölle auf Erden.

Der Brief

Seine Tochter schrieb ihm zwei Tage vor der Beisetzung einen Brief – normalerweise meidet sie den Kontakt zu ihrem Vater so gut es geht. Nach meinen gesammelten Erfahrungen würde ich niemandem empfehlen, einem Narzissten die Augen öffnen zu wollen. Man verschwendet nur Energie und ist am Ende frustriert, wenn das Gespräch wie üblich ins Nichts verlaufen ist. Aber wer ewig schluckt, stirbt von innen. Mit dem Brief konnte Ulrichs Schwester ihre Gedanken bezüglich der Schuld ihres Vaters am Tod ihres Bruders sortieren, so dass diese Gedanken nicht mehr ständig im Kopf kreisen mussten. Auch mir geht es immer besser, wenn ich länger kreisende Gedanken auf Papier bringen kann. Der Druck lässt nach und das Gedachte ist jederzeit wieder greifbar.

Und natürlich reagierte ihr Vater, wie man es von einem Narzissten erwarten kann. Da gab es kein: „Oh Gott, was habe ich nur angerichtet?! Was habe ich meinen Kindern und meiner Ex-Frau ihr Leben lang angetan?! Mein eigen Fleisch und Blut habe ich in den Tod getrieben …“ Nein, die Reaktion war: Er ignorierte sein anderes Kind komplett bei der Beisetzung seines Sohnes nach dessen Suizid.

Seine Danksagung in der Zeitung nach der Beisetzung wirkte so steril wie es seine einstigen Patienten bei den OPs waren. Natürlich musste er auch hier vor seinen Namen das „Dr.“ setzen lassen. DAS war wichtig.

Warum der Vater die narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt hatte, weiß ich nicht. Auch bei ihm wird es einen Grund geben und auch er wird einst Opfer als Kind gewesen sein, alles andere würde mich überraschen. Sein Narzissmus wirkte sich massiv auf seine Frau und seine Kinder aus und nun auch auf seine Enkel. Und diese werden nicht das letzte Glied in der Kette sein, solange wir nicht endlich anfangen, darüber zu reden.

Ein Jahr danach

Ein Jahr nach Ulrichs Suizid fragte ich seine Schwester, ob inzwischen Ruhe eingekehrt ist – und sei es durch gegenseitige Ignoranz. Ich war davon ausgegangen, dass sie den Tod ihres Bruder gut weggesteckt hatte, schließlich hatte sie ihm den Frieden gegönnt.

Warum ich dies annahm, kann ich nicht sagen. Die Erfahrung hätte mir täglich ins Ohr schreien müssen: „Das steckt sie nicht einfach so weg!!!“ Ich wusste doch längst, welche Einschläge in die Psychiatrie führen. Es war ihr Bruder, mit dem sie Extremes durchgemacht und den sie nicht durch einen tragischen Unglücksfall verloren hatte. Selbst ich als Unbeteiligter hätte am liebsten ein dickes, rotes M für „Mörder“ an die Front des Hauses ihres Vaters sprühen wollen, wann immer ich daran vorbeikam, damit die Leute wach werden, was sich hinter dieser hübschen Fassade verbirgt.

Ulrichs Schwester war inzwischen die fünfte Woche in einer psychosomatischen Tagesklinik, seit 5 Monaten krankgeschrieben nach einem Zusammenbruch. Ihr Vater ignorierte sie tatsächlich komplett seit dem Brief, den sie ihm nach dem Tod ihres Bruders gegeben hatte. Mit keinem einzigen Wort hatte er reagiert. Nur gegenüber Ulrichs Witwe äußerte er sich, im Sinne von: „Meine Tochter hat eine Meise und mein Sohn war bescheuert.“

Und er hatte auch den Kontakt zu seinem Schwiegersohn und den Enkeln gekappt: „Erkläre mal einem Neunjährigen, warum er Opa nicht mehr sieht und wie ein Erwachsener so eingeschnappt sein kann – nicht nur für fünf Minuten, sondern für offenbar immer.“

Sie hatte den Brief auch ihrer Mutter gezeigt – die den Inhalt mehrfach in Frage stellte. Und wieder funktionierte der gelernte Mechanismus: Bei Ulrichs Schwester kamen Gefühle hoch, etwas Falsches getan zu haben.

Sie hatte also ihren Bruder verloren, ihren Vater genauso, auch wenn er noch lebte und die Mutter bot – wie gewohnt – ebenfalls keinen echten Halt, sondern schlug noch mit in die Wunde.

Die Mutter

Über diese sagte Ulrichs Schwester: „Sie ist sehr sehr anstrengend.“ Vor dem Zusammenbruch hatte die Mutter von Suizid gesprochen. Für ihre Tochter war das nicht neu. „Ich hänge mich auf“ kannte sie bereits aus Zeiten, als sie in die Grundschule ging. Allein wenn ein Kind solch einen Satz hört, darf man nicht erwarten, dass er an den Synapsen wie an Teflon abrutscht: „Ich habe sie ab und an mal voller Erwartungsangst im Keller oder auf dem Boden gesucht, wenn sie nicht da war, obwohl sie hätte da sein müssen.“ Und schon ist mit 7 Jahren das erste Trauma perfekt … Dann hörst du es gut 30 Jahre später wieder in einer Phase des psychischen Ausnahmezustandes, es triggert dich und du liegst am Boden.

„Nach wie vor nutzt sie mich für ihre Psychohygiene, mein Bruder steht dafür ja nicht mehr zur Verfügung. In mir brachen die Prägungen meiner Kindheit, die jahrzehntelang unterdrückten Gefühle der Trauer, Angst, Wut, Hilflosigkeit auf. Alles zusammen, auch die nicht vorhandene ausreichende Zeit, um trauern zu können, die große Tragik, die mir mit Ulrichs Tod bewusst wird, bewirkten massive psychosomatische Symptome. Jeglicher Druck wirkt sich aktuell in Schwindel und Panikattacken aus.“

Sie hatte sich in den Monaten der Krankschreibung mit ihrer Familie auseinandergesetzt, den Blickwinkel neu eingestellt, ähnlich wie Elisabeth. Und wie bei dieser führte der neue Blick auch bei Ulrichs Schwester zu mehr gefühlter Realitätsnähe: „Inzwischen sehe ich meine Mutter auch als Narzisstin. Es gibt ja verschiedene Arten und sie ist sicher eine andere als mein Vater. Meine Mutter musste sich gegenüber meinem Vater fügen, sonst gab es blaue Flecken. War er nicht da, spielte sie zwei Rollen: die Opferrolle, in der sie ihre Kinder für ihre Psychohygiene missbrauchte und gleichzeitig die Täterrolle, in der sie uns unterdrücken konnte, um ihre Egozentrik auszuleben.

Sie philosophiert noch heute über ihr geringes Selbstwertgefühl. Ich habe sie kürzlich damit konfrontiert, denn bei ziemlich jeder Veranstaltung (Festen), bei dem mehr als nur ich und mein Mann anwesend sind, wartet sie auf den richtigen Zeitpunkt, um sich auf übelste Art und Weise zu präsentieren. Und sei es im Handstand über die Tanzfläche laufen. Das ist nicht übertrieben, sondern passierte schon mehrmals so. Dazu Alkohol. Interessant für mich war, dass meine Mutter als Alkoholikerin gesehen wird. Ich gebe zu, dass sich über die letzten Monate auch ein anderes Bild von ihr in mir breit macht. Ich sehe einige Hinweise auf Bipolarität bei ihr. So oder so würde sie sich aber nie zu einem Psychologen oder Psychiater begeben. Dann lieber wie mein Bruder. Sie sagte mir kürzlich, dass sie dazu aber zu feige ist. Beruhigend … ?“

Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine neuen Opfer gibt.

Bist du auch zum Täter geworden?

Wir schrieben auch wieder über Opfer und Täter und eine „alte“ Frage wachte in mir auf: Auf welche Weise war Ulrichs Schwester eigentlich zur Täterin geworden? Ja, diese Frage scheint böse, weil sie anklagend klingt, gerade wenn man sich noch nie selbst dieser Frage gestellt hat. Und einem ganz offensichtlichen Opfer diese Frage zu stellen, bricht mit allem, was wir gelernt haben: dort das Opfer, da der Täter, dazwischen meilenweit Wüste. Mir geht es aber bei dieser Frage niemals um Anklage. Ich würde sie auch umgekehrt einem Täter stellen wie dem Vater oder einem Kinderschänder: „Auf welche Weise warst du Opfer?“ Nur wenn wir diesen Zusammenhang begreifen, werden wir zukünftige Opfer schützen können: Wer keine Täter will, muss dafür sorgen, dass es keine neuen Opfer gibt.

Ich hätte Ulrichs Schwester diese Frage nie geschrieben angesichts ihrer „extrem sensitiven Phase“. Mit den neuen Schilderungen war sie für mich noch ein „gutes“ Stück mehr zum Opfer ihrer Eltern geworden – also wäre es das logischste nach all den anderen Geschichten gewesen, wenn auch sie auf irgendeine Weise zur deutlichen Täterin geworden wäre. Die Frage war demnach überflüssig. Nur meine Neugier – das Wort mag in dem Zusammenhang seltsam klingen – kratzte an der Zurückhaltung.

Doch ich brauchte nicht fragen, denn ihr war inzwischen selbst bewusst, dass aus Opfern Täter werden – sich eingeschlossen. Und sie hatte deshalb in den Monaten zuvor begonnen, die Weiche an jenem Gleis umzustellen, auf das sie in den Kindertagen gesetzt worden war und vom Verhalten ihrer Eltern einbetoniert wurde – eine alles andere als leichte Aufgabe, wie sie schrieb.

Der neue Weg

Ihr Ziel: ein eigenes Gleis. Und damit ein eigenes Leben, losgelöst von den alten Prägungen, so gut dies möglich ist: „Ich habe gemerkt, wie sehr mich diese Prägungen beeinflussen, ob im Beruf oder privat. Nun spüre ich die daraus resultierenden Glaubenssätze auf und transformiere sie. Das ist meine Chance. Ich habe gemerkt, wie meine Mutter in unserer Familie trotz allem, was passiert ist, die Vorzeigefamilie sehen will, wo alles in bester Ordnung scheint, um dann ihre Opfer-Täter-Rolle in uns weiter wirken zu lassen. Diese Erkenntnis hat mir meine Identität abhanden kommen lassen. Bzw. mir wurde bewusst, dass ich bisher wohl noch nie wirklich mein eigenes Leben leben konnte, denn die Prägungen und damit Erinnerungen mischen sich überall ein. Im Bruchteil einer Sekunde, du merkst es gar nicht. Mir haben verschiedene Bücher auf dem jetzigen Weg geholfen und helfen weiterhin.

Und ja, auch ich habe erfahren und musste mir eingestehen, vom Opfer zum Täter in meiner eigenen Familie geworden zu sein. Es ist ein gewaltiger, langer Weg. Ich hoffe, dass mir die Stolpersteine der alten Prägungen und kontroversen Glaubenssätze meiner Eltern immer zügiger auffallen werden, ins Bewusstsein rücken, um dann gegensteuern zu können. Eine andere Chance sehe ich nicht.

Und ich komme derzeit oft an meine Grenzen. Zum Beispiel bei meinen Kindern, die Grenzen und Konsequenzen kennenlernen müssen. Das diese nötig sind, sehe ich absolut. Geprägt durch meine Kindheit komme ich jedoch in enorme innere Konflikte bei Konsequenzen oder wenn ich mal laut werden müsste. Ich will ja nicht einen ähnlichen Schaden in ihren kleinen Seelen anrichten wie es meine Eltern bei uns getan haben. Ich musste mir erst mal selbst bewusst werden, dass ich meinen Kindern ein ganz anderes Zuhause in einer Atmosphäre der Geborgenheit, Sicherheit und Anerkennung gebe. Etwas, was ich nicht hatte. In einer überwiegend friedlichen, häuslichen Atmosphäre wirkt ein böses Wort anders als in einer permanent vergifteten. Zumal ich, zumindest mit meinem großen Kind, Unstimmigkeiten auch bespreche und nicht etwas diktiere, ohne dass er zu Wort kommen darf. Aber das musste mir erst mal klar werden.“

Für mich war dies ein Lichtblick: Endlich gab es da einen Menschen, der aus seiner Geschichte und den Geschichten anderer zu lernen schien, dem bewusst geworden ist, wie die Dominokette aus Opfern und Tätern funktioniert, wie enorm das eigene Verhalten die nächste Generation prägen wird, welche Verantwortung man trägt. Auch ihrem Bruder war dies offenbar klar, doch er traf auf Menschen, die weit weg von dieser Erkenntnis waren und den Versuch blockierten, die Weiche umzustellen. Und nein, er war nicht allein Opfer, auch ihn muss man als Täter sehen.

Die schwer zu besiegende Hoffnung

Neben der Frage „An welcher Stelle bist du Täter?“ liegt mir bei Geschichten wie der von Ulrich und seiner Schwester durch das Zuhören bei anderen Geschichten eine zweite Frage auf der Zunge: „Hoffst du trotz allem immer noch auf ein Zeichen von Anerkennung, Zuneigung, Liebe deiner Eltern?“

Im Kapitel „Mama Mia! – Das Märchen von der selbstverständlichen Mutterliebe“ in Teil 1 beschrieb ich Saskia, die mit über 40 noch immer auf ein solches Zeichen hoffte, auch wenn für Außenstehende sehr klar ist: Diese Mutter wird sich niemals verändern.

Genauso bei Robert im Kapitel „Fünf Stunden duschen machen nicht sensibel“ in Teil 2. Seine Eltern schlugen ihn als Kind, weil er nicht gehorchte. Als sich herausstellte, dass er durch eine Masernerkrankung schwerhörig geworden war und gar nicht gehorchen konnte, schoben ihn die Eltern zur Tante ab. Wenn er in sein Elternhaus zurückkehrte, fragte ihn die Mutter: „Was willst du hier?!“ Mit 8 entwickelte sich sein Waschzwang. 40 Jahre und viele Klinikaufenthalte später hielt ihm seine Mutter vor: „Was das die Krankenkasse kostet mit deiner Psychoscheiße … Guck dir Til Schweiger und Brad Pitt an! Die sind DEIN Jahrgang und haben was geleistet in ihrem Leben!“

Und was machte das alles mit Robert? Hasst er diese Frau, die ihm das Leben versaut hat, welches sie ihm niemals schenken wollte? Nein. Er habe keine großen Wünsche, nur einen: Dass seine Mutter ihn ein einziges Mal in die Arme nimmt, drückt und sagt, dass sie ihn lieb hat.

Die Frage an Ulrichs Schwester, ob sie nach wie vor auf ein Zeichen der Zuneigung hofft, war also keine, deren Antwort man vorher schon kennt. Ich ahnte aus der Erfahrung eben mit den Roberts und Saskias dieser Welt, in welche Richtung sie geht. Sie lautete: „Mit der Frage habe ich mich schon befasst, auch Dank der Bücher von Mirriam Prieß. Nein, auch dessen musste ich mir bewusst werden, das werde ich nie bekommen. Das nennt sich bedingungslose Kapitulation. Anzuerkennen, was nie sein wird. Es ist klar. Tut es weh? Ja, immer wieder mal, je nach Situation. Darf es weh tun? Ja, darf es und ich darf es fühlen und annehmen, damit es mich nicht mehr überrennt und niedergemacht. Ich bin jetzt groß ich darf mir das Ich bin gut so wie ich bin selber geben. Ist es schon gefestigt? Nein. Braucht Übung, aber ich komm ganz gut klar damit.“

Ich konnte ihr nur wünschen, dass ihr immer genug Energie bleiben würde, um an der Weiche zu rütteln und die neuen Gleise zu verlegen. Und ich wünschte ihr Therapeuten, die ihr Wissen nicht nur aus dem Studium gewonnen hatten, sondern auch aus eigenem Erleben. Therapeuten, die nicht glauben, dass sie nur den Skills-Koffer öffnen bräuchten und wenn nichts davon hilft, ist der Patient halt Schuld. Neue Schuldgefühle brauchte Ulrichs Schwester am wenigsten.

Vor dem ersten Jahrestag des Todes ihres Bruders hatte sie Respekt: Was würde der Tag mit ihr machen? Von Hanna und aus Geschichten anderer wusste ich, wie herausfordernd diese Jubiläen sein können. Ohne zwei mutmaßliche Narzissten als Eltern hätte sie sich einfach einen schönen oder stinknormalen Tag gemacht, genauso wie ihr Bruder. Doch Narzissten töten. Und sie machen krank. Wer sie in Büchern als von Mauerblümchen heilbare Bad Boys verklärt, richtet ebenfalls Schaden an.


Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch:

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Dieses Buch ist keine philosophische Abhandlung, sondern ein Blick hinter die Gardinen. Wer die Menschen verstehen will, muss ihnen zuhören, sie beobachten. In 18 Stunden verstehst Du die Welt.

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