IV. Von Bad Boys, Taubenzüchtern und Präsidenten

Einige psychische Störungen lassen sich schwer verbergen und sind dadurch nicht allein für den engsten Kreis sichtbar. Das Auf und Ab der Stimmung eines Bipolaren fällt früher oder später dem erweiterten Umfeld auf, siehe die Angestellten von Katis Ex. Auch Panikattacken, Angststörungen, Zwänge und Verfolgungswahn lassen sich nicht immer und dauerhaft unter der Decke halten.

Zwei Persönlichkeitsstörungen fallen für mich aber aus dem Rahmen: Narzissmus und Histrionie, ebenso die infantile Persönlichkeit. Menschen mit diesen Prägungen können wegen ihres Verhaltens für das Umfeld „schräg“ wirken, aber man nimmt es schulterzuckend hin: Hat doch jeder irgend´nen Vogel. Das wirkliche Ausmaß erfahren meist nur Partner, Kinder und eventuell Eltern und Geschwister. Für mich sind diese Prägungen ein großes Puzzleteil beim Lösen der Frage: Warum gehen wir so miteinander um? Warum können wir nicht miteinander diskutieren? Warum erscheint die Gesellschaft gespalten?

30. Die ganze Welt dreht sich um mich – Die Narzissten

Anna Todd wird als Autorin einer sehr erfolgreichen Buchreihe angegeben, in der es um die Liebe zu einem Bad Boy geht. Ob hinter diesen „After …“-Büchern wirklich eine einzelne Frau steckt oder eine Marketinggruppe, die sehr genau weiß, was sich verkaufen lässt, sei dahingestellt. Bei Amazon findet man bei der (angeblichen) Autorin Folgendes:

„Leserfrage: Würdest du gerne eine Beziehung führen wie Tessa und Hardin? Ein Bad Boy mit Tattoos und ein unschuldiges Mädchen?

Antwort: Ja, sehr gerne. Ich glaube, jede junge Frau möchte einen Bad Boy, der sich für sie ändert. Der jeden schlecht behandelt und dem es egal ist, was andere von ihm denken. Mit Ausnahme von ihr.“

Als ich dies las, kippte mein Unterkiefer aufs Laminat hinunter. Bücher über Bad Boys überschwemmten den Markt und tun es wohl immer noch. Offenbar gibt es wirklich die Sehnsucht bei einer lohnenswerten Menge von Frauen, einen Mann zähmen zu können, der zu allen anderen arschig ist: „Nur für MICH zeigt er seine zerbrechliche Seite. Er muss mich wahnsinnig lieben!“

Mit Wahnsinn hat die Liebe zu Bad Boys tatsächlich etwas zu tun: Sie geht wahnsinnig ins Auge. Sollte es Anna Todd wirklich geben, könnte ich ihr mehrere reale Bad Boys vorstellen und sie kann sich in den Beziehungen mit ihnen ihre Gesundheit ruinieren oder sich in den Tod treiben lassen. Wenn ein Mensch alle anderen wie Dreck behandelt, dann ist er durch eine Persönlichkeitsstörung frei von Mitgefühl. Ein Mauerblümchen wird ihn nicht zum Positiven verändern, sondern unter ihm zerquetscht werden. Wer solche Bücher und Interview-Aussagen in die Welt setzt, sollte genau überlegen, was damit in Köpfen angerichtet wird. Wenn Ballerspiele für Amokläufe verantwortlich sind und deshalb verboten werden sollen, dann darf es solche Aussagen und solche Bücher genauso wenig geben.

Aber machen wir es wieder ganz konkret, aus dem realen Leben gegriffen. Eines vorweg: In diesem Kapitel drücke ich mich hin und wieder emotionsgeladener aus als sonst. Aber dieses Thema ist ein Grund dafür, dass dieses Buch den Untertitel „Ein Aufschrei“ trägt.

Nadines Gefängniswärter

Über die Tochter einer Cousine von mir schrieb ich bereits in der Geschichte über Veronika, jener jungen Frau, die sich in ihrer Manie verfolgt gefühlt hatte und vom Roboter-Angriff sprach.

Die Eltern von Nadine trennten sich sechs Jahre nach der Geburt ihres Nachwuchses. Der Vater kümmerte sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr um seine Tochter, hatte genug mit sich selbst zu tun. Die Mutter hat ein mächtiges Alkoholproblem und überließ Nadine beim Heranwachsen weitgehend sich selbst, genauso wie ihre anderen beiden Kinder von unterschiedlichen Vätern. So lernte Nadine, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen kann. Wirkliche Zuneigung von ihren Eltern empfand sie nie und bekam sie nie. Sie war halt da. Punkt. Kinder werden schon von allein groß.

Wie immer hinterließ dies die üblichen Spuren: Das Selbstbewusstsein konnte nie wachsen, Nadine verletzte sich selbst, entwickelte eine Essstörung, war immer am Hadern mit ihren dicken Oberschenkeln, hatte Suizidgedanken, fragte sich mit 16, was das Leben noch bringen soll. Jeder Tag sei ein Kampf – wofür? Sie glaubte in der Öffentlichkeit, dass alle auf sie schauen würden und versuchte, in der Masse unterzugehen oder noch besser diese zu meiden. Mit 18 der erste Freund, doch es hielt nicht lange. In der Zeit der Ausbildung blieb keine Zeit für Männer, so Nadine.

Danach – Nadine war Mitte 20 – fand sich ein Kandidat, doch einerseits war er ihr „zu nett“, andererseits graute ihr davor, ihn mit ins Haus ihrer Mutter und deren neuen Mann mitzunehmen. Die Verhältnisse dort empfand Nadine als nicht wirklich vorzeigbar, gerade bei den Feiern.

Wenig später lernte sie einen Mann kennen, wobei der Begriff „Mann“ an dieser Stelle nur wegen seines Alters verwendet werden kann. „Bubi“ wäre die passendere Bezeichnung. Da sich Nadine selbst immer viel mehr als Kind sieht denn als Erwachsene, passte es. Zumindest vom Alter.

Schnell lag sie an seiner Kette. Schon nach wenigen Wochen sprach er von Heiraten und Kinder kriegen. Mit männlichen Freunden unternahm sie besser nichts mehr – Eifersucht bzw. Kontrollitis ohne Ende. Auch wenn sie mit Freundinnen unterwegs war, kamen Nachfragen, wo sie gerade ist, was sie macht – er sorgte sich ja nur. Um ihn zu beruhigen, postete sie bei Instagram und Facebook Beweisfotos von den seltenen Unternehmungen ohne ihn. Überwachungsanrufe kamen auch mitten in der Nacht. Dieses Einsperren und Überwachen führte immer wieder zu endlosen Streits, bei denen er immer wieder 10 m entfernt vom eigentlichen Thema diskutierte. Immer wieder nächtliche Anrufe, immer wieder „Ich gehe!“ aus dem Mund von Nadine, immer wieder „Ich ändere mich für dich!“ von ihm. Als Nadine auf Arbeit einen neuen Kollegen bekam, gab es neue Diskussionen. Dort konnte ihr Gefängniswärter sie nicht überwachen. Also wäre es doch von Nadine ganz gut, den Arbeitsplatz zu wechseln, so ihr Freund. Das alles schlug ihr immer wieder auf den Magen. Und selbst wenn sie alles machte, was er wollte, damit es keinen Stress geben würde, gab es keine Ruhe.

Wie extrem er sich um seine jeweilige Freundin kümmert, stellte sich neun Monate nach Beginn der Beziehung heraus. Das Leben im Dorf bietet immer wieder die Gelegenheit, sich über andere Menschen schlau zu machen – oder man bekommt per Zufall etwas erzählt. Als ich mit einer Bekannten aus dem Ort über die Beziehung von Nadine sprach, eher beiläufig, schaute sie mich mit großen Augen an: Ihre Tochter war Nadines Vorgängerin. Nach der Trennung erlebte die Tochter ein nicht enden wollendes Stalking mit Wutausbrüchen und tätlichen Angriffen. Er schlich ständig ums Haus, war dort präsent, wo seine Ex auch gerade war. Sowohl für die Tochter als auch für die Mutter waren es Monate des Psychoterrors. Dann kam Nadine – ein Segen für die zwei.

Dies erfuhr ich in einer Phase, in der Nadine ein weiteres Mal die Dauerüberwachung satt hatte und an Trennung dachte. Sie konnte nach neun Monaten im Gefängnis sein Gesicht kaum mehr ertragen, hatte aber auch Angst, wie er auf eine endgültige Trennung reagieren würde.

Ich überlegte, was besser sein würde: Sage ich ihr, wie kaputt dieser „Mann“ ist, damit sie endgültig von ihm wegkommt? Oder verrate ich lieber nicht, wie es nach der Trennung aussehen könnte, damit sie am Ende nicht sagt: „Dann bleibe ich lieber“?

Mit Nadines Mutter brauchte ich nicht sprechen – und wollte ich auch nicht. Sie hatte diesen Mann in die Familie geholt, ihn fest eingebunden als nützliches Arbeitstier und freute sich, dass ihre Mauerblümchen-Tochter nun eeendlich einen Freund hatte. Letztlich war die Mutter die treibende Kraft beim Zustandekommen der Beziehung. Mit Nadines Vater hätte ich ebenfalls nicht reden brauchen.

Nur in ihrer Oma väterlicherseits, also einer meiner Tanten, hatte Nadine einen festen Halt in der Familie. Ihr vertraute sie sich an, holte Rat ein. Dieses Beziehungsdrama ging aber auch an die Nerven meiner Tante, denn sie hatte mit ihrem ersten Mann Ähnliches durch. Heute sagt sie, dass sie mit 20 jung, dumm und mauerblümchenhaft war. Bei ihm hatte sie nichts zu sagen, traute sich auch nicht. In seinen Augen waren alle Weiber (O-Ton) dämlich. Er sagte an, wo es lang geht, legte keinen Wert auf gegensätzliche Meinungen. Er konnte auch handgreiflich werden. All das kam durch die Beziehung von Nadine nun wieder hoch.

Beim gemeinsamen Zahnarzt (um die 60) von Tante und Enkelin schüttete sich meine Tante ihr Herz aus und der Doc zeigte ungewöhnlich deutliches Interesse an der Geschichte, stellte Fragen. Dann kam er mit seinen eigenen Erfahrungen: Sein Vater war ein genauso eifersüchtiger Kontrollfreak wie Nadines Freund und seine Mutter hatte es sich immer wieder gefallen lassen, wollte sich trennen, dann wieder nicht. Er und seine Geschwister verstanden nie, warum sich ihre Mutter diesen Mann antat. „Gott sei dank starb er früh“, sagte er am Ende über seinen Vater.

Ich entschied mich vorerst fürs Schweigen und überlegte, was man ganz konkret machen könnte, sollte Nadine nach einer Trennung gestalkt werden: Anzeige stellen sofort beim ersten Anzeichen von Verfolgung, damit er nicht erst in einen Rausch kommen würde? Die Familie müsste ihm klar machen, dass er alle auf dem Hals haben würde, sollte er Nadine nicht in Ruhe lassen.

Ich schrieb mit Hanna darüber, die mit vielen psychischen Erkrankungen Erfahrungen hatte. Sie schickte mir einen Link zu einem Interview in Stern.TV. Eine Frau erzählte, wie sie jahrelang gestalkt worden war von einem Mann, dem sie nur kurz über den Weg gelaufen war. Er brach in ihr Haus ein, Blut floss, er bekam Bewährung. Im Gerichtsverfahren durfte seine Schizophrenie nicht genannt werden, weil die ärztliche Schweigepflicht nicht aufgehoben worden war.

Zusammen mit dem Erfahrungsbericht von Nadines Vorgängerin war dies wenig ermunternd. Diese Frau bei Stern.TV hatte den Mann angezeigt, sie hatte ein Kontaktverbot erwirkt – es half nichts. Wie machtlos und alleingelassen muss sich ein Opfer unter all diesen Umständen fühlen?

Und wie kommt man dann aus einer solchen Beziehung? Nadines Freund hätte eine neue Freundin finden müssen, damit Nadine unbeschadet aus der Nummer herauskommen hätte können – genau so wurde ihre Vorgängerin den Stalker los. Aber welcher Frau Mitte 20 sollte man einen solchen Menschen auf den Bauch binden?! Und er schien überhaupt nicht der Typ, der von sich aus eine Frau erfolgreich suchen könnte. Sie mussten sich ihm eher aufdrängen oder aufgedrängt werden.

Dann bleibt nur Selbstjustiz, war mein Gedanke. Sobald er anfängt mit dem Stalken, fahren ein paar Kumpels vom Fußball mit ihm in den Wald, nehmen ihm das Handy weg, damit es keine Beweise geben kann, und erklären ihm, dass sein Leben verdammt hart werden könnte, wenn er nicht aufhört. Ein nächtliches Feuer an seinem Auto wäre doch ein Anfang, oder nicht?

Wenn Justiz und Gesellschaft versagen beim Schutz vor Stalkern und man Opfer live erlebt beim Gang durch die Hölle auf Erden, dann kommen einem solche Gedanken. Natürlich kann das nicht die Lösung sein. Aber es kann doch genauso wenig von Opfern verlangt werden, die Telefonnummer regelmäßig zu wechseln und ständig umzuziehen und keinem im Freundeskreis etwas über den aktuellen Wohnort zu verraten, damit diese nicht plappern können?!

Genau das wird aber empfohlen! Auf meiner Suche im Netz „Wie trenne ich mich von einem Stalker“ landete ich auf einer Seite, die ich im ersten Moment für einen Irrweg hielt: umgang-mit-narzissten.de. Statt des Wortes „Stalker“ fielen mir überall die Wörter „Narzisst“ und „Narzissmus“ ins Auge. Ich las Berichte von Menschen, die nach einer Trennung ebenfalls nicht glücklich werden konnten und sie passten erschreckend gut zur Geschichte von Nadines Vorgängerin. Die Ratschläge für die Zeit nach der Trennung von einem Narzissten, der zum Stalking übergegangen ist: Umziehen, Job wechseln, Telefonnummer wechseln, Freunde zum Stillschweigen verdonnern.

Ich las nun auch, was Narzissten sind und einige Merkmale passten absolut zu dem, was ich von Nadines Freund wusste: Narzissten zeigen sich gekränkt und beleidigt bei Kritik. Diese muss bekämpft werden – und der Kritiker am besten gleich mit. Narzissten erniedrigen andere – und wenn es die eigene Freundin ist. Narzissten können keine positive Empathie empfinden. Ja, sie können unheimlich gut die Schwächen der anderen erkennen und sie gnadenlos ausnutzen. In dem Sinne haben sie ein unglaublich gutes Einfühlungsvermögen – aber kein positives, welches ihnen Mitgefühl abverlangen könnte. Zugang zu echten Gefühlen, wie man sie normalerweise erwartet, haben sie äußerst selten. Ja, sie können Mitgefühl empfinden – aber nur für sich selbst. Emotionen müssen sie mangels echter Gefühle vortäuschen. Narzissten stellen sich taub, nicht zuletzt gegenüber Meinungen anderer. Viel lieber reden sie, denn sie wissen ja alles. Sie behandeln andere Menschen, als wären sie ihr Eigentum – siehe das Gefängnis für Nadine und ihre Vorgängerin. SIE bestimmen, wo es langgeht, müssen alles kontrollieren – „Wo bist du? Was machst du gerade?“ Sie können keine eigenen Fehler eingestehen und sich damit auch nicht entschuldigen. Schuld sind immer die anderen. Wenn sie es doch tun sollten, dann aus Berechnung.

Ob noch andere Merkmale zutrafen wie das Hinterlassen eines positiven Eindrucks bei anderen und die große Beliebtheit konnte ich nicht sagen, dazu wusste ich aus diesem Bereich zu wenig über ihn. Die Mutter von Nadines Vorgängerin hatte mir gesagt, er mache bei jedem Scheiß mit und komme dadurch immer wieder in Schwierigkeiten.

Ich las weiter: Warum wird ein Mensch zum Narzissten? Die Antwort dürfte inzwischen wenig überraschen: Entweder wurde man als Kind übermäßig behütet oder links liegengelassen. Beides muss nicht zwangsläufig in Narzissmus enden, es gibt noch genug andere Persönlichkeitsstörungen, die sich entwickeln können. Nur eines ist gewiss: Der Schaden bleibt und ist so gut wie nicht wiedergutzumachen.

Warum war Nadines Freund zu einem solchen Menschen geworden? Natürlich musste auch bei ihm der Blick ins Elternhaus gehen. „Meine Mutter ist gestorben, als ich ein Baby war“, hatte er Nadines Vorgängerin gesagt. „Meine Mutter hat uns verlassen, als ich zwei war“, erklärte er Nadine, „Voriges Jahr hat sie gefragt, ob wir uns treffen wollen. Ich hab abgelehnt.“

Das hätte er aber machen sollen, dachte ich, damit er erfährt, warum sie ging. Gerade von der Mutter verlassen zu werden, hinterlässt sicher Spuren. Es könnte eine Erklärung sein für seine Verlustängste in Beziehungen, von denen er gern spricht. Vielleicht hatte sie gemerkt, dass sie keine gute Mutter sein würde und wollte ihren Sohn mit dem Weggehen schützen.

Doch diese Gedanken waren alle Käse. In Wirklichkeit, so erfuhr ich später, lebte die Mutter die ganze Zeit mit im Haus, zwar in einer eigenen Wohnung, kümmerte sich aber um ihren Sohn, wenn der Vater auf Montage war. „Das ist meine Stiefmutter“, hatte er seiner Ex gesagt. Er war nicht nur ein Stalker, sondern auch ein Lügner – oder eben einer, der andere unglaublich gut manipulieren kann. Mehr erfuhr ich nicht über die Mutter.

Zu seinem Vater schien er immer ein gutes Verhältnis zu haben. Laut der Ex hatten er und die Schwester alles für den Sohn/Bruder getan, womit man an das Überbehütete denken kann. Und der Vater war nicht blind. Als sich Nadine nun endgültig trennen wollte und ihr Freund sich bei Schwester und Vater ausheulte, entgegnete dieser: „Na ist doch kein Wunder, so wie du jede Freundin behandelst!“

Diese Behandlung hatte Nadine nun abermals satt, neun Monate nach Antritt ihrer „Haftstrafe“, sprich Beginn der Beziehung. Wieder hatte es im Haus ihrer Mutter, wo Nadine und ihr Freund ab und zu die Wochenenden verbrachten, die halbe Nacht lang Diskussionen gegeben, wieder ging ihr Freund/Gefängniswärter nicht auf Argumente ein, sondern wich 10 Meter vom Thema ab. Selbst der Mutter, die diesen „Mann“ ins Haus geholt hatte, um ihn Nadine aufs Auge zu drücken, platzte im Suff der Kragen: „Hör auf, so mit meiner Tochter zu reden!“

Nadines jüngerer Bruder hing allerdings an deren Freund und für sie war es schwierig, diese Bezugsperson nun aus dem Leben ihres Bruders zu streichen. Um ihn kümmerte sich die Mutter genauso wenig wie einst um Nadine. Und diese hatte Angst, nun wieder allein zu sein, nicht mehr raus zu kommen. Bis vor neun Monaten war das alles kein Problem, da ging es ohne ihn. Nur war Freundin Veronika gerade voll in der Manie und die andere Freundin in Nadines Wohnort hatte einen neuen Freund und entsprechend weniger Zeit. Nein, einfach war das alles nicht.

Und so beruhigte sich die Lage – mal wieder. Nur heißt das Verdrängen von Schwierigkeiten nicht, dass sie aus der Welt sind. Natürlich änderte sich am grundsätzlichen Problem nichts: Nadine blieb die Gefangene.

Zwei Monate später platzte ihr der Kragen – mal wieder. Nach einem weiteren Streit mit ihrem Freund im Haus ihrer Mutter am Wochenende ließ sie sich von einem Kumpel in ihre Wohnung fahren, 40 km entfernt. Anlass für diesen Streit war, dass Nadine zwei Tage zuvor einer Freundin beim Streichen ihrer Wohnung geholfen hatte. Mit einem Kumpel holte Nadine kurz Farbe aus dem Baumarkt. Als ihr Freund das mitbekam, entstand die nächste große Diskussion, die Nadine zur tränenreichen Flucht veranlasste.

„Ich mach Schluss“, schrieb sie ihrer Oma. Diese wusste von Nadines Selbstverletzungen und Suizidgedanken und hatte nun Angst, dass dieses Schluss machen auf das Leben ihrer Enkelin bezogen war. Also rief sie an, Nadine war in Tränen aufgelöst. Sie mache Schluss mit der Beziehung, stellte sie klar. Oma und Enkelin waren mit den Nerven am Anschlag. Oma trichterte Nadine ein, sie solle sofort die Polizei rufen, wenn der Freund vor ihrer Wohnung auftauchen und Terror machen sollte. Darüber hatten wir zuvor gesprochen.

An diesem Samstag blieb es ruhig – doch das nächste Kapitel kündigte sich an. Der Freund wollte Sonntag zu Nadine kommen: „Wir müssen reden.“ Mal wieder. Nadine antwortete, sie brauche Zeit, er solle erst in der Woche kommen. Bei Facebook postete der Gefängniswärter, wie sehr er seine Freundin liebe – mir kam das Kotzen. Und zusammen mit meiner Tante beschlich mich das Gefühl, dass Nadine wieder keinen endgültigen Schlussstrich ziehen würde. Wozu Bedenkzeit?

Auch zum gesundheitlichen Wohl meiner Tante schrieb ich nun doch an Nadine in der Hoffnung, ihr bei der Entscheidung helfen und ihr Sicherheit für die Zeit nach der Trennung geben zu können. In den Wochen zuvor hatte ich andere Narzissten erlebt, die ich in den nächsten Geschichten schildern werde. Ich hatte also genug sehr anschauliche Beispiele, um zeigen zu können, dass Narzissten Gift sind für eine Beziehung und für die Gesundheit des Partners. Auf drei A4-Seiten beschrieb ich ihr diese Fälle und die Folgen, inklusive Krebserkrankungen. Ich versuchte auch einen Brückenschlag zu ihrer bipolaren Freundin Veronika. Bei ihr sind es die Hormone, die sie zeitweise zu einem Menschen machen, mit dem man einfach nicht normal reden könne durch die Erkrankung. Bei ihrem Freund ist der Narzissmus die Krankheit. Für diese könne er genauso wenig wie Veronika für ihre, aber das Ergebnis ist gleich: Auch von einem Narzissten darf man nicht erwarten, dass er „Herr seiner Sinne“ ist und sich dank Vernunft ändert.

Vom Stalking gegenüber ihrer Vorgängerin schrieb ich nichts. Dies erschien mir zu riskant. Stattdessen gab ich ihr Hinweise, wie sie sich nach der Trennung verhalten müsste: kein Kontakt mehr, ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Sollte er sie nicht in Ruhe lassen, solle sie uns dies mitteilen. Er müsse merken, dass er sich mit der Familie anlegt, wenn er Nadine belästigt.

Nadine antwortete mir, dass meine Mail nicht nötig gewesen wäre, dankte mir und schrieb, dass sie machen werde, was das Beste für sie sei – und sie wolle auf ihr Herz hören.

„Du musst auf dein Herz hören“ – wie ich diesen Satz liebe. Genau solche Klischee-Sätze findet man in all diesen Büchern über als Bad Boys getarnte Narzissten, die nur auf das richtige Mauerblümchen warten. Leidtragende sind reale Menschen, die meist schon genug in ihrem Leben durchmachen mussten, aber an so etwas glauben. Wer immer diese schwachsinnigen Bücher schreibt und veröffentlicht, sollte gezwungen werden, mit einem solchen Bad Boy Zeit zu verbringen.

Nadines realer Bad Boy ließ ihr überraschend Zeit. Währenddessen unterhielt sich meine Tante beim Bäcker mit der Verkäuferin über das Drama – Dorf eben – und wurde wie schon beim Zahnarzt sehr gut verstanden: Die Tochter der Verkäuferin hatte eine Beziehung hinter sich mit einem Mann, der genauso kontrollierend war wie Nadines Freund. Sie waren überall. Die Tochter konnte sich lösen und war nun in einer deutlich angenehmeren Beziehung.

Und plötzlich öffnete sich auch für Nadine die Tür ihrer Gefängniszelle: Ihr Freund machte Schluss! Vier Tage nachdem sie von ihm geflüchtet war, erschien er zu jenem Gespräch, um das er gebeten hatte. Er holte sie von der Arbeit ab, sie wollten essen gehen und reden. In ihre Wohnung wollte Nadine ihn nicht mehr lassen.

Im Auto fragte er: „Wer hat dich denn nun am Samstag gefahren? Du kannst es mir ruhig sagen. Sags mir ruhig, kannst es mir verraten.“

Nadine hatte zunächst gesagt, eine Freundin habe sie gefahren, damit er nicht gleich wieder am Rad drehen würde. Als er nun so bohrte, sagte sie: „Ein Kumpel wars, wolltest du ja hören.“

Er schien es gelassen zu nehmen: „Na dann hast du mich ja wieder belogen, dann ist ja alles klar. Dann können wir ja Schluss machen.“

Statt zum Restaurant fuhr er sie direkt zu ihrem Wohnblock, gab ihr den zweiten Wohnungsschlüssel und verschwand nach Hause.

Ja, es wirkte völlig seltsam. Der Mann, der wenige Tage zuvor erneut durchgedreht war, weil seine Freundin mit einem anderen Mann Farbe einkaufen war, der bei Facebook „Ich liebe dich“ nebst „Ein Kompliment“ von Sportfreunde Stiller gepostet hatte, ließ sie jetzt plötzlich gehen?!

Die Theorien waren: Er hatte eine andere und konnte jetzt Nadine die Schuld für die Trennung geben. Das hätte absolut ins Bild des Narzissten gepasst, der nie an etwas Schuld hat. In diesem Fall wäre es kein Problem gewesen, Hauptsache, er war weg. Oder ihm wurde die Fahrerei zu viel bzw. zu teuer – er hatte zu der Zeit keinen Job.

Wie reagierte Nadine auf die Trennung? Mit Erleichterung? Sie sagte ihrer Oma am Telefon, dass sie ihn doch eigentlich noch mag. Meine Tante hielt ihr vor Augen, was sie alles bei ihm NICHT hatte und gern von einem Partner haben möchte. Sie zählte all das auf, worüber sich Nadine in den Monaten zuvor beschwert hatte: „Er geht nicht mit wandern, jammert nach einem Kilometer, ob sie nicht wieder nach Hause gehen können. Das Sofa ist nur für Sex da, kuscheln gibt es nicht. Ich hab keine Freiheiten. Er ist dauernd eifersüchtig. Das endlose, sinnlose Diskutieren. Ich kann sein Gesicht nicht mehr sehen.“ Und so weiter.

Nadines Reaktion war überhaupt nicht das, was meine Tante und ich uns erhofft hatten. Da war sie diesen Menschen endlich losgeworden, ohne dass er sie stalken würde – und Nadine trauerte. Unsere Angst war, dass er sofort wieder bei Nadine auf der Schwelle stehen würde, falls er tatsächlich eine Neue hätte, aber diese Beziehung schnell wieder Geschichte wäre. Für den Fall wäre sie ein leichtes erneutes Opfer gewesen, so schien es. Und bei einer erneuten Trennung durch Nadine könnte es dann doch noch das komplette Stalking-Programm geben. Wir konnten nur hoffen, dass sie ihn nun blocken würde, damit es gar nicht erst zu weiterem Kontakt kommen konnte.

Am nächsten Tag, einem Feiertag laut Kalender, wollte ihr Nun-Ex seine Sachen aus Nadines Wohnung holen. Auf dem gesamten Hinweg fragte er per Sprachnachrichten, was denn nun so mit dem Kumpel passiert sei auf der Fahrt in die Wohnung am Samstag, ob sie ihn angefasst hatte oder er sie usw. Sie ging nicht darauf ein.

Nachdem sie ihm sein Zeug übergeben und er den Wohnblock verlassen hatte, klingelte er unten, sie ließ ihn nicht rein, aber er schlüpfte wohl mit einem Bewohner hinein. Nun klingelte er ständig an Nadines Tür, schrieb Nachrichten übers Handy, klopfte. Nadine telefonierte gleichzeitig mit ihrer Oma, die das alles mitbekam. Beide hatten Angst. Nadine heulte, legte irgendwann auf und ließ ihn doch noch rein, machte klare Ansage, dass es aus ist. Er ging wieder, aber er wolle nicht akzeptieren, dass sie ihn gehen lässt. Also hatte er am Tag zuvor doch nur gepokert.

Vor der Tür kehrte Ruhe ein, doch in der Wohnung heulte Nadine. Ihre Wohnung war sehr klein. Wenn man nicht weiß, ob man raus kann oder jemand davor lauert, bekommt eine solche Wohnung etwas von einer Gefängniszelle.

Erst jetzt erzählte Nadine ihrer Oma, dass ihr Freund am Abend zuvor noch einmal dagewesen war. Doch Nadine hatte eine Flasche Wein intus und offenbar kam er damit beim Diskutieren nicht klar und verschwand.

Sie hatte in der Zwischenzeit auch einen Anruf ihrer Mutter bekommen. Diese berichtete, dass Nadines Freund, der von der Mutter ja ins Haus geholt worden war als potentieller Heiratskandidat, sie am Vortag rundgemacht hätte, also an dem Tag, an dem der Freund mit Nadine Schluss gemacht hatte. Sie, die Mutter, habe ihn ja auch angelogen, so sein Vorwurf. Nadine hatte ihre Mutter tatsächlich gebeten, von einer Freundin zu sprechen, wenn es um denjenigen gehen würde, der sie Samstag in die Wohnung gefahren hatte.

Ich fand es von dem Freund verdammt mutig, sich mit der Mutter anzulegen. Gerade wenn diese getrunken hat, willst du sie nicht als Gegnerin. Aber dies war gut für Nadine, denn nun könnte ihr Wohl-nicht-mehr-Freund die Familie gegen sich haben und er wäre nicht mehr willkommen.

Der Ex war also raus aus der Wohnung, Nadine heulte, mit den Nerven nun endgültig am Ende, Trost bei ihrer Oma am Telefon suchend.

Sie wurden unterbrochen von einem Anruf von Nadines älterem Bruder: „Du deckst die Affäre zwischen deinem Freund und meiner Freundin! Er ist jetzt gar nicht bei dir gewesen, er ist bestimmt mit meiner Freundin unterwegs und du deckst das auch noch!“

An der Stelle wurde es endgültig verrückt. Nadine wollte auf die Fragen ihres Bruder, was denn los sei, nicht sonderlich detailliert antworten, was bei ihm vermutlich noch mehr Misstrauen entstehen ließ. Auch er machte seine Mutter rund, warum blieb offen, wohl auch wegen seiner Freundin und der angeblichen Affäre. Ja, er war genauso krankhaft kontrollsüchtig wie Nadines Ex. Und er hatte wohl wieder einen im Tee. Wie seine Mutter rastet er im Suff regelmäßig aus. Dann will er auch wütend seinen Vater zur Rede stellen, der sich nie um ihn gekümmert hatte.

Nadine versuchte, sich irgendwie runterzufahren, lud für den Abend eine Freundin ein. Diese hörte sich alles an und sagte, es müsse ja erst einmal wieder Ruhe reinkommen, bevor man über eine Chance sprechen kann, um die der Wohl-bald-nicht-mehr-Ex am Nachmittag per SMS gebeten hatte.

An der Freundin zeigt sich, wie enorm wichtig es ist, über Persönlichkeitsstörungen aufzuklären. Man empfiehlt niemandem, einem solchen Narzissten eine weitere Chance zu geben. Aber wenn man nicht weiß, dass es Narzissten gibt und dass bei ihnen selbst Psychologen nur sehr selten etwas ausrichten können, dann kommen eben solche Ratschläge zustande. Sie beruhen auf dem Irrglauben, dass Menschen sich ändern können, aus Fehlern lernen. Nur funktioniert das bei einer tiefsitzenden Störung nicht – und auch abseits davon nur selten.

Und natürlich ist auch bei Nadine durch die fehlende Zuneigung ihrer Eltern viel an ihrer Psyche kaputtgegangen. Ganz sicher kann man auch sie in eine der vielen Persönlichkeitsstörungen einordnen. Ich las mir noch einmal einige Beiträge in ihrem Blog durch, den sie mit 15 begonnen hatte, fand Sätze, die klangen wie: „Ich brauche den Schmerz als Zeichen, dass ich lebe.“ Bezogen waren die Sätze auf ihre Selbstverletzungen. Aber in mir stieg die Frage auf, ob man auch solche enorm schmerzhaften Beziehungen auf sich nehmen kann als Beweis, dass man lebt. Die Vorstellung fand ich beängstigend.

Zwei Wochen nach der Eskalation, dem Hämmern an der Tür, den Tränen, dem „Du lügst mich ja wieder an!“, dem „Es ist Schluss“ sah ich ein neues Bild auf Nadines Instagram-Account. Auf ihm küsste sie freudig lächelnd ihren Nun-nicht-mehr-Ex auf die Stirn, während er gelangweilt dasaß. In der Mitte des Bildes prangte ein Herz und das Wort „Love“. Unter das Bild hatte sie Hashtags gesetzt: #mylove, #fightforyourlove, #neubeginn.

Ja, man muss eben für seine Liebe kämpfen. Auch das lehren uns die Bücher über Bad Boys. Irgendwann erntest du die Früchte, du musst nur lange genug kämpfen und aushalten. Dann behandelt er nur noch die anderen wie Scheiße.

Wenn Sätze wie „Aber ich liebe dich doch!“ auf ein nicht vorhandenes Ego treffen, passieren solche Geschichten. Für meine Tante war dieses „Liebes“-Comeback sehr schwer zu verkraften. Als es sich anbot, erzählte sie Nadine, dass ihr Nun-doch-wieder-Freund seine Mutter gegenüber der Ex für tot erklärt hatte. Nadine staunte. Und das wars.

Weitere Fotos bei Instagram folgten. Dabei fiel etwas auf: Immer küsste sie ihn freudig lächelnd und immer sah er völlig desinteressiert aus. Man hätte meinen können, dass SIE IHN als Trophäe präsentieren wollte und ihm ging Nadine am Allerwertesten vorbei.

Meine Tante konnte die Bilder, die im Wochentakt erschienen, nicht mehr sehen – in ihrer Fotosammlung befindet sich ein sehr ähnliches Bild. Auch sie klebt darauf an ihrem damaligen Freund, während er sie ignoriert. Sie sah ihre Enkelin in das gleiche Elend rauschen, welches sie selbst 20 Jahre mit diesem Mann durchlitten hatte. Sie hatte alles versucht, um Nadine die Augen zu öffnen – ohne Erfolg. Was sollte sie noch machen? Sie wollte von nun an nichts mehr über die Beziehung erfahren.

Und auch ich gab den Kampf auf. Dieser „Mann“ hatte Nadine eingesperrt, er hatte ihr Wunden verpasst, sie mehrfach zum Heulen gebracht, ihr Angst gemacht, er hatte gelogen, er hatte sie verhört, er hatte ihr misstraut, er machte immer wieder leere Versprechen, sie konnte ihn nicht mehr ertragen, fand so vieles an ihm überhaupt nicht liebenswert, wusste inzwischen, wie er seine Ex gestalkt hatte – und dennoch ließ sie ihn zurück in ihr Leben, sprach in ihren Bildunterschriften bei Instagram von Liebe und „seinem Mädchen“.

Kinder müssen sich an der Herdplatte verbrennen, um zu verstehen, was sich hinter dem Wort „heiß“ verbirgt. Und offenbar müssen die „Erwachsenen“ auch immer erst auf die eigene Nase fallen, um zu merken, dass ein Mensch mit derartigem Verhalten sich nicht ändern kann. Aus Fehlern anderer lernen wir sehr selten.

Zwei Monate nach der Wiedervereinigung von Nadine mit ihrem Freund postete sie wieder ein Bild, auf dem sie ihn küsste und er völlig unbeteiligt aussah. Darunter schrieb sie: „Ich dachte immer, ich hätte keine Liebe verdient. Ich hätte nie geglaubt, dass man mich lieben kann. Doch durch dich weiß ich, dass man es kann. Ich habe es dir nicht leicht gemacht und wir haben gestritten. Aber ich habe die Hoffnung für uns nie aufgegeben. Ich liebe dich.“

Ja, das tat weh. Gerade mit dem Wissen, dass Narzissten nur sich selbst lieben können, waren diese Sätze ein heftiger Tiefschlag. Klar kann man fragen, wie unendlich blind Nadine nun war – „Wie kann man nur?!“ Aber das kann man jeden bisher in diesem Buch beschriebenen Menschen fragen. Wie kann die missbrauchte Janina glauben, sie hätte nicht einmal den Tod verdient, obwohl sie überhaupt nichts falsch gemacht hatte? Wieso verheimlicht Anja ihrem Mann nach 30 Jahren Beziehung noch immer, dass ihr Vater Alkoholiker ist? Wieso geht die Nachbarin eine Beziehung nach der anderen ein? Wie konnte sich über Jahre in Nadine die absurde Idee entwickeln, keine Liebe verdient zu haben?

Auf jede dieser Fragen gibt es eine Antwort, die etwas mit dem Elternhaus und dem Ego zu tun hat. Nadines Sätze waren das Armutszeugnis für die ganze Familie: Sie hatte nie das Gefühl bekommen, in dieser Welt willkommen, anerkannt, geliebt zu sein. Wir hatten versagt.

Was wir hätten anders machen müssen? Realistisch gesehen wäre nur eines geblieben, was wir auch immer wieder für ihren jüngeren Bruder überlegt hatten: Sie hätte raus aus diesem Elternhaus gemusst und in einer Familie aufwachsen sollen, die nicht kaputt ist. Die beste Oma oder der väterlichste Opa können nicht das auffangen, was Vater und/oder Mutter zerstören. Oma und Opa können Halt bieten, aber das Wachsen und Pflegen des Egos ist nach meinen Erfahrungen immer Aufgabe der Eltern. Sie sind – normalerweise – am dichtesten dran, fast rund um die Uhr. Sie prägen – im guten wie im schlechten. Aber um des lieben Familienfriedens willen hält man die Füße still und so furchtbar sich auch Elternteile verhalten können, ist da immer eine enorme Bindung des Kindes zu Vater oder Mutter. Will man diese zerstören, zum langfristigen Wohl des Kindes?

Zum zweiten Jahrestag der Beziehung schrieb Nadine bei Instagram, es habe viele Höhen und Tiefen gegeben – und trotz aller Unterschiede fänden sie immer wieder zusammen. Die vielen Streitereien gebe es ja in vielen Beziehungen. So wie er ihre Launen ertrage, ertrage sie seine Eifersüchteleien. „So sind wir eben. Und wir halten zusammen!“ Sie glaube noch immer an ihre Liebe und werde diesen Glauben nie aufgeben, trotz der Unterschiede. Er sei die Sonne und sie der Mond, er sei das Licht und sie der Schatten.

Ich las dies kurz bevor ich mich mittags hundemüde hinlegen wollte. Aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Die große innere Unruhe ließ sich auch nicht durch einen einstündigen Spaziergang glätten. Mir gingen dabei auch Kommentare zu Nadines Post nicht aus dem Kopf, die mich so wie ihr eigener Text wütend machten und verzweifeln ließen: „Wunderbarer Text, Schatz. Ihr gehört einfach zusammen“, kam von einer Freundin. „Ich gönne es euch so sehr“, schrieb ihr älterer Bruder, der eigentlich wissen hätte müssen, was sich immer wieder abspielte. „So toll geschrieben. Genau das macht eine Beziehung aus. Wir lernen aus den Tiefen und nehmen es zum Anlass, uns zu verbessern. So haben wir nun 5 Jahre geschafft“, schrieb eine andere Freundin bezogen auf deren Beziehung.

Zwei Tage vor diesem Post zum Jahrestag hatte ich Nadines Beziehungsgeschichte für dieses Buch zusammengetragen, die Erinnerungen waren dadurch wieder sehr frisch. Jene, die ihre Kommentare unter den Beitrag gepostet hatten, mochten ahnungslos sein, was sich ganz konkret abgespielt hatte. Dennoch hätten sie mir nicht über den Weg laufen dürfen in diesen Stunden. Meine sonst sehr diplomatische Art wäre schwer zu finden gewesen. Der Drang, Augen zu öffnen, war extrem groß.

Und so verewigte auch ich mich unter dem Bild, es musste einfach raus. Wichtig war dabei, Nadine nicht in ihrem ewigen Gefühl zu bestätigen, sie sei einfach zu dumm. Daran lag es ja auch nicht. In den Fängen von Narzissten zu sein hat nichts mit Intelligenz zu tun.

Also schrieb ich: „Du bist weder ein Schatten noch der Mond. Du hättest es verdient, mit einem Mann zu leben, der weder seine Ex massiv gestalkt hat, noch dich einsperrt, dich als fremdgehende Lügnerin hinstellt und dich mehrfach zum Heulen gebracht hat. Ein Narzisst liebt nur sich. Leider haben wir als Familie versagt, dir schon als Kind zu zeigen, dass du Zuneigung und Liebe verdienst. Jetzt liegt das Kind im Brunnen und scheint nicht mehr zu retten. Es tut weh, das anzusehen. Mach dich bitte nicht so runter, du hast Besseres verdient.“

Stunden später hatte sie diesen Kommentar gelöscht.

Das einzig Beruhigende, was ich in der Beziehung von Nadine zu diesem Zeitpunkt sehen konnte, war die Tatsache, dass sie noch keinerlei Kinderwunsch verspürte. Nach all den anderen Geschichten sah ich nicht den Hauch einer Chance, dass ein Kind zwischen diesen Eltern mit einem gesunden Ego aufwachsen könnte. Das nächste Opfer wäre vorprogrammiert – und damit auch der nächste Täter. Es blieb nur zu hoffen, dass sämtliche Verhütungsmittel ihren Job verrichten würden, bis es doch noch ein Ende dieser beiderseitigen Abhängigkeit geben würde.

Ein Jahr später, kurz vor Veröffentlichtung des Buches : Nadine will ein Kind mit ihrem Gefängniswärter.

Richard – Teil 1

Eine Beziehung von Elisabeth alias Miss Sonnenschein hatte ich nur kurz angerissen, weil sie viel besser in dieses Kapitel hier passt.

Anfang 2018 lernte sie online Richard kennen, 45 Jahre alt, knapp 2 Meter groß, schlank, sanftmütiges Gesicht, leicht melancholischer Blick, Fahrlehrer vor allem für angehende Bus- und LKW-Fahrer. In seinem kleinen Haus auf dem Land züchtet er Tauben – für Elisabeth ein Traum, diese Lage im Grünen, so etwas ist genau ihres.

Zwei Tage hatte sie zuvor geheult, weil ihr endgültig klar geworden war, dass es mit Dietmar nichts mehr werden würde. Er war der bis dahin einzige Kandidat, den man unter „vernünftig“ und „passend“ einsortieren konnte. Er kam mit den Kindern bestens klar, sie fanden in ihm einen guten Ersatzvater für den versagenden echten Vater, nur wurde ihm die Nähe zu erdrückend.

Nach den beiden Tränen-Tagen schrieb sie sich zunächst mit Richard, noch am gleichen Tag telefonierten sie lange, am nächsten Tag trafen sie sich, er krabbelte sie mutig an, es gab viel Platz für Romantik (O-Ton Elisabeth) und sie landeten im Bett.

„Bloß keine Zeit verlieren“, kommentierte ich, ließ das Augen verdrehende Smiley weg.

Ja, dieses „Ich bin zu schnell zu haben“ sei ihr in dem Moment völlig egal gewesen. Sollte nun mehr passieren, wäre es toll. Wenn nicht, könne sie es eh nicht mehr ändern. Dann hätte sie eben die Nacht der Nächte gehabt, in der sie so was von genießen und sich irre fallen lassen konnte (O-Ton).

Eine Frau wie Elisabeth, die sehr viel verdrängt und die zwei Tage lang heult wegen der unerreichbaren Liebe zu Dietmar, steigt am Tag darauf mit einem anderen ins Bett. Es bräuchte einen Profi-Psychologen, um daraus schlau zu werden.

Ihren Überschwang beim Erzählen über dieses Date und Richards Lebensstil konnte ich nicht wirklich teilen. Für sie schienen die Tränen der Enttäuschung und das Date mit den beschriebenen Folgen überhaupt nichts miteinander zu tun zu haben. Ich spielte mit, zeigte mich artig interessiert.

Als sie drei Tage später von seinem Wunsch berichtete, dass sie mit den Kindern zu ihm kommen könnte und sie ernsthaft überlegte, wurde mein Augenverdrehen stärker. Ich hatte schon zwei, drei Mal mit ihr geschrieben, dass man Kinder bei neuen Bekanntschaften besser erst einmal für ein paar Wochen bis Monate raushalten sollte wenn möglich. Ich erlebte dies bei Katharina und fand es nicht gut für die Kinder, wenn aller paar Wochen ein neuer Mann auftauchte. Wenn die Kinder eine Bindung bekommen und es dann aus ist, kann das Folgen haben. Oder man setzt die Beziehung wegen dieser Bindung fort, ist selbst aber nicht glücklich. Auch das hatte Katharina erlebt.

Elisabeth schrieb, dass sie mindestens noch ein Date abwarten wolle mit dem Einbinden der Kinder. Wow, das nannte ich Kompromiss. Wenn eine Beziehung so explosiv beginnt, ist oft auch das Feuer ziemlich schnell wieder aus. Aber das interessierte sie alles wenig, sie war einmal mehr in ihrem verdrängenden Alles-ist-super-Tunnel. Immerhin zeigte sie sich verwirrt über seine Schnelligkeit.

Die Kinder blieben beim nächsten Treffen beim Vater. Wieder tauchte Elisabeth ab ins pralle Landleben, blieb eine Nacht länger als geplant. Sie redeten nicht über die Zukunft, „wir nehmen beide, was kommt und genießen es. Keine Planerei, nichts.“ Es sei so irre viel Anziehendes, sie könnten gut reden und schweigen. Tja und im Bett erst … Er integriere sie voll in sein Leben, sie lernte viele Freunde kennen.

Ich schrieb von einem durch und durch geglückten Ablenkungsmanöver bezüglich Dietmar, was sie aber nicht so recht wahrhaben wollte. Es falle ihr nicht mehr schwer, Dietmar nicht mehr anzurufen. Welch Überraschung. Ich wurde in der Wortwahl sehr deutlich und explizit – „erst Tränen, dann vögeln und das soll kein Ablenkungsmanöver sein?!“ Ihren Verdrängungsmodus kannte ich inzwischen bestens und wusste, dass dieser höchstens mit Dynamit bearbeitet werden kann.

Sie mochte das Wort „vögeln“ für diese Geschichte überhaupt nicht, es sei stimmiger und ausgewogener Sex, den man so nicht mit jedem hat, da müsse es schon passen. Als ich nur mit „Na klar“ antwortete, fragte sie nach, ob ich gerade genervt sei. Nicht doch. Das alles war völlig normal in der Welt der Miss Sonnenschein.

Ihr schien die Sonne voll ins Gesicht und machte sie blind. Als ihr wirklich geliebter Dietmar nach dem „Deine Nähe erdrückt mich“-Aus angekommen war mit einem „Wäre Freundschaft plus möglich?“, hatte sie abgelehnt. Die Beziehung mit Richard, die vorerst zu überhaupt nichts führen sollte und damit auch Freundschaft-plus-Niveau hatte, war in Ordnung: „Dieses Unverbindliche, das Nicht offiziell zusammen sein macht es sehr locker und unverkrampft. So was von offen, wie er und ich da sind – es passt wirklich zu 100%.“

Als ich ihr den Freundschaft-Plus-Vergleich vor die Nase hielt, entgegnete sie, dass Dietmar sie aufs Abstellgleis geschoben hatte. Bei Richard könne sie wieder selbst handeln. Sie verstehe, dass das von außen komisch aussehen würde. Dieser Satz sollte sich noch mehrfach wiederholen.

Ich sagte nichts mehr, mir fiel nichts Nettes ein. Sie kündigte an, mich nicht mehr mit dieser Beziehung zu nerven: „Ich merke deutlich, dass das Ganze außerhalb deines Interesses liegt.“

Noch einmal versuchte ich ihr klarzumachen, dass es nicht um Richard an sich geht, sondern diesen schlagartigen Umschwung. Auch dafür hatte sie eine Antwort: „Ich hab Monate gebraucht, um von Dietmar loszukommen. Das fühlte sich wie Blei an. Alle Dates danach waren nur, um mich abzulenken. Ich hab mich oft selbst nicht wiedererkannt. So zu hängen an jemanden, der einen nicht will. Klar ist das mit Richard ziemlich verrückt gestartet. Aber ich will da nichts deuten oder werten. Ich will einfach erleben, was passiert und auch nichts planen. Nenne es Freundschaft plus, keine Ahnung, ich mag die Bezeichnung nicht.“

Ich zählte ihr jene Beispiele auf, in denen ich in den zwei Jahren zuvor ihre Verdrängung zu bemerken glaubte. Immer wieder schien es eine Flucht vor der Realität und teils auch vor der Verantwortung den Kindern gegenüber zu geben. Es ging nicht nur um Männergeschichten.

Sie wusste nicht so recht etwas damit anzufangen, erklärte, dass sie trotz des heftigen Beginns noch rational sein könne, dass sie keine 20 mehr und vorsichtig mit sich selbst sei, auch wenn es nicht so wirken sollte.

Elisabeth schrieb in der Folge nur noch sporadisch über Richard. Einen Monat nach dem ersten Treffen fragte ihre Tochter, ob sie Richard fallenlassen würde, wenn Dietmar um sie kämpfen würde. Elisabeth sagte schnell und klar: „Nein.“

Fünf Tage später fuhr Elisabeth aus der Haut – wegen sich selbst: „Ich denke nur an mich, Herrgott. Ich kann mit solchen Leuten selbst ganz wenig anfangen und jetzt bin ich selbst so.“ Sie hatte bemerkt, dass sie den Geburtstag von Dietmar 6 Tage zuvor übergangen hatte – und meinen 11 Tage zuvor ebenso. Ich fand es eher lustig, weil es mir bewies, wie weit weg sie dank Richard von der wirklichen Welt war.

Zwei Monate nach Beginn der Beziehung glaubte ich dank Elisabeths seltenen Wasserstandsmeldungen, dass alles in bester Ordnung sei und ich mit meinem Argwohn falsch lag. Bis dahin gab es kein negatives Wort über ihn, nicht den Hauch. Doch nun schrieb sie nach einem Telefongespräch, er sei „wieder mal rumpelig“ gewesen. Und er verstehe nicht, warum sie sich einen viel älteren Mann als Vater ihrer Kinder genommen hatte. Sie sei doch sonst so clever?! Da sei sie „pissig“ geworden. Und er werde immer mal wieder sehr patzig, wenn sie bei ihm ist, er fahre ihr über den Mund und dann gilt das, was er sagt und nichts anderes. Und am besten will er dazu nichts mehr hören.

Wenige Tage später schwärmte sie davon, dass Richard in der Beziehung jener sei, der anschiebt. Er hätte überhaupt kein Problem mit zu viel Nähe. Ab und zu sei sie skeptisch, dann ermahne sie sich: „Genieße es, Mädel, das ist doch sooo angenehm.“

Fünf Tage darauf: „Der Richard ist einfach so dämlich. Soll er sich in seinem Taubenschlag einsperren.“

Das war neu. Ich brauchte nicht fragen, was los war, Elisabeth erzählte von sich aus: „Er versteht immer noch nicht, wieso ich mir den älteren Mann genommen habe, das konnte doch niemals gutgehen, dabei bin ich doch so schlau. Immer wieder fängt er damit an. Und dann fing er wieder an mit Deine Hoffmann-Kinder. Dämlich und stur noch dazu.“ Hoffmann ist der Nachname des Kindesvaters. Ich fragte nicht nach, was damit gemeint war.

Über Richards vorheriges Beziehungsleben wusste ich bis dahin nichts. Und auch Elisabeth hatte immer nur „Wischiwaschi“ erfahren. Keine Beziehung hielt länger als drei Jahre. Die letzte Frau war wortlos gegangen. Sie war einfach weg, als er nach Hause kam, er hörte nie wieder etwas von ihr. Eine andere war ihm zu motzig, es gab nur Streit, sie ließ nie etwas von dem stehen, was er sagte.

In diesen Tagen meldete sich Dietmar und fragte, ob Elisabeth Lust hätte auf einen Mittelaltermarkt. Er wusste nichts von ihrer Beziehung – und ihr war es nicht egal, dass er wieder präsent war. „Ich dachte, ich bin felsenfest bei Richard, dass da nichts wackeln kann“, zog sie Bilanz. „Wenn ich ehrlich bin, will ich ihn schon noch mal treffen.“ Gemeint war Dietmar.

Nach dem darauffolgenden Wochenende meldete sich Elisabeth aus der ländlichen Idylle zurück, stöhnte über die enorme Handyrechnung dank der Gespräche mit Richard. Ihr Umgang mit dem wenigen zur Verfügung stehenden Geld der Familie war auch abseits davon etwas auffällig. Zusammen mit der zeitweise grenzenlosen Euphorie, mit welcher sie vom Liebesleben mit Richard schwärmte, erinnerte mich all das an die Symptome einer leichten Manie und das machte mir Sorgen. Ich erkannte in diesen Wochen und Monaten Elisabeth nicht so recht wieder, auch wenn sie schon zuvor oft sehr positiv gestimmt war.

Überzeugen konnte ich sie nicht mit meiner Theorie. Am gleichen Abend telefonierte sie mit ihrer besten Freundin und Elisabeth sagte über Richard Sätze wie: „Ich brauche nicht zu warten, er wird sich nicht ändern“ oder: „Mit Menschen ohne Einfühlungsvermögen kann ich eigentlich nichts anfangen“ oder: „Aushalten ist so gar nicht meins.“

Ihre Freundin: „Du klingst, als fühltest du dich nicht wohl – so stressig kann es doch nach drei Monaten noch nicht sein?!“

Was sich genau in dieser Beziehung abspielte, wusste ich bis dahin nicht und ich hatte auch nie nachgefragt. Mir war das alles zu chaotisch, zu verrückt. Ja, es gab wohl Probleme, aber dann ist alles wieder mega angenehm und dann alles wieder Mist.

Erst wenn es Elisabeth zu viel wurde, platzte ihr raus, was sie nervte. Jetzt erfuhr ich, dass Richard eifersüchtig sei, auf alles und jeden. Er hatte bemerkt, dass sie noch nicht zu Hause war nach einem Ausflug mit den Kids und das konnte nur daran liegen, dass sie einen anderen getroffen hatte. Einmal mehr hatte er Regeln aufgestellt, die so befolgt werden mussten, ohne Diskussion: „Das erwarte ich von einer Frau!“ In diesem Fall hatte ihn Elisabeth nach der Heimkehr vom Festnetztelefon anzurufen, Punkt 20 Uhr: „Ich muss immer wissen, dass alles gut ist!“

Diese Überwachung per Festnetztelefon zu einem festgelegten Termin kannte ich von einer anderen Frau, allerdings aus Zeiten, in denen Handys noch selten waren. Während ihrer Ausbildungszeit lebte sie unter der Woche fernab ihres Gefängniswärters, sprich Freundes. Punkt 19 Uhr hatte sie in ihrer Wohnung zu sein, musste zum Beweis den Fernseher einschalten und den gleichen Sender gucken wie ihr Freund, der auf diese Weise via Festnetztelefon hören konnte, das sein Eigentum ihm nicht abhanden kommen würde. So verbrachten sie die Abende: mit einer Standleitung. Wenn sie an den Wochenenden in ihrer Heimat war, hatte sie keinerlei andere Kontakte zu haben außer mit seiner Mutter und seiner Schwester. Drei Jahre machte sie das mit, bis Burnout und Gastritis ihr zeigten: So geht es nicht mehr weiter. Außerdem war er gegenüber einem Kumpel der Frau handgreiflich geworden. Und trotz allem hing sie innerlich noch jahrelang an diesem Mann, der sie wie Scheiße behandelt hatte. Sie bezeichnet sich selbst als bipolar und sehr selbstverliebt.

Elisabeth versuchte, die Wogen zu glätten, schrieb Richard, dass es ihr nicht gut tue, wenn er so mit ihr umgeht und dass sie seine Freundin sei und nicht irgendwer. Es sei spät geworden nach der Wanderung und sie wollte ihn nicht wecken. Beim nächsten Mal werde sie anrufen, egal wie spät es dann ist. Sein Lieblingsshirt habe sie inzwischen gewaschen.

„So wünsche ich mir das von meiner Hausfrau! Ich möchte, dass eine Frau die Übersicht behält zu Hause! Kuss!“

Die Zeit für Klartext war gekommen – mal wieder. Ich schrieb Elisabeth, dass es grausam sei, wie sie sich ihm anbiedert. Ich hätte ihm sein Shirt in den Allerwertesten geschoben. „Und der Kerl hat eine unglaubliche Doppelmoral: Frau hat anzurufen, wenn er es sagt, Frau hat keinen zig Jahre älteren Mann zu nehmen, da sind die Ansichten wie in der Steinzeit. Aber wenn Frau beim ersten Date die Beine breit macht, ist das in Ordnung.“

Als sie am nächsten Tag mit ihrer Freundin telefonierte und ihr alles haarklein erzählte, rollten plötzlich die Tränen bei Elisabeth. Sie konnte die Chats selbst nicht mehr lesen. Ich fragte, ob sie glaubt, zeitnah von ihm wegkommen zu können.

Ihre Antwort: „Wenn er mir vorher keinen Antrag macht. Kein Witz. Manchmal hat er schon so rumgeflachst. Heute hatte ich kurz den Gedanken, wie es ohne ihn wäre, wie es sich anfühlen würde. Alle um mich herum sehen es – und sagen es auch. Diskutieren mit ihm ist zwecklos. Immer wird alles bagatellisiert, er lenkt ab und wenn man ihn hartnäckig hinterfragt, macht er völlig dicht. Wir haben mal gestritten, weil er mir ins Gesicht sagte, er will mich besitzen und er hat das dann auch noch verstärkt: So bin ich, ich steh dazu.

Als ich ins Bett ging, wünschte ich Elisabeth, dass sie den Absprung schafft, denn jeder weitere Tag in dieser Beziehung wäre Vergeudung von Lebenszeit.

Ihre Gedanken kreisten um das Wesen dieses Mannes: Äußerlich war er für sie attraktiv. Leute hören ihm gern zu, wenn er in den Raum kommt, er kann mehrere gleichzeitig unterhalten, einen Saal mit Leben füllen. Aber wirkliche Freunde schien er keine zu haben, auch wenn Elisabeth am Anfang davon gesprochen hatte. Einer schien schon ewig zu Richards Umfeld zu gehören. Bei ihm schlief er gern auf dem Sofa, weil er sich bei „Papa“ so wohl fühle. Aber die Männer kannten sich erst seit vier Monaten. Und war der Kumpel nicht da, sprach Richard hin und wieder schlecht über ihn, genauso wie über einen anderen angeblichen Kumpel. Einen der Freunde, den Richard am Anfang vorgestellt hatte, sah Elisabeth nie wieder. Der Kontakt zu einem anderen wurde seltener, nachdem Richard ihn beschuldigt hatte, Taubeneier gestohlen zu haben während seiner Abwesenheit. Ein Pärchen aus der Nachbarschaft schien Richard zu mögen, genauso wie den Alkohol.

Nach dem nächsten Wochenende, knapp drei Monate nach Beginn der Beziehung, kam Elisabeths aktueller Status: „Ich habe mich nicht getrennt, ich Weichei. Jetzt hat er uns auch noch Freundschaftsringe gemacht. Sie sind sehr schlicht, das gefällt mir ja. Als er ihn mir gab, sagte er, dass er mich nun beringt hat. So macht er es bei den Tauben auch. Und er meinte es nicht lustig. Und er hat uns zu seiner Familie mitgenommen. Komisch, in mir freut sich nichts. Die Mutter hat die Hosen klar an. Beim Frühstück war alles mundgerecht serviert, von allem zu viel. Als ihr Mann einen Pfirsich wollte, gab sie ihm einen, nachdem sie alle matschigen Stellen zuvor weggeschnitten hatte. Die Mutter bügelt Richards Hemden, die Schwester gab ihm einen Korb mit sauberer Wäsche. Der wird gewindelt ohne Ende. Sie sind alle freundlich, Nähe habe ich nicht gespürt. Es kommt bei ihm manchmal durch, dass er von den Eltern so genommen werden will, wie er ist.“

Wenn die Kindheit für „seltsames“ Verhalten so entscheidend ist, muss natürlich auch bei Richard die Frage gestellt werden: Wie sah es mit seiner Kindheit aus? Am besten schien er damals mit seinem Opa ausgekommen zu sein. Der nahm seinen Enkel überall hin mit. Als Richard Elisabeth zum einstigen Haus seines Opas mitnahm, sprach er davon, zu seinen Wurzeln zu kommen. Der Großvater starb, als Richard 12 war.

Über die Mutter von Richard sagte Elisabeth nach zwei weiteren Begegnungen mit der Familie: „Diese komische, überzogene Freundlichkeit. Die lächelt dich an und hinter dem Rücken hat sie den Dolch.“

Die Schwester von Richard zog nach der Trennung vom Vater ihres Kindes bei den Eltern ein, beschwerte sich immer wieder darüber, dass sich ihre Mutter überall einmischt, nutzte aber den Enkel-Service gern. Richard sah in ihr die Prinzessin der Familie. Selbst fühlte er sich als das schwarze Schaf. Auf die Frage, ob ihn dies nerve, antwortete er: „Sehr.“ Auf die Frage, ob dies schon immer so war, sagte er: „Seit Opa tot ist. Da hat sich niemand um mich gekümmert.“

Von seinem Vater fühlte er sich nie anerkannt. Über ihn sprach Richard extrem schlecht. Er würde viel reden und nichts machen, könne einen Schwan nicht von einer Ente unterscheiden.

Elisabeths Kinder, die am Wochenende der Beringung und des ersten Familientreffens wieder dabei waren, merkten an, dass das Paar sich mehr gestritten hätte als lieb miteinander umgegangen zu sein. Und Richard sei sehr aufbrausend. Dietmars Ticks fanden sie putzig, die von Richard seien schlimm und nervig. Auch wie hart Richard mit den Tauben umging, fiel ihnen auf.

„Na immerhin sind sie den Dauerstreit aus deiner Beziehung mit ihrem Vater gewöhnt“, kommentierte ich. Elisabeth schien noch immer nicht den Absprung zu wollen, also musste ich härtere Geschütze auffahren. Statt von Trennung zu sprechen, zählte sie auf, was alles auf keine Kuhhaut passte. Als sie Richards motzige und laute Art während eines Streits an ihren Vater erinnerte, wurde sie sofort laut. Elisabeths Vater schien in seiner Frau immer wieder das Dienstmädchen zu sehen – und Richard sah es in Elisabeth: „Geht gar nicht, dass ich nun in so was drin sein soll.“

Und wieder ging sie auf seine Kunst des Diskutierens ein: „Gestern sagte ich ihm, dass es schon ziemlich heftig zwischen uns hergeht. Ich habe zwei Kinder, für die ich praktisch allein sorge und wenn ich in seinem Haus etwas mache, dann aus Gefälligkeit. Das mache ich dann gern, aber ich brauche auch Ausgewogenheit, kein böses Gemotze, da fühle ich mich unwohl. Seine Reaktion: Er sieht nichts ein und gibt nichts zu. Bezieht Dinge auf sich oder stellt sie falsch dar. Wenn ich einfach nur sage: „Wirklich?!“ wie man das halt manchmal macht, guckt er mich völlig empfindlich an und denkt, ich zweifle an ihm. Und ich weiß nicht, ob es überhaupt bei ihm ankommt, wenn ich das mit dem Unwohlsein sage. Beim Abschied sagte er, dass er traurig ist, aber die Stimme passte gar nicht dazu. Sie war fest und laut. Als hätte er es gesagt, weil man das so sagen muss. Wenn ich nachfrage, um ihn zu verstehen, kommt, dass ich es so nehmen und nicht viel fragen soll. Ach, das geht gar nicht.“

Auf die Frage, warum sie das alles aushalte, wusste sie keine Antwort und überlegte: „Gestern hatte er einen sehr ernsten Moment. Er sagte, dass er das nicht böse meint, er hat mich doch lieb und will nur, dass es läuft. Und ich dachte kurz: Wissen solche Typen, wie sie immer noch den Bogen kriegen, wie sie einen besänftigen können, um später wieder krass werden zu können?! Es klingt ärmlich und als wolle ich das verteidigen, aber es gibt auch schöne Momente. Wobei das Gemuffel überwiegt. Ich mache, was er will.“

Weitere Details folgten: Ein Bekannter von Richard hatte Elisabeths Auto repariert. Als es erledigt war, sagte Richard: „Hab ich das nicht gut gemacht?!“ Als Elisabeth antwortete, dass doch der Kumpel das Lob verdient habe, erwiderte Richard: „Na ich hab ihn gefragt!“ Er brauchte immer Bestätigung, was für ein toller Hecht er sei.

Am Anfang der Beziehung hatte Elisabeth Geschirr aus Körben und Kisten in die Schränke geräumt, welches seit dem Einzug vor 13 Jahren rumgestanden haben muss. Sie staunte über die Menge. Er meinte, wenn sie hier Geburtstag oder Partys feiern wollen, bräuchten sie das alles. Nur wer sollte kommen?!

Wenn Elisabeth bei ihm war, machte er im Haushalt überhaupt nichts. Der Kühlschrank war meist leer, er fraß sich bei seinem „Papa-Freund“ durch.

Und: Er wollte Elisabeth einen Kleiderschrank kaufen, ihn in ihrer Wohnung aufstellen, damit sein Zeug dort bleiben kann, wenn er bei ihr ist. Nach knapp 3 Monaten Beziehung.

Die Tochter fragte am Tag darauf, ob Elisabeth gleich wieder einen Neuen bräuchte, wenn sie Richard nicht mehr hat – „Du hast doch uns.“

Die Chance zum langsamen Absprung kam. Am folgenden Wochenende war Elisabeth verhindert durch eine Familienfeier. Außerdem wollte sie endlich Papierkram erledigen und die Wohnung aufräumen, was sie in den 3 Monaten zuvor vernachlässigt hatte. Richard lebte in der Woche zuvor wegen einer Weiterbildung auswärts. Ein baldiges Treffen erschien mir nicht nötig unter diesen Umständen, die Zeit war perfekt, um Abstand zu bekommen. Elisabeth hatte Urlaub und wollte mit ihrer Tochter allein etwas unternehmen. Sie erklärte Richard, wie wichtig das für Kinder sei. Er gab ihr mit seiner Reaktion unterschwellig ein schlechtes Gewissen – bzw. ließ sie es sich machen. Er sei halt das fünfte Rad am Wagen wie immer.

Am Mittwoch meldete sie sich aus jenem Städtchen, in dem Richard vorübergehend lebte. Ich schrieb verdutzt, dass ich dachte, sie würde die Gelegenheit für eine längere Pause nutzen.

„Ach, keine Ahnung, was mich geritten hat. Melde mich auch erst heute, obwohl ich gestern schon gelandet war. War mir wohl selbst bissel doof. Kann es nicht erklären, wer weiß, wozu es gut ist.“

Meine Antwort: „Ach, keine Ahnung, was mich da geritten hat könntest du dir auf ein Kissen sticken lassen.“

Sie fand es nicht lustig und erklärte, dass sie das Gefühl hatte, sich „bewegen“ zu müssen: „Wahrscheinlich wollte mein Unterbewusstsein nicht grübeln, sondern knallhart spüren, wie Scheiße er tickt. Kling komisch und nicht nachvollziehbar, ich weiß.“

Ob der Plan aufgehe, wollte ich wissen: „Ach nee. Irgendwie ist er geschmeidig wie eine Katze. Aber ich weiß eigentlich, dass ich die Reißleine ziehen muss.“

Wenige Stunden später schrieb sie: „Bei dem stimmt doch was nicht. Der hat ne gewaltige Schraube locker.“

Was war passiert? Der Gedanke an das kommende Wochenende ohne Elisabeth machte ihm riesigen Stress. Wieder fühlte er sich abgeschoben und einmal mehr glaubte er, sie habe einen anderen und DAS sei der wahre Grund. Das, was er ihr schrieb, klang nach Trennung. Er zählte einige seiner Ex-Freundinnen namentlich auf, die ihn auch einfach abgeschoben hätten. Aber er werde darüber hinwegkommen. Falls noch Rechnungen offen seien, würde er ihr das Geld überweisen. Und: „Jetzt weiß ich auch, warum du einen so viel älteren Mann genommen hattest! Weil es ganz schön bei dir hakt!“

Wieder der Vorwurf, sie hätte einen anderen. Nur das könne der Grund sein für das Wochenende ohne ihn. Eine andere Nachricht wenig später endete mit „ILD“. Wieder verglich er Elisabeth mit einer Ex und zwar mit jener, die wort- und spurlos verschwunden war. Und er setzte sie mit seiner Mutter gleich: „Du bist Renate!“ Die Eltern nannte er immer nur bei den Vornamen.

Eine Stunde lang führte er ein schriftliches Selbstgespräch, denn Elisabeth hatte nicht reagiert, bis sie ihn anrief und fragte, ob er nun Schluss gemacht habe. Sie ging auch auf die erwähnte Ex ein, dass er ihr hätte zeigen müssen, dass sie wertvoll für ihn sei. Er erwiderte, dass er ihr ein Küchenregal gebaut hätte und ansonsten mache er sich nicht zum Affen. Sie fragte, ob er spüren würde, dass Elisabeth fix und fertig sei. Er wurde still und antwortete nur mit einem „Mmm.“ Kurz darauf legte sie auf, weil sie nicht mehr reden konnte. Sie hatte gehofft, ihm zeigen zu können, dass man nicht Leute so verletzen kann – er begriff es nicht. Sie erzählte ihm, dass sie oft schaut, wie es dem Gegenüber geht, wie er sich fühle – so etwas kannte er nicht.

Ihr Fazit: „Ich bin sicher, dass er das nicht lernen wird. Ich will ihm das auch nicht beibringen, weil so was nicht aufgehen wird.“

Tags darauf kündigte Richard an, am Wochenende bei Elisabeth vorbeikommen zu wollen, um zu sehen, ob sie wirklich Ordnung macht. Aber er hatte doch Schluss gemacht?! Kurz darauf rief er von seinen Eltern aus an, er frühstückte bei ihnen. Als es um Elisabeths Pläne ging, rief die Mutter: „Sie soll auch bei dir Ordnung machen!“ Elisabeth wurde das Gefühl nicht los, dass die Mutter ihren Sohn noch immer als Zehnjährigen betrachtet, dem sie den Arsch hinterhertragen muss oder darf. Als Elisabeth ihm sagte, dass er doch Schluss gemacht hatte, drehte er den Spieß wie immer um: „DU hast mich abgestellt!“

Ich empfahl ihr, die Gelegenheit zu nutzen und ihm zu schreiben, dass sie seinen Schlussstrich so akzeptiert, damit er nicht länger Zeit verschwendet an eine unehrliche, faule Frau. Er solle in Zukunft in sein Profil schreiben, dass er eine Haushaltshilfe sucht, die kein Problem hat mit ständigem Misstrauen und einer Kette um den Hals. Sie fand es „irre passend“ – und beließ alles so, wie es gerade war.

Als sie am Abend spontan von einer Freundin eingeladen wurde, bekam sie in der Folge seine ganze Wut zu spüren, er brüllte sie am Telefon an. Ich fragte sie, warum sie nicht meinen Text abgeschickt hatte und warum sie sich über diesen Kasper weiter ärgern will?!

„Ach, mein Kopf ist jetzt irgendwie hier. Ich kann nicht anders.“

„Dann lass dich weiter anschreien.“

„Hab ich nicht vor.“

Zwei Tage später meldete sie sich wieder: „Auf die beiden Tage hätte ich verzichten können …“ Elisabeth war bei einem Fest, das von Dietmar, dem normalsten unter allen Kandidaten, mitorganisiert worden war. Sie traf ihn nur kurz, er ließ sie weitgehend stehen, sie bekam heftiges Kopfweh, musste sich übergeben. Solche Kopfschmerzattacken hatte sie zuvor nur zwei Mal – alle lagen im Zeitraum der Beziehung mit Richard.

Weitere zwei Tage später erfuhr sie von Dietmar, dass er eine Neue gefunden hat – und Elisabeth ging das an die Nieren: „Warum fühlt sich das so blöde an? Mein Kopf war doch durch mit ihm.“

Ich konnte mir nicht verkneifen zu antworten, dass darüber unsere Meinungen immer auseinander gingen.

In diesen Tagen fragte mich Elisabeth, ob ich das Gefühl kenne: „Der andere ist zwar irre, aber das bekomme ich schon hin.“ Ihr sei zwar klar, dass Richard sich nicht ändern werde, dennoch hoffe sie immer auf eine unerwartete Reaktion der Dankbarkeit, ihm die Augen öffnen zu wollen.

Ich verneinte klar. Inzwischen kannte ich so viele Geschichten von Menschen mit seltsamen Verhalten und psychischen Störungen und bei keinem gab es eine Wende zum Guten. Ich verstand auch Elisabeths Einstellung, einen Menschen nicht abschreiben zu wollen, ihm Chancen zu geben und an das Gute zu glauben. Wir sind es seit Kindertagen aus Märchen der Gebrüder Grimm und anderer gewohnt, dass am Ende alles gut wird. Und weder Buch noch Film dürfen heute ohne Happy End ausgehen, mit wenigen Ausnahmen wie „La La Land“. Und Sätze wie „Der Kern des Menschen ist gut“ kennt jeder. Also musst du eben durchhalten bis zum unausweichlichen Happy End. Diese noble und eigentlich wünschenswerte Einstellung muss man aber gerade bei Narzissten vergessen, so bitter es sein mag. Auch Katharina glaubte lange, sie müsse ihrem bipolaren Ex helfen, weil er sonst niemanden hat. Erst die Psychologin machte ihr klar, dass es kein Happy End für sie geben wird, sondern dass sie selbst krank werden kann.

Noch immer lag das erste nicht gemeinsame Wochenende Richard schwer im Magen. Er jammerte über die Arbeit, dass er mit Kollegen böse sei, was nicht sein dürfte, dass sie sich in seine Arbeit reinhängen würden, dass einer auch gerade Beziehungsprobleme hat, dass er nur eine Semmel gegessen hat, dass er ein böser Mann sei, dass der Reifendruck nicht stimmt. Ja, so chaotisch war es wirklich.

Und neue Ringe waren in Arbeit. Beim Juwelier erkundigte er sich, wie viel es kosten würde, Steine einzuarbeiten. Von Trauringen war die Rede. „Ist der irre“, kommentierte Elisabeth.

Dies sollte sich zwei Wochen später bestätigen. Elisabeth merkte an, dass Richard nicht unbedingt die gleichen Fertigkeiten wie ein Automechaniker hätte und sie deshalb ihren Wagen in die Werkstatt bringen würde. Damit hatte sie ihn wieder hinterfragt, was die übliche, heftige Reaktion auslöste. Der Streit ging vom Hundertsten ins Tausendste – und einmal mehr ging es gegen die Kinder und dessen Vater: „Einen so Alten nehmen – das hat ja gezeigt, dass mit dir was nicht stimmt! Dann noch zwei Kinder machen lassen! Dann suche ich mir eben auch eine, die ich schwängere! Ich machs wie du wild durcheinander ohne Rücksicht auf alles! Akzeptierst ja alle Kinder! Nächste Woche wieder Weiterbildung! Muss mir eine kleine Wohnung nehmen! Deine Probleme sind kleiner! Dann kannst du Zeit verbringen mit den Hoffmann-Kindern! Mit dem Hoffmann kannst du sprechen wie es mit den Hoffmann-Kindern weitergeht! Kinder verbinden ewig! Immer stellst du mich in Frage! Dann kannst du dich um deinen Hoffmann kümmern und um EURE Kinder! Was will ich mit fremden Blut! Die Hoffmann-Kinder können zum Hoffmann! Oder ich mach einer ein Kind so wie der Hoffmann dir! Die musst du dulden so wie du es mit mir und dem Hoffmann gemacht hast! Fremdes Blut macht immer Probleme! Dann stehts 1:1! Jetzt bin ich dran! Frauen sind Egoisten! Bin ein böser Mensch! Hatte wieder Ärger mit dem Chef!“

Elisabeths Einschätzungen gingen über „irre“ hinaus. Ihr war klar, dass Richard nur sie allein besitzen will und Gefühle nur in Bezug auf sich selbst hat. Ihre Kinder sah er als Kontrahenten. Und dennoch war auch dies nicht das Ende.

Ihre besten Freundinnen empfanden Richard schon länger als „irre“ und gaben nun auf, ziemlich genau 4 Monate nach Beginn der Beziehung: „Du musst da allein durch.“ Sie hörten zwar noch zu, aber fragten nicht und hielten sich mit Kommentaren zurück. Elisabeth wollte sie nicht mehr von sich aus nerven, also wurde das Thema Richard weitgehend totgeschwiegen.

Dies erscheint einerseits schlecht in solchen Fällen, denn der Spiegel für das, was alles nicht hinnehmbar ist, fällt weg. Andererseits hatte dieser Spiegel zuvor keine Wirkung gezeigt, also warum sollte er es in absehbarer Zeit?

Ich fragte Elisabeth, ob sie inzwischen weiß, was sie bei Richard noch immer hält – sie wusste es nicht. Ich wollte auch wissen, wie es ist, einen Menschen zu küssen und noch ganz andere Sachen mit ihm zu machen, der einen so behandelt und solche Sachen schreibt wie Richard.

„In dem Moment ist das universumweit entfernt. Am Wochenende habe ich ihm deutlich eine Grenze gesteckt. Klar, auch dadurch wird sich nichts ändern. Und naja, alles, was ich nun darüber schreiben würde, klänge unglaublich oberflächlich. Jeder würde fragen, wie kann sie so einen an sich ran lassen. Mit jeder Annäherung geht man ja über die tonnenschweren NoGos hinweg!“

Ich überlegte und schrieb ihr: „Wenn das alles mal endet: Wie muss sich das dann im Rückblick für dich anfühlen? Stehst du dann eine Woche unter der Dusche? Ich stells mir zumindest eklig vor, wenn man dann so richtig realisiert, so einem widerlichen Menschen so lange hinterhergelaufen zu sein. Hoffentlich überstehst du das dann unbeschadet.“

Elisabeth empfand dies als deutlich, heftig, nicht angenehm und: „Ich fühl mich gerade wie ein Junkie, der sich zudröhnt und den alle rütteln und schütteln.“

Wer richtig verliebt ist, hat erweiterte Pupillen, wenn der andere einem gegenübersteht. Ich wollte von Elisabeth wissen, ob seine Augen in ihrer Gegenwart leuchten. Nein, sie seien meist müde.

Am Montag nach dem nächsten Wochenende fragte ich, wie Richard dieses Mal reagiert hatte auf Elisabeths Plan, das Wochenende bei ihren Eltern verbringen zu wollen und nicht bei ihm.

„Ähmm, was soll ich sagen. Ich hatte so viel geschafft, dass ich dann doch wieder … Ich weiß, das muss ätzend klingen.“

Seit einiger Zeit sah sie sich auf YouTube Videos über Narzissmus an und fand Richard darin komplett wieder. Sie hörte, dass Narzissten Partner brauchen, um sich selbst pushen zu können im Sinne von Ego streicheln, im Mittelpunkt stehen lassen, bauchmiezeln, schmeicheln, loben. Der Gedanke, dass sie diesen Job aktuell erfüllte, schlug ihr auf den Magen.

Narzissten schauen nur auf sich, was sich schon bei so etwas einfachem wie dem Essen zeigen kann. Richard war bei seinem „Papa-Kumpel“ eingeladen. Dessen Freundin hatte sich Lachs geleistet und freute sich diebisch, ihn an diesem Abend zu essen. Richard fraß den Teller leer, ohne zu fragen, ob noch andere etwas wollten. Die Frau war völlig fassungslos und riss ihm den Allerwertesten auf, dass er Null Blick für sein Umfeld habe.

Als Elisabeth mit Richard und ihren Kindern beim Frühstück saß, stand Salami auf dem Tisch – er fraß alles weg.

Als ein Kumpel Melonen mitbrachte, hauptsächlich für die Kinder, fraß Richard fast alles allein. „Und der kriegt das gar nicht mit.“

Elisabeths Geburtstag kam näher und einmal mehr gab es schriftliche Wortgefechte. Sie beschwerte sich darüber, dass er – mal wieder – Tatsachen verdrehen würde und ihr ginge der Blödsinn langsam auf den Wecker. Als Antwort bekam sie von ihm: Dann solle sie ihn halt in Ruhe lassen, er müsse sich eh auf den kommenden Tag vorbereiten. „Kümmere dich um eure Hoffmann-Kinder. Hausfrauenliebe fehlt mir!“

Als sie nicht darauf einging, legte er nach: „Du bist eben nicht wie eine richtige Hausfrau! Die sorgt sich um ihren Mann und holt die Zeitung für ihn. Mach mir keinen Stress, ich hab wichtiges zu tun morgen auf Arbeit! Hab Feingefühl! Du hast keins! Du hast ein Renate-Gefühl! Hans und Renate sind ganz anders als wie ich sie beschrieben habe. Sie sind lieb.“ Er meinte wieder seine Eltern.

Auf eine Nachfrage bekam Elisabeth wie gewohnt nur eine Antwort, die 10 Meter abseits vom Thema war: „Du bekommst keine Wehen mehr. Der Hoffmann hat es erleben dürfen. Hoffmann sollte es sein und so schnell wie möglich. In spätestens 5 Jahren Oma. (Elisabeths Kinder wären dann beide unter 18 gewesen – d.R.) Hoffmann hast du Kinder geschenkt, mir kannst du keine geben weil du krank geworden bist. Bestimmt durch die Geburt und den Stress den du hattest!“

Elisabeth antwortete, er solle sie wenn möglich in Ruhe lassen. Sie sei damals, als sie Krebs hatte, dem Tod von der Schippe gesprungen, es war eine schlimme Zeit. Und sie möchte nicht von dem Menschen, der ihr nah sein sollte, so etwas hören und erst recht nicht vor ihrem Geburtstag, auf den sie sich freue.

Richard verwies auf seinen Autounfall 6 Jahre zuvor: „Überlebt und gut! Aber dann schaue zu, wie deine Kinder Enkel schenken. Ja Geburtstag feiern!“

(Monate nach der Trennung las sich Elisabeth auch diesen Chat noch einmal durch und konnte nicht fassen, was sie sich hatte bieten lassen: „Wie komplett ich verdrängt habe. Weil es mich sonst bis zum Nicht-aushalten verletzt hätte … Ein normaler Mensch wäre da doch weg gewesen.“)

In ihrem Kopf begann sie nun, einen Schlussmach-Brief zu verfassen und an die Abwicklung von Formalitäten zu denken wie z.B. die Rückgabe seines Hausschlüssels.

Elisabeths Geburtstag war vorbei, ebenso das sich direkt anschließende Wochenende. Wie selbstverständlich schrieb sie nach zwei Tagen Stille, dass sie am Sonntag zu dritt Richard zum Bahnhof gebracht hatte, von wo aus er nach Hause gefahren war.

„Er war da?!“ – ja, ich war tatsächlich überrascht.

Ja, er wollte zum Geburtstag kommen, war dabei auch bei Elisabeths Eltern. Auf die Frage, warum sie ihn nicht ausgeladen hatte, wusste sie keine wirkliche Antwort. Sie sei wohl zu wenig Arschloch dafür, er könne halt auch sehr gut „schleimen“. Und er sei wohl der Prototyp des Narzissten, dies sei ihr nach all den Videos über diese Persönlichkeitsstörung klar. In einem Video berichtete eine Ex-Partnerin, dass auch ihr narzisstischer Freund fast nur Ausrufezeichen in seinen Nachrichten verwendet hatte, selten Punkte.

Ich konnte nachvollziehen, dass es eine hormonelle Bindung zu Richard gab – anders war diese Beziehung nicht mehr zu erklären. Aber dass sie noch immer die Kinder in all das verwickelte, verstand ich nicht.

Sie schrieb, dass die Kids nach diesem Wochenende Richard nicht mehr begegnen würden. Er behandelte sie gleichgültig, als würden sie nicht existieren. Aber er nahm sie wahr. Wenn die Kinder in der Nähe waren, drückte sich Richard stark an Elisabeth, als wollte er seinen Rivalen zeigen: „Ätsch, ich bin der Sieger!“ Auch fragte er Elisabeth, wie es sei, so begehrt zu werden. Sie antwortete: „Wenn es echtes Begehren wäre …“ Und wieder schwang bei ihr die Hoffnung mit, dass bei ihm ein Groschen fallen würde – doch bei einem Narzissten fällt nichts.

Elisabeth konnte ihm immerhin entlocken, dass er schon mit den Kindern vorheriger Partnerinnen auf Kriegsfuß gestanden hatte. Diese Kinder wären „Sache der Familie“ gewesen, nicht seine. Fremdes Blut eben. Wenn eines weinte, hatte sich die leibliche Mutter zu kümmern, ihn ging das nichts an. Wozu er Elisabeth 4 Monate zuvor angeschrieben hatte, obwohl sie in ihrem Profil die Kinder erwähnt hatte, beantwortete er mit: „In der Altersspanne, die mich interessiert, gibt es halt kaum Frauen ohne Kinder.“ Diese nahm er also als notwendiges Übel hin.

Die Tochter fragte nach diesem Wochenende, ob sie und ihr Bruder nun einen Mann aussuchen dürften.

Als Richard tags darauf wieder von den Hoffmann-Kindern schrieb, fragte Elisabeth, ob er sich trennen wolle, ansonsten solle er ihre Kids nicht beim Familiennamen nennen. Er reagierte ratlos: „Warum trennen?! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“ Keine Einsicht, keine Entschuldigung – Narzissten machen keine Fehler. Als sie ihm sagte, dass er die Kinder nicht mehr sehen werde, erklärte er, dass es doch gar nicht so gemeint sei. Keine Entschuldigung. Verrückt wurde es, als er von Elisabeth seine negativen Eigenschaften hören wollte – er würde sie dann abstellen. Sie war sprachlos, wusste nicht, wo sie anfangen sollte, nannte seine Art, Elisabeth vor anderen abzuwerten, sich über sie lustig zu machen.

Die Gedanken an den Schlussmachbrief verstärkten sich – aber auch die Angst vor dem, was danach kommen könnte. Wie sie inzwischen wusste, hatte Richard in der Jugend sein Zimmer aus Wut zerlegt. Aggressivität war dem Mann mit dem völlig harmlos aussehenden Gesicht nicht fremd. Auf keinen Fall wollte sie ihm gegenüberstehen beim Finale, auch wenn sie sich jetzt nicht wieder so schwach fühlte wie in jener Zeit, als die Beziehung zum Vater ihrer Kinder zu Todesängsten geführt hatte. Bei ihm wusste sie nicht, was mit ihm nicht stimmte und sie war völlig ausgelaugt. Mit dem Wissen, dass Richard ein Narzisst ist und wie diese ticken, fühlte sie sich gewappnet.

Die Planungen wurden konkreter und Elisabeth machte auch in den Chats nicht auf „Alles ist gut“. Wenn sie ihn einfach schreiben ließ, ohne darauf zu antworten, wurde er heftiger – und ihr fiel es schwer, die Finger stillzuhalten. Wir überlegten, ob er Elisabeth zum Schlussmachen treiben wollte, um ihr die Verantwortung zuschieben zu können und er sich einmal mehr als Opfer von Frauen fühlen könnte. Wieder unterstellte er ihr, dass sie einen anderen hätte. Und wieder schoss er gegen die Kinder. Als Elisabeth ihm mit voller Absicht schrieb, sie würde nun mit jedem Kind nacheinander ausgiebig kuscheln, bekam sie die erwartete Reaktion: Sie solle mit ihm kuscheln, die Kinder würden zum Vater gehören.

Als er anrief und wieder diverse Sachen raushaute, wirkte alles, was er sagte, auf Elisabeth plötzlich unglaublich aufgesetzt und sie musste lachen, immer wieder – bis er auflegte.

Nach zwei Tagen Stille meldete sie sich wieder – aus dem Haus von Richard: „Der Mann ist sooo krank. Und keiner ist Zeuge seines krassen Tons. Schon verrückt. Er sagt auch ständig, ich müsse nicht bei ihm sein. Puh, ich muss raus aus der Nummer.“

Am Vorabend hatte es – mal wieder – laute Wortwechsel gegeben wegen nichts. Sie ging ins Bett, machte das Licht automatisch aus, obwohl er noch draußen war. Er kam, schnauzte sie an, was sie denn schon wieder machen würde. Sie brüllte zurück, dass er den ganzen Tag nur rumgeschnauzt hätte und es sie ankotzen würde. Daraufhin war er geschockt, doch letztlich unberührt. Und wieder kam, dass sie nicht bei ihm sein müsse. Wieder zeigte er sich unfähig, darüber zu reden, sein Verhalten zu reflektieren, zu hinterfragen. Denn Narzissten machen keine Fehler.

Und nun, am Tag danach, schrieb sie: „Der letzte Abschied ist rum. Den Brief hat er noch nicht. Er weiß also noch nicht, dass Schluss ist, das hätte ich nicht gekonnt.“

Den Brief setzte sie am Abend auf, es wurden fünf Seiten. Sie listete konkrete Beispiele auf, was in dieser Beziehung einfach auf keine Kuhhaut gegangen war. Vieles ließ sie weg, sonst hätte es zu einem Roman gereicht – „Aber wozu?“ Elisabeth machte sich nicht wirklich Hoffnungen, dass Richard nun plötzlich bewusst werden würde, dass man so einen anderen Menschen nicht behandelt. Narzissten kann man nicht davon überzeugen, dass auch sie Fehler machen. Könnten sie dies einsehen, wären sie keine Narzissten. Es gehört zum Bild dieser Persönlichkeitsstörung. Allerdings schafft man es selten, diese Hoffnung wirklich aufzugeben, dem anderen die Augen öffnen zu können. Dies sollte u.a. Hanna später noch 1:1 so erleben.

Elisabeth zeigte mir den Entwurf und ich fragte, welchen Hintersinn folgender Satz haben sollte: „Ich hab dich genug verletzt mit der Trennung …“ Er klang mir viel zu sehr nach: „Ich entschuldige mich, dass ich dich verlasse“ und sie strich ihn. Bis zum Abschnitt zu seinem Umgang mit den Kindern dauerte es mir etwas zu lange, aber gut, dies sollte keine wohlüberlegte Doktorarbeit werden. Sie schrieb ihm, dass sie im tiefsten Herzen Mama sei und ihre Kinder mit jeder Pore liebe. Auch ihren Partner liebe sie, auch für ihn gäbe es Platz in ihrem Herzen – nur habe er dies nie verstanden. Stattdessen sah er in den Kindern Konkurrenz – „So ein Wahnsinn. Das kann man niemandem erzählen. DAS hat einen Keil zwischen dich und mich getrieben.“

Elisabeth ergänzte noch auf meine Empfehlung hin eine Bemerkung zu Richards Verhältnis zu seinen Eltern, dass sie verstehen könne, dass er sich selbst lieben muss, wenn er von den Eltern nicht die Anerkennung bekommen hat, die er wollte. Auch darin schwang natürlich die trotz allem besseren Wissens nie komplett eingeschlafene Hoffnung, ihn zum Nachdenken bringen zu können über seine Art. Nur wozu sollte jemand darüber nachdenken, wenn doch alles bestens ist?!

Am nächsten Tag schickte sie den Brief ab. Zuvor rief Richard an. Er erzählte, dass seine Mutter ihn gefragt hätte, wie es denn mit Elisabeth nun weitergehen würde und ob sie zusammenziehen wollen. Wir wurden den Verdacht nicht los, dass dies ein Trick war, um Elisabeth zu entlocken, woran Richard nun eigentlich war. Ahnte er, was kommen würde?

Sie las sich noch einmal durch, wie man mit Narzissten nach der Trennung umgehen soll: keine Angriffsfläche bieten, keine Emotionen zeigen. Jene Frau, die wort- und spurlos verschwunden war, hatte es verdammt richtig gemacht. „Fände ich nicht fair, wenn man das mit mir machen würde“, schrieb mir Elisabeth, „aber wäre wohl der gesündeste Weg.“

Und sie las, was zu erwarten ist bei der Trennung von einem Narzissten: Wut, Ärger, den Partner zum Problem für das Beziehungsende erklären, komplettes Ignorieren der Trennung, um den anderen doch wieder zu nötigen, mit dem Narzissten zu reden. So hatte es Nadine mit dem Gefängniswärter erlebt. Kurz gesagt: mit allem rechnen. Und alles sollte so kommen.

Bis zum Abend gingen ungewöhnlich viele Anrufversuche von Richard ein. Elisabeth beschäftigte sich weiter mit Narzissmus, fragte sich, ob sie als Laie ihm mit einer solchen Diagnose Unrecht tun könnte, auch wenn alles so glasklar war.

Ich schrieb ihr von meiner einst selbst völlig laienhaften Diagnose „bipolare Störung“ bei Katharinas damaligem Mann, die sich später durch Profis bestätigte. Wenn ein großes Auto rot angemalt ist, eine Leiter hat und Tatütata macht, muss nicht zwangsläufig „Feuerwehr“ vorn draufstehen, um dem Fahrzeug einen Namen geben zu können. Und mit der Laien-Diagnose entstand Richard kein Schaden, er stand nicht öffentlich am Pranger. Die Diagnose sollte Elisabeth einfach dazu dienen, diesen Mann einschätzen und eine Entscheidung treffen zu können. Mit der Trennung musste sie nicht mehr mit dem unguten Gefühl leben, dass da etwas nicht stimmt und er konnte sein, wie er war.

Am Tag darauf grummelte ihr Magen: Wie würde er auf den eingehenden Brief reagieren? Würde er überhaupt schon ankommen? Ihre Kinder machten sich ebenfalls Sorgen. Schon am letzten gemeinsamen Wochenende schwangen bei ihrem Sohn Gedanken mit, ob seiner Mum etwas passieren würde, wenn sie von Trennung spräche. Nun wollte er gleich nach der Schule nach Hause kommen: „Nicht, dass der Irre noch kommt.“ Möglicherweise hatte er als kleines Kind gehört, dass sein Vater Elisabeth den Kopf abschlagen wollte, wenn sie gehen würde. Kinder bekommen so vieles mit und all das macht etwas mit ihnen.

Der Tag blieb ruhig, auch der Abend – was Elisabeth nicht ruhiger machte. Die große Frage blieb: Was kommt? Und sollte sie sich auf ein Gespräch einlassen, wenn er anruft? Davon riet ich ihr klar ab. Doch wieder hatte sie den Gedanken, dass sie durch ein Telefonat erfahren würde, wo er ist und was er vorhat. Sie hatte immer wieder den großen Speer über Richards Wohnzimmertür vor Augen. Dieser erinnerte sie an die Ex-Frau ihrer Bekanntschaft Kai. Sie war von ihrem krankhaft eifersüchtigen neuen Freund erschossen worden: „Wenn ich dich nicht haben kann, bekommt dich kein anderer.“ Wem sieht man an, dass er zu solch einer Tat fähig ist? Wenn ein Lehrer jahrelang seine Tochter missbrauchen kann und er gleichzeitig für seine Mitmenschlichkeit wegen der Blutspenden geehrt wird, zeigt das doch, wie unscheinbar Täter wirken können.

Elisabeth ging spät ins Bett und berichtete am nächsten Morgen von insgesamt fünf Anrufen ab halb 1 und drei Textnachrichten. (Auch Nadine Gefängniswärter wollte immer wieder nachts reden.) Die Meldungen ließen offen, ob Richard den Brief erhalten hatte. Halb 1 schrieb er von einem schreckhaften Erwachen, fragte, warum sie sich nicht gemeldet hatte seit dem Mittag. Nach 1 schrieb er wieder, dass es nicht witzig sei, wenn Elisabeth sich nicht meldet: „So geht das nicht! Schnell passiert was und dann!? Ich kann nicht schlafen ohne etwas zu wissen!“ Um 2 folgte einer der Anrufversuche – 2:15 Uhr schrieb Elisabeth, er möge sie doch schlafen lassen. In solchen Situationen frage ich mich immer, warum sich Menschen nachts so schwer tun, den Flugmodus zu aktivieren. 2:30 Uhr kam die Reaktion, inklusive: „Dir hat sicher ein anderer schöne Augen gemacht! Dann ist das halt so. Muss ich eben wach liegen.“

Am Morgen schrieb er wieder, dass ihn die Ungewissheit durchdrehen lasse und er „mega Sehnsucht“ habe. Er rief wieder an, beim zweiten Mal ging Elisabeth ran – und sie spürte schnell, dass es ihr überhaupt nicht gut tat, ihn zu hören. Er wiederholte, dass er sich Sorgen um sie gemacht hätte, weil eben schnell etwas passieren könne. Seltsam oft kam mit einem „gruseligen“ Unterton: „Hast du mir was zu sagen?!“

Nach dem Ende des Gesprächs klingelte es mehrfach wieder. Ich bat sie eindringlich, sich nicht wieder auf Gespräche einzulassen, denn genau das hatte sie als Tipp selbst gelesen und es machte komplett Sinn. SIE sollte die Oberhand haben und dazu zählte, sich nicht auf diese ewigen, sinnlosen Diskussionen einzulassen. Doch wieder glaubte sie, er könne dann explodieren und zu ihr kommen.

Sie ging auf Arbeit, bekam weitere Nachrichten mit den immer gleichen Bitten, sie solle sich melden, weil er sich Sorgen mache und ob sie sich neu verliebt hätte. Sie antwortete kurz, dass ein Brief unterwegs sei – und ihr war übel. Ich riet ihr wieder, nun nicht mehr zu antworten. Weitere Anrufversuche und Nachrichten folgten über den Tag.

Einmal ging sie ran, erfuhr, dass der Brief angekommen war. Auf dessen Inhalt ging er nicht ein, mit keinem einzigen Wort. Für ihn war klar, dass Elisabeth einen anderen hatte, nur deshalb würden Frauen Schluss machen. Er verglich sie mit jener Frau, die wort- und spurlos verschwunden war, schrieb von der Arbeit, dass er duschen müsse, dass ein Fahrschüler krank geworden war.

Erst als Elisabeth schrieb, dass er ihre Kinder als Konkurrenz betrachtet hätte, blieb ihm für einen Moment nichts anderes übrig, als darauf einzugehen: „Quatsch! Ich bin mehr als doppelt so alt wie eure Kinder! Da gibt es keine Konkurrenz! Habe jetzt geduscht und gehe die Tauben füttern!“ Wie gesagt: Es war nur ein Moment.

Elisabeth fühlte sich von ihren eigenen Gedanken genervt, fair sein zu müssen: „Tue ihm nicht noch mehr weh.“ Trotz all des Wissens über Narzissmus konnte sie noch immer nicht vom Gedanken wegkommen, dass alle Menschen am Ende positive Empathie empfinden könnten und man diese ihnen auch zukommen lassen müsse.

Richard blieb schreibfreudig, schrieb noch einmal vom „fremden Blut“, um sofort wieder abzulenken. Und Elisabeth ließ sich gegen jede Empfehlung auf die „Diskussionen“ ein: „Ich mache alles falsch hier.“ Sie versuchte ihm – mal wieder – echte Gefühlsregungen zu entlocken. Natürlich ohne Erfolg. Und seine Antworten waren 10 m weit weg vom Thema – mal wieder. Seine Mutter nannte er wieder nur beim Vornamen, auch sie habe ihm einfach nur die Tasche gepackt und abgeschoben.

Am Abend rief er an – und Elisabeth ging ran, anderthalb Stunden. Sie erklärte ihm viel, er zeigte Emotionen – „ich weiß, erlernte.“ Er wolle sie nicht aus seinem Leben lassen, fragte später, ob wirklich Schluss sei, versprach, Elisabeth nun nicht mehr auf den Wecker zu gehen.

Noch in der Nacht und am Morgen darauf kamen die neuesten Nachrichten. Über den Tag trafen weitere im Halbstundentakt ein. Wieder sprach er von Verlustängsten, vom Gefühl, eiskalt und skrupellos abgeschoben worden zu sein, setzte Elisabeth wieder mit seiner Mutter gleich. Er schrieb von feuerroten Augen, welche dem ersten Fahrschüler des Tages aufgefallen seien, schwelgte in Erinnerungen, als Elisabeth ihm die Badewanne eingelassen hatte und sie sich um ihm gekümmert hatte: „So will ich meine Welt!“ Er bedauerte sich, dass alle anderen vom Bahnhof abgeholt würden, nur er nicht mehr. Und er wolle am Wochenende zu Elisabeth kommen. Und er wolle wieder umsorgt werden: „Das Erkältungsbad tat mir gut! Da bin ich aufgeblüht! Hast du das nicht gemerkt?“ Zur Erinnerung: Der Mann war zu diesem Zeitpunkt 45.

Zwischendurch telefonierte Elisabeth mit ihrer besten Freundin – und diese wurde deutlich: „Lass doch endlich mal diese dämliche Mutter Theresa weg!“

Ja, Elisabeth war trotz all des Irrsinns nicht frei von Mitgefühl für diesen Mann. Sie selbst hätte bei einer solch überraschenden Trennung auch Antworten haben wollen und kein Schweigen: „Schließlich hatten wir ja eine Zeit zusammen. Da verzieht man sich nicht einfach so. Ach, ich kapiers auch nicht, woher das kommt.“

Gleichzeitig schrieb sie sich weiter mit ihrer Freundin und heulte sofort los, wenn diese etwas Einfühlsames schrieb: „Als ob eine riesige Anspannung in mir wäre, die sich entlädt.“ Wenig später ließen sich ihre Tränen für Minuten nicht stoppen – es sollte nicht das einzige Mal sein im Zusammenhang mit Richard.

Am Abend ging sie – mal wieder – gegen jede Vernunft ans Telefon, aber nur kurz, länger hielt sie nicht durch. Und ihr war klar, dass auch dies wieder ein Fehler war.

Entgegen seiner Ankündigung, nicht nerven zu wollen, gingen seine Kontaktversuche in den Tagen darauf weiter. In seinen Nachrichten erweckte er den Eindruck, als hätte es Elisabeths Schlussstrich nie gegeben, so wie es in den Videos über Narzissmus vorausgesagt worden war. Stattdessen machte er auf Friede, Freude, Eierkuchen, spielte teils den Einsichtigen, fand den Brief gar nicht so negativ, bedauerte, nie Kinder mit Elisabeth haben zu können. Und diese ließ sich immer wieder auf Antworten ein: „Wenn du fragst, warum ich das immer noch mache: Mir fällt nichts ein. Ich kenne doch die Hintergründe. Und es ist soooo dämlich, ihm durch meine Antworten wieder Futter zu geben. Mir ist das irre peinlich. Meine Freundin ist auch stinksauer auf mich und zieht sich zurück von dem Thema. Und ich finde es von mir selbst grenzenlos dumm. Es begann damit, Fragen zu beantworten nach dem Warum und Wieso, dann redeten wir über den Alltag, als wäre nichts gewesen, dann ganz tief im Thema, was das nun mit ihm macht, Vorwürfe von mir, was richtig mies lief – und letztlich läuft man im Kreis, kommt immer wieder an die gleichen Stellen. Manchmal hab ich Mitleid mit ihm, diesen Knopf drückt er perfekt. Das Gefährlichste ist wohl, dass ich glaube, es im Griff zu haben.“

„Dabei hat er aber DICH im Griff“ – viel mehr fiel mir nicht ein.

Zwei Wochen nach dem Trennungsbrief sprach Elisabeth mit Theo (Ü50), einer ihrer Onlinebekanntschaften, dessen Sohn bei der Übergabe an seine höchstwahrscheinlich narzisstische Mutter regelmäßig brechen muss. Theo erzählte von einer Frau, mit der er in der Zwischenzeit eine Beziehung hatte, von der er sich aber nun trennte. Grund: Sie brauchte ständigen Kontakt, er sollte sich immer melden: Wann er wo mit wem unterwegs war. Wenn er vom Nachtdienst um 4 nach Hause kam, blieb sie wach, um ihn noch hören zu können. Gegenüber seiner Ex, für die er nicht den Hauch von Gefühl mehr hatte und die er nur noch wegen des gemeinsamen Kindes sah, hatte die Freundin ebenfalls extreme Eifersucht gezeigt. Und auch Theos Beziehung zuvor lief so. Sie waren überall.

Esther

Bei Elisabeth meldete sich zu dieser Zeit und zu ihrer Überraschung auch eine frühere Arbeitskollegin, Esther. Inzwischen hatte diese den Haushaltswarenladen ihrer Eltern übernommen. Die 50-Jährige kündigte an, in wenigen Tagen bei Elisabeth in der Nähe zu sein und fragte nach einem Treffen. Natürlich sagte Elisabeth zu.

Esther erschien mit Perücke, sie war mitten in der Chemo. Vier Monate zuvor war Krebs bei ihr festgestellt worden. Dennoch wirkte sie sehr zufrieden und freute sich auf das Ende der Behandlung. Wenige Wochen zuvor hatte sie eine Anzeige in der Zeitung geschaltet. Nach 8 Jahren Single-Dasein wollte sie es einfach mal probieren.

Als Elisabeth über ihre Beziehung mit Richard erzählte, reagierte Esther mit dem Satz: „Ich weiß, wie das ist. Mit Abstand sehe ich meinen Ex auch als Narzissten, deutlichst.“ Elisabeth traute ihren Ohren nicht: wieder einer. Für Esther war das Thema nicht neu, sie war selbst wenige Monate zuvor drauf gekommen. Einmal mehr zeigte sich: Einer muss anfangen zu reden, damit man merken kann, dass man nicht allein ist mit seinem Problem.

Der Mann, mit dem Esther 23 Jahre zusammen war, macht ihr und den vier Kindern heute noch das Leben regelmäßig zur Hölle. Immer wieder spricht er mit seinem Nachwuchs auf eine miese Tour, macht auf Mitleid. Elisabeth kennt auch dies aus der Beziehung mit dem Vater ihrer Kinder. „Man kommt nicht gegen ihn an“, sagte Esther. Auch das kennt Elisabeth. Ihren Kindern sagt Esther hin und wieder, sie müssten nicht zu ihrem Papa, wenn sie nicht möchten. Doch die Angst vor ihm sei bei den Kindern zu groß. Einmal wollten sie tatsächlich nicht hin – also kam er zu Esther und zerrte die Kinder aus der Wohnung. Tränen flossen, die Große bekam eins ab. Von Kindesentzug sprach er. „Man kann nichts machen gegen ihn“, sagte sie. Der Krebs schwächte sie zusätzlich. In diesem Zustand kann man schwer Kampfgeist erwarten. Beim Jugendamt ist sie Dauergast. Dort bekam sie den Hinweis, dass sie die Polizei sofort hätte holen müssen, als der Vater seinen Sohn aus dem Bus gezerrt und ihn geschlagen hatte. Der Sohn wollte zurück zu seiner Mum.

8 Jahre nach der Trennung hat dieser Mann seinen „Kampfgeist“ nicht eingebüßt. Nach wie vor verbeißt er sich in die Waden seines verlorenen gegangenen Eigentums. Der Bad Boy hat sich keinen Millimeter weiterentwickelt. Ruhe kann Esther erst erwarten, wenn die Kinder nicht mehr zum Vater müssen. Doch das dauert, der Jüngste ist 11. Bis dahin hat sie gezwungenermaßen Kontakt mit diesem Mann.

Dass die Kinder unter ihm leiden und zugrunde gehen, sieht er nicht. Er ist Narzisst, also fehlerfrei, er trägt keine Schuld. Die große Tochter ritzt sich, tendiert zur Magersucht. Aber sie ist ihrem Vater eh egal. Weil sie vor dem 18. Geburtstag keinen Wunsch geäußert hatte, bekam sie nichts. Was sie in den 18 Jahren bisher lernte: „Ich bin nicht in Ordnung, er mag mich nicht, wie ich bin.“ Immerhin kann die Abiturientin nun die Besuche beim Vater umgehen. Als das vierte Kind im Anmarsch war, sollte Esther abtreiben, er setzte ihr mächtig zu.

Jetzt ging sie durch die Chemo, die Nebenwirkungen waren heftig, von Kribbeln in Händen und Füßen über Nasenbluten bis Dauerdurchfall. Zeitweise versagten die Muskeln, was fast zu einem Sturz auf der Treppe geführt hätte. Aber ansonsten ginge es ihr gut, sagte sie mit leicht ironischem Lachen. Keiner kann beweisen, dass ihre Erkrankung das Ergebnis des Dauerstresses mit dem Ex war, genauso wenig wie Elisabeth einen direkten Zusammenhang ihrer Krebserkrankung mit den Todesängsten in der Beziehung mit dem Vater ihrer Kinder beweisen kann. Aber es riecht sehr danach.

Zum Abschied gab Esther ihrer Freundin Elisabeth bezogen auf deren Freund Richard den eindringlichen Rat: „Versuche, ihn schnell sein zu lassen.“

Richard – Teil 2

Einen Tag nach diesem Rat und drei Wochen nach Elisabeths „Das wars“-Mail rief Richard an und bedauerte traurig wie ein Kind, dass seine große Liebe nicht an seinem Geburtstag da sein werde. Die große Liebe lachte sich nachher schlapp, denn sie hatte seinen Geburtstag falsch im Gedächtnis: „Unwichtiges hat mein Unterbewusstsein wohl aussortiert.“

Ich war zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass es nur noch sehr sporadischen Kontakt zwischen den beiden gab, zumal Elisabeth praktisch nichts mehr über ihn berichtet hatte in den Tagen zuvor. Doch, er rufe immer wieder an, wenn ihm danach sei, aber sie gehe nicht jedes Mal ran, das ginge schon wegen ihrer Arbeitszeit nicht. Abends lasse sie es auch einfach mal klingeln.

Zwei Tage später regte sich Elisabeth darüber auf, dass Richard nichts mit ihr bespricht, nur Ansagen macht, am Wochenende auf den Trödelmarkt will und sie wolle nicht schon wieder Kilometer runterschrubben. Sie habe ihn deshalb zusammengefaltet, woraufhin er ziemlich baff war und sich ungerecht behandelt fühlte.

Ich hatte keine Ahnung, worum es ging: „Klingt, als wärt ihr wieder in einer Beziehung?!“

Elisabeth fragte sich, was ich denke, wie der aktuelle Stand sei zwischen ihr und Richard: „Du weißt doch, dass er mich wieder gesehen hat?“

Nein, wusste ich nicht.

„Hmm … Ich kann es selbst nicht erklären. Die Mail war wohl nur Teil 1 einer etwas längeren Trennung … Paar Tage nach der Mail hatte ich dir geschrieben, dass ich glaube, dass ich es im Griff habe, mich zu verziehen. Da sagtest du, ER hat MICH im Griff. Ich hab gedacht, du wusstest da Bescheid.“

Ich war relativ sprachlos. Gut, ich war sprachlos. Die Mail hatte ich für den Abschluss einer längeren Trennung gehalten und nicht für den Beginn. Sie hatte ihm geschrieben, dass sie sich schützend vor ihre Kinder stellen müsse, die sie mit jeder Pore ihres Körpers liebe – und nun war das nicht mehr nötig?! Sie konnte diesen Mann, der so irre Sachen gesagt und geschrieben hatte, der sie mit seiner Art stresste und erniedrigte, sie krank machte und wegen dem sie nach dem Abschicken der Mail einen Heulkrampf bekommen hatte, nicht zu den Akten legen?!

In dieser Zeit spitzte sich auch Nadines Beziehung zu ihrem Gefängniswärter-Narzissten zu, auch dort gab es Tränen und auch dort brachte das Augen öffnen wollen keinen Erfolg. Die eine war Mitte 20, die andere Anfang 40 und dennoch konnte ich keinen Unterschied feststellen. Elisabeth hatte fast 20 Jahre mit einem Mann zusammengelebt, vor dem sie am Ende Todesangst hatte und der in seinem Charakter Richard ähnelte. Würden Menschen von Vernunft beherrscht und würden sie sich weiterentwickeln, wäre sie konsequent geblieben und hätte Richard längst geblockt. Sie hätte aus ihrer Erfahrung gelernt, sie wäre mit den Jahren weiser und klüger geworden. Nur funktionieren Menschen so nicht.

Mir bekam das alles nicht gut und ich überlegte, den Kontakt zu Elisabeth ruhen zu lassen. Ich sehe keinen Unterschied darin, ob eine Frau geschlagen oder psychisch wie Dreck behandelt wird. Das alles erlebte ich in der eigenen Familie und meine Mum ärgert sich noch 30 Jahre nach der Scheidung, sich mit meinem Vater jemals eingelassen zu haben. Und ebenfalls an diesem Abend schrieb mir Hanna, dass sie nach „sicherer Suizid“ gegoogelt habe und ein Angebot für 300 Euro gefunden hatte. Im Vergleich zu ihr empfand ich Elisabeths Problem als kindisch und völlig überflüssig.

Dies schrieb ich ihr auch, nachdem ich zuvor endlich verstanden hatte, dass ein zweites Treffen nach der Trennung in Vorbereitung war. Sie verstand, dass ich das alles nicht verstehen konnte. Sie habe so viel gelesen über Narzissmus, sich so extrem informiert, sie diskutiere nun viel kälter mit ihm – und trotzdem sei sie nicht ganz weg. Und sie habe Angst und schon befürchtet, dass sich ihre engsten Freunde wegen ihres Verhaltens jetzt zurückziehen könnten. Ihre beste Freundin hatte bereits geschrieben, dass sie sich wohl vorerst zurückhalten werde. Elisabeth selbst sah, dass sie sich weit entfernt hatte von ihren Prinzipien, wolle aber wieder in ihre Wohlfühlzone. Sie denke viel darüber nach, was das Leben gerade mit ihr mache.

Der Kontakt in den Tagen darauf wurde spärlicher und mir war es recht. Elisabeth lenkte sich mit jenem Mann ab, der sich einen Monat später als Love-Scammer herausstellte und 45.000 Euro geliehen haben wollte.

Ich hielt eine Freundin in Hessen auf dem Laufenden über die Beziehung von Elisabeth und Richard. Auch diese Frau wurde von ihrem Mann stark überwacht, auch er hatte praktisch keine Freunde, war ein Meister des Smalltalks und für ihn war sie das Zentrum seiner Welt. Als Narzissten wollte sie ihn aber absolut nicht sehen. Dafür sah sie die Zeichen bei einer anderen: „Ich erlebe hier auch gerade so etwas bei einer Kollegin und guten Bekannten von mir. Der Mann ist cholerisch und auch ein Narzisst würde ich sagen. Hat sie schon samt den Jungs 3 Mal rausgeschmissen und sie auch betrogen und jetzt hat sie endlich genug und ist zu den Eltern gegangen und hat sich getrennt. Da geht auch grade richtig die Post ab. Das Problem ist, das ehemalige Zuhause ist sein Haus und sie hat keine Rechte daran. Alles echt Scheiße. Und die waren jetzt auch 20 Jahre zusammen.“

Knapp einen Monat nachdem Elisabeth vom möglichen zweiten Treffen nach der Trennung geschrieben hatte, eskalierte die Lage bei Nadine. Sie ließ sich von ihrem Kumpel in ihre Wohnung fahren und wollte Schluss machen. Ob sie dies wirklich durchziehen würde nach all den vorherigen Anläufen war zu diesem Zeitpunkt ungewiss. Von Elisabeth wollte ich wissen, warum sie sich nach dem eigentlichen Schlussstrich wieder auf Richard eingelassen hatte. Ich wollte verstehen, was einen in eine solche Beziehung zurücktreiben kann.

Elisabeth antwortete, dass sie sich zu sehr auf Gespräche eingelassen habe. Sie hielt das für fair ihm gegenüber. Bei einer Trennung habe man ja eine Erklärung verdient, sie selbst würde auch eine haben wollen in diesem Fall. Und dann habe er – typisch Narzisst – eben die richtigen Knöpfe bei ihr gedrückt. Dieses „faire Denken“ sei rückblickend völlig fehl am Platz gewesen. Eigentlich müsse man genauso kalt sein wie der Narzisst. Trennung und Schluss, ohne weitere Diskussion, so wie es die spurlos verschwundene Ex von Richard gemacht hatte. Da der Narzisst eh keine Schuld bei sich sehen kann und immer wieder weit abseits des eigentlichen Themas diskutiert, sei dieser Fairnessgedanke Zeitverschwendung.

„Aber du hast doch vor dem Abschlussbrief alles gewusst, wie du dich danach verhalten musst und das dieses faire Denken Null Sinn macht bei einem Narzissten?“

„Ich weiß, ich weiß. Das muss einen verrückt machen …“

Sie schrieb, dass es ja auch Momente gab, wo er normal und freundlich war, was aber keine Rechtfertigung sein könne. Und sie habe dieses dämliche Verdrängungs-Gen, welches sie naiv und dusselig mache: „Ich denke echt, ich packe das, mich kann der doch nicht fertigmachen. Ich komm schon los.“ Und ihre „Scheiß Einfühlsamkeit“ habe sie am Ende sogar mit ihm einfühlsam gemacht. Sie habe verstanden, warum er traurig ist – wobei das sicher auch gespielt war, so ihre sehr nachvollziehbare Vermutung.

Da sie noch immer den Eindruck machte, dieses Kapitel nicht endgültig abschließen zu können, wollte ich wissen, was ihr morgen fehlen würde, wenn sie ihm heute schreiben würde: „Das war es endgültig.“

„Fiese Frage“, befand sie und überlegte. Der Sex sei es wohl nicht mehr, der Rausch sei weniger geworden. Das Natürliche, Spontane. Aber das könne einem auch auf den Wecker gehen, wenn er dauernd sofort sagt, was er denkt. Seine Art zu leben. Das ähnliche Level des Rumblödelns.

Ich fragte, warum sie dann den Heulkrampf hatte, nachdem sie die Mail abgeschickt hatte, es gäbe ja offenbar viel Gutes – natürlich eine provokative Frage.

Er habe sie emotional an einen komischen Punkt gebracht, totales Chaos. Sie könne nicht mehr sagen, was sie gefühlt hatte.

Ich kopierte ihr den Teil des Schlussmach-Briefs kommentarlos in den Chat, in welchem es um die Kinder ging, die sie mit jeder Pore liebe.

Sie verstand, was ich ihr sagen wollte: „Die Kinder sind meine Priorität …“

„Aber?“

„Ohne wenn und aber. Das ist auch der Weg raus da.“

„Du willst raus, obwohl es dir so gut gefällt?“

„Was gefällt mir denn? An jedem Gesagten war ein ABER dahinter. Rumblödeln statt tiefsinnige Gespräche – wie wertvoll. Sein kunterbunter Garten – Flucht in Äußeres. Und klar ist an ihm nicht alles Mist. Aber das reicht doch für nix. Da fehlt doch alles andere. Liebe, Austausch, echte Nähe, füreinander da sein.“

„Und deshalb meine Frage, was dich davon abhält, heute Abend einen Schlussstrich zu ziehen. Was würde dir morgen konkret fehlen, wenn das Handy stumm bleibt, weil du ihn geblockt hast?“

Ihr fiel nichts ein. Doch: Sie habe ein bisschen Angst. Und er habe sich für den nächsten Tag angekündigt. Auf der Durchreise zu einer Weiterbildung wolle er vorbeikommen und übernachten. Er fragte nicht, er besprach es nicht. Er hatte es beschlossen. Punkt. Denn er wolle Elisabeth soooo gern sehen. Sie antwortete ihm, dass das nicht gehe, denn ihre Kinder wären da und ihnen hatte sie versprochen, dass sie Richard nie wieder sehen müssten. Außerdem seien sie für diesen Sonntag verplant. Wann sie wo wären, wollte er wissen – die Kontrollitis ließ ein weiteres Mal grüßen. Als ihr Sohn ins Wohnzimmer kam, beendete Elisabeth das Telefonat. Einen weiteren Anruf von Richard ignorierte sie.

Nicht ignorieren konnte sie später am Abend ihren Durchfall. Diesen hatte sie schon zwei Wochen zuvor und sie spürte, dass dies mit dem Stress durch Richard zu tun hatte. Seine Ankündigung, vorbeikommen zu wollen, versetzte Elisabeth sofort in Stress. Selbst das Reden mit ihm verursachte Stress, da er recht laut war. Auf Fotos wirkte er dagegen meist müde und kraftlos. Äußeres sagt nichts darüber, wie psychisch gestört ein Mensch ist.

Elisabeth wollte ins Bett, schon die Nacht zuvor war kurz. Dass Richard sich nicht mehr gemeldet hatte, fand sie extrem merkwürdig: „Vielleicht macht ER ja Schluss.“ Drei Minuten nach diesem Satz klingelte das Telefon – Richard. Elisabeth ging nicht ran. Er wusste, dass sie eine verdammt kurze Nacht hatte und zeitig schlafen gehen wollte – Null Rücksicht.

Zwei Tage später meldete sie sich wieder und erzählte, was am Tag zuvor, dem Sonntag, für den sich Richard angekündigt hatte, passiert war: „Ich hatte seine Anrufe und Nachrichten komplett ignoriert den ganzen Tag und es ging mir gut dabei. Gegen 18 Uhr kamen wir von unserem Ausflug zurück. Wir liefen vom Auto Richtung Hauseingang und ich sagte zu den Kindern, sie sollen gucken, ob Richards Auto irgendwo steht. Es war ja schon dunkel und ich war echt angespannt, sagte zu den Kids ironisch, dass er bestimmt gleich aus dem Gebüsch springt. Da hörte ich Schritte, die schneller wurden und ich fluchte innerlich, warum der blöde Schlüssel nicht schneller schließt. War wie im Film. Ich drehte mich um – und er machte: UAAAAAA!!! Hab wie am Spieß geschrien. Extrem laut. Und er freute sich, mich überrascht zu haben. Meine Laune war schlagartig im Keller nach dem eigentlich schönen Tag. Ich stand machtlos da. Heute morgen, als er ging, sagte er noch kurz: So viel dazu, dass ich die Kinder nicht mehr sehen würde.“

Schwer zu sagen, was mich sprachloser machte. Ich fragte, ob er in seinem Auto übernachtet hatte. Elisabeth verneinte mit Verzögerung, die Antwort war ihr sichtlich unangenehm. Für ihn sei es ein Blitzbesuch bei seiner Freundin gewesen. Für sie fühlte es sich an nach Ausnutzen, überrollt werden, „nicht ich sein.“

Ich fragte, ob sie Sex hatten – unter den Bedingungen mochte die Frage völlig sinnlos sein, weil das alles völlig gestört war und weit weg von Lust. Nur kannte ich Elisabeth und so antwortete sie mit: „Die Antwort kennst du selbst.“ Sie habe ihn abgewehrt und zusammengeschissen, war ziemlich stinkig – zum Rest sage sie lieber nichts.

Meine darauf folgende Reaktion mag kalt klingen, aber wenn man einem Kind Tausend Mal sagt, dass es etwas sein lassen soll und am Ende gibt es Tausend Mal Tränen, lässt das Mitleid mit der Zeit nach: „Damit ist wenigstens der Aberglaube Geschichte, dass du die Sache im Griff hast. Wie gewohnt hat er DICH im Griff. Damit ist auch die nähere Zukunft klar. Solange du mit ihm vögeln kannst, wird sich an dieser „Beziehung“ nichts ändern – oder du landest im Krankenhaus. Mal sehen, was schneller eintritt. Spannend. Ich geh erst mal einkaufen.“

Bevor ich ging, schrieb sie, dass sie sich selbst verarsche. Klar könne man aus purer Lust viel, aber das alles ginge überhaupt nicht. Sobald sich der Kopf einschalte, sei alles nur Bäh, der ganze Typ. Was sie beim Kennenlernen angemacht hätte, stoße sie nun ab. Sie dürfe gar nicht dran denken.

Als sie auf Arbeit mit einer Kollegin darüber sprach, rollten einmal mehr die Tränen. In dem Moment wurde ihr der riesige Druck deutlich – mal wieder. „Ich will das nicht mehr, keinen Tag. Ich merke selbst nicht, wie schlecht es mir geht, spüre mich selbst nicht mehr. Das bin nicht ich. Mein Körper zeigt es mir so deutlich.“

Ich fragte, ob sie im gleichen Zustand sei wie in der Endphase der Beziehung mit dem Vater ihrer Kinder. Auch über diese Zeit hatte sie geschrieben, sie habe sich nicht mehr wahrgenommen. Doch die Geschichte damals sei viel viel schlimmer gewesen, sie könne das nicht auf eine Stufe stellen. Aber möglich wäre, dass die Sache mit Richard eines Tages zum gleichen Punkt führen würde. Jetzt arbeite der Kopf pausenlos, wie sie ihn loswird: „Ich will ihn nicht mehr bei mir. Auf dem Rückweg von der Weiterbildung wird er wieder hier vorbeikommen. Ich muss das vorher beenden. Momentan tendiere ich zur SMS. Da komme ich nicht ins Erzählen. Kurz, bündig, auf den Punkt.“

Ich bat sie, die Nachricht erst abzusenden, wenn sie sich 150% sicher sein würde, dass es dieses Mal tatsächlich endgültig sein würde.

„Bin ich. So was von. Ich will nicht, dass er mich (weiter) krank macht. Nach der Kur nach dem Krebs wollte ich mich nur noch mit Menschen umgeben, die mir und meiner Seele gut tun. Wo ich ich sein kann. Das war mir heilig. Und ich bin erschrocken, dass ich nun wieder so einen schlechten Zugang zu mir selbst habe. Ich hatte dir geschrieben und es auch geglaubt, dass ich die Sache mit Richard im Griff habe. Aber so ist es ja nicht. Dieser blöde Stolz, mir das nicht einzugestehen.“

Ihre Worte überzeugten mich, dass sie es nun wirklich durchziehen würde. Ich unterstützte sie beim Vorhaben, sich kurz zu fassen. Einem Narzissten etwas erklären zu wollen, was sein Ego angreifen könnte, ist einfach völlige Verschwendung von Lebenszeit. Gedanken, die einem auf der Seele brennen in solchen Beziehungen, kann man in ein Tagebuch niederlegen. Dann sind sie raus aus dem Kopf und können dort nicht mehr kreisen. Aber sie dem Narzissten offenlegen birgt nur die Gefahr, dass er Schwachstellen findet und sie für seine Zwecke ausnutzt. Das hatte der erste Schlussmach-Brief gezeigt.

Was sie mit ihrer Nachricht nicht wollte: Ihn noch einmal herausfordern wie mit ihrem Satz: „Die Kinder werden dich nie wieder sehen müssen.“ Sie könne ihm nicht schreiben, dass er sich künftig von ihr fernhalten soll. Dann würde er möglicherweise wieder aus dem Dunkeln hervorspringen und es für einen lustigen Streich halten: „Ich hab echt Angst.“

Diese Angst, nach Hause zu kommen und jemand springt auf sie zu, sollte sich mehr als ein Jahr halten. Es blieb nicht einfach nur ein mulmiges Gefühl zurück, sondern wirkliche Angst.

Am Tag nach diesem Überfall wurde Elisabeth bewusst, dass sie in den Wochen zuvor mehrmals von Einbrechern geträumt hatte. Zufall? Oder saß die Angst schon tief in ihrem Unterbewusstsein?

Und am Tag des Überfalls hatte ich Nadine jene lange Mail geschickt, mit der ich sie bestärken wollte, ihren Gefängniswärter zu verlassen. Manchmal schreibt das Leben seltsame Geschichten. Schade, dass sie so selten lustig sind.

Ich brachte Elisabeth auf den neuesten Stand, was Nadine betraf. Diese hatte bei Instagram ein Bild von sich allein gepostet mit Hashtags wie #Hoffnung, #verwirrt, #wassollichmachen #HöreichaufHerzoderVerstand. Für mich klang das nicht nach einem endgültigen Ende des Dramas mit ihrem Freund. Elisabeth fragte ernüchtert, wie diese Narzissten das schaffen, einen so zu fesseln trotz all dieser abstoßenden Verhaltensweisen.

„Wie in der Beschreibung zu Narzissten stand: Sie treffen die richtigen Knöpfe. Und sie treffen wohl auf die „richtigen“ Opfer. Wobei ich nicht weiß, ob es auch Menschentypen gibt, die immun sind dagegen.“

Am Abend rief Richard an und wollte das nächste Wiedersehen festmachen. Elisabeth reagierte mit: „Was willst du denn hier?!“

Er legte auf, schrieb ihr danach: „Das bin ich dir also wert. Nichts. Und lieben möchtest du mich ja auch nicht.“

Wieder muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass diese Worte von einem 45-Jährigen stammen, der einen verantwortungsvollen Beruf ausübt und knapp 2 Meter groß ist, kein Siebenjähriger vom Rande der Gesellschaft.

Elisabeth nutzte die Vorlage und antwortete, dass sein Gespür nicht täuscht: „Ich möchte wirklich keine Beziehung mehr mit dir. Ich liebe dich nicht mehr und möchte dich nie mehr wiedersehen. Jetzt und hier setze ich den Schlusspunkt zum Wohl von uns beiden. Machs gut.“

Ich orakelte, dass bald dutzende Nachrichten von ihm eingehen würden, inklusive weiterer Vergleiche mit seiner eiskalten Mutter. Gut, ich lehnte mich damit nicht wirklich weit aus dem Fenster nach der ganzen Geschichte zuvor.

Eine halbe Stunde später ging es los. Auf seine Anrufe hatte Elisabeth nicht reagiert, also suchte er schriftlich nach Antworten auf Fragen und versuchte, Schuldgefühle zu erzeugen: „Weshalb war es gestern und heute so schön und nun ist alles aus? Was verheimlichst du vor mir? Warum lässt du mich einfach fallen?“

Und es kam das übliche Gejammer: „Ich kann nicht glauben, dass du mich belogen hast und ich nicht mehr Deine bin! Das ist ein Stich ins Herz! Hast mir geschrieben, dass du mich dolle liebst! Lass uns reden! Hab total Bauchschmerzen. Die Liebe ist doch nicht einfach weg! Ich geb dich nicht auf, ich liebe dich doch! Sag mir erst in meine Augen, dass du mich nicht mehr liebst, dann gehe ich allein meinen Weg.“

Kein „Ja, ich habe Mist gebaut.“ Kein „Der Überfall war böse, ich weiß.“ Er hatte nichts falsch gemacht, es musste an Elisabeth liegen. Ganz sicher ist da ein anderer Mann im Spiel, denn sonst würde sie sich doch nicht von ihm trennen. Und wieder die Versuche, den Kontakt am Leben zu erhalten, wie vorhergesagt.

Der Drang, doch ans Telefon zu gehen, war riesig bei Elisabeth: „Mein Kopf sagt, er begreift es, wenn ich mit ihm reden würde und ich höre, was er vorhat. Bauch sagt: Ich muss ihm Null helfen, es zu begreifen. Und er wird es nie begreifen. Also Finger weg vom Telefon.“

Blocken wollte sie seine Nummer nicht, dies wäre für diesen Tag ein Schritt zu viel gewesen. Der innerliche Kampf blieb hart: „Der macht mich gerade irre. Wie lange soll ich jetzt Schiss haben?! Vielleicht sollte ich seinem Kumpel Bescheid sagen? Vielleicht kann er ihn zügeln.“ Immerhin schaltete sie in der Nacht den Flugmodus ein. Zuvor flossen ein weiteres Mal Tränen. Vor dem, was noch kommen könnte, hatte sie Angst.

Schon am frühen Morgen des nächsten Tages hatte Richard die ersten Nachrichten abgeschickt. Wirklich Neues schrieb er nicht: jammern, Schuldgefühle verbreiten, jammern, es nicht glauben wollen, Elisabeth als Lügnerin und kalt darstellen, jammern, „Ich liebe dich“. Von der inneren Würde und Reife eines Mannes über 40 war nicht im Entferntesten etwas zu merken. Das Foto seiner verheulten Augen machte es nicht besser.

Elisabeth ließ sich doch noch auf ein weiteres Gespräch ein, sprach mit kühler Stimme. Er weinte, schien im Schock, verstand nichts, es sei wohl alles nur gespielt gewesen von Elisabeth. Sie sagte anschließend, dass dies das letzte Gespräch mit ihm war, denn das bringe nichts.

Weitere Nachrichten folgten: Er habe Herzschmerzen, konnte nur 2 Stunden schlafen. Der Vater ihrer Kinder habe sie das ganze Leben lang und ihn, Richard, habe sie nun einfach entsorgt. Es sei nicht normal, einem anderen Menschen den Boden so unter den Füßen wegzuziehen. Er wolle von Elisabeth geliebt und nicht entsorgt werden. Ohne sie habe er keinen Halt. Er liebe sie. Er wolle sie nicht verlieren. Dazwischen setzte er die bei unangenehmen Diskussionen üblichen Ablenkungsmanöver: Berichte von der Arbeit, was gerade schief läuft. Wieder Heischen nach Mitleid. Dann wieder Anrufversuche. Währenddessen machte sich Elisabeth erneut Gedanken, wie sie damit umgehen soll, wenn er wieder vor ihrer Tür auftauchen würde.

Am Abend ging es im gleichen Rhythmus weiter und teils mit irren Gedankensprüngen: „Bin heim gekommen, die Lampe im Kühlschrank ist kaputt! Auf der Geburtstagskarte steht, dass du mich liebst!“

Wieder kamen die Bauchschmerzen, dazu gesellten sich nun auch noch Darmprobleme. Wieder kamen Vergleiche mit anderen Freundinnen, die irgendwann wortlos gegangen waren. Immer mehr leuchtete ein, warum sie dies so getan hatten.

Dann schwang er sich zum Helden auf: „Da bin ich schuld. Wenn mich wer fragt, warum du mich nicht mehr liebst, nehme ich die Schuld auf mich. Fühle mich tot. Werde nichts Böses über dich sagen bei den Leuten. Jetzt bin ich völlig allein. Kann niemandem trauen.“

In einem Video hatte Elisabeth gehört, Narzissten wären wie bedürftige Kinder: immer fordernd, immer Kraft aussaugend. Bei all diesen Nachrichten musste sie wieder daran denken.

Ich selbst erinnerte mich an meinen Satz, den ich ihr drei Wochen vor dem ersten Abschiedsbrief geschrieben hatte, ca. 3 Monate vor dem nun wohl endgültigen Ende der Beziehung: „Wenn das mal endet: Wie muss sich das dann alles für dich im Rückblick anfühlen? Stehst du dann eine Woche unter der Dusche? Ich stells mir zumindest eklig vor, wenn man so richtig realisiert, so einem widerlichen Menschen so lange hinterhergelaufen zu sein. Hoffentlich überstehst du das dann unbeschadet.“

Damals fand Elisabeth vor allem das Wort „widerlich“ nicht schön. Als ich ihr nun diesen Satz in Erinnerung rief, schrieb sie zurück: „Hab inzwischen ewig oft gebadet. So viel dazu.“

Tag 2 nach der Trennung: Nachrichten von Richard ab dem Morgen. Elisabeth hätte ihre Liebe verraten, wie könne sie so schrecklich sein. Er werde jetzt seinem Kollegen helfen, er sei ja gutmütig. Später werde er zum Arzt fahren, habe Herzdruck, sei ganz unten. Dann war er in der Apotheke, bekam ein Medikament gegen Durchfall. Dann sollte sie auf ihr Herz hören, schließlich gäbe es für alles eine Lösung. Und sie solle seine Frau werden.

Elisabeth gestand, dass all dies – bis auf den letzten Satz – sehr heftig an ihrem Mitgefühl arbeiten würde – „Aber um Himmels Willen, der spielt sein Spiel perfekt!“ Sie überlegte, ob eine eiskalte Reaktion helfen würde. Ich schrieb ihr ein weiteres Mal ins Stammbuch, bloß nicht auf ihn zu reagieren. Dennoch zuckte es ihr in den Fingern: „Er soll wissen, dass ich nicht nur verstimmt bin.“

„Und was würde es ändern, wenn er wüsste, dass du stinkwütend bist?“

Sie hielt die Finger still und bemerkte einen Unterschied gegenüber dem ersten Schluss machen. Damals habe sie ihre Einfühlsamkeit geäußert, sie wollte ihn trösten – „und Zack hatte er mich.“

Ich wartete bei all seinem Gejammer nur noch darauf, dass er mit Suizid drohen würde. Wenn die bisherigen Strategien nicht aufgegangen waren, um Elisabeth aus der Reserve zu locken, dann bliebe nur noch dieser Weg. Doch diese Drohung sollte nie kommen.

Von ihrer besten Freundin erhielt Elisabeth die dringende Empfehlung, diesen Mann nun endlich zu blocken. Doch noch immer war die Angst vor der Ungewissheit da: „Ich will wissen, wie er tickt. Noch.“ Die Freundin antwortete, dass sie sich wohl besser vorerst zurückziehen sollte. Sie habe das Gefühl, mit einem rohen Ei umgehen zu müssen und wisse nicht, was besser sei: Nichts zu sagen – dann klänge es nach Distanz – oder sich zu äußern, doch das komme offenbar ebenfalls nicht gut an.

Ein Narzisst hat eben nicht nur Auswirkungen auf den Partner. Indirekt kann er ein ganzes Umfeld verändern, gerade am Anfang einer Beziehung, wenn er absolute Exklusivrechte einfordert und Kontakte zu anderen mehr oder weniger freundlich unterbinden will. Aber auch im Laufe der Beziehung werden Freundschaften auf harte Proben gestellt, gegen jegliche Vernunft.

Die Freundin schrieb auch, dass sie das alles schon einmal hatte. Damals hätte sie am Ende auch nichts mit Worten machen können und musste die Betreffende die Situation selbst regeln lassen.

Elisabeth erklärte mir den Zusammenhang: In der Jugendzeit war die Schwester der Freundin in einer Beziehung, in der der Mann ihr vorgeschrieben hatte, was sie zu essen hat, damit sie vorzeigbar blieb – die Schwester nahm stark ab. Er unterband sämtliche Kontakte zu anderen: Wenn die Freundin ihre Schwester für einen Abend aus dem Gefängnis holen wollte und sie etwas unternehmen wollten, kaufte der Mann halt Opernkarten für genau diesen Abend. Und er behauptete, die andere Schwester habe sich an ihn rangemacht. Sein Ziel war es, einen Keil zwischen die Geschwister zu treiben. Tatsächlich herrschte danach ein Jahr Funkstille. Auch in diesem Fall roch es streng nach Narzissmus, so Elisabeth.

Später im direkten Gespräch stellte sich heraus, dass Elisabeths Freundin ihre Sätze gar nicht so scharf gemeint hatte, wie sie schriftlich klangen. Sie hatte vermutet, dass Elisabeth leidet und einen Tipp wolle. Dieser war nicht passend, Elisabeth widerlegte alles und die Freundin wollte nun nicht noch mehr falsch machen.

Es war noch immer Tag 2 nach der Trennung. Das Vorhaben, die Finger still zu halten, konnte sie am Abend nicht länger durchhalten. Sie schrieb ihm, eher kurz. Ich las es und empfand es als so sinnlos. Aber gut, von außen lässt sich immer leicht der Kopf schütteln.

Er nahm die Gelegenheiten natürlich gern an, sprach von Verarsche, die sie mit ihm betrieben habe, dass es „mega weh“ tun würde. Als er nach drei Monaten Beziehung den Schrank für ihre Wohnung hatte kaufen wollen, damit seine Sachen Platz gehabt hätten, und sie es abgelehnt hatte, wäre klar gewesen, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen wollte und dass sie ihn gar nicht liebte. Er sei zu naiv in Sachen Liebe. Sie habe ihn ausgesetzt wie einen Hund an der Autobahn. Mega schlimmes Gefühl. Kuss. Er liebe sie, sei nun krankgeschrieben. Er war nur eine Bekanntschaft. Schlimm!

Der Morgen von Tag 3 nach dem Ende: Nachrichten. „Wenn man seinen Freund liebt, tritt man ihn nicht! Du hast doch gesagt, dass du mich liebst! Ich liebe dich von ganzem Herzen! Du bist das Zentrum meiner Welt! Du bist mein Halt! Du fehlst mir so! Ich möchte keine andere! Liebe kann man nicht ausschalten! Du reißt mir mein Herz aus dem Leib! Ich liebe die Sicherheit, die du mir gibst! Über Probleme muss man reden!!! Aber das fällt dir schwer, ich weiß!“

Stimmt, Elisabeth hätte Richard fragen können, wie man sich Problemen auf erwachsene Weise stellt und wie man darüber spricht. Echt mal.

Wen dir beim Lesen allmählich die Augen vor lauter Verdrehen aus dem Kopf zu fallen drohen, kann ich dich bestens verstehen. Ich hätte jedem Leser das alles in dieser Ausführlichkeit ersparen können, aber eine Zusammenfassung a la „Richard schickte nach der Trennung viele Nachrichten, die noch einmal zeigten, wie weit weg von der Realität er war“ erschien mir wenig sinnvoll. Wie Narzissten ticken, erfährt man nur, wenn man diesen Einblick bekommt. Ansonsten sitzt die Maske nach außen perfekt – meistens. Und es ist wichtig zu sehen, wie Narzissten ticken, weil es nicht nur zwei, drei gibt und weil sie überall sein können und sind. Auch wäre es schwer möglich, diesen teils kindlichen Ton von Richard zu umschreiben. Elisabeth wollte sich den Chat mit ihm auf jeden Fall archivieren, denn sonst würde sie eines Tages denken, dass das alles gar nicht so war. Wenn sie Außenstehenden diesen Mann erklären sollte mit Umschreibungen, fiel diesen die Vorstellung schwer und sie fragten nach konkreten Beispielen.

Noch einmal: Dieser Mann hat einen verantwortungsvollen Beruf, er ist 45, er ist nie in der Psychiatrie gewesen, ist wegen seiner Persönlichkeitsstörung nicht in Behandlung, wird von keiner Statistik erfasst. Für Außenstehende zählt er unter „normal“. Arbeitskollegen und Bekannte mögen ihn für etwas schrullig halten, aber im Smalltalk ist er ein Könner. Dadurch wirkt er für diese Menschen ziemlich normal. Wie fast immer bekommen nur jene von der Störung etwas mit, die hautnah und rund um die Uhr an dem Betroffenen dran sind. Er darf wählen, er dürfte gewählt werden, er könnte in seinem Dorf regieren oder das Land. Er ist einer aus der Mitte der Gesellschaft. Wer wissen will, warum selbst diese Mitte so aus dem Gleichgewicht zu kommen scheint, muss sich die Menschen aus dieser Mitte sehr genau ansehen, genau wie jene an den Rändern. Der Blick mag Schmerzen verursachen, aber Verdrängung bringt niemanden weiter.

Zurück zu Tag 3 nach der Trennung: Elisabeth bekam Post. Nicht per Handy, sondern auf altmodische Weise. Der Inhalt des Briefes war der gleiche wie in den SMSen, ein roter Faden war nicht erkennbar. Die Gedanken sprangen erneut von Liebe zu Arbeit und zurück. Beigelegt war eine Parkkarte für den Ort seines zukünftigen Arbeitsplatzes, dorthin wollte er mit Elisabeth ziehen – möglichst ohne Kinder. Ausgestellt war die Karte auf sein und Elisabeths Nummernschild. Ebenfalls im Umschlag war ein Terminplaner. In diesen sollte sie ihren Urlaub für das Jahr eintragen, damit er planen konnte. Für ihn war die Beziehung ganz offensichtlich noch lange nicht beendet – wie in den Beschreibungen von Narzissten vorhergesagt.

Dass für ihn die Trennung keine war, untermauerten auch weitere SMSen: „Die Finanzierung vom Haus ist erledigt, in 12 Jahren ist sie durch. Deine Kinder gehen mit 18 ihre eigenen Wege! Will mit dir alt werden! Du gibst mir so viel Liebe und Aufmerksamkeit! Das macht mich glücklich! Du bist witzig und schlau! Ich weine wieder! Essen geht nicht, liege nur rum. Bin doch nicht austauschbar wie die Lampe im Kühlschrank! Ich liebe dich doch! Und du hast geschrieben, dass du mich liebst! Das kann nicht von gestern auf heute weg sein! Jetzt hab ich wieder die Verlustängste! Wir schaffen das! Ich wäre nie so zu dir wie du jetzt zu mir. Wir dürfen nichts unter den Teppich kehren! Du hast einen anderen, denke ich. Hast mich nie geliebt!“

Eines erreichte er mit all dem: Elisabeth wachte immer mehr auf: „Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun. Und ich schaffe es nicht, nicht zu antworten. Er weiß, welche Knöpfe er drücken muss.“

Als sie ihm schrieb, dass seine Sprüche gegen die Kinder völlig daneben waren, entschuldigte er sich – Überraschung! Und er fügte hinzu: „Mein Arbeitskollege und seine Frau haben sich die Kinder geteilt! Jetzt sind alle erwachsen!“

Erneut ärgerte sich sich, ihm wieder geantwortet zu haben.

Im Rhythmus von 20 Minuten gingen auch an diesem Abend die Nachrichten ein, bis Elisabeth sich mit dem Flugmodus eine ruhigere Nacht verschaffte.

Tag 4 nach der Trennung: Stille. Nach all den sich ständig wiederholenden Nachrichten schien Richard es aufgegeben zu haben – was Elisabeth grübeln ließ. Was hatte er vor? Die Angst vor einem Wiedersehen war noch immer da. Um ihm keinen Anlass zu geben, hatte sie ihm zwei Tage zuvor jene Sachen per Päckchen geschickt, die noch bei Elisabeth lagen. Nun wartete sie auf eine Bestätigung. Diese sollte die nächste Stufe in der Loslösung starten.

Auch an Tag 5 gab es keine Meldung, dafür am sechsten Tag. Er schickte ein Foto seiner roten Augen, schrieb von massiven Weinattacken, aber sie würde ihm das ja wieder nicht glauben. Ich mutmaßte, dass es bei ihm Zwiebeln zum Mittagessen geben würde. Ja, das mag böse klingen, aber von einem Narzissten darf man sich kein Mitleid entlocken lassen. Er hat keinen Zugriff auf Gefühle, die man als selbstverständlich sieht. Er schauspielert Gefühle und das sollte man sich als Partner, Ex-Partner oder Außenstehender immer wieder klarmachen. Nur so bekommt man die nötige Distanz und geht der Masche nicht auf den Leim.

Ja, man darf den Narzissten innerlich bedauern, dass in seiner Kindheit so viel schiefgelaufen ist, wodurch er zum Narzissten wurde. Und wenn man gerade wie Nadine selbst eine lieblose Kindheit hinter sich hat, mag das verbinden. Doch mit einem Narzissten geht man keine Verbindung aus Nächstenliebe ein, das rächt sich früher oder später, meist durch Krankheit.

Elisabeth konnte noch immer nicht dauerhaft schweigen. Wieder einmal wollte sie ihm die verheulten Augen öffnen: „Als ich in den Park bei Dresden wollte, hab ich dich gefragt. Ich mag so was, es entspannt mich. Du sagtest, es interessiert dich nicht. Du hast nie daran gedacht, deine Interessen mal hinten anzustellen.“

Und wie antwortet ein Narzisst? 10 Meter abseits: „Ich werde nachts immer wieder wach, weine. Schau es dir an! Die Feier habe ich ausgelassen!“

Elisabeth antwortete komplett in Großbuchstaben, dass er wieder nicht auf ihr Geschriebenes eingegangen sei wie immer. Warum sie noch immer eine Spur von Vernunft bei ihm suchte, konnte sie selbst nicht sagen.

Daraufhin nahm er alle Schuld auf sich, es sei niemals böse gemeint gewesen, im Inneren sei er total lieb und er sei enttäuscht, dass sie es nie bis Bratislava geschafft hätten. Weitere weinerliche Nachrichten folgten, kaum etwas Neues. Nur ein sehr cleverer Trick fiel auf. Er schrieb nach dem Motto: „Ich entschuldige mich ja, wenn du das willst, aber du hast ja auch deine Fehler und trotzdem liebe ich dich.“

Elisabeth wurde nun endlich müde. Gedanken, die ihr seit der Trennung leise Schuldgefühle machten, legten sich: „Für ihn kam die Trennung ja aus dem Nichts, eine SMS, das war es. War sicher schockierend für ihn.“ Seine Mitleidsmasche zeigte zumindest für einige Tage Wirkung.

Am Abend rief er an – und sie ging ran. Danach schrieb sie mir: „Ich bin sooooooo dämlich.“ Er war mit dem Auto unterwegs, heulte nur. Als Elisabeths Tochter dies mithören konnte, steckte sie sich den Finger in den Hals. Fast schreiend erklärte er, dass seine Familie ihn allein lasse: „Ich bin denen egal, die schmeißen mich immer raus, ich bin allein.“

Ob dies stimmte oder ein weiterer Versuch war, Mitleid zu bekommen, blieb offen. Das Eintreffen des Päckchen wurde ihr auf Nachfrage von Richards Kumpel bestätigt.

An Tag 7, 8 und 9 blieb Richard still, an Tag 10 versuchte er sein Glück noch einmal. Er holte wieder die guten, alten, gemeinsamen Zeiten hervor und schrieb, man könne alles schaffen, auch mit den Kindern. Er liebe Elisabeth und die Kinder auch. Wer könnte an diesen Worten zweifeln? Erstmals verwendete er die Vornamen der Kids – eine überhaupt nicht durchsichtige Aktion. Elisabeth antwortete kurz. Im Abstand von einem Jahr, als sie sich dies alles noch einmal durchgelesen hatte, empfand sie ihr dauerndes Eingehen auf seine Nachrichten selbst als nervig.

Die Frage „Warum habe ich das so lange mitgemacht?!“ kennt jeder, der eine ungesunde Beziehung viel zu lange ausgehalten und sie verharmlost hat. Den besten Freunden können wir immer dank der Distanz die besten Tipps geben. Steckst du selbst in einer solchen Geschichte drin, ist die Sichtweite sehr begrenzt und erst wenn der Nebel sich mit der Zeit lichtet, kann dein Blick klar werden.

Und das war es. Ab diesem Tag verschwand Richard endlich aus dem Leben von Elisabeth. Seine Mutter rief über ein Jahr verteilt noch ein, zwei Mal bei ihr an und schien abklopfen zu wollen, ob nicht doch noch etwas ginge für ihren Sohn.

Die Folgen dieser Beziehung reichen bis heute. Dank ihm verlor Miss Sonnenschein einiges an ihrem Optimismus, der Richtige sei nicht weit von ihr entfernt. Meinen Satz „Nur noch Verrückte“ versteht sie inzwischen gut. Die Angst, vor ihrer Haustür erneut überrascht zu werden, ist nicht verschwunden.

Neben dem Narzissmus und seinem bestimmenden sowie kontrollierenden Auftreten zog sich eine zweite rote Linie durch sein Verhalten: Sein Hang zu körperlicher Nähe war groß. Dabei ging es nicht um Sex. Tag wie Nacht hing er an Elisabeth, ständig suchte er ihre Nähe, wäre am liebsten in sie hineingekrochen. Dies hörte ich mit den gleichen Worten auch von einer Narzisstin in Bezug auf ihren Freund. Richard sagte immer wieder: „Du erfüllst mich.“ Immer wieder sprach er davon, dass er es genießt, sich bei ihr so sicher zu fühlen. Nachts wollte er am liebsten eng umschlungen mit Elisabeth schlafen. Verschwand sie auf Toilette, wachte er unruhig auf und fragte verdattert: „Bist du da?“ Immer hatte er Angst, sie zu verlieren.

Er fragte Elisabeth immer wieder, was er sich zu essen kaufen soll. Wenn sie Knacker und Semmel sagte, kaufte er sich Knacker und Semmel. Einerseits wollte er alles bestimmen, andererseits brauchte er den Rat von der Ersatzmutti. Was sagt Elisabeths immer wieder bestimmender, cholerischer Vater hin und wieder? „Da fragen wir erst mal die Mutti.“

Es fällt schwer, bei all dem nicht an das Verhalten eines kleinen Kindes zu denken. Und das Suchen der Nähe war dabei nicht das einzig Auffällige. Er konnte stur und bockig sein wie Kinder in ihrer „schwierigen Phase“. Schnell war er von Dingen begeistert, redete dann voller Überzeugung und unüberlegt, so dass man ihn nicht ernst nehmen konnte. Als er bei Elisabeth vier Teller mit Vögeln entdeckte, kaufte er sich die komplette Serie. Als sein Freund sich drei kuschelig-weiche Alpakadecken kaufte, legte er sich knapp 20 zu, um sofort darauf zu schlafen. Mit leuchtenden Augen schaute er Märchenfilme, während der Kopf des 45-jährigen Fast-2-Meter-Mannes in Elisabeths Schoß lag. Diese überkam in solchen Situationen großes Mitleid – „auch wenn das dämlich klingt“, sagt sie mit Abstand. „Da war mir glaube auch klar, dass ich gehen werde und muss.“

Dieses kindliche Verhalten kann dir einerseits sagen: „Ich bin doch nicht seine Mutter?!“ Oder du glaubst, dieser Mensch sei so bedauernswert wie ein alleingelassenes Kind, welches du nicht verlassen darfst.

Einerseits sah Elisabeth in Richard ein Kind. Andererseits machte ihr der Speer über seiner Wohnzimmertür Angst. Ja, sie traute ihrem eigenen, teils kindlichen Freund einiges zu durch sein Auftreten. Das kindliche Verhalten hat aber nichts mit Narzissmus zu tun, sondern gehört – wenn ich es richtig verstanden habe – in eine andere Kategorie, die ich später beschreiben werde: Infantilität. Wobei beides Hand in Hand auftreten kann.

Elisabeth weiß nicht, wer inzwischen unter Richard leiden muss, wer seine Ringe am Finger trägt, bei wem er sich mit einem Schrank einzementieren möchte, wer an endlosen Diskussionen ohne Antworten auf die eigentlichen Fragen verzweifelt, wer ihm sein Bad einlassen soll, in wessen Schoß er kindlich lächelnd Märchenfilme ansieht, wessen Kinder er niedermacht. Sie will es auch nicht wissen. Oft sprachen wir davon, dass man jede Frau vor ihm und anderen Narzissten warnen müsste zum Wohle der Gesundheit. Nur wer würde ihr das alles glauben bei einem 45-jährigen, fast 2 Meter großen, sanftmütig wirkenden Lehrer für angehende Busfahrer?

Rückblickend muss man auch als Außenstehender Dietmar hinterhertrauern, gerade mit Blick auf die Kids. Sein Ego sah in den fremden Kindern nie Konkurrenz. Er musste Elisabeths Nachwuchs auch nicht mit Geschenken zuschütten oder ihnen alle Freiheiten lassen in der Hoffnung, bei ihnen und auch bei Elisabeth Punkte sammeln zu können. Sein Ego war nicht darauf angewiesen, er konnte mit den Kids ganz natürlich umgehen – für deren Ego wäre dies sehr viel wert gewesen, gerade wenn man weiß, wie der leibliche Vater mit den beiden umspringt und den Selbstwert auf niedriger Flamme hält.

Doch Dietmar ist durch den frühen Tod seiner Eltern zum Einzelkämpfer geworden. Wie wäre die ganze Geschichte gelaufen, würden Vater und Mutter noch heute leben? Würden heute Elisabeth, ihre Kinder und Dietmar ganz entspannt am Frühstückstisch sitzen und das Ego der Kinder könnte wachsen? Wie würde Richard ticken, wenn er von seinen Eltern ein gesundes Selbstbewusstsein mit auf den Lebensweg bekommen hätte? Wie werden Elisabeths Kinder ticken, wenn sie in Richards Alter sind, geprägt von ihrem kalten Vater und auch von den Special Effects ihrer Mum?

Bernd

Ein Jahr ist das Ende der Beziehung mit Richard her, als Elisabeth abends von der Freundin ihres Bruders Bernd angerufen wird. Mit seltsam-monotoner, flüsternder Stimme fragt Josie, ob sie mit ihren beiden Kindern (3 und 5) bei Elisabeth übernachten kann. Diese ist geschockt, sagt Ja. Dass die Beziehung mit Bernd Josie schon länger nicht mehr glücklich macht, wusste Elisabeth bereits. Dennoch macht sie dieser Anruf ratlos bis zum Eintreffen der drei.

Nachdem Josies Kinder in den Betten liegen, können die Frauen offen reden – und Elisabeth lernt ihren Bruder nach fast 40 Jahren neu kennen. Josie erzählt vom Cannabis-Versteck im Küchenschrank – Elisabeth wusste, dass ihr Bruder in jungen Jahren so einiges an Drogen ausprobiert hatte, doch dass er nun als Familienvater noch immer dieses Zeug ganz selbstverständlich nimmt, schockt sie.

Josie erzählt von der Dauerüberwachung durch ihren Freund, wie eng er die Leine hält, wie er immer wissen muss, was sie gerade macht, wo sie ist und mit wem. Bei der Mutter-Kind-Kur im Jahr zuvor fühlte sie sich frei – bis ihr Freund zu Besuch kam und die Verhöre sofort wieder anfingen.

Sie erzählt aus der Anfangszeit ihrer Beziehung, als es nur noch Streit gab und sie wütend seine Wohnung verlassen hatte. Er fuhr ihr hinterher, überholte sie, bremste sie aus, so dass sie anhalten musste. Dann ging er zu ihrem Auto und schmiss ihre Sachen auf die Straße. So viel zum Thema: Der Bad Boy ändert sich für dich. Doch so wie Elisabeth mit 21 zurück zu ihrem Freund und späteren Vater ihrer Kinder ging, obwohl sie wusste, dass er in ihrem Wohnheimzimmer ein Babyfon zum Abhören installiert hatte, so war auch für Josie die Aktion auf der Straße kein Grund, für immer wegzurennen.

Der Dauerstress durch Überwachung und Streit zeigt Wirkung auf Magen und Darm, so Josie. Sie wolle weg – sie müsse weg.

Grund für die Flucht an diesem Abend war, dass Bernd stockbesoffen nach Hause gekommen war. Er kotzte mit käseweißem Gesicht und verschwitzt ins Bad, woraufhin Josie ihm den Vorleger um die Ohren pfefferte. Lautstark machte sie ihm klar, dass er sich so nicht vor seinen Kindern zeigen könne. Mit ihrem Handy nahm sie einiges auf, denn Bernd ist ein Meister im Abstreiten von Schuld. Im Hintergrund hörte man den Sohn heulen. Als dessen Vater ins Bett verschwand, nahm er sich den Sohn mit, seinen Liebling. Als der Fünfjährige nicht schlafen wollte – wer konnte es ihm verdenken – und redete und redete, bekam er von seinem Vater zu hören: „Halt die Fresse, blöder Arsch. Sei endlich still …“ Der Sohn begann wieder zu weinen, es nahm kein Ende. Immer wieder sagte er, er wolle in eine andere Wohnung. Josie packte das Nötigste und flüchtete zu Elisabeth, die ihren Bruder in den Erzählungen nicht wiedererkennt.

Am nächsten Morgen wundert sich Josie, dass ihr Freund sie nicht mit Nachrichten bombardiert, wo er sie doch sonst in Dauerüberwachung hält. Die Kinder hatten gut bei Elisabeth geschlafen, zumindest war der Eindruck so. Auch für diese beiden gilt, dass man als Eltern nicht alles sieht und erfährt.

Um den Mittag kehrt sie mit den Kids in ihre Wohnung zurück, Bernd kommt am Abend nach Hause. Der Sohn fragt fast schon provokativ, wohin seine Mum nun mit den Kindern ziehen werde, woraufhin Bernd außer sich ist. Irgendwann sagt er: „Wenn du das durchziehst, kann ich mich ja gleich umbringen, dann hat mein Leben ja keinen Sinn mehr.“ Die Kinder nur ab und zu zu sehen, würde ihm nichts bringen. Die Art der Erpressung ist nicht gerade selten für Menschen dieses Typs und man muss sich fragen, wie weit weg eine solche Aussage ist bis zur Polizeimeldung: „Der Mann tötete zunächst seine beiden Kinder, seine Lebensgefährtin und anschließend sich selbst.“

Nachdem die Kids mehrfach fordern, dass die Eltern ihren Streit beenden, geht es über zu „Blabla“.

Am nächsten Tag verhält sich Bernd, als wäre nie etwas gewesen, löchert Josie per Telefon immer wieder mit den üblichen Kontrollfragen: „Wo wollt ihr hin? Was habt ihr vor?“

Am Abend beginnt die Diskussion erneut und Josie fährt all das auf, was ihr Elisabeth zwei Abende zuvor gesagt hatte. Dazu zählt: „Du bist wie dein Vater!“ Elisabeth wusste von Bernd, dass er nie werden und sein wollte wie sein Vater, doch in der aufbrausenden, cholerischen Art sah sie deutlich die Herkunft ihres Bruders. Doch der bestreitet gegenüber seiner Freundin, dass es diese Ähnlichkeiten gibt. Außerdem sei sein Vater früher anders gewesen als heute. Daran sei dessen chronische Erkrankung schuld. Josies Gegenrede, dass der Vater doch schon immer so sei, dass dies sein Charakter wäre, wehrt Bernd ab: „Vater hat dauernd Schmerzen, deshalb ist er so geworden. Das macht ihn cholerisch.“ Josie kennt Dauerschmerzen und weiß, dass man unter diesen keinen bösartigen Charakter entwickelt. Man könnte eher den ganzen Tag heulen.

Bernd erklärt, immer würden alle die Partei des Vaters ergreifen, wenn er sich mit ihm streitet. Es sei kein Wunder, wenn er immer schlimmer werde, man bestätige ihn ja andauernd. Und Josie schreie dann immer Bernd an und nicht seinen Vater.

Josie lacht und erwidert, dass Bernd ihr einfach näher stünde. Aber wenn es so weitergehen würde, würde sie wohl auch bald kein Blatt mehr vor den Mund nehmen gegenüber seinem Vater.

„Nein, das kannst du nicht machen!“ – Bernd scheint der Gedanke Angst zu machen.

Josie erzählt auch, dass Elisabeth ihr gesagt hatte, dass sie, Josie, krank werde, wenn sie bleibt und verwies auf die Krebserkrankung ihrer Kollegin mit dem narzisstischen Ex-Mann, der noch immer Terror macht, und auf ihren eigenen Krebs zum Ende der Beziehung mit dem Kindesvater, der mit Enthauptung gedroht hatte.

Bernd erwidert, dieser Mann sei ein unmöglicher Mensch gewesen und ein Vergleich sei völlig abwegig. Sie, Josie, habe seiner Schwester nur Scheiße erzählt. Josie gibt ihm den Tipp, Elisabeth seine Version zu erzählen.

In Bernds gedanklicher Welt war allein der Alkoholrausch das Problem, mit dem Josie nicht klar kam. DAS sei der Grund gewesen, warum sie zwei Abende zuvor geflüchtet war. Als sie ihm erklärt, dass dies nur der Tropfen war, der das Fass mit den tausend kleinen Dingen überlaufen hatte lassen, die sie schon lange nerven, erwidert er: „Na an dir stören mich auch tausend Sachen. Aber deswegen trennt man sich nicht. Wir gehören zusammen, wir sind eine Familie.“ Er erklärt, sie als Eltern hätten sich vergessen über den Kindern, das würden auch seine Arbeitskollegen sagen. Sie müssten mehr zu zweit machen. Und Josie sei schon früher immer mal wieder sauer auf ihn gewesen und dann war alles gut.

Josie antwortet mit einem müden, an der Diskussion abermals verzweifelnden Lächeln, dass das Gefühl aber nicht mehr da sei, sie sei nicht mehr verliebt.

„Na dann lass uns zu zweit in den Urlaub fahren, die Kinder gehen zu Oma und Opa.“

Josie erzählt ihrem Freund, dass sie Angst vor ihm hat. Klar könnte man sagen, sie solle sich nicht so haben, ist schließlich der Mann, der sie angeblich liebt. Nur wenn man aus Nachrichten weiß, wie blutig Beziehungsdramen verlaufen können, ist es nicht wirklich abwegig, überall eine Falle zu wittern. Wenn sie ein Glas Wasser den halben Tag herumstehen hat, weiß sie nicht, ob inzwischen irgendetwas hineingemischt wurde.

Bernd ist sprachlos: „Was hätte ich denn davon, den Kindern ihre Mutter wegzunehmen?!“

Josie: „Tja, da siehst du mal, was ich dir inzwischen alles zutraue.“

Einen Satz wie den zuvor sage Bernd, wenn er gerade mal eine vernünftige Minute hätte, so Josie. Doch sie weiß, wie er ticken kann, wenn er außer sich ist. Einmal erlebte sie bereits Todesangst vor wenigen Jahren und dieses Gefühl ist wieder in Erinnerung.

„Deine Schwester hat mir erklärt, dass du ein Narzisst bist.“

Wieder zweifelt Bernd mächtig am Verstand seiner Schwester, auch wenn er nicht weiß, was ein Narzisst ist.

Elisabeth hatte inzwischen genug eigene Erfahrungen gesammelt und die Laien-Diagnose war wirklich nicht weit hergeholt. Als Josie ihr am Abend der Flucht immer mehr aus der Beziehung erzählt hatte, fanden sich genug Parallelen zu Taubenzüchter Richard. Während der Zeit mit ihm hatte sie reichlich gelesen und sich über Youtube-Videos in das Thema eingearbeitet. Das ersetzt kein Studium der Psychologie, aber es hilft beim Verstehen.

Vieles aus den Beschreibungen von Narzissmus wiederholte sich im Verhalten ihres Bruders: Laut ihm fahren immer nur Wichser und Viertelhirne auf den Straßen rum – das typische Sich über andere stellen des Narzissten. Er selbst ist nie an etwas schuld, immer die anderen – ebenfalls typisch. Am Abend, als er besoffen nach Hause kam, hätte ihn Josie ins Bett schaffen müssen, so sagte er später. Sie zeigte ihm den Vogel: „Bin ich deine Mutti?“ Und auch bei früheren Auseinandersetzungen herrschte das gleiche Prinzip: Entweder abstreiten oder wenn das nicht funktionierte 10 Meter abseits vom eigentlichen Thema diskutieren. Wie oft war Elisabeth beim Taubenzüchter daran verzweifelt … Jahre zuvor hatte Bernd seiner Freundin ins Gesicht geschlagen, sich kurz darauf entschuldigt. Inzwischen war dieser Schlag entweder nur ein leichter Wischer oder sie hatte ihn ja herausgefordert oder … An sein Ausbremsen auf der Straße und das anschließende Rausschmeißen von Josies Sachen kann er sich nicht erinnern. Leider hatte Josie den damaligen Chatverlauf mit Elisabeth gelöscht. Bei Narzissten braucht man aber am besten Videomitschnitte, die per Gutachter auf Echtheit überprüft wurden, um eine Chance auf ein „Hmm, okay, könnte so gewesen sein. Aber …“ zu haben.

Für Josie war vor dem Gespräch mit Elisabeth das Thema Narzissmus relativ neu – aber nicht ganz. Eine befreundete Arbeitskollegin hatte immer wieder ihren eigenen Mann als Narzissten eingestuft und geschildert, wie sie damit in der Beziehung umzugehen versucht. Wenn Josie über Bernd sprach, war für die Kollegin recht klar, dass auch Josies Freund ein Narzisst ist. Sie sind eben überall.

Das abendliche Gespräch mit Bernd endet für Josie einmal mehr ernüchternd: „So laufen die Diskussionen immer – was soll ich denn da noch sagen?!“, schreibt sie am nächsten Morgen Elisabeth.

Diese hatte kurz zuvor mehrere schriftliche Einläufe von ihrem Bruder bekommen: „Was für eine Scheiße erzählst du?! Ich bin ein Narzisst?! Sagst meiner Freundin, sie soll mich verlassen? Echt klasse. Da musst du vielleicht mal überlegen, was du sagst.“ Wieder müssen die anderen über sich nachdenken, er nicht.

Als Elisabeth ihn fragt, ob er mit ihr reden wolle, kommt das zu Erwartende: „Nee, keinen Bock. Ich könnte kotzen wegen diesem Mist. Ich bin nicht wie Vater. Behalt solche Meinungen für dich.“ Und wieder dem Gespräch ausweichen, Null Einsicht, völliges Ausblenden der Realität.

Elisabeth fühlt sich nicht wohl, in diese Auseinandersetzung geraten zu sein. Zum einen ist da ihr Bruder, Familie. Zum anderen ist da Josie, eine Frau, die in einer Beziehung mit einem völlig uneinsichtigen Mann steckt, wegen dem sie teils Todesangst hat. 8 Jahre zuvor war Elisabeth in genau der gleichen Lage. Auch bei ihr gab es zwei sehr junge Kinder, die den Streitereien der Eltern zuhören und zusehen mussten. Auch bei ihr gab es die Todesangst. Auch bei ihr gab es die Ratlosigkeit, was sie machen soll. Auch sie durfte offiziell mit niemandem sprechen. Erst ihre Hausärztin brachte die Wende, als sie sagte: „Ihr Sohn tröstet Ihre Tochter abends, wenn sie beim Einschlafen weint.“

Als Elisabeth am Tag des Einlaufs durch ihren Bruder von ihrer Bekanntschaft Theo, der selbst mit einer mutmaßlichen Narzisstin kämpft, per SMS gefragt wird, wie es ihr geht, kullern die Tränen. Und sie hören nicht auf: „Ach Scheiße.“

Wenig später: „Sollen die ihre Scheiße allein ausmachen, ich will nichts damit zu tun haben. Sie haben es selbst verbockt, soll mein hirnloser Bruder damit leben.“

Um die zehn Minuten dauert die Heulattacke. Die Dämme bei Miss Sonnenschein waren erneut gebrochen, verdrängen funktionierte nicht mehr.

Die Frage, was sie nun machen solle mit den Informationen und der Situation, stellt sie am Tag darauf. Mit ihrem cholerischen Vater zu sprechen erscheint ihr völlig sinnlos. Sie erinnert sich an das letzte Silvester, als er stinkig war, weil keiner aus dem Fenster schaute, während die Raketen flogen. Bei jedem Lied im Neujahrskonzert, das ihm gefiel, drehte er die Lautstärke so, dass einem die Ohren wegflogen – Null Rücksicht auf andere. Am Neujahrsmorgen liefen Radio und TV mit Ton. Als Elisabeth fragte, ob man nicht eines abschalten könne, ging das Gemecker los: „Das musst du aushalten! Es geht immer nur nach deinem Kopp, du musst dich anpassen!“ Null Eingehen auf andere, nur der eigene Wille zählt. Wenn seine Frau Widerworte gab, beschimpfte er sie. Sie solle still sein, schließlich habe sie die ganze Zeit nichts gesagt. Elisabeths Sohn kann inzwischen die Wandlungen seines Opas nur noch schwer ertragen, ein wirklich gutes männliches Vorbild bleibt ihm verwehrt.

Und die Chancen, dass Elisabeths immer beschwichtigende Mum mit der Situation umgehen könnte, kommen ihr ebenso übersichtlich vor: „Mutti hält diesen Mann seit Jahrzehnten aus nach dem Motto: Im Grund ist er ein Guter.“

Dieser Satz scheint in so vielen Köpfen eingebrannt, ob alt oder jung. Der Bad Boy, der einfach nur geliebt werden will, um dann seinen wahren Charakter zeigen zu können. Elisabeths Mutter wartet darauf seit Ewigkeiten. Und will man sich nach fast 50 Ehejahren eingestehen, all die Zeit einer Utopie hinterhergejagt zu sein?

„Zwischen den seltenen Sequenzen, wo Vater so durchdreht, ist es auch schön und warm und nah“, schreibt mir Elisabeth und ergänzt: „Klingt verrückt, ich weiß.“

Ich antworte: „Aber genau das ist doch immer das Problem: Kinder werden nicht 99% der Zeit geschlagen, nur in 1%. Aber genau dieses 1% ist entscheidend für das ganze Leben. Josie und die anderen mit einem Narzissten an ihrer Seite würden wohl auch sagen, dass ihre Typen in 90 und mehr Prozent der Zeit okay sind. Nur der kleine Rest macht einen früher oder später krank, zerstört das eigene Ego und klaut Lebenszeit.“

Elisabeth erinnert sich an die Zeit mit Richard und auch mit ihm waren 90% der Zeit und mehr lustig und schön. Die übrigen Prozente wurden mit der Zeit erdrückend schwer.

Wie wurden Elisabeths und Bernds Eltern so, wie sie sind? Wie wurden Vater und Mutter von den jeweils eigenen Eltern als Kinder behandelt? Dazu konnte Elisabeth nichts sagen. In den damaligen Familien sei es immer wichtig gewesen, was die Nachbarn sagen, aber das galt für viele in dieser Generation und ist heute nicht ausgestorben. So bleibt offen, warum man die cholerischen und bestimmenden Wesenszüge ihres Vaters in den Beschreibungen verschiedener Persönlichkeitsstörungen wiederfindet. Wer selbst so einen Menschen in seinem Umfeld hat, kann sich einlesen bei der „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung“ und der „dissozialen Persönlichkeitsstörung“.

Was rät man nun Josie? Was rät man anderen in der gleichen Situation? Dass diese Beziehung überhaupt nicht gut sein kann für die Entwicklung der Kinder, sollte einleuchten, wenn man nicht selbst eine narzisstische oder anders gelagerte Persönlichkeitsstörung hat, welche an der Objektivität kratzt. Wenn Bernd im Verhalten seinem Vater ähnelt, warum sollte Bernds Sohn nicht in die Fußstapfen der Vorväter treten? Wie schnell Kinder lernen, zeigte sich bereits am Tag nach dem besoffenen Auftritt von Bernd. Im Suff hatte er zu seinem Sohn gesagt: „Halt deine Fresse, du Arschloch.“ Am Tag darauf sagte sein Sohn zu seiner Schwester: „Ach halt doch die Fresse.“ Der Satz sollte sich später mehrfach wiederholen.

Und zwei Jahre danach schaute sich der Junge ein Musikvideo während einer Geburtstagsfeier an und kommentierte lauthals: „Boahh, die Weiber, irre, voll cool die Weiber! Ich werd verrückt!“ Fast alle lachten über den inzwischen Sechsjährigen, auch als er die Augenbrauen hochzog, als wolle er flirten. Nur Elisabeth blieb es im Halse stecken: Das könne er nur von seinem Vater haben. Sie wunderte sich nicht, dass der Junge ständig brüllte, denn nur so bekam er Aufmerksamkeit, die ansonsten sein ständig redender Vater einnahm.

Bei der Schuluntersuchung lümmelte er gelangweilt und völlig unbeeindruckt, dass eine fremde Ärztin etwas von ihm will – Josie erzählte es fast stolz, sagte zu ihrem Sohn: „Du bist ja auch voll der Checker.“ Elisabeth sagte, er habe Null Respekt oder Zurückhaltung. Was er will, das zählt.

Ich fragte sie, ob Josie gar nicht merkt, dass ihr eigener Sohn genauso wird wie jener Mann, von dem sie sich bedroht fühlt und den sie verlassen wolle. Doch eine wirkliche Antwort konnte Elisabeth nicht geben – sie wurde aus Josie nicht schlau.

Der Junge ist also auf dem besten Weg, die männliche Tradition in der Familie fortzusetzen. Seine Schwester macht ihm inzwischen immer mehr nach und recht schnell.

Also: Allein zum Wohl der Kinder muss die Trennung her und eigentlich dürften sie danach auch nicht mehr zum Vater. Wie verletzend für das Ego ihrer Kinder Menschen mit einer psychischen Störung sind, zeigen u.a. Elisabeths und Katharinas Ex-Partner. Nur wird kein Jugendamt dem Vater das Umgangsrecht absprechen „nur wegen so einer Meise“. Schließlich würden dann viele Kinder nur noch mit maximal einem Elternteil Kontakt haben, wenn überhaupt. Und an Theo sieht man, wie erfolglos Elternteile beim Amt kämpfen, wenn es Persönlichkeitsstörungen gibt.

Auch Josie darf man nicht in Schwarz-Weiß betrachten, auch bei ihr gibt es diverse Schattierungen von Grau. Als sie erfahren hatte, dass ihr erstes Kind ein Junge wird, heulte sie bitterlich, weil es kein Mädchen werden würde. Als später ihre Tochter folgte, bevorzugte sie diese. Zeitweise hat sie Angstzustände, denkt dann, sie könnte sterben und dann wäre ihre Tochter allein. So gibt es ein Papa-Kind – der Sohn – und ein Mama-Kind. Man kann ahnen, dass sich diese Aufteilung nicht sonderlich günstig auf das weitere Leben der Kids auswirken wird, von den psychischen und Beziehungs-Problemen der Eltern ganz zu schweigen.

Auch ihr Perfektionismus erscheint wenig günstig für jegliche Beziehung und Nachwuchs. „Sie will alles perfekt und das auch sofort“, so Elisabeth. Die Wohnung richtete Josie top ein, geschmackvoll dekoriert. Als Bernd eine Kerze anzünden wollte, bekam er den Anschiss: Sie war zur Deko und nicht zum Benutzen! Mit ihren Freundinnen vergleicht sich Josie viel und so wird sich bei den Kinderpartys möglichst überboten. Wie perfekt musst du dann als eigenes Kind sein, um den Ansprüchen deiner Mum zu genügen?

Was würde nach der Trennung passieren? Verhält sich Bernd ruhig, weil er doch noch einsieht, dass sein Verhalten für eine Beziehung alles andere als hilfreich war? Geschichten über reale Narzissten sprechen eine völlig andere Sprache. Auf Zur-Ruhe-kommen darf Josie nicht setzen. Es kann grundsätzlich ruhiger werden, weil sie den mündlichen Streitereien aus dem Weg gehen kann und die Kinder müssen weniger miterleben. Aber sie muss mit unzähligen Nachrichten, Anrufen und weiteren Stalking-Aktionen rechnen. Vielleicht gibt Bernd nach wenigen Wochen auf, sucht sich eine neue Insassin für sein Gefängnis mit permanenter Überwachung. Nur wäre das der neuen Frau an Bernds Seite genauso wenig zu wünschen wie ein weiteres, unruhiges Leben für Josie. Oder er verbeißt sich jahrelang in sein abhanden gekommenes Eigentum wie der Ex von Esther, die mit Krebs bezahlte und deren Kinder weiterhin leiden.

Nein, eine einfache Lösung mit Happy End für alle gibt es nicht. Umso wichtiger wäre es eben, dass Narzissten gar nicht erst entstehen können. Nur muss man dazu überhaupt erst einmal anfangen, über Persönlichkeitsstörungen zu sprechen.

Was rät man Elisabeth? Wie soll sie sich in diesem Beziehungschaos ihres Bruders verhalten? Ich hatte den Eindruck, dass sie sich nach ihrer Heulattacke tatsächlich aus all dem raushalten wollte. Einerseits verständlich, denn sie hatte in diesem Beziehungs- und Familiengeflecht wenig Chancen, dass ihr eines Tages gedankt werden würde. Andererseits hatte sie selbst einst Hilfe gebraucht, war darauf angewiesen, dass jemand sich NICHT zurückzieht mit: „Da kann ich dir auch nicht helfen.“

Mir fiel nur ein Trick ein, um wenigstens Elisabeths Mum mit ins Boot holen zu können: „Du sagst, dass am Wochenende eine Freundin bei dir übernachtet hatte, die von ihrem stockbesoffenen Mann geflüchtet war mit den Kindern. Du erzählst, dass der Mann jeden ihrer Schritte verfolgt und nie an etwas schuld ist, er diskutiert völlig abwegig und sie hält das nicht mehr aus, weiß nicht, was sie machen soll. Was würdest du, liebe Mum, ihr raten?“

Ihre Mutter könnte ohne voreingenommen zu sein urteilen, sich des Ernstes der Lage stellen, ohne alles wieder weglächeln zu wollen, weil es die eigene Familie betrifft.

Elisabeth blieb jedoch gegenüber ihren Eltern verschwiegen und über die folgenden Monate verlief alles in seinen gewohnten, schwer zu ertragenden Bahnen. In der Familie blieb das Thema unausgesprochen, auf Fotos wirkt Josie müde.

Ein Jahr später ist Elisabeth stocksauer auf Josie. Diese hatte eine Familienfeier wütend verlassen, nachdem es dort einen eigentlich kindischen Streit mit Bernd gegeben hatte. Das Fass brauchte offenbar wieder nur einen Tropfen, um überzulaufen.

Elisabeths Tochter entdeckte Josie auf dem Kinderspielplatz und Josie begann, sich gegenüber dem Teenager ihr Herz auszuschütten. Elisabeths Tochter mag ihren Onkel Bernd – gegenüber ihr zeigt er nie seine unausstehliche Seite. Josie erzählte von all den Beziehungsproblemen und dass Bernd am Vortag gefragt hatte, ob sie nicht ein drittes Kind bekommen könnten – vielleicht war dies entscheidend für Josies Flucht bei der Feier. Aus Bernds Sicht eine clevere Strategie: Mit einem dritten Kind könnte Josie (noch) schwerer flüchten aus ihrem Gefängnis.

Josie erzählte Elisabeths Tochter von ihren Gedanken, wie sie da wegkommen könnte, dass Bernd sicher nicht zulassen würde, dass sie den Sohn mitnimmt. Er könnte ihr seine Drogen unterschieben und sie damit bei den Behörden schlecht machen, so dass sie zumindest den Sohn nicht bekommt. Seit langem denke sie an Trennung: „Aber alle Trennungskinder haben ja einen Knall …“

Das sagte sie zu einem Trennungskind. Elisabeth fand das unmöglich – nachvollziehbar. Aber wenn sich die Mutter zweier Kinder einem Teenager anvertrauen muss, dürfte der innere Leidensdruck schon arg groß sein. Und Elisabeth hatte sich mit ihrem Schweigen in der Familie über die Flucht von Josie ein Jahr zuvor und die enormen Probleme in der Beziehung ins eigene Fleisch geschnitten. Ihre Tochter hätte nicht hineingezogen werden müssen, wenn es inzwischen eine Lösung gegeben hätte. Verdrängen heißt nicht vergessen.

Nun war Elisabeth über Josie entsetzt: „Völlig ohne Kopf, aber Hauptsache, sie hat sich erleichtern können, toll.“

Ich erinnerte sie an ihren Satz ein Jahr zuvor: „Sollen die ihre Scheiße allein ausmachen, ich will nichts damit zu tun haben. Sie haben es selbst verbockt, soll mein hirnloser Bruder damit leben.“ Dem war die zehnminütige Heulattacke gefolgt.

Elisabeth war zunächst überrascht: „Hab ich das gesagt?“, konnte sich dann aber erinnern. Sie verübelte Josie damals vor allem, dass diese bei der Rückkehr zu Bernd vieles 1:1 zitiert hatte, was am Abend der Flucht unter den Frauen besprochen worden war: „Siehste, deine Schwester denkt auch …“ Ab da hatte sie es nicht mehr in der Hand, doch sie hätte schon gern gewusst, was sie erwartet. Auf der Seite ihres Bruders stehe sie ganz sicher nicht, so wie er behandelt man keine Partnerin. Nur sei Josie auch problematisch und eine Einmischung wäre unter den Umständen nicht verlockend.

Nach dem Gespräch auf dem Spielplatz sagte Elisabeth zu mir, dass es natürlich ratsam wäre, einen Absprung zu polstern, indem Freunde helfen. Aber den entscheidenden Schritt müsse man allein machen und der koste unendlich Mut.

Ich gab ihr Recht, schrieb aber auch, dass man diesen Schritt wohl erst wagt mit der Gewissheit, danach nicht allein zu stehen und die Familie des Partners gegen sich zu haben. Bei Bernd könne man nicht davon ausgehen, dass er die Trennung einfach akzeptiert. Wenn Elisabeths Mum dann wie üblich alles mit einem Schweigen hinnimmt und der cholerische Vater nur in alle Richtungen rumbrüllt, dann würde Josie ins Ungewisse springen. Deshalb wäre es schon gut, wenn ausgelotet werden würde, wie die Eltern all das sehen.

Und klar war auch für mich Josies Benutzen von Elisabeths Tochter als Beichtvater alles andere als optimal, so schrieb ich es auch Elisabeth. Aber ich erinnerte sie daran, wie oft ich ihr eigenes Verhalten in der Beziehung zu Taubenzüchter Richard Scheiße fand und auch da bekamen Kinder vieles ab. Nach dem Verlassen der Feier stand Josie sicher unter reichlich Stresshormonen und dann macht man Dinge, die man einen Tag später bereut. Vermutlich hätte sich Josie auf dem Spielplatz auch einem Wildfremden anvertraut, weil der Druck immens war.

Meine Befürchtung, Josie könnte nur mit ihrer Tochter aus der Beziehung gehen als Kompromiss und weil es eben ihr Lieblingskind ist, teilte Elisabeth und die Vorstellung gruselte uns beide.

Josies Satz „Aber alle Trennungskinder haben ja einen Knall …“ beschäftigte uns noch einmal. Die Trennung ist nach meiner Erfahrung weniger das Problem, sondern die psychische Verfassung jener, die sich trennen – also der Eltern. Die Kinder von Bernd und Josie werden als Erwachsene einen „Knall“ haben, auch wenn ihre Eltern zusammenbleiben sollten. Es kommt nur noch darauf an, wie groß er ist. Der Knall wird garantiert nicht kleiner, wenn die Kinder weiter unter diesen Verhältnissen aufwachsen müssen. Würde Josie nach einer Trennung weiter ihrer Tochter den Vorzug geben, stünden die Chancen gut, dass ihr Sohn der nächste Narzisst in der Familie wird. Und wohin sich die Tochter bei der Behandlung als Prinzessin entwickeln wird, darf man erahnen.

Die Frage, ob Josie bei einer Trennung von Bernd moralische Unterstützung von dessen Eltern bekommen würde, sollte sich ein weiteres Jahr später teils beantworten. Elisabeth schrieb mir: „Das muss ich erstmal verdauen. Da ist mir schon bissel die Spucke weggeblieben.“

Sie hatte nun endlich mit ihrer Mum über die Beziehung ihres Bruders sprechen können, nachdem sich Josie bei ihrer Schwiegermutter das Herz ausgeschüttet hatte – allerdings hätte Elisabeth es zum Wohle ihres Blutdrucks lassen sollen. Ihre Mum sagte Dinge wie: „Josie putscht alles auf. Bernd macht schon echt viel. Sie ist emotional sehr kalt. Sie sieht gar nicht, was er macht. Männer brauchen auch mal ein Lob. Sie hat diese familiäre Wärme nicht. Sie ist doch schon immer auf Trennung aus.“

Elisabeth rief ihrer Mum eine Szene in Erinnerung, als Bernd Josie ins Gesicht geschlagen hatte und diese aus Angst die Polizei rief.

Reaktion der Mutter: „Ach, sie bläst das immer alles auf.“

Josie hatte ihrer Schwiegermutter an diesem Tag von der Flucht mit den Kindern zu Elisabeth zwei Jahre zuvor erzählt und dass sie gefilmt habe, wie sich Bernd benommen hatte.

Reaktion der Mutter dazu gegenüber Elisabeth: „Josie überdramatisiert. Bernd hat zuvor allein die Dunstabzugshaube angeschraubt und hatte keine Zeit zum Essen und dann die Feier – da wirkt Alkohol eben anders. Und das Filmen war unter aller Sau. Und er hat doch später seinem Sohn erklärt, dass Betrunkensein nicht so toll ist. Jetzt erzählt Josie überall rum, wie schrecklich Bernd ist. Der macht alles für seine Familie.“

„Und was mache ich jetzt?“, fragte Elisabeth, die geschockt und ernüchtert war. „Mir bewusst sein, dass ich ein Verdrängungsproblem geerbt habe?“

Immerhin sehe ihre Mum, dass Bernd und Josie die Beziehung nicht ewig fortsetzen werden können – aber sie sehe überhaupt nicht ihren Sohn als Ursache: „Sie macht das so – mir fehlen da irgendwie die Worte – so naiv. Als wäre mein Bruder okay und Josie bissel gaga in ihren Ansichten. Dann findet sie es also wohl auch vollkommen in Ordnung, dass mein Vater solche Anfälle hat und sie so behandelt?! Ich bekomme das echt nicht auf die Reihe …“

In Elisabeths Kopf hatte sich schon in den Monaten zuvor einiges an neuer Wahrnehmung ihrer Familie und damit ihres Werdegangs getan. Das Gespräch mit ihrer Mum war „nur“ ein weiterer Wegpunkt auf dem Pfad zurück in ihrer Geschichte. So sehr ich Miss Sonnenschein in den Jahren zuvor immer wieder raus aus der Verdrängung auf den Boden der Tatsachen hatte holen wollen – jetzt tat sie mir leid. Ihr setzte das ungeschönte Bild ihrer Familie spürbar zu und vor allem, dass sie mit niemandem der Beteiligten „normal“ reden konnte. Ihr Bruder war in seinen eigenen Augen an nichts schuld, ihr Vater ging von Null auf 100 an die Decke und ihre Mum verdrängte, was auch immer es zu verdrängen gab. Würde sie Josie bei einer Trennung helfen, weil Elisabeth selbst einst aus einer gefühlt lebensbedrohlichen Beziehung flüchten musste und auf Verständnis angewiesen war, dann stünde sie wohl mindestens gegen ihren Bruder und ihre Mum. Eine vernünftige Konfliktlösung würde es so niemals geben und Elisabeth bliebe damit nur, entweder gute Miene zum bösen Spiel zu machen und wieder zu verdrängen oder sich rar zu machen.

Für mich gehören Kinder weder in die Hände von Bernd noch von Josie. Josie scheint mir das geringere Übel zu sein – aber weitab vom Optimum. Wenn wir es nicht hinbekommen, dass sich Menschen nicht mehr zu solchen Narzissten entwickeln und das Geschlecht des Nachwuchses bei keinem Elternteil darüber entscheidet, wie es aufgenommen wird, dann wird diese Welt mindestens so verrückt bleiben wie sie gerade ist.

Der Freund und Helfer

Mitte 2019 – die Höhepunkte der Narzissten-Dramen bei Nadine und Elisabeth lagen ein halbes Jahr zurück – kam ich auf einer Familienfeier mit Hobbymusikerin Yvonne ins Gespräch. Sie sorgte für die Unterhaltung der Gäste und war seit vier Monaten mit meinem Cousin befreundet. Über ihn wusste ich wenig und eher beiläufig wünschte ich Yvonne, dass sie einen Glücksgriff mit ihm gemacht hätte bei all den wenig heiratstauglichen Menschen, die auf dem Markt seien.

Sie lachte und wusste, wovon ich sprach. Vor allem der Vorgänger des Cousins hatte den Vogel abgeschossen.

Diesen Vorgänger hatte sie in einem Singleportal kennengelernt, sie trafen sich, stellten fest, dass sie in Sachen Ordnung, Sauberkeit, Kids, Familie, Anschauungen, Bildung auf Augenhöhe lagen. Am Anfang schwärmte Yvonne davon, dass er sie erde. Eigentlich wolle sie immer die ganze Welt kennenlernen und die verrücktesten Dinge ausprobieren. Als Polizist habe er aber viele negative Erfahrungen gesammelt und ein großes Stück Unbeschwertheit eingebüßt. Seine Waffe wurde ihm irgendwann abgenommen.

Schnell kam er mit „Ich liebe dich“ – wie Richard. Schnell kam er mit „Willst du meine Frau werden? – wie Richard. „Ich muss so dämlich geguckt haben …“, so Yvonne. Als sie ihm sagte, dass sie vorher erst einmal die Scheidung durchziehen müsse, kamen in der Folge immer wieder Anmerkungen, dass sie diese doch langsam in Angriff nehmen sollte.

Langjährige Freunde hatte er keine – wie Richard, auch keinen Kontakt mehr zu Eltern und Geschwistern, er stellte Yvonne auch keine Bekannten vor: „Es gab nur mich.“ Er zog viel über seine Kollegen her, konnte herablassend zu Kellnerinnen und Leuten im Zug sein. Zu Yvonne war er es nicht, wobei die Beziehung sechs Monate dauerte und man nicht weiß, was noch gekommen wäre.

Als Yvonnes Tochter wegen einer chronischen Krankheit ins Krankenhaus musste, erwartete Yvonne ein paar liebe Worte von ihrem Freund. Doch von ihm kam nur: „Dann soll sie einfach ihre Tabletten ordentlich nehmen.“ Wie Richard schien dieser Mann in Kindern Rivalen im Kampf um die totale Aufmerksamkeit ihres Eigentums zu sehen. Ab da fing es für Yvonne mit dem Hinterfragen der Beziehung an.

Und wie Richard hielt er alles für unwichtig, was der Partnerin wichtig war. In Yvonnes Fall waren es Menschen und Rituale.

Yvonnes Begeisterung ließ nach. An einem Wochenende sagte sie ihm ab, erfand eine Ausrede, fuhr in Wahrheit aber zu einer Freundin nach Niedersachsen – und ihr Freund schien es zu wissen. Er sagte es nicht direkt, aber Yvonne konnte es zwischen den Zeilen lesen. In Zeiten von Handyortung ist alles denkbar und welche Möglichkeiten stehen einem Polizisten darüber hinaus zur Verfügung, am offiziellen Dienstweg vorbei? Oder war es einfach nur Einbildung?

Jedenfalls kündigte er an, sich zurückziehen zu wollen. Wie bei Richard schrieb Yvonnes mutmaßlicher Narzisst in einer Mischung aus Jammern, Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Sie sei wie all die anderen herzlosen, verlogenen und ausnutzenden Menschen schuld, dass er an seinem Job zerbrochen sei. Und sie habe sicher einen anderen – wie bei Richard.

Stillhalten und seine Beschimpfungen kommentarlos stehen lassen fiel ihr wie Elisabeth verdammt schwer, obwohl auch sie genau wusste, dass sie sich nicht wehren darf. Sie glaubte, ihm mit Ruhe und Verständnis den Wind aus den Segeln nehmen zu können – doch darauf reagierte er mit Beleidigungen. Manches traf wieder sehr genau – er kannte ihre wunden Punkte. „Ich wusste, dass ich still sein sollte. Aber glaube mir, wenn dich jemand so angreift, dann willst du dich einfach nur noch verteidigen. Ich war natürlich an allem schuld, dass es zerbrochen war. Ich sei verlogen, habe ihn ausgenutzt und ausgebeutet. Man muss die blockieren. Das fällt verdammt schwer, auch wenn ich nicht erklären kann wieso. Erst, wenn du dem so ein Ende setzt, kannst du zu einem Ende kommen.“ Die gleichen Erfahrungen wie Elisabeth.

Ich fragte sie, ob sie ihm all diese giftigen Angriffe zu besseren Zeiten zugetraut hätte: „Nie.“

Sie blockte ihn bei Whatsapp, nachdem er ihr den Diebstahl einer leeren Kugelschreibermine vorgeworfen hatte. Und auch sie hatte Angst, er würde noch einmal vor ihrer Tür auftauchen. Deshalb ließ sie ihm das Schreiben von Mails als Ventil, welches er für weitere böse Nachrichten nutzte.

Es dauerte nicht lange, bis er ein neues Eigentum gefunden hatte, womit bei Yvonne Ruhe einkehrte. Gerade war sie noch sein Ein und Alles – so bezeichnete auch Richard Elisabeth – und plötzlich hatte er sich anders orientiert. Als Yvonne Fotos der Neuen sah, hätte sie froh sein müssen, ihn los zu sein. Doch als Siegerin fühlte sie sich überhaupt nicht. Nach der Trennung, so musste sie zugeben, war das Bedürfnis groß, bei einem neuen Mann Liebe, Zuneigung und Trost abzuholen.

Und wieder hatte der Narzisst ins Schwarze getroffen: Die Fotos und die klebrigen Treueschwüre, die er bei Facebook mit seiner neuen Liebe seines Lebens veröffentlichte, waren praktisch nur für Yvonne gedacht, denn er hatte nur zwei Freunde dort und noch gehörte Yvonne zu ihnen. Zu gemeinsamen Zeiten hatte er gesagt, dass er auf Facebook ungern etwas veröffentliche, das gehe niemanden etwas an. Seine jetzige Strategie „Guck, ich toller Hecht finde sofort eine Neue!“ ging auf und rüttelte an Yvonnes Ego. Wenn man weiß, wie stark Narzissten ihre Partner als Eigentum ansehen, macht eine Bildunterschrift wie „So, hab sie angeleckt, meins!“ eher sprachlos als dass man lachen könnte – vor allem bei einem Mann über 50. Diesen Spruch hatte er unter ein gemeinsames Bild mit der Neuen gesetzt.

Rückblickend auf die sechs Monate Beziehung sagt auch Yvonne, dass es ja viele schöne Momente mit ihm gab, wodurch das Loslassen nicht so einfach war: „In der Zeit, wo wir zusammen waren, hab ich nicht gelitten. Er hat sich schon sehr gut um mich gekümmert, wir waren viel unterwegs, ich kam viel raus. Bei ihm hatte ich so viel Geborgenheit wie bei keinem anderen, eine erst mal sehr schöne Erfahrung. Narzissten können einen sehr einnehmen. Ich hatte nie das Gefühl, dass er einer ist. Erst jetzt weiß ich, wie sehr selbst ICH danebenliegen kann und eigentlich habe ich einen recht guten Riecher. Die offenbaren sich erst, wenn man nicht mehr auf Augenhöhe ist.“ Und: „Mein Ex-Schwiegervater war auch einer.“

Der Bürgermeister

Als ich bei Richard erwähnte, dass er gewählt werden dürfte, mag das seltsam geklungen haben. Ein Mensch, der so weit weg von der Vernunft ist, der anderen ständig misstraut, seine Partnerinnen an die Kette legt, mit dem man überhaupt nicht diskutieren kann, der von anderen Menschen überhaupt nichts hält, völlig frei ist von Einfühlungsvermögen, würde doch eh keine Stimmen bekommen können.

An den Wochenenden begegnete ich auf meinen kleinen Wanderungen durch den Wald um den Ort regelmäßig einer Frau mit Hund. Wir grüßten uns, sprachen über Rehe, die wir schon länger nicht mehr gesehen hatten, selten blieben wir länger stehen. Ihr Hund wollte Auslauf und nicht warten, bis die Zweibeiner fertig sind mit ihrem Smalltalk.

Ende 2019 kamen wir länger ins Plaudern. Ich erzählte von meiner Buchidee, dass es darum geht, was sich alles hinter den Gardinen abspielt und wie weit weg wir sind von einer heilen Welt. Sie, Ü50 und Leiterin der Kita drei Orte weiter, lachte kurz: „Falls Ihnen noch Stoff fehlt, kann ich Ihnen ein ganzes Buch füllen.“

Sie sprach über ihre 20 Jahre Ehe mit einem Mann, der sie ständig überwachte, sich extrem eifersüchtig zeigte und sie wie ein Kind behandelte. Er fuhr ihr hinterher, wenn sie zu Terminen musste, er witterte überall einen anderen Mann. Wenn sie sich im Restaurant umsah, sagte er: „Du hast genug Löcher in die Luft geguckt, schau auf deinen Teller.“

Eines Tages kam sie nach Hause und eine andere Frau stand vor der Tür: „Ich bin die Geliebte Ihres Mannes und wollte zu ihm.“

Für die betrogene Ehefrau brach natürlich die Welt zusammen. Wie sie nach und nach erfuhr, tanzte ihr krankhaft eifersüchtiger Mann schon sehr lange auf mehreren Hochzeiten. Er beließ es selten bei einer einzigen Geliebten. Und die vielen Termine, die er seit fünf Jahren als Bürgermeister hatte, konnte er als Alibi nutzen. Was man selbst macht, traut man auch anderen zu.

Die Kitaleiterin landete wegen Suizidgedanken in der geschlossenen Psychiatrie. Ich fragte, ob denn die Leute im Umfeld nichts mitbekommen hätten. Auf dem Dorf bleibt doch kaum etwas lange geheim?! Doch, sie wussten vom Fremdgehen, sagten aber nichts, weil sie annahmen, dass die Frau wegen ihrer geschäftlichen Verbindungen mit ihrem Ehemann in den Vor-Bürgermeisterzeiten alles so durchgehen ließ.

Die Folgen dieser Ehe nagen natürlich weiterhin. Das Ego erholt sich langsam auf niedrigem Niveau. Über ihre 90-jährige Mutter sagte sie, dass diese auch heute noch den Ton angebe. Unter solchen Eltern(teilen) entsteht kein gesundes Selbstbewusstsein und das macht es Narzissten leichter. Sie können das Ego des Partners unheimlich gut streicheln – siehe Nadines Gefängniswärter, Elisabeths Taubenzüchter, Yvonnes Polizist usw. Und solange der Partner nicht misstrauisch wird oder die Augen verschlossen hält, setzen sich diese Beziehungen fort bis zum unausweichlichen und bitteren Ende. Ein nie groß gewordenes Ego ist leichter anfällig für all das und macht auch die Gegenwehr schwerer.

Ein Geschäftsmann, also ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft, der seine Frau wie den letzten Dreck behandelte, sie stalkte, ihr ständig misstraute, sie in die Psychiatrie brachte mit seinem Verhalten, der unendlich weit weg ist von Empathie, der sich auf keine Diskussionen einlassen kann, lenkt die Geschicke eines Dorfes. Und wer jetzt denkt, dass das halt bei den dummen Dörflern passieren kann, aber nicht auf höherer Ebene, der irrt gewaltig. Narzissten regieren nicht nur kleine Siedlungen, sie können auch an die Spitze von Staaten gelangen.

Der Präsident

Narzissten betrachten andere Menschen als nützliche Idioten. Sie gehen Bindungen ein, damit sie einen Nutzen für sich haben, nicht aus Liebe, Zuneigung oder Sympathie. So wenig einfühlsam sie auch sind, wissen sie sehr genau, wie man Menschen für die eigenen Zwecke missbrauchen kann. Ein Narzisst braucht das Gefühl, über jemanden verfügen zu können, dabei die Richtung vorzugeben ohne Widerworte. Erfüllt das Gegenüber diesen Job nicht, muss es mit heftigen Reaktionen rechnen. Nadine, Elisabeth, Theo, Esther, Josie und all die anderen können davon reichlich berichten.

Und so wie ein Taubenzüchter, ein Polizist oder ein Bürgermeister sieht auch ein zum Präsident Gewählter andere Menschen durchweg als nützliche Idioten, wenn er die narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Das betrifft Partnerinnen, Freunde, politische Weggefährten genauso wie Wähler. Er unterscheidet sich nicht vom Gefängniswärter, von Richard, von Bernd oder dem Bürgermeister, nur weil er ein hohes Amt hat. In dieses kann er gerade deshalb gelangt sein, weil er Narzisst ist und dadurch Menschen auf seine Seite ziehen kann.

Der Präsident, um den es in diesem Beispiel geht, lobte neue Mitarbeiter seiner Regierung in allerhöchsten Tönen. Sie waren die fähigsten, die smartesten, die besten, die fleißigsten. Wenn sie gingen, weil sie andere Ansichten hatten als ihr Chef und über diesen im Nachhinein wenig Gutes sagen konnten, wurden aus den einst talentiertesten und fähigsten Menschen des Landes schlagartig faule, unfähige, unehrliche Leute.i Sie waren für das Ziel des Präsidenten – Macht – nützlich – und nur das.

Narzissten machen keine Fehler. Dementsprechend gibt es für sie auch keinen Grund, sich zu entschuldigen. Treibt man sie doch in die Enge, diskutieren sie weit abseits des eigentlichen Themas, lenken ab oder kommen mit theatralischen Sprüchen wie „Wenn meine Freunde fragen, warum wir uns getrennt haben, werde ich alle Schuld auf mich nehmen“ um die Ecke. Oder sie brechen eine Pressekonferenz ab.ii

Der Beispiel-Präsident machte keine Fehler. Wer ihm dennoch etwas Derartiges unterstellte, bekam die ganze Wut des Mannes zu spüren. Sein Wahlkampfteam verklagte 2020 amerikanische Zeitungen wie die „New York Times“ und „Washington Post“ oder den TV-Sender CNN.iii Wer nicht auf seiner Seite war, war sein Feind und auch der Feind seiner Anhänger. Wenn man ihn etwas zur Last legte, sprach er von der größten Hexenjagd, die es jemals gegeben hat, verwies Meldungen ins Reich der Lügen und Fälschungen. Entschuldigungen für sein Verhalten wird man kaum finden. Aber wozu soll sich ein Narzisst auch entschuldigen? Er macht keine Fehler. Punkt.

Als man ihn des Amtes entheben wollte, dabei wie erwartet am Widerstand seiner Partei scheiterte und so der Freispruch kam, rächte sich der Präsident an jenen, die unter Eid die Wahrheit sagen mussten und entließ sie.iv Ein Narzisst kann es nicht einfach gut sein lassen. Wer an seiner Unfehlbarkeit kratzt, muss bestraft werden.

Ja, es geht um Donald Trump. Ich habe seinen Namen zunächst weggelassen, denn es gibt oft nur zwei Reaktionen bei seiner Erwähnung: „Oh nein, bitte nicht der schon wieder!“ oder: „Jetzt wird schon wieder auf Trump eingeprügelt, ist doch klar.“ Das Zuhören fällt ab diesem Moment schwer, denn der Name erzeugt so oder so Stress und unter Stress funktionieren wir nur und sind wenig aufnahmebereit.

Die große Frage ist: Darf man den Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt einen Narzissten nennen, ohne mit ihm je ein Wort gewechselt zu haben? Die Diskussion über die Zulässigkeit von Ferndiagnosen gibt es schon langev und natürlich macht sich jeder angreifbar, der ein Urteil ohne direkten Kontakt mit dem Betroffenen fällt. Angreifbar vor allem von jenen, die ihr eigenes Ego mit dem der Trumps dieser Welt verknüpft haben. Also sollte man sich lieber nicht aus dem Fenster lehnen? Ist die Strategie der Medien richtig gewesen, den Narzissmus nicht beim Namen zu nennen, ihn als des Präsidenten Privatsache anzusehen?

Meine klare Antwort: Die Strategie war für mich völlig falsch – sofern es eine Strategie war und das Schweigen darüber nicht wieder aus der Ahnungslosigkeit her rührte. Aus eigenem Miterleben weiß ich, welchen Schaden schon jene Narzissten anrichten, die keinen roten Knopf vor sich haben, um die Welt zu zerlegen. Wenn ein Mensch allein sein eigenes Schicksal sieht und keinerlei positive Empathie kennt, ist nicht absehbar, was er macht. Einfach nur zu hoffen, dass das Umfeld die verheerendsten Entscheidungen irgendwie abwenden kann, ist genauso wie das Weggucken, wenn sich einer betrunken ans Steuer setzt. Wo bei anderen Skrupel einsetzen, ist beim Narzissten die Verlockung noch immer riesig, weiter und weiter zu gehen und seine eigene Grandiosität zu beweisen. Narzissten machen keine Fehler, also ist jeder Schritt, den er unternimmt, zweifelsfrei richtig. „America first“ könnte kein passenderer Slogan sein für einen Narzissten. Gut, eigentlich müsste es heißen: „ICH zuerst!!!“ Nur wäre dies dann doch zu durchsichtig.

Und ja, ich habe nie Psychologie studiert, mein Urteil hat nichts zu sagen. Doch Psychologen, deren täglich Brot Persönlichkeitsstörungen sind, werden sich kaum irren. Einige äußerten sich 2017 im Buch „The Dangerous Case of Donald Trump – 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President“. Darin kommen sie zum klaren Ergebnis, dass der Präsident ein Narzisst ist.

Und auch in dieser Familie wird die Störung vererbt. Donald Trump jr., Sohn des Präsidenten, rief im Dezember 2019 Anhänger seines Vaters auf, Telefonterror bei gegnerischen Demokraten zu veranstalten. Diese hätten erst seinen Vater unterstützen wollen, doch sie hätten gelogen: „Rufen Sie ununterbrochen an, twittern Sie ihnen, sagen Sie ihnen, dass das so nicht weitergeht & Sie sich im November daran erinnern werden.“vi Ja, so gehen psychisch gesunde, erwachsene Menschen bei Meinungsverschiedenheiten ganz sicher miteinander um.

Die Amtszeit des Präsidenten hätte also die Chance geboten, über Narzissmus zu sprechen, aufzuklären, Augen zu öffnen bei jenen, die in Beziehungen mit männlichen oder weiblichen Narzissten sind. Doch es ist nichts passiert. Hier mal ein Buch, dort mal ein kleiner Artikel, ansonsten nur genervtes Augenrollen und nüchternes Vortragen seines Handelns in den Nachrichten. Seine psychische Störung, die der Schlüssel zu all dem ist, was einen sprachlos macht, blieb außen vor. Mit dieser Strategie werden wir beim Umgang mit psychischen Auffälligkeiten und bei der Frage nach dem Zustand der Menschen und damit dieser Gesellschaft keinen Millimeter vorankommen. Und weitere Narzissten bekommen mehr Macht und Einfluss.

Der Spieler

Ich schrieb an den letzten Seiten dieses Buches, als ich in einem Onlinespiel mit einer Frau ins Gespräch kam. Wir waren in der gleichen Gilde, einem Zusammenschluss von 100 Spielern, und unterhielten uns über einen Mitspieler, der die Gilde wortlos verlassen hatte. Normalerweise geht man mit einem Satz zum Abschied. Sie, Mitte 30, erzählte mir von ihm. Sie kannten sich, hatten sich im realen Leben getroffen, er wohnte nicht weit weg von ihr. Der anfänglich gute Eindruck veränderte sich mit der Zeit. Sie bemerkte, dass er die anderen in der Gilde ausnutzte und dies schon in anderen Gilden so gemacht hatte. Nachdem sie ihn darauf ansprach, wurde der Kontakt spärlich, bis er wortlos ging. In den Nächten darauf machte sich ihr Hund mehrmals bemerkbar, als würde jemand ums Haus schleichen. Normalerweise ist er ruhig.

Dieses Verhalten, also das Ausnutzen anderer für die eigenen Zwecke, das Ausweichen vor Kritik und mögliches Stalking erinnerte mich wieder an Narzissmus. Ich schrieb ihr meine Gedanken und brauchte nicht allzu weit auszuholen: Ihr Ex hatte die Diagnose Narzisstische Persönlichkeitsstörung bekommen, somit war ihr das Thema nicht fremd. Umso mehr ärgerte sie sich, dass sie auf den Mitspieler reingefallen war. Aber wenn man Narzissten so leicht durchschauen könnte, wären sie keine Narzissten. Sie beherrschen ihre Rolle sehr gut und man will doch nicht hinter jedem Menschen einen charakterlichen Abgrund vermuten.

Sie war die einzige von den 100 Gildenmitgliedern, mit der ich mich so tiefgehend unterhielt – und schon liefen mir wieder eine sehr wahrscheinliche und sogar eine diagnostizierte Narzissten-Geschichte über den Weg. Nein, ich glaube nicht an solche Zufälle. Narzissmus als Persönlichkeitsstörung scheint weit verbreitet zu sein und sollte zum Thema gemacht werden, wenn es um Diskussionen zur scheinbaren Spaltung der Gesellschaft geht.

Zwei Wochen später kam es in der Gilde zu einer Diskussion. Einer fragte, ob er seinem besten Kumpel sagen soll, dass dieser von seiner Freundin betrogen wird. Es folgte ein kurzer Erfahrungsaustausch und schon roch es bei zwei einstigen Beziehungen wieder arg nach Narzissmus.

Die nächste Generation

Die in diesem Kapitel bisher Beschriebenen haben ihre Entwicklung zu (mutmaßlichen) Narzissten längst abgeschlossen. Hätte man in ihrer Kindheit einen Hellseher gebraucht, um erahnen zu können, wo entlang ihr weg hinaus aus dem Kinderzimmer führen wird? Oder wären die Geschichten ziemlich vorhersehbar gewesen, wenn man den Familienalltag hätte beobachten können?

Wie wird die weitere Geschichte von Noah wohl aussehen? Seine Eltern erziehen den jetzt Fünfjährigen absolut antiautoritär. Er darf alles und muss nichts. Keine Grenzen, keine Regeln. Noah soll sich frei entfalten können, damit er sich im späteren Leben durchsetzen kann. Dazu gehört, dass er die Nuss-Nougat-Creme auf Gardinen, Bettwäsche und Wänden verteilen darf, wenn ihm danach ist. Er darf auch seinem Papa ins Gesicht spucken, wenn ihm danach ist. Papa fragt nach dem vierten Mal, weshalb Noah dies mache und sagt, dass eine Entschuldigung schön wäre. Noah hat darauf keine Lust und spuckt seinem Papa ein fünftes Mal ins Gesicht. Seine Eltern schwärmen, dass der Kleine reine Liebe bekomme.

Was lernt Noah? Alles, was er macht, ist richtig. Er darf andere anspucken und es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen. Was wird er später mit seinem Partner machen und es für absolut richtig halten? Wie wird er mit Kritik umgehen können? „Ich mache doch alles richtig! Also halt die Fresse oder ich spuck dir ins Gesicht“? Grenzen hat er nie kennengelernt. Entschuldigen gehört nicht zu seinem Programm, auch nicht das Nachdenken über Fehler, denn er macht keine, so weiß er es aus seinem Elternhaus. Oder kommt alles ganz anders?

Bad Boys – Hört auf mit dem Scheiß

Menschen, die andere wie Dreck behandeln, sind keine zu verklärenden Bad Boys, die nur von einem Mauerblümchen gezähmt werden wollen. Sie haben eine narzisstische oder anders gelagerte Persönlichkeitsstörung, an der sich Psychologen die Zähne ausbeißen, sofern sich jene mit der Störung jemals in Behandlung begeben. Narzissten gehen äußerst selten von sich aus zum Arzt, normalerweise werden sie von erschöpften Partnern hingebracht. Eine Heilung durch Liebe mag in der Utopie weltfremder Autoren funktionieren. Aber wer diese Märchen verbreitet, ob als Autor, Agentur oder Verlag, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein. Ja, es ist unvernünftig, an das Gewissen zu appellieren, wo sich damit viel Geld machen lässt. Aber das so verdiente Geld wird jedem Beteiligten im Halse stecken bleiben, wenn er oder sie einen Sohn oder eine Tochter hat, die einem Narzissten auf den Leim geht und dank ihm/ihr krank wird. Also bitte: Hört auf mit diesem Scheiß.

Und an jene, die nach jedem Amoklauf an Schulen aufgeschrien haben, man müsse Killerspiele verbieten: Wo bleibt euer Aufschrei wegen völlig irreführender Darstellungen menschlicher Verhaltensweisen in solchen Büchern und Filmen nach jeder Krebserkrankung oder nach jedem Suizid(versuch) eines Menschen, der es viel länger als es gesund für ihn war bei einem realen Bad Boy oder Bad Girl ausgehalten hat? Narzissten töten! Klingt übertrieben theatralisch?

Der Herr Doktor

Meinen einstigen Mitschüler Ulrich sah ich 2018 durchs örtliche Freibad laufen – und ich beneidete ihn. Wir waren zusammen zwei Jahre in der POS (heute Realschule), anschließend zwei Jahre in der EOS (heute Gymnasium), hatten beide studiert. Nur hatte er daraus eine berufliche Karriere machen können und ich hatte abgebrochen. Er brauchte sich als Chirurg keinen Kopf zu machen, wie er den Monat finanziell überstehen würde. Er hatte Familie und so wie er über das Gelände lief, war für mich klar: Ulrich steht komplett auf der Sonnenseite des Lebens. Dazu trug auch sein Körper bei: Muskeln ohne Ende. Ich hätte mich nicht neben ihn stellen wollen und zu anderen sagen müssen: „Ja, wir sind der gleiche Jahrgang.“ Sein Body war fast schon eine Anklage, die da lautete: Mit Mitte 40 kann Mann durchaus noch so aussehen!

Als Ulrich mit der 8. Klasse zu uns kam, empfand ich seine Ausstrahlung als kühl bis arrogant. Klar: Das war ja auch der Sohn vom großen Doktor. Diese Familie lebte in ganz anderen sozialen Sphären als meine.

Der Eindruck von Arroganz bestätigte sich nie, wir kamen nach meiner Erinnerung ganz problemlos klar. Trotzdem mied ich den Kontakt im Freibad. Was sollte ich schon im Smalltalk erzählen, wenn dieser optische Fels in der Brandung von Job, Urlaub, Auto, Familie und seinem Fitnesszustand hätte gesprochen?! An ihm zeigte sich eben, wie vorteilhaft es ist, aus einer Familie von Lehrern und Ärzten zu kommen.

Heute habe ich die Blumen von Ulrichs Grab geräumt, die ich im Namen seiner einstigen Klassenkameraden hingestellt hatte. Vor zwei Monaten starb er. Suizid.

Als mich die Nachricht von seinem Tod über den Dorffunk erreicht hatte, verstand ich die Welt nicht mehr. Er war der Letzte meiner einstigen Mitschüler, von dem ich dies erwartet hätte. Er hatte doch alles?!

Aus Erfahrung ging ich davon aus, dass dieser Suizid keine kurzfristige Entscheidung war, sondern eine lange Vorgeschichte haben musste – nur welche?! War er bipolar? Depressiv? Aber wenn ja: Warum?! Wenn psychische Erkrankungen immer im Kinderzimmer ihren Lauf nehmen, hätte bei ihm ja auch etwas heftig schiefgelaufen sein müssen?! Sein Vater hatte das Image eines Schürzenjägers, aber dies klang immer so, als gehöre das halt irgendwie zu einem großen Arzt dazu. Von Ulrichs Mum war Alkoholkonsum bekannt. Lag es an ihr, so wie bei Anja, die sich lieber umbringen wollte, anstatt die Wahrheit über den Alkoholismus ihres Vaters erzählen zu dürfen?

Fürs Erste wurde mir nur eines wieder klar: Auf das, was man von einem Menschen sieht, darf man nichts geben. Was sich in ihm abspielt, weiß meist nur er selbst, vielleicht noch ein, zwei Menschen im Umfeld.

Ich fragte mich nun auch, wieso er so durchtrainiert war. Menschen tun nichts, was grundlos Energie verschwendet. Und um einen solchen Body zu bekommen wie er und diesen mit zunehmendem Alter zu erhalten, musste er viel Eisen gestemmt haben. Was war der Grund? Unser Antrieb für eine gutaussehende Fassade ist immer wieder unser Ego, ob Make up, Schönheits-OP oder Fitnesstraining. Also hatte der Sohn des Arztes, der so kühl bis arrogant wirkte, offenbar aus seinem Elternhaus kein stabiles Selbstbewusstsein mitbekommen. Soweit meine Theorie.

Im Kapitel „Was du siehst und was nicht“, in welches Ulrich ebenfalls passen würde, schrieb ich: „Und aus seltsamen Verhalten … wirst du immer nur Vermutungen anstellen können. Die wahre Geschichte wird dich aber umhauen, mit ihr hättest du nie und nimmer gerechnet.“

Dieser Satz, der Wochen bis Monate vor Ulrichs Tod seinen Platz im Manuskript gefunden hatte, sollte sich nun einmal mehr bewahrheiten.

Ein Beitrag bei Facebook, mit dem ich ein paar inzwischen über Deutschland verteilten Mitschülern vom Suizid erzählte, fand dank des Dorffunks seinen Weg zu Ulrichs Schwester. Dass er eine Schwester hatte, war mir nicht klar – für sie nichts Neues. Wir kamen ins Gespräch und sie schrieb, meist sei sie froh, dass praktisch keiner von ihrer Existenz weiß, aber teils sei es auch nicht gerade angenehm, wenn einen die halbe Welt so ignoriert. Der Familienruf eile immer voraus, der berühmte Schatten, der immer da ist: „Ekelhaft, widerlich.“

Und eigentlich hatte ich Ulrich um genau diesen Ruf beneidet, der von der hohen sozialen Herkunft kam und Türen öffnen kann. Doch für die Kinder bedeutete er laut seiner Schwester: „Erstmal Distanz wahren und checken, wie die Leute einem begegnen.“ Beide Kinder hatten dadurch den Stempel, kühl bis arrogant zu wirken. Doch Ulrich sei sehr feinfühlig gewesen, tiefgründig, einfühlsam: „Das können sich die wenigsten vorstellen.“

Ich konnte es mir vorstellen. Ulrich hatte ich nicht laut in Erinnerung, auch nicht extrovertiert. Gut, als wir mit der 12. Klasse unterwegs waren, zog er sich als Einziger bis auf die Badehose aus und stieg ins Wasser eines Stausees. Aber abseits davon taute er nur etwas auf, wenn Alkohol im Spiel war. Das sagte auch seine Schwester, ohne das ich ihr eine Vorlage geboten hätte: „Wenn mein Bruder auf Feiern durch Alkohol lockerer wurde, dann konnte er sich aus seinem Panzer etwas lösen und war … ganz anders.“

Sie hatte zunächst gezögert, ob sie mir mehr über das Familienleben schreiben solle – zu viele negative Erfahrungen mit dem Dorfklatsch hatten sie sehr vorsichtig gemacht. Andererseits hätte sie längst ein Buch schreiben wollen über ihre Familie, nur fand sich nie die Zeit.

Der erste Satz, den sie mir über ihren Vater schrieb, lautete: „Mein Vater ist ein Narzisst.“ Ich hatte dieses Wort bis dahin ihr gegenüber nicht verwendet, ich hatte sie also nicht auf diesen Weg geführt, damit ich meine Narzissten-Liste erweitern hätte können.

Sie schrieb von jahrelangem Selbststudium – damit hatten wir etwas gemeinsam. Sie schrieb von der Selbstverherrlichung des Vaters, welche die Familie gefangen hielt. Sie erzählte, dass sie als Tochter auf Karten aus dem Urlaub nicht nur den Vor- und Nachnamen ihres Vaters als Empfänger angeben musste, sondern auch den Doktor-Titel. Sie schrieb von einer harten Erziehung, die durch Konkurrenzkampf geprägt war, von dem sie als weibliches Wesen aber ausgenommen blieb: „Ich hatte das Glück, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein. Habe aber auch mein Päckchen zu tragen. Meinem Bruder wurde keine andere Wahl gelassen. In meinen Augen wurde seine Kinderseele schon sehr früh zerrissen. Mama und Papa sind ja deine Bezugspersonen und die, von denen die Kinderseele ganz viel Unterstützung braucht. Wenn es im Leben aber nur scheiße läuft und das schon als Kind, dann fragt man sich schon mal, wie denn der Tod so ist. Denn das, was wir erlebt haben, konnte nicht der Sinn des Lebens sein. Und mein Bruder fragte sich das Zeit seines Lebens. Für mich sehr verständlich. Für Außenstehende natürlich nicht. Jetzt kann er endlich frei sein.“

Wie vermutet war es also keine kurzfristige Entscheidung. Die Geschichte seines Suizids nahm auch bei Ulrich ihren Beginn in dessen Kinderzimmer. Er wollte niemals beruflich in die Fußstapfen seines Vaters treten, wollte eigentlich zum Bau – aber dies hatte er nicht zu entscheiden.

Seine Schwester schrieb von Psychoterror, von Gewalt, hauptsächlich ihrer Mutter gegenüber. Aber auch ihr Bruder hatte einiges abbekommen – und begann deshalb früh mit dem Fitnesstraining.

„Die wahre Geschichte wird dich aber umhauen, mit ihr hättest du nie und nimmer gerechnet.“ Nein, hinter Ulrichs Leidenschaft für das Bodybuilding hätte ich nie und nimmer diesen Grund vermutet. Aber es hat eben alles einen tieferen Grund.

Sätze, die mir Ulrichs Schwester schrieb, kannte ich aus meinem eigenen Denken: „Als Kind bist du in diesem Prozess gefangen. Keiner redet mit dir darüber, also weißt du es nicht besser. Es ist für das Kind normal.“

So irrsinnig die Verhältnisse in der eigenen Familie sind und so wenig man davon ausgeht, es würde überall so zugehen: Diese irrsinnigen Verhältnisse sind für das Kind normal. Auch dem Schauspieler Johnny Depp wurde erst dann bewusst, wie es in einer Familie auch zugehen kann, als er am Tisch einer anderen saß.

Die Gedanken der Schwester zum Suizid ihres Bruders lesen sich so: „Ulrich, du bist jetzt frei. Keiner mehr, der dir sagt, was du tun und lassen sollst, was richtig ist und was falsch, keiner mehr, der dir Entscheidungen aufdiktiert. Diese, deine letzte Entscheidung hast du das einzige Mal in deinem Leben ganz allein getroffen. Und für dich war es gut so. Ich hoffe, dort, wo du jetzt bist, kannst du inneren Frieden empfinden. Eine große, große Last ist jetzt von dir abgefallen. Ich gehe meinen Weg jetzt auch für dich weiter.“

Mich nahm der Tod von Ulrich nicht mit – jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet hätte bzw. wie ich es für angemessen gehalten hatte. Da nimmt sich einer das Leben, es ist einmal mehr der Beweis dafür, dass psychische Erkrankungen und Suizide im Kinderzimmer ihren Anfang nehmen – und alles geht einfach so weiter. Die Zeit steht nicht still, es gibt keinen Aufschrei, kein wachrüttelndes Beben. Nein, das Leben geht halt weiter – zumindest für jene, die es sich noch nicht genommen haben – und wir lernen Null aus einer solchen Geschichte.

Nach dem Einblick in das Familienleben von Ulrich und seiner Schwester konnte ich den Suizid problemlos nachvollziehen und ich gönnte ihm die Freiheit. Aber ich konnte diese auch nicht bedenkenlos feiern, denn er hinterließ Kinder – darunter ein noch Ungeborenes aus einer Affäre und ein Teenager, von dessen Mum sich Ulrich noch während der Schwangerschaft getrennt hatte.

Ja, natürlich wurde auch aus diesem Opfer ein Täter. Ohne seine Vorgeschichte zu kennen, wäre der übliche Reflex: „Mensch, merkst du nicht, was du da anrichtest?! Du machst doch das Gleiche wie dein Vater mit seinen Affären?! Denk doch mal nach! Sei doch endlich mal vernünftig!“ Aber Appelle an die Vernunft funktionieren bei uns real existierenden Menschen nicht.

Nun sind da Kinder, denen der leibliche Vater abhanden kam. Und leibliche Väter sind nach all meinen Erfahrungen nicht zu ersetzen, ihr Versagen oder ihr Fehlen hinterlässt tiefe Spuren, genau wie bei Müttern. Wieder beginnen steinige Wege im Kinderzimmer, deren weitere Verläufe man erahnen kann.

Nach seinem Tod kramte ich Fotos aus Schulzeiten aus dem Karton mit alten Bildern und sah sie mir an. Beim Schulabschluss standen wir nebeneinander und mir wurde klar: Mich hatte damals mit dem Jungen, den ich anfangs als arrogant und kühl wahrgenommen hatte, viel mehr verbunden, als ich es je ahnen hätte können. Sein „Familien“-leben in Kinder- und Jugendtagen war mindestens so bescheiden wie meins, wohl noch deutlich härter, gerade weil ich meist nur Zuschauer war und mein Bruder das meiste abbekommen hatte. Wir hätten damals darüber reden können. Und wir hätten 30 Jahre später im Freibad darüber reden können, was ein kaputtes Elternhaus aus einem macht, anstatt Smalltalk über Job, Familie und Fitness zu betreiben.

Als ich das erste Mal zu seinem Grab ging, kam mir in den Sinn, dass das auch mein Grab sein könnte. Umso ernüchternder empfand ich die gefühlte Ignoranz gegenüber seiner Geschichte. Da ist halt einer gestorben, hatte wohl paar Probleme – passiert. Aber ich selbst nahm dies ebenfalls viel zu wenig emotional nach meinem Empfinden. Offenbar hatten mich all die vorherigen Geschichten von Felix und anderen so abstumpfen lassen. An Ulrichs letzter Ruhestätte selbst war mein Kopf eher leer. Der Muskelprotz lag nun irgendwo unter Steinen in einer kleinen Dose, so wie Felix. Und wir lernen nichts daraus.

Nach Ulrichs Tod kam ich mit Menschen ins Gespräch, die über seinen Vater etwas erzählen konnten. Einmal hörte ich: „Der ist doch aber immer so nett und freundlich?!“ Die Worte klangen nach: „Na wer weiß, was dir da Ulrichs Schwester erzählt hat …“ Und ich hatte diesen Satz ja auch mehrmals über meinen Vater zu hören bekommen. Auch ich hatte das Gefühl, den so denkenden Menschen sehr schwer das bisher von meinem Vater gewonnene Bild geraderücken zu können. Auch hier saß ich mit Ulrich und dessen Schwester in einem Boot.

Von einer Verkäuferin hieß es, sie habe große Angst, wenn Ulrichs Vater den Laden betritt und sie war nah dran, zu kündigen. Er hatte sich geweigert, während der Corona-Pandemie den Mund-Nase-Schutz zu tragen: „Ich bin schließlich vom Fach! Ich weiß, was da läuft! Das ist alles ein Schwindel! Ich brauche nichts vor dem Gesicht!“ Worte und Auftreten eines gebildeten Mannes aus der Mitte der Gesellschaft.

Eine ehemalige Krankenschwester war vertraut damit, dass man diesen Arzt mit „Herr Doktor“ anzureden hat. Sie hatte einst einen heftigen Einlauf bekommen, als sie ihn nur mit dem Nachnamen angesprochen hatte. Dieser Narzisst zeigte sein wahres Wesen also nicht nur im engsten Familienkreis, sondern ließ auch andere darunter leiden. Sein Nummernschild besteht aus dem ersten Buchstaben seines Nachnamens und dahinter einer 1.

Ohne den Narzissten als Vater wäre Ulrich noch am Leben. Deshalb kann ich es nur noch einmal sagen: Narzissten töten. Sie machen krank, psychisch und/oder körperlich. Menschen, die andere wie Scheiße behandeln, dürfen nicht als heil- oder wandelbar mit einfachen Mitteln dargestellt werden. Dieser Mann ist über 70 und hat sich nie zum Positiven verändert. Er macht nach wie vor seiner Familie das Leben zur Hölle auf Erden.

Seine Tochter schrieb ihm zwei Tage vor der Beisetzung einen Brief – normalerweise meidet sie den Kontakt zu ihrem Vater so gut es geht. Nach meinen gesammelten Erfahrungen würde ich niemandem empfehlen, einem Narzissten die Augen öffnen zu wollen. Man verschwendet nur Energie und ist am Ende frustriert, wenn das Gespräch wie üblich ins Nichts verlaufen ist. Aber wer ewig schluckt, stirbt von innen. Mit dem Brief konnte Ulrichs Schwester ihre Gedanken bezüglich der Schuld ihres Vaters am Tod ihres Bruders sortieren, so dass diese Gedanken nicht mehr ständig im Kopf kreisen mussten. Auch mir geht es immer besser, wenn ich länger kreisende Gedanken auf Papier bringen kann. Der Druck lässt nach und das Gedachte ist jederzeit wieder greifbar.

Und natürlich reagierte ihr Vater, wie man es von einem Narzissten erwarten kann. Da gab es kein: „Oh Gott, was habe ich nur angerichtet?! Was habe ich meinen Kindern und meiner Ex-Frau ihr Leben lang angetan?! Mein eigen Fleisch und Blut habe ich in den Tod getrieben …“ Nein, die Reaktion war: Er ignorierte sein anderes Kind komplett bei der Beisetzung seines Sohnes nach dessen Suizid.

Seine Danksagung in der Zeitung nach der Beisetzung wirkte so steril wie es seine einstigen Patienten bei den OPs waren. Natürlich musste er auch hier vor seinen Namen das „Dr.“ setzen lassen. DAS war wichtig.

Warum der Vater die narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt hatte, weiß ich nicht. Auch bei ihm wird es einen Grund geben und auch er wird einst Opfer als Kind gewesen sein, alles andere würde mich überraschen. Sein Narzissmus wirkte sich massiv auf seine Frau und seine Kinder aus und nun auch auf seine Enkel. Und diese werden nicht das letzte Glied in der Kette sein, solange wir nicht endlich anfangen, darüber zu reden.

Keine Randerscheinung

Wenn darüber gesprochen wird, dass selbst die Mitte der Gesellschaft nun so seltsam tickt, klingt das nach: „Naja, von der wenig gebildeten Unterschicht konnte man noch nie etwas anderes erwarten, aber warum machen denn nun auch diese studierten Unternehmer, Lehrer, Ärzte usw. solche Sachen gegen jede Vernunft?!“ Weil psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen weit verbreitet sind und nichts mit Bildungsgrad und Einkommen zu tun haben. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft genauso verbreitet wie in anderen sozialen Schichten und das nicht erst seit gestern. Die Intelligenz sagt nichts darüber aus, wie vernünftig sich ein Mensch verhält. Ein Abiturient mit 1,0 kann Chirurg werden, also einen sozialen Beruf ergreifen, in welchem man für andere Menschen da ist, ihnen hilft – und er kann gleichzeitig die Mitglieder seiner Familie jahrzehntelang zerstören und Fakten bestreiten, ob Corona-Pandemie oder Klimawandel.

Und irgendwie steckt da doch auch Logik dahinter bei aller Unvernunft: Warum sollte ein hochgebildeter Mensch, der Frau und Kinder misshandelt, also etwas völlig Unvernünftiges macht, nicht etwas genauso wenig Vernünftiges vertreten wie Verschwörungsmythen?! Beides hat nichts mit Vernunft zu tun und kein Appell an Mitmenschlichkeit und kein Faktencheck wird einen solchen Menschen davon abhalten, die verbliebenen Familienmitglieder weiterhin zu terrorisieren und in Sachen „alternative Fakten“ umzudenken. Wer solche Auswüchse verhindern will, muss das Klima in den Kinderzimmern angenehm gestalten, denn dort beginnt alles, was der Gesellschaft später zu schaffen macht.

Wir alle haben laut Psychologen einen Narzissten in uns. Mindestens eines der Merkmale finden wir mehr oder weniger stark in uns selbst. Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft fasst in ihrer fünften Auflage zur Erkennung von psychischen Störungen (DSM-5) neun Punkte zum Thema Narzissmus zusammen, in welchem auch du dich wiederfinden könntest:

– Grandiosität („Mir kann keiner das Wasser reichen.“)

– grenzenlose Phantasien („Eigentlich müsste ich die Welt regieren dürfen.“)

– Selbstbewunderung („Mich versteht eh nur jemand, der halbwegs so großartig ist wie ich.“)

– Bedarf an Bewunderung („Mein Wesen hat es verdient, von dir bewundert zu werden!“)

– Anspruchsdenken („DAS steht mir selbstverständlich zu!“)

– Ausbeutung („Solange ich dich brauche, bin ich nett zu dir. Wirst du nutzlos für mich, lasse ich dich sofort fallen.“)

– Schieflage bei Empathie („Ich weiß genau, wie ich dich für mich gewinne. Aber erwarte kein Mitgefühl.“)

– Neid („Die Leute sind nur so seltsam zu mir, weil sie mich in Wahrheit beneiden. Warum der andere so viel Aufmerksamkeit bekommt, verstehe ich überhaupt nicht.“)

– Arroganz („Wenn du mir nichts bringst, lasse ich dich links liegen und das werde ich dich merken lassen.“)

Aus Narzissmus wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung, wenn mindestens fünf Merkmale zutreffen. Und vor allem wird Narzissmus zur Störung, wenn er zwischenmenschliche Beziehungen belastet oder sogar das eigene Kind in den Suizid treibt. Auf all jene, die ich in diesem Kapitel beschrieben habe, trifft dies zu. Es wird keine Statistik zu finden sein, wie viele Menschen pro Jahr durch die narzisstische Persönlichkeitsstörung zu Tode kommen. Nur eines sollte klar sein: Keiner darf dieses Thema ignorieren bei der Frage, was diese Gesellschaft so kaputt erscheinen lässt.

Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen narzisstisch gestörte Persönlichkeiten haben, gibt es ebenfalls nicht. Zahlen zwischen 0,0 und 5% werden genannt. Demnach müsste man eigentlich die Lupe rausholen, um einen Narzissten finden zu können. Nur musste ich nicht hartnäckig suchen, um mehrere potentielle Kandidaten ausfindig zu machen.

Aber lassen wir es nur ein einziges Prozent sein, dann sind das bei 64 Mio. Einwohnern zwischen 18 und 79 Jahren 640.000 Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Also 640.000 Richards, Bernds, Donalds, Bürgermeister, Polizisten, Chirurgen.

Ich schreibe an dieser Stelle absichtlich nicht allgemein von Ärzten. Mehrere Studien zeigen, dass der Chirurg zu jenen Berufen zählt, die von Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung bevorzugt werden. Schließlich winkt ein hohes Ansehen. Wollte Ullrichs Vater aus diesem Grund, dass auch sein Sohn diesen Beruf ergreift? Weil in seinen Augen ein Mensch nur etwas zählt, wenn er nach außen wie auf einem Sockel stehend glänzt?

Ebenso überdurchschnittlich sind Narzissten vertreten unter führenden Köpfen in Unternehmen, unter Anwälten, Medienschaffenden in sichtbaren Positionen, Journalisten, Polizisten, Geistlichen, Köchen, Beamten und Verkäufern. Überall, wo es um Macht, Einfluss, Anerkennung und Geld geht, sind die Chancen am Größten, auf einen Narzissten zu treffen.

Die geringsten Chancen bestehen bei sozialen Berufen, Handwerkern, Kosmetikern, Kulturschaffenden und Buchhaltern. Ach ja: und bei Ärzten.i

Was nicht heißt, dass eine Erzieherin oder Krankenschwester nicht narzisstisch sein kann. Schließlich gibt es auch hier Möglichkeiten, Macht auszuüben oder als Retter in der Not Anerkennung zu bekommen. Ich kenne selbst zwei Frauen in diesen Berufen, die mich an Narzissmus erinnern.

Narzissten können mit ihrem offensiven, über jeden Zweifel erhabenen Auftreten den Eindruck erwecken, für eine große Zahl von Menschen zu sprechen und die Wahrheit auf ihrer Seite zu haben. Da sie aus der Mitte der Gesellschaft kommen, halten wir sie selbstverständlich für psychisch gesund. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Überhaupt nicht.

ihttps://www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/viele-manager-leiden-unter-einer-persoenlichkeitsstoerung/

ihttps://www.gmx.net/magazine/politik/us-praesident-donald-trump/republikaner-trump-kritiker-mitt-romney-marschiert-anti-rassismus-demo-34774016

iihttps://www.facebook.com/watch/?v=886809252150319

iiihttps://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/donald-trump-usa-klage-cnn-verleumdung

ivhttps://www.gmx.net/magazine/politik/us-praesident-donald-trump/donald-trump-rechnet-freispruch-impeachment-zeugen-34413232

vhttps://www.sueddeutsche.de/gesundheit/narzissmus-trumps-psyche-und-das-dilemma-der-experten-1.3615637

vihttps://twitter.com/DonaldJTrumpJr/status/1205849070822215680?